Ali Ghandour (* 1983 in Casablanca) ist ein deutsch-marokkanischer muslimischer Theologe und Buchautor. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Praktische Theologie, Sufismus und Sexualforschung. Seit Juni 2024 ist er Juniorprofessor für islamische Theologie an der Universität Hamburg.

Leben Ghandour stammt aus einer Anwaltsfamilie und ist in Casablanca geboren und aufgewachsen. Nach seinem Schulabschluss kam er zum Studium nach Deutschland.»Wer Mohammeds Ratschläge befolgt, ist ein besserer Liebhaber«. Interview von Dunja Ramadan. In: Süddeutsche Zeitung, Magazin, Heft 47 / 2020, 19. November 2020. Er studierte von 2004 bis 2009 an der Universität Leipzig Arabistik und Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Islamwissenschaft. Von 2012 bis 2017 wurde er in der Islamischen Theologie im Rahmen des Graduiertenkollegs Islamische Theologie an der Universität Münster promoviert.. Abgerufen am 7. April 2024. Er studierte außerdem von 2014 bis 2017 am Tibetischen Zentrum Hamburg den systematischen Buddhismus. Seitdem war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Islamische Theologie an der Universität Münster. Seit 2024 ist Ghandour Juniorprofessor für islamische Theologie an der Universität Hamburg.Personendarstellung auf den Seiten der Universität Hamburg

Theologische Positionen Glaubenslehre Ghandour verortet sich in der Tradition der sunnitischen Sufis.Ali Ghandour: Die theologische Erkenntnislehre Ibn al-Arabis. Editio Gryphus, Hamburg 2018. Aus seinen theologischen Texten zu Ibn Arabi geht hervor, dass er die Lehre von wahdat al-wujud, wie sie von Ibn Arabi und seinen Anhängern konzipiert wurde, vertritt.Ali Ghandour: Alles ist eine Offenbarung. In: Jahrbuch für islamische Religionsphilosophie / Yearbook for Islamic Philosophy of Religion, herausgegeben von Ahmad Milad Karimi, 1. Bd. 2. Verlag Karl Alber, Freiburg i. Br 2020.

Praktische Theologie Als praktischer Theologe setzt er sich dafür ein, die Disziplin für tabuisierte und vernachlässigte Bereiche zu öffnen, wie etwa die Seelsorge mit LGBTQ-Muslimen oder Menschen in Glaubenskrisen. Im Jahr 2021 erhielt er ein Forschungsstipendium von der Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft (AIWG) für sein Projekt "LGBTQQIA in der muslimischen Seelsorge".Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft (AIWG): Unsere Forschungsfellows. In seiner Arbeit betont Ghandour die Bedeutung der Erforschung gelebter Religion als Gegenstand der praktischen Theologie. Er kritisiert die Text- und Gelehrtenzentriertheit in der Theologie. Denn sie vermittelt nur ein verzerrtes Bild dessen, wie Glaube und Religion im Leben der Menschen Gestalt annehmen. In seinen Arbeiten wirft er auch einen kritischen Blick auf die Hierarchien, die dadurch zwischen Gelehrten und Laien entstehen.Alhambra Gesellschaft: Das unbequeme Gespräch: Gelehrtenislam vs. gelebter Islam

Normenlehre

In Anlehnung an Fachr ad-Dīn ar-Rāzī und andere vormoderne Theologen sowie moderne Theologen nimmt er eine skeptische Haltung gegenüber Textquellen ein.Ali Ghandour: Mit der Sprachphilosophie und der Normenlehre in den Islamischen Religionsunterricht – Zur Hypothetizität der Bedeutung überlieferter Texte (Koran und Hadith) bei Faḫr ad-Dīn ar-Rāzī (gest. 1210). In Islamische Bildungsarbeit in der Schule: Theologische und didaktische Überlegungen zum Umgang mit ausgewählten Themen im Islamischen Religionsunterricht, herausgegeben von Fahimah Ulfat und Ali Ghandour. Edition Fachdidaktiken. Springer VS, 2020, S. 33. . Als Text können der Koran oder die Hadithe kein absolutes Wissen vermitteln, sondern nur mehrdeutiges und vor allem hypothetisches Wissen. Die Konstituierung von Überzeugungen und Gewissheiten erfolgt daher mit Hilfe anderer Erkenntnismittel, wie der Empirie oder der Vernunft. Er argumentiert, dass Schüler im Religionsunterricht die Kompetenz erlernen sollten, mit Mehrdeutigkeiten in der Religion umzugehen.Ali Ghandour: Mit der Sprachphilosophie und der Normenlehre in den Islamischen Religionsunterricht – Zur Hypothetizität der Bedeutung überlieferter Texte (Koran und Hadith) bei Faḫr ad-Dīn ar-Rāzī (gest. 1210). In Islamische Bildungsarbeit in der Schule: Theologische und didaktische Überlegungen zum Umgang mit ausgewählten Themen im Islamischen Religionsunterricht, herausgegeben von Fahimah Ulfat und Ali Ghandour. Edition Fachdidaktiken. Springer VS, 2020, S. 42ff. .

Sexualforschung Lust und Gunst Sein erstes Buch über die Geschichte der Sexualität in muslimisch geprägten Gesellschaften wurde 2015 Ali Ghandour: Lust und Gunst: Sex und Erotik bei den muslimischen Gelehrten. Editio Gryphus, Hamburg 2015. veröffentlicht und 2017 ins Englische übersetzt. Ali Ghandour: Lust and Grace: Sex and Eroticism in the Works of Muslim Scholars. Editio Gryphus, Hamburg 2017. Darin untersucht er den Umgang muslimischer Gelehrter mit Sex und Erotik in der Vormoderne:

Der Schwerpunkt dieser Studie lag auf den Werken von Ǧalāl ad-Dīn as-Suyūṭī (gest. 1505). Ali Ghandour: Lust und Gunst: Sex und Erotik bei den muslimischen Gelehrten. Editio Gryphus, Hamburg 2015, S. 49–63. In dieser ersten Schrift versuchte er, eine Grundlage für spätere Forschungen zu schaffen. Vor allem machte er auf den Kontrast zwischen der Zeit vor dem 19. Jahrhundert und der Zeit danach aufmerksam. Ali Ghandour: Lust und Gunst: Sex und Erotik bei den muslimischen Gelehrten. Editio Gryphus, Hamburg 2015, S. 64f. Auf den Wandel, der sich im Zuge der Moderne vollzog, ging er in dieser Arbeit jedoch nicht ein. Ali Ghandour: Lust und Gunst: Sex und Erotik bei den muslimischen Gelehrten. Editio Gryphus, Hamburg 2015, S. 64.

Liebe, Sex und Allah: Das unterdrückte erotische Erbe der Muslime In seiner Monografie "Liebe, Sex und Allah" (2019), erschienen bei C.H.Beck, gibt er einen breiten Überblick über die Sexualität und ihre Geschichte in muslimisch geprägten Gesellschaften. Dabei untersuchte er die verschiedenen Beziehungsformen, die Muslime kannten, wie Monogamie, Polygamie und zeitlich begrenzte Ehen sowie gleichgeschlechtliche Beziehungen, und versuchte auch, die historischen Wurzeln gängiger theologischer Auffassungen aufzuzeigen. Ferner befasste er sich in diesem Werk mit Prostitution, Homoerotik sowie der Verarbeitung des Themas Sex und Erotik in vormodernen medizinischen und literarischen Texten der Muslime. Insbesondere das letzte Kapitel des Buches dient der Beantwortung einer Frage, die er bereits im ersten Buch aufgeworfen hatte, Ali Ghandour: Lust und Gunst: Sex und Erotik bei den muslimischen Gelehrten. Editio Gryphus, Hamburg 2015, S. 49–63. nämlich welche Faktoren ab dem 19. Jh. beim Wandel des Diskurses unter Muslimen über Lust und Sexualität eine Rolle spielten. Hier identifiziert Ghandour vier Hauptfaktoren: den Kolonialismus, Ali Ghandour: Liebe, Sex und Allah: Das unterdrückte erotische Erbe der Muslime. C.H.Beck, München 2019, S. 163ff. das Entstehen repressiver Nationalstaaten, Ali Ghandour: Liebe, Sex und Allah: Das unterdrückte erotische Erbe der Muslime. C.H.Beck, München 2019, S. 171ff. das Aufkommen von Ideologien (arabischer Nationalismus, Salafismus, Islamismus) Ali Ghandour: Liebe, Sex und Allah: Das unterdrückte erotische Erbe der Muslime. C.H.Beck, München 2019, S. 175ff. und die Landflucht. Ali Ghandour: Liebe, Sex und Allah: Das unterdrückte erotische Erbe der Muslime. C.H.Beck, München 2019, S. 182f. Das Buch gilt als einer der umfassendsten Texte über Sexualität und Erotik bei Muslimen in deutscher Sprache.

Positionen Emanzipation

In seinen Arbeiten vertritt er emanzipatorische Ansätze, so kritisiert er die Bevormundung der Frauen in seinem Buch "Liebe, Sex und Allah":

Historische Quellen

Er argumentiert, dass wir bei der Erforschung der muslimischen Theologie und Geschichte nur das Wissen von privilegierten männlichen Gelehrten rekonstruieren, die in städtischen Zentren wirkten. Die Stimme der Marginalisierten, wie etwa der Frauen, kommt in den muslimischen Quellen nicht ausreichend zu Wort. Dies ist jedoch kein typisch muslimisches Phänomen, sondern eine Folge der patriarchalischen Strukturen. Ali Ghandour: Liebe, Sex und Allah: Das unterdrückte erotische Erbe der Muslime. C.H.Beck, München 2019, S. 11–12. In einem Interview für die Süddeutsche wurde der Mangel von Quellen, die die weibliche Lust aus weiblicher Perspektive behandeln, thematisiert.»Wer Mohammeds Ratschläge befolgt, ist ein besserer Liebhaber«. Interview von Dunja Ramadan. In: Süddeutsche Zeitung, Magazin, Heft 47 / 2020, 19. November 2020.

Anti-Essentialismus

In seiner Arbeit kritisierte er stets essentialistische Ansätze, die Islam als eine Entität betrachten. So betont er z. B. im Nachwort seines Buches "Liebe, Sex und Allah":

In einem Interview im Deutschlandfunk anlässlich des Erscheinens des Buchs trug Ghandour vor, dass Strafen für Homosexualität im Islam historisch zwar vorhanden waren, aber nicht angewandt wurden. Diese Körperstrafen seien „rein theoretischer Natur“ gewesen. Somit sei der Islam historisch nicht feindlich gegenüber der Homosexualität, weil „die Muslime vor dem 19. Jahrhundert den Begriff Homosexualität gar nicht kannten“.Interview: Erotische Poesie und muslimische Lustratgeber, Moderation: Anne Françoise Weber. Deutschlandfunk Kultur, 11. August 2019 Aber auch, weil der Islam für ihn keine Haltung zeigen kann, da er kein selbst handelndes Subjekt ist.Ali Ghandour:

Rezeption Positive Stimmen Die Forschung von Ghandour wird von zahlreichen Islamwissenschaftlern, Kulturwissenschaftlern und Theologen rezipiert. So weist Thomas Bauer (Arabist) auf die Arbeit von Ghandour als wissenschaftliche Quelle für das Thema Sexualität im muslimischen Kontext hin.Thomas Bauer: Warum es kein islamisches Mittelalter gab: Das Erbe der Antike und der Orient. C.H.Beck, München 2020. In ihrer Arbeit "Spritzen – Geschichte der weiblichen Ejakulation" über die weibliche Ejakulation wird Ghandour von der Kulturwissenschaftlerin Stephanie Haerdle zitiert.Stephanie Haerdle: Spritzen. Geschichte der weiblichen Ejakulation: Originalveröffentlichung. Edition Nautilus GmbH, Hamburg 2020, S. 64. Die Philosophin Bettina Stangneth bezeichnet in ihrem Werk "Sexkultur" das Buch "Liebe, Sex und Allah" als zauberhaft.Bettina Stangneth: Sexkultur. Rowohlt Buchverlag, Hamburg 2020, S. 178.

In ihrer Rezension des Buches "Liebe, Sex und Allah" für SRF schreibt die Journalistin Nicole Freudiger:

Die Journalistin Nabila Abdel Aziz schrieb über Ghandour in Stern folgendes:

Negative Stimmen Sein Buch „Liebe, Sex und Allah: Das unterdrückte erotische Erbe der Muslime“ von 2019 wurde von der Journalistin Eva Berger in der taz eher negativ aufgenommen. Die Rezensentin bescheinigte Ghandour mangelnde historische Expertise. Aus feministischer Perspektive sei das Buch vor allem reaktionär und eine „Apologie der islamischen Glaubensordnung“, deren eigenständiger Sexismus und hausgemachte Frauenfeindlichkeit ausgeblendet werde.Eva Berger: Verklärte islamische Romantikwelt. In: Die Tageszeitung (taz), 19. August 2019.

Schriften Monografien Ali Ghandour: Liebe, Sex und Allah: Das unterdrückte erotische Erbe der Muslime. C.H. Beck, München 2019, ISBN 978-3-406-74175-3. Ali Ghandour: Die theologische Erkenntnislehre Ibn al-Arabis. Hamburg: Editio Gryphus, 2018. Ali Ghandour: Lust und Gunst, Sex und Erotik bei den muslimischen Gelehrten. Editio Gryphus, Hamburg 2015, ISBN 978-3-9817551-0-7. Ali Ghandour: Lust and Grace: Sex and Eroticism in the Works of Muslim Scholars. Hamburg: Editio Gryphus, 2017. Ali Ghandour: Fiqh: Einführung in die islamische Normenlehre. Freiburg im Breisgau: Kalam Verlag, 2015.

Herausgeberschaften Fahimah Ulfat und Ali Ghandour (Hrsg.): Islamische Bildungsarbeit in der Schule: Theologische und didaktische Überlegungen zum Umgang mit ausgewählten Themen im Islamischen Religionsunterricht. Edition Fachdidaktiken. Springer VS, 2020. .