mini|Kirche St. Sebastian (Bisdorf) ca. 1960er Jahre Die Kirche St. Sebastian ist ein ehemaliger Sakralbau, der aus einem Westquerturm romanischen Ursprungs sowie einer Saalkirche mit Holztonnengewölbe besteht. Sie befindet sich im Ortsteil Bisdorf der Gemeinde Borne im Salzlandkreis von Sachsen-Anhalt und ist in der Liste der Kulturdenkmäler Sachsen-Anhalts geführtListe der Kulturdenkmale in Borne (bei Staßfurt).

Der Ort gehörte einst zum Kernland ottonischer Christianisierung im 10. Jahrhundert, in deren Bauzeit der Turm fällt. Das heute nur noch als Ruine erhaltene Kirchenschiff wurde 1717 geweiht und steht seit den 1970er Jahren leer. Zusammen mit den angrenzenden, ebenfalls denkmalgeschützten Richterhöfen wurde die Kirche Anfang der 1990er Jahre an private Investoren verkauft. Die aktuelle Eigentümerin, eine Firma, die in der Region Windparkanlagen betreibt, will das Bauensemble sanieren und damit als Wohn- bzw. Lebensraum wiedererstehen lassen.

Geschichte und Patronatszugehörigkeit mini|Nordseite der Kirche St. Sebastian Bisdorf, 2019 Die Bisdorfer Kirche St. Sebastian blickt auf eine rund tausendjährige Geschichte zurück, in der sie sowohl wechselnden Patronatsherren als auch unterschiedlichen weltlichen Herrschaftsverbänden zugeordnet war. So schenkte bereits 946 Kaiser Otto I. dem Kloster St. Moritz zu Magdeburg verschiedene Güter im Nordthüringau, darunter auch Biscopesthorp (Bisdorf).Die Schreibweise des Ortes Bisdorf veränderte sich im Laufe der Jahrhunderte: Bisschoppestorp, Bischoppezstorp, Bischoppes-dorp, Bischoffsdorf, Bisdorf.Otto von Heinemann: Codex diplomaticus Anhaltinus. Band 1. Teil 1. Dessau 1867, S. 12, Nr. 16.; https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Codex_diplomaticus_anhaltinus_Band_1-1, abgerufen am 7. März 2021.

Am 22. Dezember 1344 verkaufte Bischof Ludwig von Brandenburg dem Chorherrenstift zu Coswig drei Hufen Land zu Bisdorf und verband damit auch das Patronat über die Kirche dieses Dorfes.Otto von Heinemann: Codex diplomaticus Anhaltinus. Dritter Theil. 1301–1350.' ' S. 551, Nr. 778; https://de.wikisource.org/wiki/Seite:DE_CDA_3_551.jpg, abgerufen am 7. März 2021. Anfang des 16. Jahrhunderts ging das Patronat zunächst an das Kloster Unser Lieben Frauen (Magdeburg) und im Zuge der Reformation zum Stift St. Sebastian (Magdeburg) über. Die Bisdorfer Kirchengemeinde wurde und blieb evangelisch.Erste Visitationsprotokolle vom April 1562 dokumentieren die damalige Situation. Landesarchiv Sachsen-Anhalt, Abteilung Magdeburg, A 12 Gen. Ältere Konsistorialbehörden im späteren Regierungsbezirk Magdeburg (Kultusarchiv). Generalia, Nr. LASA, A 12 Gen., Nr. 2435, S. 146–148; https://staatsarchive.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/stat_derivate_00000170/LHASA_MD_A_12_Gen_Nr_2435_0045.tif?logicalDiv=log_f3ebd933-3182-487f-a454-53036f36e714, abgerufen am 7. März 2021. links|mini|St.-Sebastian-Kirche in Bisdorf Anfang des 20. Jahrhunderts In diese Patronatszeit fiel auch der Abriss des alten Kirchenschiffes im Jahr 1712. Der romanische Turm wurde erhalten und im Zuge der Umbaumaßnahmen 1712 bis 1717 erhöht. Er stand ursprünglich östlich vom alten Kirchenschiff. Das neue wurde dann auf der gegenüberliegenden Seite des Turms gebaut, so dass die heutige Kirche nach Osten ausgerichtet ist. Diese erhielt auch damals erst als Bekenntnis zum damaligen Patronatsherren St. Sebastian in Magdeburg ihren heutigen Namen.Jochen Roessle: Die Romanischen Dorfkirchen des Magdeburger Landes. Untersuchungen einer Bauform des 12. und 13. Jahrhunderts. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn, 2006, S. 153–156; Pastor Heinrich Jürgens: Ortsgeschichte von Borne und Bisdorf. (Handschrift im Landeshauptarchiv Magdeburg), S. 255–264, https://bonndoc.ulb.uni-bonn.de/xmlui/handle/20.500.11811/2463, abgerufen am 7. März 2021.

Das Herzogtum Magdeburg, das seit Ende des Dreißigjährigen Krieges eigentlich Preußische Provinz war, fiel 1807 kurzzeitig an das neu gegründete Königreich Westphalen (1807–1813). In Folge dieser politischen Veränderungen ging das Patronat ab 1810 für die evangelische Kirche in Bisdorf zwar wieder zum Kloster Unser Lieben Frauen (Magdeburg) zurück.Pastor Heinrich Jürgens: Ortsgeschichte von Borne und Bisdorf (Handschrift im Landeshauptarchiv Magdeburg). S. 78.Gustav Sommer, Gustav Hertel: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Kreises Calbe. 1885, S. 27. Die katholischen Gemeinden dieser Region wurden jedoch seither vom Bistum Paderborn verwaltet. Dies blieb auch so, als die Kirche St. Sebastian in der Nachkriegszeit Mitte des 20. Jahrhunderts von der katholischen Kirchengemeinde mitgenutzt wurde.So berichteten Augen- und Zeitzeugen aus Borne, unter ihnen Margarete Mechtel (1920–2015) und Erna Köpke (1914–2010). So beeinflusste schließlich, kurz bevor die Kirche in den 1970er Jahren stillgelegt wurde, auch katholisches Gemeindeleben die eigentlich evangelische Kirche St. Sebastian.

Mitte des 20. Jahrhunderts war die Kirche wieder recht baufällig. Nach längeren Diskussionen – u. a. stand eine Nutzung als Sporthalle für die Schule im Raum – stand die Kirche St. Sebastian seit mindestens 1970 leer. Sie wurde wiederholt Opfer von Plünderern sowie Vandalismus und verfiel zusehends. Mit Beschluss des Gemeindekirchenrates Borne vom 23. September 1970 unter der Leitung von Diakon Stopka wurde der Abbruch der Kirche beschlossen und vom Institut für Denkmalpflege Halle kurz darauf bestätigt, mangels finanzieller Möglichkeiten aber nie realisiert.Protokolle des Gemeindekirchenrates Borne sowie Schriftwechsel mit dem Konsistorium in Magdeburg und dem Institut für Denkmalpflege in Halle, einsehbar im Landeskirchenarchiv in Magdeburg https://www.landeskirchenarchiv-magdeburg.de/

Aktuelle Situation und Ausblick mini|Ostseite der Kirche St. Sebastian (2014) mini|St. Sebastian mit eingestürztem Kirchenschiffdach im Oktober 2022 Mit der politischen Wende von 1989/1990 interessierten sich nun auch privatwirtschaftliche Akteure für das Areal. 1996 wurden die Kirche als auch die nördlich angrenzenden Richterhöfe an die Investorengruppe „Gut Richterhöfe Schnepp Grundbesitz KG“ zum ermittelten Verkehrswert von 65.000 DM (davon 60.000 DM für die Kirche, plus 5.000 DM Honorar) verkauft. Nach mehreren Todesfällen unter den Unternehmenseignern musste Insolvenz angemeldet werden.Eigene Recherchen und Befragungen einiger der damals beteiligten Unternehmer.

2015 kaufte dann zunächst der Bürokaufmann Andreas Hagemeyer aus Borne das Areal,René Kiel: Kirche zu verkaufen. In: Volksstimme. 26. Oktober 2015, abgerufen am 7. März 2021. bevor es 2019 an die mdp GmbHhttps://mdp-group.com/unternehmen/ aus Oldenburg verkauft wurde. Diese betreibt in der Region mehrere Windparkanlagen und setzt sich seit langem für die ländliche Entwicklung vor Ort ein. Sie plant in Zusammenarbeit mit dem Magdeburger Architekturbüro „Onnen & Onnen Immobilien Magdeburg GmbH“,https://onnen-onnen.de/unternehmen/ das Areal schrittweise zu sanieren. So soll in den Richterhöfen seniorengerechter Wohnraum entstehen, die Kirche später eventuell für die Gemeinde nutzbar gemacht werden.René Kiel: Kirchenrettung in Borne angelaufen. In: Volksstimme. 15. März 2019, abgerufen am 7. März 202

Dabei hat die große Ruine inmitten des Dorfes inzwischen mehrere Bürger bewegt, kritische Fragen nach dem Umgang staatlicher und zivilgesellschaftlicher Akteure mit diesem Erbe im 21. Jahrhundert aufzuwerfen. So kamen auf Initiative des Magdeburger Unternehmers Reiner Riegg nicht nur der Minister für Landesentwicklung und Verkehr des Landes Sachsen-Anhalt, Thomas Webel, zum Vor-Ort-Besuch. Auch eine Gruppe von Fotografen erleuchtete das alte Gebäude bei nächtlichem Vollmond im März 2019 und stellte die Bilder online.Die Bilder sind online einsehbar unter: https://www.fotocommunity.de/photo/feierabendbrigade-klaus-degen/42248239

Nach Auskunft des Architekturbüros Onnen & Onnen sind seit März 2021 nun zwei Bauanträge zumindest für die Richterschen Höfe genehmigt, für die Kirche St. Sebastian gibt es jedoch noch keine konkreten Pläne.

Im Sommer 2021 hat das Dach des Kirchenschiffes unter dem Druck von Wind und Witterung nach rund 310 Jahren letztlich nachgeben und ist am Turm im vorderen Drittel kollabiert.

Architektur und Baubeschreibung Die Kirche besteht aus einer nach Osten ausgerichteten Saalkirche mit Holztonnengewölbe sowie einem eingezogenen Westquerturm.Hier und im Folgenden: Jochen Roessle: Die Romanischen Dorfkirchen des Magdeburger Landes. Untersuchungen einer Bauform des 12. und 13. Jahrhunderts. Dissertation, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn, 2006, S. 153–156.

Turm mini|hochkant|Matthäus-Zitat am Eingang (Mittelstützpfeiler des Rundbogens) Der Turm ist der einzig erhaltene romanische Teil der Kirche und wahrscheinlich über 1.000 Jahre alt, da er im Zuge der ottonischen Christianisierung entstand. Er ist ca. 7,55 m breit sowie 5,00 m tief. Im unteren Bereich an der (breiteren) Ost- und Westwand befinden sich zwei einander gegenüberliegende (ca. 3,80 m breite), aus doppelter Keilsteinlage gemauerte Rundbögen. Diese wurden im Zuge der Um- bzw. Neubaumaßnahmen in den Jahren 1712 bis 1717 teilweise zugemauert. Dabei wurde der an der (nach außen gewandten) Westseite befindliche Bogen als Eingangsportal mit einer Holztür versehen. mini|Haupteingang der Kirche an der Westseite des Turmes (im Rundbogen) mini|Ursprünglicher Torbogen mini|links|Turm innen, Ostseite

Der Bogen in der Ostwand dient seither als Durchgang in das Kirchenschiff und verfügt über einen mittig angeordneten Stützpfeiler. Auf diesem ist folgende Inschrift angebracht:

Da das alte Kirchenschiff ursprünglich westlich vom Turm stand, scheinen die Rundbögen einstmals der Zugang zur Apsis gewesen zu sein, was aber nur vermutet werden kann, da keine Unterlagen dazu überliefert sind. Über dem (Eingangs-)Bogen auf der Westseite zeichnet sich ein weiterer, ca. 2,00 m breiter Rundbogen ab, der in der Außenfassade erkennbar, aber ebenflächig mit dieser zugemauert ist. Von innen ist er als zurückgesetzte Laibung noch deutlich sichtbar.

Ihm gegenüber gab es offenbar ein kleines Segmentbogenfenster auf der Ostseite des Turmes, das vermutlich beim Neubau des Kirchenschiffs 1712 bis 1717 zugemauert wurde und von der Kirchenschiffseite her verputzt, von der Turminnenseite her aber als zurückgesetzte Fensterlaibung ebenfalls noch deutlich zu sehen ist.Hier und im Folgenden eigene Beschreibungen sowie: Jochen Roessle: Die Romanischen Dorfkirchen des Magdeburger Landes. Untersuchungen einer Bauform des 12. und 13. Jahrhunderts. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn, 2006, S. 153–156; https://bonndoc.ulb.uni-bonn.de/xmlui/handle/20.500.11811/2463, abgerufen am 7. März 2021. Sowie: Pastor Jürgens: Ortsgeschichte von Borne und Bisdorf (Handschrift im Landeshauptarchiv Magdeburg). S. 255–264.

mini|Spuren des einstigen Tonnengewölbes im Turm Im Turminneren, zwischen den beiden großen (unteren) Rundbögen (aus doppelter Keilsteinlage) und dem darüber befindlichen kleineren Rundbogen hat es einst ein kleines Tonnengewölbe gegeben. Dieses wurde Mitte der 1950er Jahre entfernt und ist nur noch in Resten erkennbar. Dadurch wurde der Blick in die darüber liegenden Gebälkstrukturen des (Glocken-)Turms freigegeben. An der südlichen (schmalen) Turmseite befindet sich ein kleiner Lichtschlitz ungefähr auf gleicher (mittiger) Höhe des erwähnten kleineren Rundbogens an der Westseite des Turms. Durch diesen Lichtschlitz hindurch zieht sich ein längerer, deutlich erkennbarer Riss im Mauerwerk.