mini|hochkant|J. N. Götz als Pfarrer um 1750 Johann Nikolaus Götz (* 9. Juli 1721 in Worms; † 4. November 1781 in Winterburg bei Kreuznach) war ein deutscher Geistlicher, Schriftsteller und Übersetzer. Er gilt als Vertreter der deutschen Anakreontik.„Winterburger Nachtigall“; J. G. Herder.

Leben Herkunft, Bildungsgang mini|Denkmal für Johann Nikolaus Götz, Heylshof-Park, Worms, geschaffen von Heinrich Apel Götz entstammte einem lutherisch-evangelischen Pfarrhaus in Worms, wo er ab 1731 das Gymnasium besuchte. Die Familie Götz war seit dem 15. Jahrhundert durch Pfarrer-, Beamten-, Kaufmanns- und Handswerkerfamilien im Nahe-Hunsrückraums (Götz, Köbich/Kebich, Hautt/Hauth) vertreten, die Vorfahren mütterlicherseits (Roos/von der Rosen) entstammten dagegen einer Goldschmiedefamilie aus Lüttich, die nach Straßburg geflüchtet war und es dort im 16. Jahrhundert zu Wohlstand gebracht hatte. Auf sie geht die künstlerische Ader der Familien Götz-Roos zurück, die sich vor allem in Malerei und Literatur äußerte."Von besonderem Einfluß scheint hier, neben den sieben geistlichen Vorfahren, die überdurchschnittlich begabte mütterliche Familie Roos gewesen zu sein." Armknecht, Ahnen S. 150. Siehe auch Hermann Jedding: Johann Heinrich Roos. Werke einer Pfälzer Tiermalerfamilie in den Galerien Europas. Mainz : Zabern 1998. Zur Familie zählen u. a. der Tiermaler Jakob Roos, Johann Heinrich Roos, Johann Melchior Roos, Joseph Roos und Philipp Peter Roos als auch der Maler-Literat Maler Müller. Goethe rühmte noch im Alter den "Frankfurter" Roos (Johann Heinrich Roos) und besaß von ihm Radierungen und Handzeichnungen; Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Hgb. v. Fritz Bergemann. Frankfurt. Leipzig : Insel 1992, S. 86-88 und 759, 26.2.1824.

Nach dem Abitur studierte Johann Nikolaus Götz in den Jahren 1739–1742 in der preußischen Universitätsstadt Halle (Saale) Philosophie (Alexander Gottlieb Baumgarten, Georg Friedrich Meier, Christian Wolff), Griechisch und Hebräisch (Michaelis sen. und jun.) und Theologie (Siegmund Jakob Baumgarten, Andreas Weber, Johann Friedrich Stiebritz und Johann Georg Knapp), wo er mit seinen Studienfreunden Johann Wilhelm Ludwig Gleim und Johann Peter Uz den sog. zweiten Halleschen Dichterkreis bildete und anderthalb Jahre lang als Präzeptor am Francke’schen Waisenhaus tätig war; die literarische und menschliche Verbindung zu Gleim und Uz blieb lebenslang erhalten, auch über große Entfernungen.

Hauslehrer, Auslandsaufenthalte Nach dem Studium erhielt Götz im Jahre 1742 auf Empfehlung seines akademischen Lehrers Alexander Gottlieb Baumgarten eine Stelle als Hauslehrer im kurz zuvor preußisch gewordenen Emden in der Familie des Obersten Ernst Georg von Kalckreuth (1690–1763) und war dort unter anderen für die Erziehung des jungen Grafen Wilhelm Heinrich Adolf von Kalckreuth zuständig. Nach der gesundheitsbedingten Rückkehr nach Worms wurde er 1744 im lothringischen Forbach Schlossprediger und Hofmeister bei der Witwe des Generalgouverneurs des Herzogtums Zweibrücken, Henning von Stralenheim, deren Enkel er erzog und die er 1746 auf die Ritterakademie (Adelsschule) in Lunéville begleitete. Dort kam er mit der geistigen Atmosphäre am Hof des lothringischen Herzogs Stanislaus I. Leszczyński in Berührung, unter anderem mit Voltaire, und entwickelte seine Vorliebe für die französische Sprache und Literatur, gerade auch in ihren Kleinformen.

Feldprediger, Pfarrstelle, Heirat mini|hochkant|J. N. Götz als junger Theologe, um 1750 mini|hochkant|Christine J. Hautt geb. Cäsar verh. Götz, um 1750 1747 wurde Götz Feldprediger beim Régiment Royal-Allemand in Nancy, mit dem er den Feldzug nach Flandern und Brabant unternahm; seine freie Zeit verbrachte er mit Reisen ins nahe Holland und mit Studien. Nach dem Frieden von Aachen (1748) kehrte er nach Deutschland zurück, wo er 1751 die lutherische Pfarrstelle im zweibrückischen Hornbach erhielt und im gleichen Jahr die Witwe seines Amtsvorgängers Hautt heiratete; die Wanderjahre waren damit abgeschlossen. 1754 wurde er Oberpfarrer und Inspektor in Meisenheim, dann 1759 (1761?) Oberkonsistorialrat im zunächst zweibrückischen, seit 1776 baden-durlachischen Amtsort Winterburg am Soonwald bei Bad Kreuznach und im gleichen Jahr Superintendent ebenda. Weitere Beförderungen und Versetzungen im Umland schlug Götz aus, um sich der Familie, seiner Gemeinde und seiner Dichtung zu widmen; Pläne, sich in größere Städte, so u. a. als Hofprediger nach Halberstadt oder in die Nähe von Berlin berufen zu lassen, zerschlugen sich. Von der großen Literatur und ihren Bewegungen abgeschnitten, förderte Götz dennoch von Winterburg aus den „Bauerndichter“ Isaak Maus und den Kreuznacher Maler und Dichter Maler Müller.

Spätere Jahre, Tod Der empfindsame und galante Lyriker Götz starb 1781 im Alter von 60 Jahren, trotz glücklicher Ehe- und Familienverhältnisse voller MelancholieDazu neuerdings Oehmichen, Götz, Kap.8 "Der Melancholiker Götz", S. 165–194 und Todesahnungen und mit Sorgen um die Zukunft der Familie und die große, pietistisch orientierte und karge Gemeinde, an einem Schlaganfall. Karl Wilhelm Ramlers Bekanntem und Schüler Karl Ludwig von Knebel, der Götz in Winterburg aufsuchte, verdanken wir einen anschaulichen Bericht über die Lebensumstände des Autors in seinem idyllischen, aber weltabgeschiedenen Refugium.

Das literarische Werk Götz’ Werke bestehen aus zahlreichen lyrischen Werken und Übersetzungen, von denen die des Anakreon aus dem Griechischen, des Gresset und Montesquieu aus dem Französischen die bedeutendsten sind. Seine anmutig-graziösen, zierlichen, leichten und melodiösen Verse ohne tieferen persönlichen Gehalt, zum Teil auch heikel oder ans Frivole grenzend, entsprachen dem galanten Zeitgeschmack. Als Übersetzer französischer und griechischer Autoren ist er kaum zu überschätzen und verlieh nach der Gedankenschwere des literarischen Barock dem Lebensgefühl des Rokoko und der Aufklärung wortgewandt Ausdruck.

Götz übersetzte zusammen mit Uz als erster sämtliche Oden des Anakreon ins Deutsche (1746); er zählt damit zu den bedeutendsten anakreontischen Dichtern. Als Übersetzer französischer Autoren machte er die Gattungen des Madrigals, des Trioletts und des Rondeaus durch ebenso galante wie gekonnte Übertragungen und Nachempfindungen auch in Deutschland literaturfähig, wofür ihn Preußenkönig Friedrich II. (Preußen) in seiner Littérature allemande (1781) lobte. Als Schriftsteller hoch geschätzt, rühmten Christoph Martin Wieland, Johann Gottfried Herder, Johann Heinrich Voß, Lessing, Goethe, Johann Heinrich Merck, später noch Eduard Mörike seine Formgewandtheit, seine Bildhaftigkeit und sein poetisches Gefühl. Die Melodik seiner Verse inspirierte 37 Komponisten zu Vertonungen, darunter Johann Friedrich Reichardt und Joseph Haydn.

Probleme der Textüberlieferung mini|Gedenkstein an Stelle der Grabstätte auf dem Friedhof in Winterburg Götz hatte von Anfang an, vor allem aber seit seiner Anstellung als Pfarrer in einer protestantischen Gemeinde auf dem flachen Land, jedes Publikwerden seiner dichterischen Tätigkeit ängstlich vermieden; auch aus Bescheidenheit und aus einer stoischen Lebenshaltung heraus (gr. lathe biosas, „Lebe im Verborgenen“) ließ er seinem Redaktor und Revisor Karl Wilhelm Ramler, dem „Deutschen Horaz“, freie Hand bei der Bearbeitung seiner Schriften sowie der Art ihrer Veröffentlichung. Seine Gedichte erschienen daher nach Ramlers Textredaktion anonym oder unter Kürzeln („Q“, „Y“ u. a. m.) in Musenalmanachen und Sammlungen und erregten selbst in dieser Bearbeitung großes Aufsehen. Ramlers uns weitgehend unbekannte Zusätze und Veränderungen erschweren eine kritische Würdigung: „Götz und Kuh besitzen wir infolgedessen nur in Ramler’scher Verkleidung“. Von Lessing ist bekannt, dass er eine von ihm selbst zugestandene Bearbeitung seines Textes durch Ramler mit Bestürzung quittierte; Ramlers glättender, formalisierender, oft pedantischer Einfluss auf die Textgestalt ist nach der Auffindung von Götz’ handschriftlichen Texten (Johannes/Wisser 1986 und Oehmichen 2017) zwar weitgehend geklärt, eine kritische Ausgabe steht jedoch noch aus.„... belegen das textkritische Interesse, Werke weitestgehend von Spuren jedweder editorialen Aneignung zu befreien, was ja nicht immer — und gerade im Fall von Götz nicht — der beste Umgang mit Texten ist, deren Bearbeitungen eine größere Wirkungsgeschichte für sich verbuchen können als die Originale.“ Hans-Peter Nowitzki, Peter-Henning Haischer: Verbesserungsästhetik als Editionsprinzip. Karl Wilhelm Ramlers Bearbeitung von Johann Nikolaus Götz’ Gedichten. In: Zeitschrift für Germanistik, NF, Jg. 27 (2017), S. 87–107, hier S. 104.

Götz’ Nachlass wurde mit Ausnahme der Manuskripte verauktioniert; da die Ramlersche Ausgabe im Verlag seines Sohnes, des Buchhändlers Christian Götz, noch nicht verkauft war, kam eine Werkausgabe letzter Hand durch Götz’ Weimarer Bewunderer nicht zustande. Seine Schriften gelangten über den Kreuznacher Schriftsteller Maler Müller und Götz’ Enkel Friedrich in den Besitz der Familie des Freiherrn von Preuschen, Osterspai/Rhein.

Götz’ Sohn Gottlieb Christian war Mitarbeiter und Nachfolger der Schwan’schen Hofbuchhandlung in Mannheim. Er war mit Schiller befreundet und Nebenbuhler des ebenfalls an der Buchhändlertochter Margarete Schwan interessierten Dichters. Bei Schwan erschienen unter anderem Schillers Räuber und Beethovens frühe Kompositionen, hier wurde später auch das postume Gesamtwerk von J. N. Götz in der Ramlerschen Bearbeitung verlegt.

Werke und Ausgaben Werke Versuch eines Wormsers in Gedichten. 32 S. Ohne Verlags- und Ortsangabe 1745. [ND 1790 und 1792 unter dem Titel Gedichte eines Wormsers.] Die Oden Anakreons in reimlosen Versen. Nebst einigen anderen Gedichten. (Übersetzt und herausgegeben von Johann Nikolaus Götz und Johann Peter Uz). 4 Bl., 128 S. Frankfurt. Leipzig : ohne Verlag 1746. – Johann Peter Uz (1720–1796) war anakreontischer Schriftsteller, dessen gesellig-graziöse Lyrik den heiteren Lebensgenuss preist. Über den Tod seines Bruders Cornelius Georg Götzens. 6 Bl. Ohne Verlags- und Ortsangabe 1747. J.(ean) B.(aptiste) L.(ouis) Gresset: Paperle. In vier Gesängen. (Übersetzt von Johann Nikolaus Götz). Frankfurt. Leipzig : ohne Verlagsangabe 1750. – Gresset (1709–1777), frz. Jesuit, Poet und Dramatiker aus Amiens, war für seine witzige, leichte Gelegenheitsdichtung mit stark satirischem, frivolem Einschlag bekannt. Aufgrund seiner Schriften aus dem Orden ausgestoßen, lebte er danach von einer offiziellen Pension als Theaterschriftsteller; seine geschliffenen Dialoge machten ihn berühmt. 1759 kam es zu einer Sinnesänderung und zum Bekenntnis zur Religiosität. – Johann Peter Uz (1720–1796) galt als „deutscher Gresset“ (Gleim in einem Brief an Jacobi; A. Anger, Dichtung des Rokoko, Tübingen 1969, S. 139). J.(ean) B.(aptiste) L.(ouis) Gresset: Ver-Vert. Übs. von J.N.Götz. In Folio. Karlsruhe 1752. - Diese Ausgabe konnte nicht verifiziert werden. Montesquieu: Der Tempel zu Gnidus. Aus dem Französischen des Gresset. Karlsruhe 1759. – Montesquieu (1689–1755), frz. Jurist, Parlamentsrat und Akademiemitglied, war durch seine satirischen „Persischen Briefe“ (1721), das geschichtsphilosophische Werk „Größe und Verfall der Römer“ (1734) und vor allem das staatsrechtliche bedeutsame Werk „Geist der Gesetze“ (1748) europaweit bekannt. – Der philosophisch-satirische Roman „Der Tempel von Gnidus“ gehört zu Montesquieus „reizvollsten erzählerischen Schriften“ (Brockhaus in Text und Bild Edition 2002).