Rujm Beni Yasser ist eine ursprünglich nabatäisch gegründete Grenzbefestigung im Talgrund des in das Kerak-Plateau eingeschnittenen Wadis el-Lejjun. Erst im Zuge einer Reorganisation des Limes Arabicus, während der Regierungszeit des Kaisers Diokletian (284–305), wurde die Anlage durch eine spätrömische Garnison erneut besetzt und bis in die byzantinische Zeit genutzt. Das römische Grenzschutzkommando in der Befestigung nahm Sicherungs- und Überwachungsaufgaben wahr. Daneben besaß Beni Yasser zusammen mit dem rückwärtigen Kastell Khirbet el-FityanKhirbet el-Fityan bei eine wichtige Funktion im Vorwarnsystem der römischen Grenzsicherung. Heute befindet sich das Bauwerk in der semiariden Wüstenzone des Gouvernements al-Karak in Jordanien. Die Kleinstadt Al-Qatrana befindet sich rund 17 Kilometer nordnordöstlich, die Stadt Kerak rund 20 Kilometer südsüdwestlich.
Lage Das Fortifikation wurde auf einem kleinen sattelförmigen Hügel am östlichen Rand einer durch das Wadi el-Lejjun gebildeten Talebene errichtet. Die besondere Bedeutung dieser von Osten nach Westen maximal 1,60 Kilometer langen und von Norden nach Süden rund einen Kilometer breiten Ebene wird durch die dort gelegene, strategisch bedeutende Quelle Ain Lejjun gebildet, die ein natürlicher Anziehungspunkt für Händler und Nomaden war und eine dem Klima angepasste Landwirtschaft ermöglichte. Eine besondere Bedeutung erhalten die Quelle und die Ebene zusätzlich durch ihre Lage an der östlichen 200-Millimeter-Regenfallgrenze.Samuel Thomas Parker: The Roman frontier in central Jordan. Final report on the Limes Arabicus Projekt 1980–1989. Band 1, (= Dumbarton Oaks studies 40) Harvard University, Washington, D.C. 2006, ISBN 0-88402-298-6. S. 111–272; Abb. 1.2.Johanna Ritter-Burkert: Bethorus – Lejjun (JO). In: Hans-Peter Kuhnen (Hrsg.): Wüstengrenze des Imperium Romanum. Der römische Limes in Israel und Jordanien. Nünnerich-Asmus, Mainz 2018, ISBN 978-3-96176-010-7, S. 120–123; hier: S. 120–121. Die Sicht von der auf rund 700 Höhenmetern errichteten Grenzbefestigung Beni Yasser reichte in spätantiker Zeit nach Westen auf das rund einen Kilometer entfernt in der Ebene gelegene Legionslager Betthorus,Legionslager Betthorus bei das sich auf 696 Höhenmetern befindet, bis zum rund 2,40 Kilometer entfernten Kastell Khirbet el-Fityan, das rund 800 Meter hoch auf dem Kerak-Plateau angelegt wurde.Kastell Khirbet el-Fityan bei Insgesamt konnte vom Standort Beni Yasser aus an den meisten Stellen nach Norden, Osten und Süden knapp das den Talgrund umgebende Plateau überblickt werden.
Ein im Jahr 2003 begonnenes Langzeitprojekt der amerikanischen Paläoanthropologin und Archäologin Jennifer E. Jones, die bereits unter der Leitung des amerikanischen Provinzialrömischen Archäologen Samuel Thomas Parker (1950–2021) an dessen Limes-Arabicus-Projekt beteiligt war, konzentrierte sich auf die Erforschung der vorgeschichtlichen Fundstätten im Tal und rundum von Lejjun. Jones untersuchte dabei westlich des in der Ebene gelegenen Legionslager Betthorus neben einer Menhir-Reihe unter anderem eine große frühbronzezeitliche Befestigung. Die seit Jahrtausenden genutzte Attraktivität des Geländes wird auch durch die wesentlich älteren paläolithischen Silex-Funde unterstrichen.Jennifer E. Jones: Movement Across the Landscape and Residential Stability: Agency and Place in the Southern Levantine Early Bronze Age. In: Sharon R. Steadman, Jennifer C. Ross (Hrsg.): Agency and Identity in the Ancient Near East. New Paths Forward. Routledge, London/New York 2014, ISBN 978-1-84553-443-1, S. 13–26; hier: S. 19. Vor dem erst in die Spätantike zu verortenden Nutzungskonzept der Römer errichteten die Nabatäer in der Talebene eine Siedlung, die durch die Befestigung Beni Yasser gesichert wurde.
Forschungsgeschichte Der Biblische Archäologe Nelson Glueck (1900–1971), der in den 1930er Jahren viele Bauten des römischen Limes in Jordanien besuchte, nahm auch am Rujm Beni Yasser eine Feldbegehung vor.Nelson Glueck: Explorations in Eastern Palestine, I. In: The Annual of the American Schools of Oriental Research 14 (1933–1934). Bereits 1979 hatte die aufgesammelte Keramik einer Feldbegehung unter der Leitung von Parker den nabatäischen Ursprung und die spätantike Neunutzung nahegelegt.Samuel Thomas Parker, James Lander: Legio IV Martia and the Legionary Camp at El-Lejjūn. In: Byzantinische Forschungen 8 (1982), S. 185–210.Samuel Thomas Parker: Preliminary Report on the 1980 Season of the Central “Limes Arabicus” Project. In: Bulletin of the American Schools of Oriental Research 247 (1982), S. 1–26; hier: S. 16. Den ausschlaggebenden Beitrag zur modernen Erforschung der Befestigung leisteten jedoch erst die eingehenden Untersuchungen Parkers, der mit einer Mannschaft aus Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen von 1980 bis 1989 archäologische Expeditionen an den Limes Arabicus unternahm. Als Leiter des Limes Arabicus Projects legte Parker dabei seinen Schwerpunkt auf den römischen Grenzverlauf in Zentraljordanien. Die begrenzten Sondierungen am Rujm Beni Yasser, zu denen auch Sondagegrabungen gehörten, unterstanden Joanne Bloom, der örtlichen Grabungsleiterin vom Bryn Mawr College in Bryn Mawr, USA.Samuel Thomas Parker: The Central Limes Arabicus Project. The 1980 Campaign. In: Annual of the Department of Antiquities of Jordan 25, 1981, S. 171–178; hier: S. 173. Bereits 1980, während der ersten Kampagne des Projekts, konnten die Untersuchungen in Rujm Beni Yasser abgeschlossen werden.Samuel Thomas Parker: Research on the Central Limes Arabius, 1980-1982. In: Michael Mackensen (Hrsg.): Studien zu den Militärgrenzen Roms 3, 13. Internationaler Limeskongreß Aalen 1983, (= Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg 20) Theiss, Stuttgart 1986, S. 641–648; hier: S. 644. Die wichtigsten Ziele der Forschungen betrafen die Datierung für jede der Hauptkomponenten der Anlage, die Erforschung der Besiedlungsgeschichte und einen vielleicht möglichen Nachweis der römischen Signalisierungsmethoden. Dazu wurden zunächst drei Teilbereiche innerhalb der Fortifikation ausgewählt, in denen Schnitte angelegt werden sollten. Der erste, E.1 genannt, betraf den östlichen Turm, die östliche Umfassungsmauer und einen Abschnitt des zentralen Innenhofs, der zweite Schnitt, E.2, umfasste das gesamte Innere des westlichen Turms und der dritte Schnitt E.3 diente der Untersuchung von einem der Räume, die entlang der südlichen Umfassungsmauer bestanden.Joanne Bloom, Samuel Thomas Parker: The Fortlet of Rujm Beni Yasser. In: Samuel Thomas Parker (Hrsg.): The Roman Frontier in Central Jordan. Interim Report on the Limes Arabicus Project, 1980–85, Band 2, (=British Archaeological Reports, International Series 340), BAR Publishing, Oxford 1997, ISBN 0-86054-438-9. S. 447 ff.; hier: S. 449.
Baugeschichte Nabatäische Fortifikation (ca. 63 v. Chr. bis 135 n. Chr.) mini|300px|Plan der Fortifikation Rujm Beni Yasser nach den Untersuchungen des Limes Arabicus Projects Die ältesten Funde auf dem sattelförmigen Hügel, den später die Befestigung Beni Yasser einnahm, stammen aus der Eisenzeit. Zeitlich sich überschneidende Funde und Befunde belegen eine eisenzeitliche Besiedlung des Wadi Lejjun, wobei es für eine tatsächliche Mitnutzung des Hügels in dieser Zeit insgesamt viel zu wenige Beweise gibt. In Beni Yasser kamen 1980 lediglich zwei eisenzeitliche Scherben aus dem Boden und die waren nachträglich in zeitlich spätere Kontexte eingetragen worden. Die Reste der erhalten gebliebenen, ohne ihre Turmvorsprünge rund 32 Meter (West-Ost) × 26 Meter (Nord-Süd) umfassenden Befestigung, besaßen einen trapezförmigen Grundriss, der sich an seinem nordöstlichen Ende auf nur 13,50 Meter in seiner Nord-Süd-Ausrichtung verjüngte. Hier befand sich auch das einzige Tor zu der Befestigung. Der Bau wurde eindeutig durch die Nabatäer im ersten Jahrhundert v. Chr. oder n. Chr. gegründet. Die Ausgrabungen unter Bloom und Parker haben gezeigt, dass die Befestigungsanlagen nicht besonders imposant gewesen sein können. Die unregelmäßige Umfassungsmauer bestand aus einem Trockenmauerwerk, das aus lokal anstehenden, grob behauenen Hornsteinblöcken und Lagen aus Bruchsteinen errichtet worden war. Die Stärke dieser Mauer betrug lediglich eine Steinschicht. An der durch die Archäologen 1980 untersuchten Nord- und Südseite hatte sich das Mauerwerk noch 0,65 Meter beziehungsweise 0,80 Meter hoch erhalten. Die Umfassungsmauer stand auf einem breiter ausgelegten Fundament, das wiederum auf einer sterilen Bodenschicht gründete. Einzig die Lage auf dem Hügel sorgte für eine gewisse zusätzliche Verteidigungsfähigkeit, doch scheint die Anlage auch nicht dafür ausgelegt gewesen zu sein, einem ernsthaften Angriff zu widerstehen.