mini|Ansicht des südlichen Wohnflügels von Südosten, Titelbild des Katalogheftes zur Haesler-Ausstellung von 1932 Das Marie von Boschan-Aschrott Altersheim, auch Aschrott-Heim oder Aschrottheim, ist ein Altenheim in Kassel im Bundesland Hessen. Das Gebäude der 1926 gestifteten Wohlfahrtseinrichtung entstand 1929–1931 als ein Hauptwerk des Neuen Bauens und des Architekten Otto Haesler.

Lage Das Marie von Boschan-Aschrott Altersheim liegt etwa 2,5 km westlich von der Kasseler Innenstadt entfernt im Stadtteil Vorderer Westen, unmittelbar östlich des von der Familie Aschrott gestifteten und in den 1890er Jahren angelegten Aschrottparks. Die Adresse des Altersheims ist Friedrich-Ebert-Straße 178, Ecke Tannenkuppenstraße.

Geschichte Stiftung und Bezeichnung Die Bezeichnung Marie von Boschan-Aschrott Altersheim geht auf den Privatgelehrten Paul Felix Aschrott zurück, der zwei Drittel seines Vermögens von knapp drei Millionen Reichsmark an zwei Stiftungen zugunsten der Kasseler Bürgerinnen und Bürger vermachte – der Stiftung „Dr. Aschrott Wohlfahrtshaus“ und der Stiftung „Marie von Boschan-Aschrott Altersheim“. Die Altersheim-Stiftung benannte Aschrott nach seiner 1926 früh verstorbenen jüngeren Schwester Marie von BoschanKnappe Angaben zu Marie von Boschan geb. Aschrott auf der Internetseite geowest.vorderer-westen, abgerufen am 8. März 2021. und fügte seinen Familiennamen hinzu. Die Stiftung war „für alleinstehende ältere, jedoch noch bei guter Gesundheit befindliche Frauen bestimmt, die gegen ein geringes Entgelt dort wohnen und voll verpflegt werden und bedient werden“Zitiert nach A[lexander] Dorner: Altersheim in Kassel. Architekten Otto Haesler und Karl Völker, Celle. In: Zentralblatt der Bauverwaltung, vereinigt mit Zeitschrift für Bauwesen, 52. Jahrgang 1932, Nr. 9 (vom 24. Februar 1932), S. 97–105, hier S. 97. sollten.

Baugeschichte 1929 führte das Kuratorium der „Stiftung Marie von Boschan-Aschrott Altersheim“ gemäß dem Stiftungszweck einen Architekturwettbewerb zum Neubau eines Altersheims und parallel dazu auch eines Wohlfahrtshauses durch. Die eingeladenen Architekten für beide Wettbewerbe waren prominent, außer Otto Haesler z. B. auch German Bestelmeyer, Walter Gropius, Ludwig Hilberseimer und Heinrich Tessenow.Simone Oelker: Otto Haesler. Eine Architektenkarriere in der Weimarer Republik. Dölling und Galitz Verlag, München 2002, ISBN 3-935549-15-6, S. 123. Das Preisgericht war mit nicht minder bedeutenden Architekten besetzt, u. a. mit Paul Bonatz, Hugo Häring und Bruno Taut sowie aus der Stadtverwaltung Oberbaurat Gerhard Jobst. Die Wettbewerbsbedingungen gaben auf einem begrenzten Grundstück ein Bauprogramm mit 100 Wohn- und Schlafzimmern zu 22 m² vor, wobei die Zimmer möglichst nach Süden ausgerichtet sein sollten. Ferner waren Unterkünfte für Angestellte, ein Bibliotheks- und Lesezimmer, ein Gesellschaftsraum, zwei Spielzimmer, ein Speisesaal sowie Austritte ins Freie und Veranden vorgesehen. Die Gruppierung und Höhe der Baukörper ließ man den Wettbewerbsteilnehmern frei. Unter den 42 eingereichten Entwürfen erhielt der gemeinsame Entwurf von Otto Haesler und seinem Mitarbeiter Karl Völker den ersten Preis. Das Urteil des Preisgerichts vom 19. Dezember 1929 lautete: „Systematisch gut überlegter Entwurf, der allen Anforderungen entspricht und eine vorzügliche Durcharbeitung der Gemeinschaftsräume zeigt.“Zitiert nach Simone Oelker: Otto Haesler. Eine Architektenkarriere in der Weimarer Republik. Dölling und Galitz Verlag, München 2002, ISBN 3-935549-15-6, S. 123.

Der Entwurfsanteil von Karl Völker ist nicht geklärtZur Zusammenarbeit von Haesler und Völker siehe: Simone Oelker: Otto Haesler. Eine Architektenkarriere in der Weimarer Republik. Dölling und Galitz Verlag, München 2002, ISBN 3-935549-15-6, S. 64 f., doch wird die Haupturheberschaft am Entwurf einhellig Otto Haesler zugeschrieben, der sich bereits 1928 als Jurymitglied für ein Altersheim in Frankfurt am Main intensiv mit dieser Bauaufgabe auseinandergesetzt hatte.Simone Oelker: Otto Haesler. Eine Architektenkarriere in der Weimarer Republik. Dölling und Galitz Verlag, München 2002, ISBN 3-935549-15-6, S. 122 f. Am Entwurf der Inneneinrichtung war Haeslers Mitarbeiterin Katt Both beteiligt, die aus Kassel stammte.Corinna Isabel Bauer: Architekturstudentinnen in der Weimarer Republik. Bauhaus- und Tessenow-Schülerinnen. Universitätsbibliothek Kassel, Kassel 2010, Dissertation Univ. Kassel 2003 (falsches Datum 2010 im DNB-Katalog) (Digitalisat, abgerufen am 24. März 2021), S. 330–332, hier S. 331.

Mitte August 1930 begann die Bauausführung, die allgemeine Bauleitung hatte Gerhard Jobst vom Hochbauamt der Stadt Kassel, wobei es durch die angespannte Wirtschaftslage zu kostensparenden Anpassungen kam.Simone Oelker: Otto Haesler. Eine Architektenkarriere in der Weimarer Republik. Dölling und Galitz Verlag, München 2002, ISBN 3-935549-15-6, S. 123 f. und S. 137. (Entwurfsänderungen in Anmerkung 99 aufgezählt) Die örtliche Bauleitung lag bei Architekt Worch. Die Baukosten waren auf 930.000 Reichsmark limitiert. Am 1. Oktober 1931 war der Südflügel bezugsfertig, und am 1. Februar 1932 der Nordflügel.Simone Oelker: Otto Haesler. Eine Architektenkarriere in der Weimarer Republik. Dölling und Galitz Verlag, München 2002, ISBN 3-935549-15-6, S. 303. Die Miete für jede der 110 Wohnungen betrug ursprünglich 110 Reichsmark monatlich, einschließlich Verpflegung, Heizung und Warmwasser.

Architektur-Beschreibung mini|Gesamtaufnahme von Südosten, mit Eingang (1932) (Hinweis: Die Beschreibung stellt den baugeschichtlich bedeutsamen, ursprünglichen Zustand dar. Das Altersheim wurde in den 1970er, 1980er und 2010er Jahren umgebaut und erheblich verändert; vgl. dazu das Kapitel „Weitere Nutzungsgeschichte, Veränderungen, Instandsetzungen“.)

Das Eckgrundstück für den Altersheimbau im Winkel zwischen Friedrich-Ebert-Straße und Tannenkuppenstraße weist eine Dreiecks-ähnliche Grundform auf. Die rechtwinklige Gebäudekonzeption war allerdings unabhängig von der Grundstücksform entwickelt und ergab sich weitgehend aus ihrem inneren Funktionszusammenhang. Das Gebäudeensemble besteht aus zwei Ost-West-orientierten fünfgeschossigen, flachgeckten Wohnflügeln, die durch einen zweigeschossigen Wirtschaftstrakt an der Westseite miteinander verbunden sind. Quer zum Nordflügel liegt die dreigeschossige Heizzentrale. Um das Gebäudeensemble herum sind zu den Straßen hin eingefriedete, tiefe Vorgärten ausgebildet. Die beiden Wohnflügel umschließen eine interne Grünfläche, die sich nach Westen zum Aschrottpark öffnet. mini|Ansicht auf die Rückseiten der Wohnflügel mit aufgeständerten Stirnseiten (1932) Die Südfassaden der Wohnflügel sind in einer durchgängigen Fensterfront aufgelöst, die dem Gebäude den Eindruck von Schwere und Massivität nehmen und nicht nur einen unerhörten Eindruck auf die Zeitgenossen machten, sondern auch die Architekten selbst überraschten: „(...) bei der Lösung dieser Aufgabe entwickelte sich die äußere Gestaltung zwangsweise aus den inneren Erfordernissen mannigfaltiger Art. Auch hier ergab sie sich in einer gewissen Grundsätzlichkeit, und auch wir waren überrascht von dem neuartigen Ausdruck.“Otto Haesler: Mein Lebenswerk als Architekt. Berlin (Ost) 1957, S. 79.

Den Fassaden vorgelagert sind durchgehende Laufgänge, die zusammen mit dem ablesbaren Stahlskelett ein mehrschichtiges Raster von horizontalen und vertikalen Linien bilden. Das grafisch reizvolle Linienspiel war baukünstlerisch gewollt und wurde wegen der Perspektiv-Effekte sofort nach Fertigstellung fotografisch festgehalten und verbreitet. Die Südfassaden gehen am Ostende auf Höhe des verbindenden Wirtschaftstrakts in geschlossenere Bereiche für die dort befindlichen Treppenhäuser und Nebenräume über. In der südlichen Verlängerung des Verbindungstrakts liegt im Erdgeschoss in einem vorspringenden, niedrigen Gebäudeblock der Haupteingang an der Friedrich-Ebert-Straße.

An den zur Tannenkuppenstraße ausgerichteten Schmalseiten sind die Wohnflügel im Sockelgeschoss auf schlanke Stützen aufgeständert. Der an den Nordflügel angebaute dreigeschossige Heizflügel weist eine aufgeständerte Durchfahrt und am Nordgiebel auf sowie markante drei Schornsteine aus Metallrohren, deren ungeschöntes Erscheinungsbild in Kassel „einen Sturm der Entrüstung“Otto Völckers 1932, zitiert nach Simone Oelker: Otto Haesler. Eine Architektenkarriere in der Weimarer Republik. Dölling und Galitz Verlag, München 2002, ISBN 3-935549-15-6, S. 125. hervorrief.

Im Gebäudeinnern sind vor allem die Wohnflügel von Interesse, deren Grundrisse im Achsraster des Stahlskeletts im Süden die Bewohnerzimmer und im Norden lange Flure zeigen. Jede Wohneinheit besteht aus einem kombinierten Wohn-Schlaf-Raum, der laut Wettbewerbsbedingungen 22 m² Fläche aufweist. Dabei ist die Fläche platzsparend in einen Flur mit Garderobe, einen Wohnraum und eine Schlafnische mit Waschbecken unterteilt. Die Südseite der Räume ist vollständig in Fensterflächen aufgelöst. Ein 50 cm tiefes Blumenfenster ragt in den Raum hinein und eine zweiflügelige Tür öffnet sich auf den schmalen Austrittsbalkon. Das Blumenkastenfenster stellte einen „bescheidenen Wintergarten“ dar: „Er gibt dem Raum eine heitere Stimmung, lenkt die Damen zu einer angenehmen und lebendigen Betätigung, beseitigt die Gefahr der zu starken Abkühlung und Erwärmung und gibt schließlich, zumal er bis unten durchgeführt ist, dem bescheidenen Raum eine überraschende Weite und Freiheit.“Zitiert nach A[lexander] Dorner: Altersheim in Kassel. Architekten Otto Haesler und Karl Völker, Celle. In: Zentralblatt der Bauverwaltung, vereinigt mit Zeitschrift für Bauwesen, 52. Jahrgang 1932, Nr. 9 (vom 24. Februar 1932), S. 97–105, hier S. 97/101.

Das Gebäude ist in Stahlskelettbauweise errichtet, wobei die Binderrahmen einen Abstand von 4 m aufweisen. Außen bestehen die Wände aus Hohlziegeln, innen aus Tektonplatten und 10–12 cm starken Schwemmstein-Wänden.Anders beschrieben rückblickend bei Otto Haesler: Mein Lebenswerk als Architekt. Berlin (Ost) 1957, S. 77: „Diejenigen Außenwände, die nicht so stark in Glas aufgelöst sind, sind mit Hohlziegel ausgefacht und edelverputzt, nach innen mit Heraklith-Platten verkleidet.“ Der Abstand der Stahlbinder entspricht der Breite der Wohneinheiten, die nach Otto Haesler „wie Telephonzellen zwischen den Eisenkonstruktionen hineingebaut“Otto Haesler: Mein Lebenswerk als Architekt. Berlin (Ost) 1957, S. 77. sind.

Zur modernen Erstausstattung im Innern gehörten Radioanschlüsse in jeder Wohnung, eine „Staats- und Privattelephonanlage“, auf jedem Gang eine „Lichtsignalanlage und eine elektrische Nebenuhr“ sowie eine „Postschließfachanlage“.Simone Oelker: Otto Haesler. Eine Architektenkarriere in der Weimarer Republik. Dölling und Galitz Verlag, München 2002, ISBN 3-935549-15-6, S. 126 und S. 303. Die Innenräume waren mit Bauhaus-Tapeten ausgestattet und mit „Thonet-Erzeugnissen“ möbliert.Simone Oelker: Otto Haesler. Eine Architektenkarriere in der Weimarer Republik. Dölling und Galitz Verlag, München 2002, ISBN 3-935549-15-6, S. 126 f.

Baugeschichtliche Einordnung, Bedeutung und Rezeption Das Marie von Boschan-Aschrott Altersheim gilt im Werk des Architekten Otto Haesler, der sich seit 1925 vor allem als ein internationaler Protagonist des Sozialwohnungsbaus einen Namen gemacht hatte, als sein – neben der Altstäder Schule in Celle – bedeutendster Nichtsiedlungsbau.