mini|Nationales Zentrum für Forensische Medizin in Abu Kabir, Tel Aviv-Jaffa Das Nationale Zentrum für Forensische Medizin (, Plene auch: ; NCFM) in Abu Kabir (zu Tel Aviv-Jaffa), Israel, ist die einzige Einrichtung in Israel, der es erlaubt ist, Leichen zu obduzieren. Es ist dem Gesundheitsministerium unterstellt und verbunden mit der Sackler-Fakultät der Universität Tel Aviv. Es ist vom israelischen Wissenschaftsrat als Institut für Rechtsmedizin anerkannt.
200px Name Das Nationale Zentrum für Forensische Medizin wurde benannt nach Leopold Greenberg (; 1885–1964), Richter an der Appellate Division of the Supreme Court of South Africa, dem wesentlich die Sammlung der südafrikanischen Spenden zur Errichtung des Zentrums zu danken ist, und erhielt deshalb den Namen Leopold-Greenberg-Institut. Aber dieser Name wurde nicht in den allgemeinen Sprachgebrauch übernommen. Kennzeichnend für diese Namenssituation ist, dass das Zentrum auf der offiziellen israelischen Regierungsseite National Center of Forensic Medicine (Abu Kabir) genannt wird.
Geschichte Das Nationale Zentrum für Forensische Medizin Abu Kabir wurde auf dem Gelände der verlassenen und zerstörten Ortschaft Abu Kabir südlich von Tel Avivs Innenstadt und östlich von Jaffa errichtet. In der ägyptischen Besatzungszeit unter Ibrahim Pascha gründeten ägyptische Kolonisten Siedlungen im ägyptisch besetzten Teil der Levante, darunter im Jahre 1832 Abu Kabir in der östlichen Peripherie Jaffas. Der Beschluss der UNO vom 29. November 1947, im Mai 1948 das Mandatsgebiet zu teilen, sah die Gründung eines arabischen und eines jüdischen Staates vor, wobei Abu Kabir mit Jaffa eine Exklave des zu gründenden arabischen Staates inmitten des jüdischen sein sollte.
Für den Fall der Gründung eines Staates für Juden – neben einem für nichtjüdische Araber – kündigten die benachbarten Staaten Königreich Ägypten, Königreich Irak, Syrien und Transjordanien – sämtlich Mitglieder der Arabischen Liga – die Invasionen ihrer Streitkräfte an, um die Gründung Israels militärisch zu unterbinden bzw. rückgängig zu machen. In Erwartung dieses durch die Nachbarstaaten angekündigten Krieges mühten sich die Parteien im Lande – einerseits antizionistische überwiegend nichtjüdische und andererseits zionistische überwiegend jüdische Palästinenser – darum, auch mit Gewalt Positionen und Posten einzunehmen bzw. zu halten, die im bevorstehenden Krieg strategisch wichtig erschienen, was sich zum Bürgerkrieg zwischen arabischen und jüdischen Palästinensern auswuchs. Abu Kabir wurde zu einem wichtigen Stützpunkt für arabische Milizen, die gegen umliegende jüdische Städte und Ortschaften kämpften, und das Minarett der Dorfmoschee wie der hohe Kirchturm der Apostel-Petrus-Kirche dort dienten Scharfschützen als Hochsitze, um Bewohner in Florentin (), Naweh Schaʾanan () und Schapira () wie andern südlichen Vierteln Tel Avivs zu erschießen,Danny Recht (), „“, auf: ; abgerufen am 21. November 2023. wovon noch Einschusslöcher am 650 Meter entfernten Haus Nr. 99 Ecke Rechov Bar Jochai zeugen.Ori Dvir (), נְקֻדַּת חֵן תֵּל־אָבִיב–יָפוֹ, Tel Aviv-Jaffo: , neue, aktualisierte Auflage, 1991/25752Greg./Jüd. Kal. (9.9.1991–27.9.1992) (15744), S. 54.
Am 13. Februar 1948 startete die Hagannah um 21 Uhr mit dem Beschuss Abu Kabirs mit Davidkas die Operation Merkaz.Redaktion der , „“, auf: ; abgerufen am 21. November 2023. Am 31. März 1948 wiederholte die Hagannah den Mörserbeschuss auf Abu Kabir, dessen Bewohner angesichts des Beschusses flohen, so dass sie den Ort einnehmen konnte und viele Gebäude sprengte, um eine neuerliche Bedrohung der südlichen Vororte Tel Avivs von hier aus zu verhindern.
In der Folge wurde Abu Kabir in Givʿat Herzl umbenannt, doch setzte sich dieser Name nur für die nach 1948 neu entstandenen westlichen Viertel durch, ein anderes neue Wohnviertel heißt Tabitha nach dem an der Apostel-Petrus-Kirche verehrten Grab der durch Simon Petrus auferweckten Tabitha ‹der Gerechten›. Auch in den 1860er Jahren bezeichnete der lokale Volksmund den Bereich um die spätere Apostel-Petrus-Kirche auf Arabisch wahlweise als Arḍ al-Ṭābīṯā () oder Darbatayn Ṭābīṯā (.Россия в Святой Земле. Документы и материалы: 2 Bände, Außenministerium der Russischen Föderation / Архив внешней политики Российской империи, Kaiserliche Orthodoxe Palästina-Gesellschaft und институт российской истории РАН (Hrsgg.), Moskau: Международные отношения, 2000, Bd. II ‹61. Акт об учреждении вакуфа архимандритом Антонином. 12 сентября 1889 г. Яффа›, S. 218.)
Aber für die historische Ortslage der ägyptischen Kolonie konnten sich diese Namen nicht durchsetzen und die Ortschaft wird weiterhin auch von der jüdischen Bevölkerung als Abu Kabir bezeichnet. Erhaltene Gebäude, darunter auch moderne Schul- und Hospitalbauten der Mandatszeit, die im Zuge der Suburbanisierung Abu Kabirs bis 1947 entstanden waren, übernahm die Stadt Tel Aviv, wohin Abu Kabir 1951 eingemeindet worden war. Im Jahre 1952 bezog der Machon ha-Bijologi ha-Pedagogi (,“”, auf: נוסטלגיה אונליין; abgerufen am 21. November 2023. 1931 im Rechov Jehudah ha-Levi 12 als Seminar für Lehrer der Naturwissenschaften gegründet), ein ehemaliges Hospitalgebäude, das zuletzt als Lazarett im Krieg um Israels Unabhängigkeit gedient hatte. Ab 1953 unter Leitung Heinrich Mendelssohns als Machōn Ūnīversīṭaʾī lɘ-Madʿej ha-Ṭeva () bildete es die Keimzelle der Universität Tel Aviv (TAU),NN ,“The I. Meier Segals Garden for Zoological Research: History”, auf: The I. Meier Segals Garden for Zoological Research; abgerufen am 3. Oktober 2016. die am 6. Juni 1956 formell gegründet wurde. Das Institut räumte 1981 die Gebäude in Abu Kabir und bezog neue Baulichkeiten auf dem TAU-Campus in Ramat Aviv.
Etwa 450 Meter südlich des Instituts wurde 1954 durch Heinrich Karplus das Nationale Zentrum für Forensische Medizin gegründet. Heinrich Karplus (geboren am 26. Oktober 1905 in Wien, gestorben 1988) war Sohn von Johann Paul Karplus und Valerie von Lieben. Valerie von Lieben war die Tochter von Anna von Lieben aus der Familie der von Todescos. 1955 wurde es offiziell eröffnet und zählte organisatorisch zur Hebräischen Universität Jerusalem, denn die Spenden zu seiner Errichtung hatte Leopold Greenberg als Vorsitzender der South African Friends of the Hebrew University gesammelt.
Von 1967 (Sechstagekrieg) bis 1994 (Interimsabkommen über das Westjordanland und den Gazastreifen) wurden auch Leichen von Palästinensern in diesem Zentrum obduziert. Nach 1994 richteten die Palästinenser auf Drängen von Jassir Arafat eigene Institute für Rechtsmedizin ein.
Karplus leitete das Zentrum von 1954 bis 1974. Im Jahre 1975 wechselte das Zentrum von der Hebräischen Universität in die Zuständigkeit des israelischen Gesundheitsministeriums. Nachfolger von Karplus als Direktor des Nationalen Zentrums für Forensische Medizin wurde Bezalʾel Bloch. Er musste 1985 wegen Bestechung zurücktreten, weil er Geld für eine Stellungnahme genommen hatte.
mini|Chen Kugel, 2015 Von 1988 bis 2004 war Yehuda Hiss Direktor des Nationalen Zentrums für Forensische Medizin. Er musste sein Direktorat aufgeben, nachdem sein Mitarbeiter Chen Kugel Missstände im Umgang mit Leichen und der Verwendung von aus ihnen entnommenen Organen öffentlich kritisiert hatte. Danach blieb Hiss bis zu seiner Entlassung 2012 leitender Forensiker des Zentrums und Kugel wurde 2005 entlassen. Die Führung des Zentrums lag in dieser Zeit beim Gesundheitsministerium und beim Krankenhaus Assaf HaRofeh. Erst nachdem Hiss 2013 in seinen regulären Ruhestand eingetreten war, wurde als neuer Direktor des Nationalen Zentrums für Forensische Medizin Chen Kugel berufen.
Untersuchung und Identifikation der Mordopfer der Hamas 2023 Die Leichen und Leichenteile von 1.139 Israelis und Ausländern (Stand 15. Dezember 2023NN, “Israel social security data reveals true picture of Oct 7 deaths” (15. Dezember 2023), auf: France 24; abgerufen am 20. Januar 2024.), die palästinensische Terroristen aus dem Gazastreifen von der Hamas und anderer Terrororganisationen in den Massakern von Alumin, von Beʾeri, von Kfar ʿAzza, von Kissufim, von Nachal ʿOz, von Nirim und Nir ʿOz, von Ofaqim und von Reʿim wie andernorts am 7. Oktober und den Folgetagen ermordet hatten, stellte das Zentrum für Forensische Medizin vor kaum zu bewältigende Aufgaben. Weder Personal noch technische Kapazität sind für eine solche in Israel nie dagewesene Zahl von Leichen und Leichenteilen Ermordeter ausgelegt.
Das Zentrum für Forensische Medizin baute umgehend zwei Außenstellen auf. Am Flughafen Ben Gurion eröffnete ein zentrales Meldezentrum für Angehörige und Freunde Vermisster, um Angaben zu den Personen zu machen und Gegenstände abzugeben, die vermutlich ihre DNA tragen (Zahnbürsten, Kämme und andere dergleichen Dinge des sehr persönlichen Gebrauchs), anhand deren Leichen und Leichenteile namentlich zugeordnet werden könnten. In Ramla auf der Zahalbasis Schura wurde ab 7. Oktober 2023 ein temporäres forensisches Zentrum errichtet.NN, „Hamas-Opfer: Das Tor zur Hölle“, in: Jüdische Allgemeine Wochenzeitung, 1. November 2023; abgerufen am 20. Januar 2024. Dazu wurden 20 Kühlcontainer aufgestellt, wo in Plastiksäcken vom Säuglingsformat bis zur Größe Erwachsener Leichen und Leichenteile eingeliefert wurden, von über 1.000 Menschen allein bis Ende Oktober, die in überfallenen Ortschaften und verstreut im Gelände des Gazagürtels und teils darüber hinaus bis hin nach Ofaqim unter anderem in Suchaktionen Freiwilliger wie vom Verein ZAKA gefunden worden waren. Für einzelne Leichenteile, die erst zugeordnet werden müssen, ist einer der 20 Kühlcontainer vorbehalten.
Von Hamas- und anderen Terroristen wenig zugerichtete, vollständige Leichen ihrer Mordopfer, oder in Spitälern ihren Verletzungen erlegene Terroropfer, deren Identität und Todesart sicher ist oder festgestellt werden konnte, konnten den Angehörigen umgehend zur Bestattung übergeben werden. Dass die Identifikation so vieler zugerichteter unbekannter toter Menschen Zeit nimmt, nötigt zum Aufschub ihrer Beisetzungen, obwohl jüdische Bestattungen traditionell unverzüglich erfolgen. Doch ist der Aufschub geboten, denn jüdische Gräber bedürfen eines Namenszeichens der jeweils Bestatteten aus beständigem Material, um der Halachah zu folgen, jedes Grab der Identität einer Person zuzuordnen und zu wahren. Damit ist die Feststellung der Identität einer Leiche halachisch kein ungebührlicher Verzug.
Forensiker und anderes im ganzen Land zusammengezogenes Personal wie qualifizierte Freiwillige, v. a. Polizisten und Pathologen, arbeiteten im Dreischichtbetrieb auch an Schabbat, um den Angehörigen Klarheit über Tod und Verbleib ihrer Vermissten zu geben. Bis zum 17. Oktober 2023 konnten Leichen und Leichenteile bereits 504 Personen zugeordnet werden. So stellten die Forensiker den Tod Shani Louks fest, deren regungslosen Körper bei der Zurschaustellung im Gazastreifen Terroristen in ihren Videos gezeigt hatten, weshalb zunächst Hoffnung bestand, sie sei bewusstlos gewesen, aber am Leben.Katharina Bacher, „Forensiker analysieren menschliche Überreste des Hamas-Terrors – manche Vermisste werden für immer verschollen bleiben“ (5. November 2023), auf Neue Zürcher Zeitung; abgerufen am 20. Januar 2024. Während ihre übrige Leiche weiterhin verschwunden blieb, identifizierten Forensiker mittels DNA-Abgleichs einen im Gelände, wo Terroristen sie überfallen hatten, aufgefundenen von einem Schädel abgesprengten Splitter eines Felsenbeins als ihren, wodurch anhand der notwendig vorangegangenen tödlichen Verletzung sie sicher für tot erkannt werden konnte.