mini|Pauline Murray, Konzert mit den Invisible Girls, Den Haag, 1981 Pauline Murray (* 8. März 1958 in Durham, England; zeitweilig auch Pauline Noname) ist eine britische Sängerin, Songschreiberin und Musikerin des Punk und New Wave. Sie wurde bekannt als Sängerin der Punkband Penetration, ehe sie als Solokünstlerin – zeitweilig mit der Band des Produzenten Martin Hannett, The Invisible Girls – ihre Musik veröffentlichte. Nach weiteren Soloprojekten zog sie sich in den 1990er Jahren aus dem Musikbusiness zurück, trat aber ab 2001 nach einer Reunion wieder mit Penetration auf. 2020 erschien ihr drittes Soloalbum.
Leben und Karriere 1976–1979: Penetration Murray wuchs in einer ArbeiterfamiliePenetration, Fanzine PIN 10/11, Leiden, Juni/Juli 1979, S. 11; Facsimile bei bacteria.nl, gesichtet am 28. März 2021 im Nordosten Englands auf, in der Bergbau-Kleinstadt Ferryhill im County Durham zwischen Middlesbrough und Newcastle, und studierte am Darlington College. Die Situation für Teenager Mitte der 1970er Jahre dort sei trostlos gewesen. „In Newcastle passierte überhaupt nichts,“ sagte sie später, „1976 [war dort] alles tot … Also fuhren wir immer nach Manchester und Liverpool.“zitiert in: Jon Savage, England’s Dreaming. Anarchie, Sex Pistols, Punk Rock, Edition Tiamat, Berlin 2016³, ISBN 978-3-89320-206-5, S. 280 Murray hatte seit sie 14 war Konzerte besucht; Glam-Rock-Bands wie die New York Dolls, Roxy Music, David Bowie und Lou Reed, Vertreter des Pubrock wie Dr. Feelgood und Eddie and the Hot Rods, später viele US-Künstler wie Patti Smith, Ramones und Blondie.David St Clair, Penetration: Re-animated!, bei BBC Home vom 27. Juli 2006, gesichtet am 6. März 2021 Mit Freunden sang sie in dieser Zeit in einer Coverband Songs der New York Dolls und von Jonathan Richman. 1976 sahen sie erste Konzerte des aufkommenden Punkrocks. Nachdem Murray im Mai 1976 einen Auftritt der Sex Pistols in NorthallertonAndrew Graham Stables, When The Sex Pistols Played Northallerton, On-Magazine Yorkshire, ohne Datum, gesichtet am 16. März 2021 besucht hatte, richteten sie und ihre Freunde Robert Blamire (E-Bass), Gary Smallman (Schlagzeug) und Gary Chaplin (Gitarre) ihre Band neu aus. Die Pistols gesehen zu haben, sagte Murray später, habe in ihnen den Drang geweckt, sich der neuen Bewegung anzuschließen. Sie begannen, eigene Songs zu schreiben und Gigs zu organisieren. Sie benannten sich nach dem Song Penetration von Iggy Pop.Penetration vom Iggy-and-the-Stooges-Album Raw Power (1973), geschrieben von Iggy Pop und James Williamson Dabei benutzte Murray anfangs den Bühnennamen Pauline Noname. Punk bedeutete für Murray und ihre Zeitgenossen, Neuland zu betreten, auszubrechen aus den festgefahrenen Bahnen der (britischen) Gesellschaft, in der, so Murray, „Heuchelei und Engstirnigkeit“ allgegenwärtig waren.Varja Velikonja, Interview: Pauline Murray (Penetration), Rock Obrobje vom Oktober 2016, gesichtet am 16. März 2021 Dieses Aufbegehren gegen autoritäre Konventionen spiegelte sich speziell in Murrays Text der ersten Penetration-Single, Don’t Dictate, wider:
Im Oktober 1976 gaben Penetration ihr erstes Konzert im Rock Garden in Middlesbrough; im April 1977 spielten sie bereits im Londoner Roxy Club. Auf der Bühne war die 19-jährige Murray „cool wie Patti Smith, selbstbewusst wie Debbie Harry und aufregend wie Iggy Pop.““Pauline Noname (a.k.a. Murray) fronted the band – cool as Patti Smith, as confident as Debby Harry and as exciting as Iggy Pop.” Al Spicer, The Rough Guide to Punk, Rough Guides, London, 2006, ISBN 978-1-84353-264-4, S. 234Alle Übersetzungen aus dem Englischen: Benutzer:Divchino Dabei spielte sie aber nie in den Vordergrund, dass sie eine Frau war, oder setzte auf ihren „Sex-Appeal“, um die Band zu pushen:Ged Babey, Penetration: Resolution – album review, bei louderthanwar.com vom 8. Oktober 2015, gesichtet am 4. März 2021
Rough-Guide-Autor Andy Lewis schreibt, dass die Band trotz dieser Einstellung im Wesentlichen um Murray herum aufgebaut gewesen sei. Sie schrieb die Songtexte für die sozialkritischeEintrag Penetration, in: M.C. Strong, The Great Rock Discography, 3rd ed., Edinburgh/Ffm. 1996, ISBN 0 86241 604 3, S. 619 Band – eher aus der Notwendigkeit heraus, dass sie als Sängerin Texte haben wollte, die sie auch gerne singen wollte. Dafür brauche sie auch heute noch „erst einmal eine interessante Idee, eine Bedeutung – auch wenn ich sie nur selbst sehe“. Einen ihrer Texte aus der Anfangszeit trug sie 2016 beim Poetry and Lyrics Festival in London vor, auf dem sie neben anderen Songschreiberinnen des Punk auftrat.„Festival für Dichtung und Lyrik“ – oder „Festival für Dichtung und Songtexte“ – das Wort lyrics bezeichnet im Englischen beides. Vergleiche: Cerys Matthews, Poetry and music are more closely related than we think, The Guardian vom 7. Juni 2016, gesichtet am 27. März 2021 Sie las Silent Community („Schweigende Gemeinschaft“), ein Gedicht über die Menschen in ihrer Heimatgemeinde Ferryhill, das als Song auf der ersten Penetration-LP erschien:
Ihr starker Gesang und die energiegeladenen Auftritte seien mit denen von Siouxsie Sioux vergleichbar gewesen.Andy Lewis, Eintrag Penetration, in: Jonathan Buckley/Mark Ellingham (Herausgeber): Rock – The Rough Guide, London 1996, ISBN 1-85828-201-2, S. 650 Murray selbst sagte 30 Jahre später: Mit ihrem Sound, der nach einer Bandumbesetzung – Chaplin wurde durch Neale Floyd ersetzt, Fred Purser (später bei Tygers of Pan Tang) kam als zweiter Gitarrist hinzu – Punkrock mit Anklängen des Heavy Metal war, bauten sich Penetration eine stabile Fangemeinde auf, tourten fünf Wochen in den USA und erzielten in ihrer Heimat einigen kommerziellen Erfolg. Julie Burchill und Tony Parsons schrieben 1978, Penetration seien eine „respektierte Old-Wave-Punkband, gänzlich aufgrund der unverwechselbaren, sanften, souligen, geilen englischen Stimme von Pauline Noname – die unglücklicherweise durch das recht herkömmliche, oft sich wiederholende Gejammer auf ein Kreischen wie von einem aufgebrachten Fischweib reduziert“ werde und rieten ihr, ihre Musiker für ein, zwei Jahre in Urlaub zu schicken, bis der Punkhype sich gelegt habe, um dann mit ihrer außergewöhnlichen Stimme neu anzufangen.Julie Burchill und Tony Parsons, The Boy Looked at Johnny, Pluto Press, London, 2. Auflage 1980, ISBN 0 86104 030 9, S. 83 In diesem Hype der Jahre 1976 bis 1979, in dem jede Plattenfirma ihre eigenen Punk-Singles auf den Markt bringen wollte,“Relatively major labels (for a short period at least) all indulged their pet punk bands”, Paul A. Woods in: Gavin Walsh, Punk on 45. Revolutions on Vinyl 1976–79, Plexus, London 2006, ISBN 978-0-85965-370-1, S. 10 erhielten auch Penetration einen Vertrag für zunächst eine Single bei dem damals noch Independent-Label Virgin Records, auf dem auch die Sex Pistols veröffentlichten. Don’t Dictate erschien im November 1977.Don’t Dictate bei 45cat.com, gesichtet am 17. März 2021 Die Zusammenarbeit wurde verlängert, und Penetrations Alben Moving Targets (1978) und Coming Up for Air (1979) bei Virgin erreichten Platz 22 respektive 36 in den offiziellen britischen Charts.Eintrag Penetration bei officialcharts.com, gesichtet am 27. März 2021 Ende 1979 löste die Band sich nach einer letzten Tournee auf, was sie bei einem Konzert in Newcastle am 14. Oktober 1979 bekanntgaben – dieser Auftritt wurde aufgezeichnet und erschien später in Auszügen auf der offiziellen Bootleg-LP Race Against Time, das komplette Set wurde 2008 auf der CD Live 1978–1979 veröffentlicht. Dem NME sagte Murray später:
1980–1981: Pauline Murray and the Invisible Girls
mini|Pauline Murray, 1981In der ersten Jahreshälfte 1980 arbeitete Murray mit der Band The Only Ones für deren Album Baby’s Got a Gun zusammen;Eintrag Penetration, in: M.C. Strong, The Great Rock Discography, 3rd ed., Edinburgh/Ffm. 1996, ISBN 0 86241 604 3, S. 619 auf der Single Fools wurde sie gemeinsam mit Peter Perrett als Sängerin gefeaturet.Fools bei 45cat.com, gesichtet am 5. März 2021 Bei einigen Konzerten der Band kam sie für die Zugabe mit auf die Bühne.vgl. Aiden Cant, Konzertrezension in Roadshows, Record Mirror vom 26. April 1980, S. 30, Scan der Seite bei worldradiohistory.com, gesichtet am 5. März 2021
Murray und Blamire zogen von Newcastle nach Manchester um. Hier begann die Zusammenarbeit mit Martin Hannett und seiner Band. Diese brachte einen Wechsel im Sound. Murray schrieb mittlerweile nicht mehr nur die Texte, sondern komponierte auch viele Stücke, allein oder mit Blamire – ein Wendepunkt, denn bei Penetration waren die Songs um Gitarrenriffs aufgebaut.Interview mit Ivor Southwood, Recurring Dreams: Pauline Murray Of Penetration / Invisible Girls Interviewed, The Quietus vom 19. Januar 2015, gesichtet am 6. März 2021 Das erste Publikum, das vier neue Songs hörte, waren die Hörer der John-Peel-Show bei BBC Radio 1 am 31. März 1980.Eine Aufzeichnung der Sequenzen aus der Radiosendung ist auf Youtube zu hören. Bei der Peel Session wurden Blamire und Murray noch von Gitarrist Alan Rawlins (Cowboys International) und Peter Howells (The Drones) am Schlagzeug begleitet.Peel Sessions – Pauline Murray auf der Archivwebsite der BBC, gesichtet am 7. März 2021 Anfang Juli 1980 wurde bekannt, dass Murray und Blamire, nach vertraglichen ProblemenChris Westwood, It Sucks, in: Record Mirror vom 4. August 1980, S. 17, Scan der Seite bei worldradiohistory.com, gesichtet am 6. März 2021 – sie hatten bei Verhandlungen mit Virgin erwartet, dass ihr Vertrag erneuert werde, das Label bot ihnen jedoch nur einen Kontrakt für eine einzelne Single anJames Nice, Pauline Murray \ Biography bei Les Disques du Crepuscule gesichtet am 7. März 2021 – ein eigenes Musiklabel, Illusive Records (im Vertrieb von RSO Records), gegründet hatten.Robin Smith, Pauline’s label, in Record Mirror vom 5. Juli 1980, S. 4 Scan der Seite bei worldradiohistory.com, gesichtet am 5. März 2021 Nur wenige Tage später erschien die erste Single von Pauline Murray and the Invisible Girls„Pauline Murray und die unsichtbaren Mädchen“ – die Band bestand nur aus Männern, Dream Sequences. Nach dem rohen Punk der Anfangsjahre folgte mit den Invisible Girls eine Phase von „ätherischen, gelegentlich großartigen Popaufnahmen, die in der Retrospektive wie ein möglicher Einfluss auf die Cocteau Twins [oder] Everything but the Girl klangen“.“[…] Murray & the Invisible Girls made ethereal, occasionally beautiful pop records that in retrospect sound like a possible influence on the Cocteau Twins, Everything but the Girl […]”, Stewart Mason, Pauline-Murray-Biografie bei allmusic.com, gesichtet am 5. März 2021 Simon Ludgate bescheinigte ihr, dass sie auf der ersten Single eine „außergewöhnliche, schwermütige Stimme“ habe.Simon Ludgate, Singles, in Record Mirror vom 12. Juli 1980, S. 12 Scan der Seite bei worldradiohistory.com, gesichtet am 6. März 2021 Im Interview mit dem Record Mirror sagte Murray, sie hätte gedacht, dass Dream Sequence eine gute Position in den Charts erreichen würde. Die Single kam jedoch nur auf Platz 67.
Einen Monat danach erschien das in den Strawberry Studios aufgenommene Album Pauline Murray and the Invisible Girls, das Platz 25 in den britischen Charts erreichte; vom Rezensenten des Record Mirror erhielt die LP fünf Sterne. Er beschrieb den Sound der Songs Time Slipping und Sympathy als eine Mischung des „am meisten süchtig machenden von ABBA und dem vollkommensten von Joy Division, sehr eingängig aber sehr hart.““[…] think of the most addictive Abba and the most positive Joy Division, and these songs have an effect somewhere between, very pretty but very hard.” Chris Westwood, It Sucks, Record Mirror vom 4. Oktober 1980, S. 17, Scan der Seite bei worldradiohistory.com, gesichtet am 6. März 2021 Neben Blamire spielten darauf unter anderen Vini Reilly (The Durutti Column), Wayne Hussey, John Maher von den Buzzcocks und Bernard Sumner. Der Stil wirkte wie eine Brücke zwischen New Wave und Pop der späteren 1980er Jahre.