mini|Albert Grzesinski (1926) Albert Karl Wilhelm Grzesinski (* 28. Juli 1879 in Treptow an der Tollense, Vorpommern, als Albert Ehlert; † 31. Dezember 1947 in New York City) war ein deutscher Gewerkschaftsfunktionär und Politiker (SPD). Er war von 1926 bis 1930, als Mitglied des Kabinetts Braun III, Innenminister des Freistaats Preußen sowie 1925–1926 und 1930–1932 Polizeipräsident in Berlin.
Leben Familie und Ausbildung Grzesinski war unehelicher Sohn des Berliner Dienstmädchens Berta Ehlert und des Metzgergesellen Albert Lehmann.Albert Grzesinski: Im Kampf um die deutsche Republik. Erinnerungen eines deutschen Sozialdemokraten (= Schriftenreihe der Stiftung Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte. Bd. 9). Hrsg. von Eberhard Kolb. Oldenbourg, München 2001, ISBN 3-486-56591-5, S. 12 f. Bis zur Heirat seiner Mutter mit dem Spandauer Stellmacher Thomas Grzesinski im Jahr 1884 wuchs er bei den Großeltern in Treptow auf, dann bei der Mutter und dem Stiefvater, der ihn 1892 adoptierte, in Spandau. Albert Grzesinski besuchte dort bis 1893 eine Volksschule. Danach erlernte er in Berlin den Beruf des Metalldrückers.
Im Jahr 1897 wurde er Mitglied des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes (DMV) im ADGB. In die Sozialdemokratische Partei trat er 1898 ein. Als Gewerkschaftsfunktionär kam er nach Offenbach am Main, wo er von 1903 bis 1907 Vorsitzender der örtlichen SPD war.
Gewerkschaftsfunktionär, Ratsvorsitzender und Landtag Im Jahr 1906 wurde er Sekretär des DMV in Offenbach. 1907 wechselte er nach Kassel, wo er bis 1919 Sekretär des DMV war und von 1918 bis 1919 Vorsitzender eines Gewerkschaftskartells. Auch organisierte er hier den Zusammenschluss verschiedener Verbraucherverbände. Während der Kriegsjahre gelangte er mit seiner sozialpolitischen Arbeit zu einem gewissen Ansehen und Anerkennung. Somit wurde er nach dem Ende des Ersten Weltkrieges in den Kasseler Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrat gewählt und dessen Vorsitzender, womit er einen bestimmten Einfluss in Kassel und Nordhessen erlangte.
Während der Novemberrevolution ergriff Grzesinski früh für die Repräsentanten der alten Ordnung Partei. So sorgte er am 14. November für die Unterbringung, den Schutz und feierlichen Empfang Paul von Hindenburgs und seiner Obersten Heeresleitung in Kassel und versicherte in einem von der Lokalpresse veröffentlichten Willkommensgruß, „dass die bürgerliche und soldatische Bevölkerung Kassels ihm nur Gefühle der Verehrung und Hochachtung entgegenbringen wird und er vor jeder Belästigung sicher“ sei.zitiert nach Hans-Joachim Bieber: Die deutschen Gewerkschaften 1914–1920. Arbeiterbewegung, Industrie, Staat und Militär im Ersten Weltkrieg und in der Novemberrevolution. Christians, Hamburg 1981, S. 707. Um Hindenburg nicht zu verärgern, hatten die Mitglieder des Arbeiter- und Soldatenrats ihre roten Armbinden bei dieser Gelegenheit gegen schwarz-weiße ausgetauscht.
In der nachfolgenden Rätebewegung unterstützte Grzesinski vorbehaltlos den Rat der Volksbeauftragten. Somit wurde er in den Zentralrat gewählt, der auf dem 1. Reichsrätekongress (16. bis 21. Dezember 1918) und 2. Reichsrätekongress (3. bis 14. April 1919) jeweils gebildet wurde. Anfang Januar 1919 sprach sich Grzesinski für die militärische Niederschlagung des Berliner Spartakusaufstandes aus.Hans-Joachim Bieber: Die deutschen Gewerkschaften 1914-1920. Arbeiterbewegung, Industrie, Staat und Militär im Ersten Weltkrieg, Hamburg 1981, S. 721. In Kassel nahm er von 1919 bis 1924 ein Mandat in der Stadtverordnetenversammlung wahr, zuerst als Stadtverordneter, dann als Vorsitzender der Versammlung. Auch gehörte er von 1919 bis 1921 der verfassunggebenden preußischen Landesversammlung an, danach ab 1921 bis 1933 dem preußischen Landtag.
Laufbahn im preußischen Staat Seine Laufbahn als Staatsfunktionär begann am 16. Juni 1919, als er zum Unterstaatssekretär im preußischen Kriegsministerium ernannt wurde. Diese Position hatte er bis zum 10. November 1919 inne. Als er den Vorschlag einer schnellen Demobilisierung vorgetragen hatte, wobei er sich als Ausführender anbot, wurde er zum Reichskommissar des Reichsabwicklungsamtes eingesetzt. Diese Funktion übte er von November 1919 bis März 1921 aus.
Den Posten des Reichswehrministers lehnte er 1920 ab, weil er den Korpsgeist der Reichswehr und seine Auswirkungen kannte. Daher weilte er als Referent von 1921 bis 1922 im Reichsarbeitsministerium. Von November 1922 bis März 1924 wirkte er als Präsident des preußischen Landespolizeiamtes, das aus dem Kriegswucheramt hervorgegangen war und zur Preisüberwachung eingesetzt war. Als dieses Amt aufgelöst wurde, wechselte er als Oberregierungsrat ins preußische Innenministerium, wo er das Referat für Wucherbekämpfung leitete.Thomas Albrecht: Für eine wehrhafte Demokratie. Albert Grzesinski und die preußische Politik in der Weimarer Republik. 1999, S. 125–126. Ab dem 16. Mai 1925 übernahm er bis zum 6. Oktober 1926 das Amt des Polizeipräsidenten von Berlin. Als während der Monate April bis Mai 1926 ein Rechtsputsch in der Republik drohte, zeigte er diese Gefahr öffentlich an.
Innenminister Als der preußische Innenminister Carl Severing am 6. Oktober 1926 während der von ihm maßgeblich initiierten Großen Berliner Polizeiausstellung aus gesundheitlichen Gründen zurücktrat, wurde Grzesinski zu seinem Nachfolger bestimmt. In: Vorwärts. 6. Oktober 1926, Abendausgabe Nr. 471, S. 1, abgerufen am 3. September 2019. Er setzte im Innenministerium den Rücktritt des Staatssekretärs Friedrich Meister (einem Mitglied der DVP) durch und ersetzte ihn durch den Leiter der Polizeiabteilung Wilhelm Abegg (DDP). Den Posten Abeggs nahm Ministerialrat Erich Klausener ein. Neuer Polizeipräsident in Berlin wurde Karl Zörgiebel. Seine offizielle Amtszeit begann am 7. Januar 1927 und endete am 28. Februar 1930.
Als Innenminister versuchte er, die Gedanken der Demokratie in die Geschäftsführung des Ministeriums einzubringen. Dazu förderte er auch die Besetzung von Amtsträgern durch Sozialdemokraten.Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 4: Vom Beginn des Ersten Weltkrieges bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914–1949 C.H. Beck Verlag, München 2003, S. 298. Weiterhin setzte er mit Gesetz vom 27. Dezember 1927 die Abschaffung der Gutsbezirke in Ostdeutschland durch. Dieses Relikt aus dem Lehnswesen hatte bis dahin den Grundbesitzern die Verwaltungshoheit über ihre Ländereien gegeben, so dass die dort ansässige Landbevölkerung kein kommunales Wahlrecht und keine Mitsprache an der Selbstverwaltung ihrer Gemeinde hatte..
Als Chef des preußischen Landespolizeiamtes, als Polizeipräsident in Berlin und als preußischer Innenminister war Grzesinski gemeinsam mit seinem Staatssekretär Wilhelm Abegg sehr um eine Demokratisierung der Verwaltung und Polizei bemüht. Im Vorwort zu einem Buch anlässlich der Internationalen Berliner Polizeiausstellung 1926 spricht er, noch als Polizeipräsident, von der Devise der Polizei, „Freund, Helfer und Kamerad der Bevölkerung“ zu sein. Grzesinski gilt damit, neben dem Berliner Kriminalbeamten Erich Liebermann von SonnenbergGötz Aly, Karl Heinz Roth: Die restlose Erfassung: Volkszählen, Identifizieren, Aussondern im Nationalsozialismus, Rotbuch, Berlin 1984, ISBN 3-88022-282-7. und Carl Severing selbstWolf Dieter Lüddecke: Wie sich die Zeiten ändern: Polizei-Geschichte im Spiegel von Karikatur und Satire, Verlag Deutsche Polizeiliteratur GmbH, Hilden 1988, ISBN 3-8011-0156-8, S. 7., als einer der Urheber des Slogans „Die Polizei – Dein Freund und Helfer“. Der Slogan diente als Leitspruch besagter Ausstellung („Die Polizei, dein Freund und Helfer – Bitte treten Sie näher!“), fand sich aber auch, in abgewandelter Form, in Carl Severings Eröffnungsrede. 1937 verwendete dann Heinrich Himmler den Slogan in einem Geleitwort des Buchs Die Polizei – einmal anders (Franz-Eher-Verlag, München), von Helmuth Koschorke.Marion Bremsteller: Freunde und Helfer vor leeren Benzintonnen – Über den Nutzen und Nachteil der Etikettierung für das polizeiliche Berufsleben, in: Carsten Star (Hrsg.): Soziologie und Polizei: Zur soziologischen Beschäftigung mit und für die Polizei, Reihe Verwaltungssoziologie Band 4, Norderstedt 2015, ISBN 978-3-7386-1997-3, S. 71–92, S. 74.
Im März 1927 hob er wegen der „Wirkungslosigkeit regional begrenzter Maßnahmen“ auf Drängen Paul Löbes das nur in Preußen bestehende Redeverbot für Adolf Hitler auf.Albrecht (Lit.), S. 260 widerlegt unter Hinweis auf Arnold Brecht: Vorspiel Zum Schweigen: Das Ende der Deutschen Republik. Verlag für Geschichte und Politik, Wien 1948, S. 180 Wilhelm Abeggs gegenüber Grzesinski 1946 erhobenen Vorwurf des politischen Leichtsinns. Als am 14. Februar 1928 auf dem Preußentag der SPD die Auflösung Preußens gefordert wurde, wandte er sich entschieden dagegen, denn diese Forderung wolle nur das „unbequeme republikanische Preußen“ beseitigen.
Im Oktober 1928 war Grzesinski Passagier des Luftschiffs LZ 127 „Graf Zeppelin“ auf seiner ersten Transatlantik-Fahrt.Wolfgang Meighörner (Hrsg.): Giganten der Lüfte. K. Müller Verlag, Erlangen 1998, ISBN 3-86070-595-4.
Anfang Oktober 1929 verbot er die Landesverbände Rheinland, Industriegebiet und Westfalen des Stahlhelm, weil sie bei Langenberg im entmilitarisisierten Rheinland ein paramilitärisches Manöver abgehalten hatten. Diese Maßnahme verschlechterte die Beziehungen zwischen der preußischen Landesregierung und der Reichswehr, deren Minister Wilhelm Groener das Verbot für taktisch unklug hielt und behauptete, das demokratische Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold würde ähnliche Soldatenspiele veranstalten.Johannes Hürter: Wilhelm Groener. Reichswehrminister am Ende der Weimarer Republik (1928–1932). Oldenbourg, München 1993, ISBN 3-486-55978-8, S. 213.
In seiner Eigenschaft als Innenminister war Grzesinski zunehmend in die innenpolitischen Auseinandersetzungen zwischen der KPD, NSDAP und dem Stahlhelm verwickelt. Als es am 1. Mai 1929 in Berlin zu Straßenkämpfen kam, stützte er mit dem Reichsinnenminister Severing den Polizeipräsidenten Zörgiebel. Diese Tage gingen in die Geschichte als der Berliner Blutmai ein. Am 3. Mai 1929 sprach er für Preußen das Verbot des Roten Frontkämpferbundes (RFB) aus.Dirk Blasius: Weimars Ende. Bürgerkrieg und Politik 1930–1933. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005, ISBN 978-3-596-17503-1, S. 26.
Polizeipräsident mini|Albert Grzesinski bei der Verfassungsfeier 1929