Stade de Reims [], im deutschsprachigen Raum meist kurz Stade Reims, ist ein 1910 gegründeter französischer Fußballverein aus Reims, der 1931 seinen heutigen Namen erhielt. In Frankreich spielte seine Männermannschaft nach dem Zweiten Weltkrieg für gut anderthalb Jahrzehnte eine herausragende Rolle mit sechs Meistertiteln zwischen 1949 und 1962 sowie zwei Pokalsiegen (1950, 1958). In dieser Zeit galt der Klub aus der Champagne als Aushängeschild (équipe fanion oder équipe phare) des französischen Fußballs, weil Stade de Reims eine attraktive, offensive Spielweise – auch im Rückblick häufig als „prickelnder Champagner-Fußball“ (foot pétillant, football champagne) bezeichnetso beispielsweise Beaudet: Le Championnat et ses champions. 70 ans de Football en France., 2002, S. 51; Hidalgo: Le temps des bleus. Mémoires., 2007, S. 37; Fontaine: Mes 13 vérités sur le foot., 2006, S. 74; Milion: Piantoni – Roger-la-Classe., 2003, S. 170; Weinrich: Der Europapokal. 1955 bis 1974., o. J., S. 15 und 58; Hardy Grüne: Weltfußball Enzyklopädie. Europa & Asien. Die Werkstatt, Göttingen 2007, ISBN 978-3-89533-576-1, S. 99 – pflegte und zahlreiche seiner Spieler das Gerüst der Nationalelf bildeten, die insbesondere mit ihrem dritten Platz bei der Weltmeisterschaft 1958 in Schweden für einen ersten Höhepunkt des französischen Fußballs sorgte. Zudem erreichte der Verein zweimal das Endspiel im Europapokal der Landesmeister (1956, 1959), was einem Klub aus Frankreich erst 1976 wieder gelang.

Der höchsten französischen Spielklasse hatte Stade Reims ab 1979 33 Jahre lang nicht mehr angehört, belegt in der „ewigen Ligatabelle“ aber 2025 immer noch den 16. Rang.In manchen französischen Veröffentlichungen steht Stade sogar noch einen Rang höher, weil dort die Ligabilanz des FC Toulouse in zwei Abschnitte – vor bzw. nach dessen Konkurs (1967) – aufgeteilt wird; dagegen aber beispielsweise Beaudet: Le Championnat et ses champions. 70 ans de Football en France., 2002, S. 211. Auch Stades Frauenfußballerinnen trugen mit fünf Landesmeistertiteln zwischen 1975 und 1982 zum Renommee des Vereins bei. In der Saison 1991/92 ging er in Konkurs, seine Männermannschaft musste nach Neugründung in der sechsten Liga beginnen und stand sportlich nur noch selten landesweit in den Schlagzeilen. 2012, exakt ein halbes Jahrhundert nach dem Gewinn des letzten Meistertitels, kehrte der Klub für vier Jahre in die Ligue 1 zurück, der er von 2018 bis 2025 erneut angehörte.

Geschichte Die Anfänge als Betriebssportverein mini|Einweihung des Sportfeldes mit „Präsidententribüne“ im Parc Pommery (1913) Der Klub ging aus der am 29. September 1910 offiziell eingetragenen Société Sportive du Parc Pommery (SSPP), dem Betriebssportverein der Sektkellerei Pommery & Greno, hervor, in dem auch Wandern, Gymnastik, Rugby, Leichtathletik und Radsport betrieben wurden.Perpère/Sinet/Tanguy: Reims de nos amours. 1931/1981 – 50 ans de Stade de Reims., 1981, S. 9 Dies war der erste Verein seiner Art in der Region, und in ihm präsidierte, typisch für den korporativen Sport,Wahl: Les archives du football. Sport et société en France (1880–1980)., 1989, S. 189ff. der Firmeninhaber Graf Marie Charles Jean Melchior de Polignac persönlich; die Fußballabteilung leitete mit René Humbert der Geschäftsführer des Unternehmens. Seine am Fußballsport interessierten Mitglieder waren anfangs ausschließlich Angestellte der Kellerei, bald aber auch Beschäftigte der Zulieferbetriebe, also Winzer, Böttcher und Fuhrleute.Siehe den Artikel von Sébastien Moreau, „Football et champagne“, auf der Seite von WeAreFootball. Moreau weist auch darauf hin, dass dieser Vorgänger von Stade Reims bisher kaum im Blick der Vereinsgeschichte steht. Pommery & Greno hatte schon um die Jahrhundertwende freiwillige sozialpolitische Einrichtungen wie eine betriebliche Rentenkasse und eine Krankenversicherung eingeführt; 1909 legte es zudem am südlichen Stadtrand den Parc Pommery (seit 2004: Parc de Champagne) als Erholungsgelände für seine Arbeiter an. 1913 wurden drei Hektar davon für den Bau einer großen Turn- und Festhalle sowie die Anlage eines Sportfeldes unter freiem Himmel genutzt. Da vergleichbare städtische Freizeitflächen zu dieser Zeit in Reims noch nicht existierten, öffnete Pommery seinen Park auch für andere Sporttreibende. Die Fußballer nahmen – in an das Unternehmensprodukt erinnernden goldfarbenen Trikots und grünen Hosen – schon vor dem Ersten Weltkrieg an den Meisterschaften des Départements Marne bzw. der Champagne und ab 1922 am Spielbetrieb der Ligue Nord-Est, die zusätzlich die Île-de-France und die Ardennenregion umfasste, teil.Grégoire-Boutreau/Verbicaro: Stade de Reims – une histoire sans fin., 2001, S. 9ff. Der Verein warb in den 1920er Jahren auch um betriebsfremde Fußballspieler, die er in Zeiten einer „Umgehung des Amateurstatuts“ (amateurisme marron) mit Vergünstigungen wie dem Angebot eines Arbeitsplatzes, großzügiger Freizeitregelung oder direkter Zahlungen zum Vereinswechsel bewegen konnte.siehe auch Wahl/Lanfranchi: Les footballeurs professionnels des années trente à nos jours., 1995, S. 33–41; Wahl: Les archives du football. Sport et société en France (1880-1980)., 1989, S. 249f.

Im Sommer 1929 stieg die SSPP in die Division d’Honneur, die höchste Spielklasse der Ligue Nord-Est, auf, in der allerdings andere Mannschaften, darunter der Lokalrivale Sporting Club Rémois, dominierten. Dennoch zogen Freundschaftsspiele im Parc Pommery gegen renommierte Gegner bis zu 5.000 Zuschauer an, und auch im Ausland – so im April 1931 in Stuttgart und Frankfurt am Main – spielte sie in gut gefüllten Stadien.Perpère/Sinet/Tanguy: Reims de nos amours. 1931/1981 – 50 ans de Stade de Reims., 1981, S. 12–14 und 16

Von 1931 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs Details zu den Meisterschaftsplatzierungen und dem Abschneiden in der Coupe de France seit 1931 siehe unter Ligazugehörigkeit und Platzierungen.

mini|hochkant|Das Stade Vélodrome Municipal vor dem Zweiten Weltkrieg; im Hintergrund die Kathedrale von Reims Angesichts der bevorstehenden Einführung einer landesweiten Liga beschloss die Vereinsführung, die Fußballsparte des Klubs auf den damit verbundenen Professionalismus vorzubereiten; dies erforderte unter anderem eine organisatorische Trennung vom Unternehmen und den anderen Abteilungen der SSPP. Am 18. Juni 1931 erfolgte die offizielle Registrierung als Stade de Reims, an dessen Spitze weiterhin René Humbert stand; Orange und Schwarz (tango et noir) wurden die neuen Vereinsfarben.Hubert/Pernet: Stade de Reims. Sa légende., 1992, S. 19 Der Vereinsname, der vom griechischen „Stadion“ herrührt, war dem Vorschlag Olympique de Reims vorgezogen worden. Das erste Spiel unter dem neuen Namen war ein 7:2-Sieg gegen den FC Reims am 23. August 1931 im Parc Pommery.Grégoire-Boutreau/Verbicaro: Stade de Reims – une histoire sans fin., 2001, S. 15

Das erste Mannschaftsaufgebot rekrutierte sich hauptsächlich aus Spielern, die auch schon bei der SSPP aktiv waren, darunter „der erste große Torjäger in der Geschichte von Stade Reims“, Lucien Perpère.siehe den Artikel vom 26. März 2012 bei lunion.com Außerdem verpflichtete Stade mit den britischen Spielern David Lee und Crookes, dazu dem Schweizer Schnebeli sowie dem Ungarn Markusz seine ersten ausländischen Profis, die allerdings in der Saison 1931/32 bei Punktspielen nicht aufgestellt werden durften, weil die Mannschaft weiterhin nur in der (Amateur-)Division d’Honneur antrat; mit David Harrison, zuvor unter anderem beim FC Sète erfolgreich, leistete Stade sich auch einen bezahlten Trainer.Perpère/Sinet/Tanguy: Reims de nos amours. 1931/1981 – 50 ans de Stade de Reims., 1981, S. 17–19; Grégoire-Boutreau/Verbicaro: Stade de Reims – une histoire sans fin., 2001, S. 15 und 18 1934 zogen die Fußballer aus dem Parc Pommery in das neu errichtete, städtische Stade Vélodrome Municipal um. Zwölf Monate später hatten sie unter ihrem neuen Trainer William Aitken nicht nur den Aufstieg in die professionelle zweite Division geschafft, sondern wurden nach einem 2:1-Endspielsieg gegen Girondins Guyenne Sport aus Bordeaux auch französischer Amateurmeister. In dieser Zeit stießen mit Torhüter André Tassin (ab 1935) und dem Außenläufer Louis Finot (ab 1937) erstmals zwei französische Ex-Nationalspieler zu Reims' Mannschaft dazu.Barreaud/Colzy: Les géants du Stade de Reims., 2012, S. 15

In der Saison 1937/38 kamen zwei Persönlichkeiten zu dem Verein, die für dessen zukünftigen sportlichen Aufstieg maßgeblich mitverantwortlich waren: Henri Germain wurde Mitglied der Finanzkommission des Vorstands und der 18-jährige Stürmer Albert Batteux wechselte vom Énergie Club Rémois zum großen Nachbarn. Der Klub fusionierte 1938 mit dem Sporting Club Rémois und übernahm dessen Vereinsfarben Rot und Weiß; bis heute werden Stades Spieler auch kurz als Rémois („Reimser“) oder Rouges et Blancs („Rot-Weiße“) bezeichnet. Ein Jahr später schloss Stade Reims die Zweitligasaison auf dem sechsten Rang ab, hatte es im Landespokal aber bis in die Runde der besten acht Mannschaften gebracht und dabei mit der AS Saint-Étienne ein Spitzenteam der ersten Division aus dem Rennen geworfen. Zudem wurde die zweite Elf erneut französischer Amateurmeister.Grégoire-Boutreau/Verbicaro: Stade de Reims – une histoire sans fin., 2001, S. 32f.; Perpère/Sinet/Tanguy: Reims de nos amours. 1931/1981 – 50 ans de Stade de Reims., 1981, S. 50

Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und der französischen Mobilmachung konnte der Spielbetrieb vom Landesverband FFFA nicht in der bisherigen Form aufrechterhalten werden, sondern wurde in drei regionalen Gruppen ausgespielt. Da etliche Vereine sich wegen Spielermangels sogar ganz aus dem Wettbewerb zurückziehen mussten, wurde Stade Reims der Nordgruppe der Division 1 zugeteilt. Darin spielte es auch nach dem deutschen Einmarsch (1940) eine gute Rolle, wurde 1942 sogar Gruppenerster und erreichte im selben Jahr auch das Pokalendspiel der besetzten Zone, in dem es aber gegen Red Star Olympique unterlag. In der Saison 1943/44 durften in Frankreichs Profibereich nur Équipes Fédérales („Bundesauswahlen“) mit vom Staat bezahlten Vertragsspielern antreten (Genaueres zu den Hintergründen siehe hier). Unter dem sportlichen Leiter Henri Germain wurden Stades Fußballer zusammen mit Kollegen aus Sedan-Torcy und Troyes der ÉF Reims-Champagne zugewiesen,Perpère/Sinet/Tanguy: Reims de nos amours. 1931/1981 – 50 ans de Stade de Reims., 1981, S. 63; Germains Rolle auch bei Rethacker/Thibert: La fabuleuse histoire du football., 2003, S. 171 die es im Pokal bis in das dann allerdings verlorene Landesfinale brachte. In der anschließenden letzten Kriegsspielzeit – diese Meisterschaften gelten heutzutage nur als inoffizielle Wettbewerbe – vertraten die Spieler in der erneut zweigeteilten höchsten Liga wieder die jeweiligen Vereinsfarben und Stade wurde im Norden Vierter.