Udolphos Geheimnisse, Originaltitel The Mysteries of Udolpho, 1794 von Ann Radcliffe (1764–1823) verfasst, zählt zu den berühmtesten englischen Schauerromanen.Ann Radcliffe Abgerufen am 12. November 2021. mini|Carl Gustav Carus, Frau auf dem Balkon (1824) war das Titelbild von Mysteries of Udolpho bei Oxford World’s Classics Das Genre, welches auch als Gothic Fiction bekannt ist, entspricht am ehesten der literarischen Strömung Schwarze Romantik. Im Bereich der „Gothic Romance“ inspirierte Radcliffe mit ihrer weiblichen Heldin, der es gelingt, sich gegen einen mächtigen, aber moralisch unterlegenen Gegner durchzusetzen, darüber hinaus ein modernes Frauenbild. Daher wird sie im englischen Sprachraum zu den wichtigen Mitbegründerinnen des „Gothic Feminism“ gezählt.Ann Radcliffe and romantic-era fiction Abgerufen am 6. März 2021.Gothic Fiction - Ann Radcliffe Abgerufen am 6. März 2021. Der Schauplatz, ein halb verfallenes, verwinkelt angelegtes Schloss im Apennin weist deutliche Parallelen zu Horace Walpoles Hauptschauplatz bei seinem Schloss von Otranto (1765) auf.

Besonderheiten Für ihre junge Protagonistin Emily verschwimmen auf der Suche nach ihrem persönlichen Glück oft scheinbar übernatürliche Phänomene mit der Wirklichkeit. Feinde, Intrigen und Geheimnisse werden geschickt miteinander verwoben, wobei vieles ganz bewusst nur angedeutet und der Fantasie der Leserschaft überlassen wird.

Der Roman zeichnet sich insbesondere durch die üppigen Beschreibungen von Landschaften, Städten und unheimlichen, halb verfallenen Burgen und Klöstern aus. Dabei hat Radcliffe die Schauplätze ihres Romans nie selbst gesehen, sondern ließ sich unter anderem von Hester ThraleTerry Castle: Explanatory Notes In: Ann Radcliffe: The Mysteries of Udolpho Oxford University Press, 1998, note to page 174 und Claude LorrainAnn Radcliffe - Königin der Gothic Novel Abgerufen am 6. März 2021. sowie den Gemälden von DomenichinoTerry Castle: Explanatory Notes In: Ann Radcliffe: The Mysteries of Udolpho Oxford University Press, 1998, note to page 377 und Salvator Rosa inspirieren.Ann Radcliffe - Königin der Gothic Novel Abgerufen am 6. März 2021. Entsprechend dem damaligen Zeitgeist stehen Radcliffes Heldinnen dabei stets vor der Herausforderung, ihre Empfindsamkeit zu überwinden und ihre Gefühle zu kontrollieren. Radcliffe vertritt die im 18. Jahrhundert weit verbreitete Ansicht, schlechte Veranlagungen könnten durch entsprechende Erziehung eingedämmt werden, während eine falsche oder mangelhafte Erziehung zur Festigung und Entfaltung negativer Anlagen führe.„Setting out to explore the place of evil in the mind“: Erklärungsmuster des Bösen in der englischen Gothic novel 1764-1824 S. 65 Abgerufen am 6. März 2021. Eine weitere Besonderheit bei Radcliffe besteht darin, dass die Fähigkeit, die Schönheit der Natur zu genießen, hier auch mit dem Charakter des Betrachters in Verbindung gebracht wird. Ob jemand in der Lage ist, erhabene Landschaften als Genuss zu empfinden, hängt daher bei ihr nicht nur mit dem Gemütszustand der Person, sondern auch mit ihrem Grundcharakter zusammen.„Setting out to explore the place of evil in the mind“: Erklärungsmuster des Bösen in der englischen Gothic novel 1764-1824 S. 68 Abgerufen am 6. März 2021.

Auch die Anmerkungen der englischsprachigen Ausgabe bestätigen, dass es sicherlich kein Zufall ist, dass Radcliffs Schurken keinen Sinn für landschaftliche Schönheit haben. (Original: „It is surely no accident that Radcliffe's villains do not care for landscape“.Terry Castle: Explanatory Notes In: Ann Radcliffe: The Mysteries of Udolpho Oxford University Press, 1998, note to page 30)

Handlung Radcliffe setzt die Beklommenheit ihrer jungen Heldin, die in abgelegenen, finsteren Gemäuern dazu gezwungen werden soll, sich dem Willen ihres Gegenspielers zu beugen, mit großer Ästhetik in Szene. Bald kommt es zu scheinbar übersinnlichen Erscheinungen, dann wiederum geht es um mysteriöse Todesfälle. Es ist typisch für die späte Phase der Empfindsamkeit, dass die sensible Emily sich dabei auch noch permanent um Haltung bemüht. Dabei wird es ihr nicht leicht gemacht: Tod, Verlust, Trennung vom Geliebten, Angst und Anzeichen psychischer Angespanntheit begleiten die junge Heldin, bis Einbildung und Wirklichkeit miteinander verschmelzen.Ann Radcliffe Abgerufen am 6. März 2021.

Erstes Buch Die Geschichte von Emily St. Aubert spielt im 16. Jahrhundert in Frankreich und Italien. Die Familie St. Aubert lebt auf ihrem Anwesen La Valée, in der malerischen Gascogne, wo beide Eltern schwer erkranken. Nach dem plötzlichen Tod der Mutter unternehmen St. Aubert und seine Tochter Emily eine Reise ans Mittelmeer. Unterwegs lernen sie den jungen Valancourt kennen, der sich ihnen für eine Weile anschließt. Vater und Tochter sind sehr von dem jungen Mann angetan, der seinerseits Interesse an Emily zeigt. Nachdem sich ihre Wege getrennt haben, verschlechtert sich der Gesundheitszustand von Emilys Vater. Die beiden rasten in einem Dorf in der Nähe des verlassenen Herrenhauses der Familie von Villeroi, an der Küste von Languedoc. Doch St. Aubert erholt sich nicht mehr und verstirbt am nächsten Tag. Nach dem Tod ihres Vaters kommt Emily, zutiefst erschüttert, zunächst im nahe gelegenen Kloster unter. Sie besucht regelmäßig sein Grab und erholt sich langsam. Da Emily noch nicht volljährig ist, wird die Schwester ihres Vaters, eine Madame Cheron, zu ihrem Vormund und fordert Emily auf, zu ihr nach Toulouse zu ziehen. Valancourt und Emily treffen sich dort wieder und bemühen sich bei Emilys Tante um deren Zustimmung zu ihrer Hochzeit. Zunächst besteht Hoffnung, doch dann heiratet Madame Cheron plötzlich selbst. Ihr Mann, ein Signor Montoni, der sich als italienischer Edelmann vorstellt, hat jedoch eigene Pläne. Er spricht sich gegen die Ehe seiner Nichte aus und verfügt, dass seine Frau und Emily ihn nach Italien begleiten. Ohne die Gewissheit eines Wiedersehens trennt sich das unglückliche Paar.

Zweites Buch Begleitet von einigen Dienstboten, unter anderem der Zugehfrau von Madame Montoni, Annette, reist die Gesellschaft in Kutschen über die Alpen nach Italien. Als sie Venedig erreichen, ist dort Karneval. Die ersten Eindrücke von Gondeln, maskierten Menschen und buntem Treiben begeistern Emily, obwohl sie noch immer die Trennung von Valancourt betrauert. Emily bemerkt, dass es zwischen ihrer Tante und Montoni zunehmend zu Streit kommt. Oft besucht er ohne sie Casinos und bleibt die ganze Nacht weg. Ein Bekannter Montonis, der Graf Morano, interessiert sich sehr für Emily. Da er reich und ein Graf ist, versuchen die Montonis sie zunächst zur Heirat zu drängen, dann wollen sie Emily dazu zwingen. Doch statt der Zwangsheirat verlassen die Montonis plötzlich mitsamt Emily und der Dienerschaft Venedig. Ihr Ziel liegt in dem Teil des Apennin, der in der Toskana liegt. Die Burg Udolpho, die Morano geerbt hat, liegt dort tief in den Pinienwäldern verborgen. Eindrucksvoll wird das alte Gemäuer geschildert, um das sich viele Geheimnisse ranken. Emily wird offenbar absichtlich in einem besonders unheimlichen Zimmer in einem verlassenen Teil des alten Gemäuers untergebracht. Es gehörte einst der verschollenen Signora Laurentini di Udolpho, um die sich unheimliche Geschichten ranken. Kurz darauf werden die Auseinandersetzungen zwischen Montoni und seiner Frau immer heftiger, da diese sich weigert, ihrem Mann ihre Besitztümer zu überschreiben. Montoni hat anscheinend hohe Spielschulden. Nachdem seine Frau sich weigert nachzugeben, sorgt er dafür, dass sie verschwindet. Insgesamt entspricht die Darstellung von Montoni der eines typischen „gothic villain“.„Setting out to explore the place of evil in the mind“: Erklärungsmuster des Bösen in der englischen Gothic novel 1764-1824 S. 51 ff Abgerufen am 6. März 2021.

mini|Dahl, Johan Christian Clausen – Schiffbruch an der Küste, 1829 Drittes Buch Montoni sammelt eine wachsende Anzahl von Gefolgsleuten, zu denen auch seine Freunde Cavigni, Verezzi, Bertolini und Orsino aus Venedig gehören. Dabei ist es Montoni bekannt, dass Orsini in Venedig wegen Mordes gesucht wird. Emily sucht Udolpho verzweifelt nach ihrer Tante ab. Als sie sie schließlich in einer Turmkammer findet, ist ihre Tante von der Gefangenschaft bereits so geschwächt, dass sie kurz vor dem Tod steht. Bevor sie stirbt, betont sie, dass Emily die rechtmäßige Erbin ihrer Liegenschaften ist. Montoni dagegen ist bis zum letzten Moment unversöhnlich. Er bleibt sogar der kleinen, finsteren Beerdigung fern, die für seine Frau abgehalten wird. Wenig später zwingt er Emily, ihm die Güter der Tante zu überschreiben. Als er ihr verspricht, sie dürfe dann nach Frankreich zurückkehren, gibt sie nach. Aber Montoni hat sie belogen und will sich dafür rächen, dass sie sich ihm wiederholt widersetzt hat, daher zwingt er sie zu bleiben. Immer noch denkt Emily an Valancourt und bildet sich ein, auch er sei Gefangener in Udolpho. Es gibt mindestens einen Gefangenen, den Montonis Männer bei einem ihren Raubzüge verschleppt haben. Dieser Gefangene singt spät abends Melodien aus ihrer Heimat. Überzeugt davon, es müsse Valancourt sein, wird (mit Hilfe Ludovicos, des Dieners von Cavigni) ein heimliches Treffen arrangiert. Enttäuscht muss Emily feststellen, dass der Gefangene der ihr unbekannte Monsieur Du Pont ist, dessen Familie aus der Nähe von La Valée kommt. Er ist dagegen schon lange heimlich in Emily verliebt, die er von früher kennt. Sie erwidert zwar seine romantischen Gefühle nicht, ist aber froh, dass es ihnen – unterstützt von Annette und Ludovico – gelingt in einem günstigen Moment mit vier Pferden zu fliehen. Sie haben vor, Italien an Bord eines Schiffes zu verlassen. Das Kloster in Languedoc, wo ihr Vater beerdigt wurde, ist Emilys Reiseziel. In unmittelbarer Nähe liegt das Herrenhaus der Familie von Villeroi, das zum ersten Mal von seinen neuen Hausherren aufgesucht wird, die es geerbt haben. Aus Paris trifft der Graf von Villefort mit seiner zweiten Ehefrau, Tochter Blanche und Sohn Henri ein. Sie richten sich ein und man gibt sich gepflegt der vornehmen Langeweile hin. In einer Sturmnacht verunglückt dann ein Schiff direkt vor dem Anwesen der Familie. Emily und ihre Reisegesellschaft überstehen den Schiffbruch unverletzt und werden vom Grafen und seiner Familie aufgenommen. Du Pont und der Graf waren bereits vorher miteinander bekannt, Emily dagegen freundet sich schnell mit der jungen Blanche an. Valancourt hat sie von ihrer Rückkehr nach Frankreich geschrieben. Er reist nach Languedoc, um sie zu treffen. Doch hat er sich in der Zwischenzeit zu einem lasterhaften Lebensstil verleiten lassen. Er hat anscheinend viel Geld verspielt und war in Paris im Gefängnis. Der Graf von Villeroi warnt Emily eindringlich vor Valancourt, den sein Sohn und er in Paris kennengelernt haben. Vom Grafen bestärkt und durch das eigenartig schuldbewusste Verhalten ihres Liebsten verunsichert, bricht Emily mit ihm und zieht sich ins Kloster zurück.

Viertes Buch