Die Schiffswerft Jean Stauf war eine Boots- und Schiffswerft in Königswinter, die von 1902 bis 1967 bestand und auf Lokalboote sowie kleine Ausflugsschiffe spezialisiert war. „Königswinterer Boote“ oder „Stauf-Boote“ waren zeitweise Marktführer. 1953 baute sie das letzte Schiff, 1967 stellte sie den Betrieb ein.
Geschichte Vorgeschichte Zum touristischen Programm am Rhein gehörte seit Beginn der Rheinromantik oft auch eine Bootstour auf dem Fluss. Wurden die Ausflügler bis ins 19. Jahrhundert erst in hölzernen, später eisernen Nachen befördert, änderte sich das mit dem Einbau der ersten Benzinmotoren: Die Nachen brauchten nicht mehr stromaufwärts getreidelt zu werden und konnten mit einer verlässlichen Geschwindigkeit Ausflüge nach Fahrplan anbieten. Daraus entstanden die ersten Lokalboote am Rhein – kleine Personenschiffe für den Linienverkehr im Nahbereich.Frieder Berres: 2000 Jahre Schiffahrt am Siebengebirge. S. 77 f.
Bootswerft Jean Schmitz Einer der Pioniere des Lokalbootbaus im Rheinland war der Schlossermeister Jean Schmitz (1857–1913) aus Königswinter, der für den wachsenden Fremdenverkehr 1886 den ersten eisernen Nachen in Königswinter und 1892 sein erstes Motorboot gebaut hatte. Der Margarethe getaufte Nachen hieß wegen seines 4-PS-Benzinmotors nach Daimler-Art aber nur Daimelchen. Schmitz begann in Königswinter mit der Serienfertigung solcher Lokalboote, die ab 1900 an Größe zunahmen und auch eine Überdachung und eine kleine Kajüte erhielten. Bei Jean Schmitz hatte auch Jean Stauf von 1891 bis 1893 gelernt und anschließend als Geselle gearbeitet.Frieder Berres: 2000 Jahre Schiffahrt am Siebengebirge. S. 79, S. 81 f.Karl-Josef Klöhs: Schiffbau unter dem Drachenfels.
Gründung, Lage und Ausstattung der Bootswerft Jean Stauf mini|Die frühere Essen, seit 2014 Seestern Nach seiner Meisterprüfung machte sich Jean Stauf 1902 selbständig und gründete seine eigene Bootswerft. Wie die Bootswerft von Jean Schmitz befand sich auch sein Betrieb nicht am Rhein, sondern am Rande der Altstadt in der Grabenstraße, etwa 400 Meter vom Fluss entfernt.Frieder Berres: 2000 Jahre Schiffahrt am Siebengebirge. S. 83. Dort war der Betrieb in einer Werfthalle untergebracht, in der die Boote handwerklich hergestellt wurden.
Nach der Fertigstellung mussten sie auf Transportwagen durch den Ort zum Rhein gebracht werden. Mit der zunehmenden Größe der Boote ging Jean Stauf dazu über, in der Werfthalle lediglich den Kasko herzustellen und diesen erst am Flussufer endgültig auszubauen. Am Rheinufer verfügte die Bootswerft über eine Anlegebrücke und zwei Slipwagen, an denen die Boote fertig gestellt wurden. Dennoch führte der Transportweg durch die engen Straßen zu einer Größenbeschränkung der Boote. Für den Transport eines 20 Meter langen Bootes musste die Werft es in zwei Teilen transportieren und am Rheinufer zusammenschweißen.Roswitha Oschmann: Auf Rheintour mit „Margarethe“. Um diese Beschränkungen zu umgehen, mietete Jean Stauf 1931 in Oberkassel eine Helling mit Slipanlage. Der Hauptbetrieb blieb in Königswinter.Frieder Berres: 2000 Jahre Schiffahrt am Siebengebirge. S. 79, S. 88. Für den Betrieb arbeiteten durchschnittlich 25 Mitarbeiter, in Jahren mit größerer Auftragslage waren es bis zu 70 Beschäftigte.Königswinterer Schiffe in den Grachten von Amsterdam. siebengebirgsmuseum.de.
Entwicklung der Bootswerft mini|Elektroboote von Stauf auf dem Brünner See Mit seinen Booten erwarb sich Jean Stauf in den Folgejahren zunächst im Rheinland einen so guten Ruf, dass bereits vor dem Ersten Weltkrieg zahlreiche Aufträge aus dem gesamten Deutschen Reich an den Betrieb herangetragen wurden. Durch die große Anzahl georderter Boote entwickelte sich die Werft zu einer regelrechten Kleinindustrie, auch wenn die Boote weiterhin handwerklich hergestellt wurden. Die Auslieferung erfolgte dort, wo sich nicht selber hinfahren konnten, per Bahntransport.Frieder Berres: 2000 Jahre Schiffahrt am Siebengebirge. S. 86 Nach dem Ersten Weltkrieg, für den zahlreiche Boote von den Streitkräften eingezogen worden waren und nicht mehr zurückkamen, konnte die Werft an den Erfolg der Vorkriegszeit anschließen und verbuchte viele Aufträge. „Königswinterer Boote“ oder auch „Stauf-Boote“ hatten einen guten Ruf und zeitweise war der Betrieb mit 50 Prozent aller in Deutschland produzierten Motorboote dieser Größenordnung Marktführer. 1926 etwa waren Boote der Werft auf vielen Flüssen und Stauseen wie zu finden – so bei Bad Kissingen, Emden, Emmerich, Frankfurt am Main, Fulda, Karlsruhe, Limburg an der Lahn, Mannheim, Metz, Mülheim an der Ruhr, Trier, Würzburg sowie auf den Stauseen Baldeneysee, Möhnetalsperre, Urfttalsperre, Listertalsperre, Edertalsperre, Maschsee, Maltertalsperre, Luganersee und dem Rhein-Herne-Kanal.
Von der Bootswerft zur Schiffswerft Spätestens Anfang der 1930er Jahre wandelte sich die Bootswerft zur Schiffswerft. Mit dem Anmieten der Helling in Oberkassel ging der Betrieb zur üblichen Schiffbaupraxis über. Damit war der Bau größerer Boote – wie die 25 Meter lange Jan Wellem 1935 für die Rheinische Bahngesellschaft – möglich. In dieser Zeit lieferte die Werft jährlich ein Dutzend Neubauten ab. Neben den Lokalbooten im Passagier- und Fährverkehr zählten dazu auch einige Spezialfahrzeuge wie Motoryachten, Inspektionsboote, Motorschleppboote oder Proviantboote. Neben Kunden aus dem Fähr- und Ausflugsverkehr nutzen private Auftraggeber und die öffentliche Hand (Deutsche Reichsbahn, Zoll, Wehrmacht) Boote der Werft.Frieder Berres: 2000 Jahre Schiffahrt am Siebengebirge. S. 89 f.
mini|Die frühere Schloss Jägerhof, seit 1990 Fürstenberg Gleichzeitig entwickelte die Werft die Boote weiter und setzte gängige technische Entwicklungen um, übernahm in einigen Bereichen auch eine Vorreiterrolle. Bereits Ende der 1920er Jahre hatte sie die bis dahin vorherrschenden Benzinmotoren durch Dieselmotoren ersetzt. Diese senkten die Betriebskosten um bis zu 75 Prozent. Einen Schritt weiter ging sie 1936 mit Elektrobooten, von denen sie zunächst drei für den Maschsee in Hannover (MS1, MS2 und MS3) und um 1943 zwei Boote für den Brünner Stausee baute. Die letzteren wurden erst nach dem Krieg als Morava und Brno in Betrieb genommen. Als erste Werft in Deutschland übertrug Jean Stauf 1937 den Gasantrieb auf die Binnenschifffahrt: Für den Ruhrverband in Essen baute er das 12 Meter lange Schlepp- und Bugsiermotorboot Pionier, das vergaste Anthrazitkohle für den Antrieb verwendete. Maßgeblicher war das Design des 1935 gebauten Motorschiffes Jan Wellem, dessen Raumanordnung mit zwei Decks, Toilette und Formgebung nach dem Zweiten Weltkrieg Standard in der Binnenfahrgastschifffahrt wurde. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges entstanden an den beiden Standorten der Werft rund 400 Motorboote und Schiffe.
Nachkriegsboom und Betriebseinstellung Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Werft den Schiffbau wieder auf und setzte ihn auf Basis der letzten Vorkriegsschiffe fort. Trotz des Nachholbedarfs an neuen Schiffen und des aufkommenden Booms ließ die Neubautätigkeit langsam nach. Das letzte Schiff der Werft war die 1953 gebaute Kriemhild, die für den Verkehrs- und den Fährdienst zugelassen war. 1961 geriet das Schiff in die Schlagzeilen, als es in der Nacht vom 24./25. Juni mit dem Gütermotorschiff Rhenser Brunnen kollidierte und sechs Fahrgäste beim Untergang starben.
Als ab den 1950er Jahren die Schiffe immer größer wurden und Längen von 20 bis 30 Metern Standard wurden, konnte die Werft nicht mithalten. Nach 1953 wurden nur noch Reparaturen und Verlängerungen vorgenommen. 1967 stellte Theodor Stauf den Betrieb der Werft ein. Das angemietete Werftgelände in Oberkassel wurde von der Schiffswerft Schmidt übernommen.Frieder Berres: 2000 Jahre Schiffahrt am Siebengebirge. S. 94 ff.
Bauliste (Auswahl) Die Liste enthält eine Auswahl von Neubauten der Werft, die mit ursprünglichen Namen und Daten aufgeführt sind.