Eberhard Seidel (* 5. Mai 1936 in Plauen; † 11. Mai 2025 ebenda) war ein deutscher Betriebswirtschaftler und emeritierter Professor der Universität Siegen. Er zählt zu den maßgeblichen Vordenkern und Vorreitern einer ökologieorientierten Betriebswirtschaft.

Werdegang Seidel studierte Wirtschaftswissenschaften an den Universitäten Berlin und Wien. Nach seinem Abschluss als Diplom-Kaufmann wurde er 1965 an der Freien Universität Berlin zum Dr. rer. pol. promoviert. An der Justus-Liebig-Universität Gießen habilitierte er sich 1974. Er folgte 1975 einem Ruf an die damalige Universität-Gesamthochschule Siegen (heute: Universität Siegen) auf den Lehrstuhl für „Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Organisation“. Als An-Institut der Hochschule gründete Seidel 1989 das Institut für Ökologische Betriebswirtschaft (IÖB), das er bis 2003 leitete. Der von ihm seit 1990 herausgegebene „Forschungsinformationsdienst Ökologisch orientierte Betriebswirtschaftslehre (FÖB)“, 1992 in die Fachzeitschrift „UmWeltwirtschaftsforum (UWF)“ überführt, initiierte die Errichtung einer „Wissenschaftlichen Kommission Umweltwirtschaft“ im Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft e. V. auf dessen Jahrestagung im Juli 1990 in Frankfurt a. M.

Mit der Umwidmung seines bisherigen Lehrstuhls in einen Lehrstuhl für „Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Umweltwirtschaft“ konnte sich Seidel neben den Vorlesungen zur Organisationslehre auch vermehrt der ökologisch orientierten Betriebswirtschaftslehre zuwenden.Prodekan Prof. Dr. Peter Krebs in einer Würdigung anlässlich eines Symposiums der Universität Siegen zum 80. Geburtstag von Eberhard Seidel (Querschnitt. Die Zeitung der Universität Siegen, 3/2016, S. 10). Dazu gehörten neben der Arbeit in Siegen und umfangreicher Publikationstätigkeit weit über 100 Gastvorträge im In- und Ausland, die Erweiterung des „Instituts für Ökologische Betriebswirtschaft“ um eine Zweigstelle in Seidels Heimatstadt und Siegens Partnerstadt Plauen sowie Gastprofessuren an den Universitäten von St. Gallen, Innsbruck und Riga, der Wirtschaftsuniversität Wien und Technischen Universität Chemnitz-Zwickau sowie Gastdozenturen an den Universitäten Lüneburg und Bremen.

Zentrale Aspekte der Forschung Nach einer Vielzahl von Arbeiten zur Organisations- und FührungsforschungSiehe unter vielen die annähernd 700 Seiten umfassende Schrift „Betriebliche Führungsformen“ (Stuttgart 1978) oder die zwei Bände „Führungsstil und Führungsorganisation“ (gemeinsam mit Rüdiger H. Jung und Wolfgang Redel, Darmstadt 1988). widmete sich Eberhard Seidel in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre verstärkt einer ökologischen Öffnung der Betriebswirtschaftslehre. Er wurde zu einem Vordenker der ökologischen Ökonomie.Prodekan Prof. Dr. Peter Krebs in einer Würdigung anlässlich eines Symposiums der Universität Siegen zum 80. Geburtstag von Eberhard Seidel (Querschnitt. Die Zeitung der Universität Siegen, 3/2016, S. 10). In seiner historischen Einordnung des Wissenschaftsprogramms der Betriebswirtschaftslehre gesteht Günther Schanz „am ehesten dem von Eberhard Seidel und Heiner Menn konzipierten Ansatz einer ökologisch orientierten bzw., wie hier gesagt werden soll, einer ökologisch verpflichteten Betriebswirtschaftslehre programmatische Bedeutung zu.“Schanz, Günther: Wissenschaftsprogramme der Betriebswirtschaftslehre. In: Allgemeine Betriebswirtschaftslehre. Band 1: Grundfragen, hrsg. von F. X. Bea, B. Friedl und M. Schweitzer, 9., überarb. Aufl., Stuttgart 2002, S. 83–161 (hier: S. 129).

In der von Seidel und Menn vorgelegten Schrift heißt es gleich zu Beginn: „Nachdem sich in den letzten Jahrzehnten die Betriebswirtschaftslehre sozialen Aspekten weit geöffnet hat, ist nunmehr ihre ökologische Öffnung das Gebot der Stunde… Die Schrift will einen Beitrag zu der notwendigen und fälligen Neuorientierung der Betriebswirtschaftslehre leisten. Es kann nicht länger angehen, daß Folgen des betrieblichen Wirtschaftens für die natürliche Umwelt von der Betriebswirtschaftslehre nur peripher oder gar nicht behandelt werden. Es gilt eine ökologisch orientierte und verpflichtete Fachdiskussion anzuregen und zu fördern.“Seidel, Eberhard; Menn, Heiner: Ökologisch orientierte Betriebswirtschaft. Stuttgart u. a. 1988, S. 9.

Daraus sind in den nachfolgenden Jahren weit über 100 Entwicklungs- und Forschungsprojekte sowie ebenfalls weit über 100 Fachpublikationen zur umweltorientierten Betriebswirtschaftslehre in der Autorenschaft von Eberhard Seidel entstanden; außerdem rund 40 Herausgeberschaften und Mit-Herausgeberschaften von Sammelbänden mit Themen zur ökologisch orientierten Betriebswirtschaftslehre.Wegen der Namensidentität der Verfasser sind die 180 in der Deutschen Nationalbibliothek unter „Eberhard Seidel“ verzeichneten Schriften nur zu einem Teil dem hier gemeinten Wissenschaftler zuzuordnen.

Philipp Pott verweist in seinen Anmerkungen zur Lebensarbeit von Eberhard Seidel in der Festschrift „Bausteine einer nachhaltigkeitsorientierten Betriebswirtschaftslehre“Göllinger, Thomas (Hrsg.): Bausteine einer nachhaltigkeitsorientierten Betriebswirtschaftslehre. Festschrift zum 70. Geburtstag von Eberhard Seidel. Marburg 2006., erschienen anlässlich des siebzigsten Geburtstags von Seidel, darauf, dass außer seinem grundsätzlichen Beitrag zur ökologischen Öffnung der Betriebswirtschaftslehre auch die Begriffe „ökologisches Controlling / Öko-Controlling“Seidel, Eberhard: Ökologisches Controlling – Zur Konzeption einer ökologisch verpflichteten Führung von und in Unternehmen. In: Betriebswirtschaftslehre als Management- und Führungslehre, hrsg. von R. Wunderer, 3., überarb. und erg. Aufl., Stuttgart 1995, S. 353–371. oder die theoretischen Überlegungen zum „Parasitismus-Syndrom“ auf Seidel zurückgehen. „Seidel deutet das nicht-nachhaltige Wirtschaften als parasitoide Erscheinung und macht dafür – wie für die dadurch ausgelöste Natur- und Umweltzerstörung – ein ‚Organisationsversagen‘ verantwortlich. Entsprechend steht ‚Mutualismus‘ – das biologische Gegenkonzept zum Parasitismus – für Nachhaltigkeit und ist eine künftige epochale ‚Organisationsaufgabe‘.“Pott, Philipp: Eberhard Seidel – Anmerkungen zu seiner Lebensarbeit. In: Bausteine einer nachhaltigkeitsorientierten Betriebswirtschaftslehre. Festschrift zum 70. Geburtstag von Eberhard Seidel, hrsg. von T. Göllinger, Marburg 2006, S. 13–18 (hier: S. 17). Seidels Erst-Autorenschaft von Konzept und Terminus „Ökologisches Controlling, Öko-Controlling“ würdigen auch Stefan Schaltegger und Sandra Kempke.Schaltegger, Stefan und Kempke, Sandra: Öko-Controlling. Überblick über bisherige Ansätze. In: Zeitschrift für Betriebswirtschaft, Ergänzungsheft 2, 1996, S. 149–163

Auch nach seiner Emeritierung im Jahr 2001 ist der Pioniergeist Eberhard Seidel weiterhin mit seinem wissenschaftlichen Lebensthema unterwegs. So hat er seine bisherigen Arbeiten gemeinsam mit dem Hamburger Unternehmer und Begründer eines umweltgerechten Managementansatzes, Georg Winter, mit dem rechts- und politikwissenschaftlichen Thema der Biokratie (Rechte der Natur) verknüpft. Aus der Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern und Praktikern unterschiedlicher Fachrichtungen ist dabei eine neue „Denkschule“ mit „radikal neuen Antworten“ entstanden, unter anderem dokumentiert in einer 20-bändigen betriebswirtschaftliche Schriftenreihe.Haus der Zukunft Hamburg (Hrsg.): Rechte der Natur / Biokratie. 20 Bde., Marburg 2015.

Auszeichnungen B.A.U.M.-Umweltpreis im Bereich Wissenschaft (1994) Ehrenpromotion (Dr. rer. oec. h.c.) der Universität Riga (1994) Auszeichnung der Schweisfurth Stiftung (2016)

Schriften (Auszug)

Literatur und Artikel zu Eberhard Seidel

Weblinks

Eberhard Seidel an der Universität Siegen Interview mit Georg Müller-Christ zum Thema Nachhaltigkeit in der Betriebswirtschaftslehre Online-Vorlesung zum Thema Nachhaltigkeit in der Betriebswirtschaftslehre

Einzelnachweise

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