Die SD 2 (Sprengbombe Dickwandig 2 kg) war eine Splitter-Streumunition der deutschen Luftwaffe der Wehrmacht, die im Zweiten Weltkrieg hergestellt und eingesetzt wurde. Eine weitere Bezeichnung lautete Schlachtflieger-Bombe und aufgrund ihres Aussehens im „entfalteten“ Zustand wurde sie von den Briten und Amerikanern Butterfly Bomb (Schmetterlingsbombe) genannt.
Entwicklung Im Spanischen Bürgerkrieg setzte die Legion Condor SD 10 und SC 10-Bomben gegen Fahrzeugkolonnen und Flugplätze ein. Auswertungen sowie spätere Tests zeigten auf, dass diese 10-kg-Bomben beim Abwurf aus dem Tiefflug vielfach von der Erdoberfläche abprallten und zudem eine schlechte Splittercharakteristik aufwiesen. Aufgrund dieser Auswertungen wurde Anfang 1939 die Entwicklung einer kleinen Splitterbombe für den Abwurf aus dem Tiefflug angestoßen. Diese war 1940 fertig entwickelt und bekam die Bezeichnung SD 2. Der erste Gefechtseinsatz erfolgte im Herbst 1940.Wolfgang Fleischer: Deutsche Abwurfmunition bis 1945. Sprengbomben, Brandbomben, Sonderabwurfmunition, Abwurfbehälter, Zünder. Motorbuch Verlag, 2003, S. 53, 71, 105.
Technische Beschreibung Aufbau und Funktionsweise Die SD 2 bestand aus einem dickwandigen Hohlzylinder aus Stahl oder Gusseisen. Befüllt war er mit 225 Gramm Amatol. Seitlich am Hohlzylinder war in einer Buchse ein Zünder eingeschraubt, aus dem eine 121 mm lange Gewindespindel ragte, deren Mittelteil aus einem flexiblen Drahtseil bestand. Vor dem Abwurf war der eigentliche Bombenkörper von zwei halbzylindrischen und an den Stirnseiten von zwei runden Flügeln aus Blechen umgeben. Nach dem Abwurf wurden diese Flügel durch eingebaute Spiralfedern ausgeklappt und rutschten aufgrund ihres Luftwiderstands an das Ende der Spindel, wo sie wie ein Fallschirm wirkten. Dies sorgte zum einen für eine größere Streuung und gab speziell bei Abwürfen aus sehr geringer Flughöhe dem angreifenden Flugzeug mehr Zeit, aus dem Explosionsbereich der Bombe zu entkommen. Da die runden Flügel etwas schräg standen, gerieten die Flügel (und mit ihnen die Spindel) zudem in Drehung, wodurch der Zünder nach etwa 5–10 Umdrehungen scharf wurde. Bei der Detonation zerlegte sich der Hohlzylinder in 50 Splitter zu je 5 Gramm sowie in rund 200 leichtere Splitter.Wolfgang Fleischer: Deutsche Abwurfmunition bis 1945. Sprengbomben, Brandbomben, Sonderabwurfmunition, Abwurfbehälter, Zünder. Motorbuch Verlag, 2003, S. 71–73 & 141.
Die Ausführung SD 2 B unterschied sich von der ursprünglichen SD 2 nur dadurch, dass der Zünder mit Hilfe eines Steckgewindes (ähnlich einem Bajonettverschluss) anstelle eines gewöhnlichen Schraubgewindes eingesetzt wurde.
Bei einer späteren Version wurde auf die halbzylindrischen Flügel verzichtet und die Flügel an den Stirnseiten wurden annähernd dreieckig beschnitten. Durch den geringeren Luftwiderstand wurde die Abdrift während des Falls der Bombe geringer, wodurch sich ein dichteres Trefferbild ergab. Allerdings war der Einsatz im Tiefflug nicht mehr möglich, da die Bomben sonst direkt unter dem eigenen Flugzeug explodiert wären.
Die Lackierung der SD 2 war uneinheitlich. Es gab feldgraue und dunkelgrüne Exemplare (teilweise mit gelben oder roten Streifen), gelbe (teilweise mit roten Streifen) oder ganz rote.
Ausgeliefert wurde die SD 2 in Kisten à 24 Stück.
Zünder Für die SD 2 bzw. SD 2 B standen verschiedene Zünder zur Verfügung, die jeweils zusammen mit einer Zündladung 34 zum Einsatz kamen: Doppelzünder Dopp.Z (41): Der einzige in der ursprünglichen SD 2 verwendete Zünder. Mit einem kleinen Hebel konnte er entweder in die Stellung „Zeit“ oder in die Stellung „AZ“ gebracht werden. In der Stellung „Zeit“ explodierte die Bombe etwa 5 Sekunden nach dem Scharfmachen des mechanischen Zünders, also bei ausreichender Abwurfhöhe noch in der Luft. In der Stellung „AZ“ wirkte der Zünder als Aufschlagzünder. Beim Abwurf aus sehr geringer Höhe explodierte die Bombe erst 2,5 Sekunden nach dem Aufschlag, um das abwerfende Flugzeug nicht zu gefährden. Blindgänger waren sehr empfindlich gegen Erschütterungen. Theoretisch konnte der Zünder durch das Hineindrehen der Spindel wieder entschärft werden, was jedoch extrem gefährlich war. Doppelzünder Dopp.Z (41A): Wie Zünder 41, jedoch weniger empfindlich und mit anderem Gewinde zur Verwendung in der SD 2 B Langzeitzünder LZtZ (67): Zeitzünder mit Uhrwerk für die SD 2 B. Die Verzögerung konnte auf 5 bis maximal 30 Minuten eingestellt werden. Wahlweise konnte der Zünder auch als Aufschlagzünder verwendet werden. Nachdem das Uhrwerk erst einmal angelaufen war, konnte der Zünder nicht mehr entschärft werden. Störzünder Z (70) B: Zünder mit einem mechanischen Uhrwerk. Machte die SD 2 B praktisch zu einer luftverlegten Antipersonenmine. Nach dem Aufprall auf den Boden wurde nach einer kurzen Verzögerungszeit der Zünder endgültig scharf und ließ die Bombe bei der kleinsten Bewegung explodieren. Die Verzögerung war nötig, um eine Explosion zu verhindern, wenn sich die Bombe unmittelbar nach dem ersten Aufschlag noch bewegte. Der Einsatz von SD 2 mit diesem Zünder aus Vertikalmagazinen (s. u.) war verboten, um das eigene Flugzeug nicht durch hängengebliebene Bomben zu gefährden. Störzünder Z (70) A: Wie 70B, jedoch mit zusätzlichem chemisch-mechanischem Langzeitzünder als Selbstzerstörungsmechanismus mit einer Verzögerung von 4 bis 30 Stunden. In welchem Umfang dieser Zünder wirklich zum Einsatz kam, ist unklar.
In der Regel wurden, nachdem die Zünder 67 und 70 zur Verfügung standen, gleichzeitig Bomben mit verschiedenen Zündern abgeworfen, etwa in einem Mischungsverhältnis von 1:4 (Zünder 67 / Zünder 41). War zu erwarten, dass eigene Truppen das angegriffene Gebiet zeitnah besetzen würden, wurde auf die Verwendung des Zünders 70 verzichtet.
Abwurfbehälter und Streubomben Die SD 2 wurden nicht einzeln, sondern massenweise mit Streubomben oder aus an Flugzeugen montierten Abwurfbehältern abgeworfen. Für den Abwurf aus mehrmotorigen Bombern entwickelten die Deutschen das Vertikalmagazin Vemag 90, das in 10 Schächten je 9 Stück SD 2 übereinander aufnahm. Im Bombenschacht einer Do 17 Z konnten beispielsweise bis zu vier Vemag 90 eingebaut werden, so dass dieser Flugzeugtyp insgesamt 360 Stück der SD 2 laden konnte.Do 17 Z - Beladung, Bedienung und Wartung der Abwurfwaffenanlage. Heft a: Einsatz der Schlachtfliegerbombe SD 2 in Do 17 Z (L.Dv.T.585/10a), Mai 1941 (PDF; 17 MB) Für die Messerschmitt Bf 109 E/F gab es spezielle Abwurfgestelle zum Anbau unter dem Rumpf mit einer Kapazität von 96 Bomben.Bf 109 E - Beladung, Bedienung und Wartung der Abwurfwaffe. Heft a: Einsatz der Schlachtfliegerbombe SD 2 in Bf109 E und F (L.Dv.T.2404/Bo), März 1941 (PDF; 3,0 MB) Die Junkers Ju 87 oder die Messerschmitt Bf 110 konnten pro Maschine ebenfalls 96 SD 2 tragen, aufgeteilt auf je 2 Roste à 24 Stück unter jeder Tragfläche.Ju 87 B und R - Beladung, Bedienung und Wartung der Abwurfwaffe. Heft a: Einsatz der Schlachtfliegerbombe SD 2 (L.Dv.T.2332/5a), März 1941 (PDF; 7,6 MB)Bf 110 E - Beladung, Bedienung und Wartung der Abwurfwaffenanlage. Heft a: Einsatz der Schlachtfliegerbombe SD 2 (L.Dv.T.2110 E/Bo), Juni 1941 (PDF; 7,5 MB) Auch einige andere Flugzeugtypen konnten mit solchen Vorrichtungen ausgerüstet werden.
Für den Abwurf aus größeren Höhe standen verschiedene Abwurfbehälter zur Verfügung, etwa der AB 23, der 23 SD 2 fasste, der AB 250-2 mit 144 SD-2 oder der AB 250-3 mit 108 Bomblets.
Einsatz im Zweiten Weltkrieg Vereinigtes Königreich Die SD 2 wurde von der Luftwaffe erstmals am 28. Oktober 1940 über Ipswich abgeworfen,Captain Charles Morris Cann auf der Webpräsenz der Royal Engineers Association – Bomb Disposal BranchChris Ransted: Bomb Disposal in World War Two, Pen and Sword, Barnsley 2017, ISBN 978-1-52671-565-4, Kapitel 4 später auch über anderen englischen Städten und militärischen Zielen wie Flugfeldern, jedoch zunächst nur in geringen Stückzahlen. Im gesamten Jahr 1942 wurde die SD 2 über Großbritannien überhaupt nicht eingesetzt. Erst 1943 warf die Luftwaffe die Butterfly Bomb in größeren Mengen über England ab – allein im Bereich der Städte Grimsby und Cleethorpes wurden in der Nacht vom 13. auf den 14. Juni, neben herkömmlichen Spreng- und Brandbomben, etwa 3.000 SD 2 abgeworfen (ein Bericht des Home Office von 1945 nannte eine Zahl von 2.760 Stück). Die Splitterbomben forderten während und nach diesem Angriff 163 Opfer.Martin Brayley: The British Home Front 1939–45, Osprey Publishing, Oxford / New York 2005, ISBN 978-1-841-76-661-4, S. 41In der angegebenen Quelle ist von „casualties“ die Rede; ob damit nur Todesopfer oder auch Verwundete gemeint sind, ist unklar. Nach anderen Quellen starben bei dem Angriff insgesamt 66 Menschen, davon 30 alleine in der ersten Stunde nach dem Angriff durch die SD 2. Im Laufe der folgenden Wochen erhöhte sich die Zahl der Todesopfer auf 114. Erst am 9. Juli war die Räumung der Splitterbomben, zu der über 10.000 Personen eingesetzt worden waren, offiziell abgeschlossen.Paul Johnson: Butterfly bombs bring terror in the morning after Grimsby’s worst night auf www.grimsbytelegraph.co.uk, 17. Juni 2018James I Rogers: Remembering the terror the Luftwaffe's butterfly bombs brought to the North auf www.theguardian.com, 21. Juni 2013 Sieben Männer wurden für ihren Einsatz mit der George Medal ausgezeichnet. Zu diesem Zeitpunkt waren jedoch immer noch nicht alle SD 2 beseitigt. Schätzungen zufolge befanden sich 1945 im Bereich von Grimsby und Cleethorpes noch 732 unentdeckte SD 2. Nach Kriegsende wurden auch deutsche Kriegsgefangene zur Räumung eingesetzt. Erst 1948 wurde die Gegend für sicher erklärt.
Die SD 2 behinderten nicht nur die Lösch- und Rettungsarbeiten – das öffentliche Leben in dem betroffenen Gebiet war bis zur Räumung der butterfly bombs praktisch gelähmt. Aufgrund einer strikten Nachrichtensperre erfuhren die Deutschen jedoch vermutlich nie, wie wirksam der Einsatz der SD 2 gegen Grimsby und Cleethorpes war.
Von allen Todesopfern, die im Gebiet um Grimsby bei insgesamt 37 Angriffen innerhalb von fünf Jahren zu verzeichnen waren, starb mehr als die Hälfte bei diesem einen Angriff.
Die hohen Opferzahlen unter der Bevölkerung veranlassten die britische Führung, mit Plakaten und Filmen vor den Gefahren zu warnen, die von den butterfly bombs ausgingen. Aus Sicherheitsgründen wurden diese von den britischen Bombenräumern in der Regel nicht entschärft, sondern an Ort und Stelle gesprengt. In den ersten 30 Minuten nach dem Abwurf durfte sich laut den britischen Vorschriften niemand einer solchen Bombe nähern für den Fall, dass sie mit einem Zünder 67 ausgestattet war.
Sowjetunion Bereits am 22. Juni 1941, dem ersten Tag des Überfalls auf die Sowjetunion spielte die SD 2 eine wichtige Rolle, als die Luftwaffe sie – zusammen mit der etwas größeren SD 10 – benutzte, um die Flugzeuge der sowjetischen Luftwaffe noch am Boden zu vernichten. Am ersten Tag konnte die Luftwaffe insgesamt etwa 2.000 sowjetische Maschinen zerstören, bei einem Verlust von nur 35 eigenen Flugzeugen, davon 15 ohne Feindeinwirkung.Lonnie O. Ratley III.: A Lesson of History: The Luftwaffe and Barbarossa, Air University Review Vol. 34 No. 3 (März / April 1983), S. 50–65 (pdf) Ein Großteil davon ging auf das Konto von Splitterbomben, die sich im Bombenschacht verklemmt hatten und noch im Flug oder bei der Landung explodierten. Kurz nach Beginn des Russlandfeldzugs wurde daher das Mitführen von SD-Bomben in internen Bombenschächten verboten. Mindestens eine Ju 88 der ersten Angriffswelle ging außerdem verloren, als sie mit einer SD 2 kollidierte, die von einer vorausfliegenden Maschine abgeworfen worden war.