mini|Charles Maurras. Aufnahme des Fotostudios Harcourt 1937. Charles Maurras (* 20. April 1868 in Martigues; † 16. November 1952 in Tours) war ein rechtsextremer französischer Schriftsteller und politischer Publizist.
Leben und Schaffen Seit frühem Kindesalter stark schwerhörig, wuchs Maurras in einer rechtskatholischen bürgerlichen Familie auf. Er absolvierte ein katholisches Gymnasium in Aix-en-Provence, erhielt eine solide klassische Bildung, verlor aber früh den Glauben. Nach dem baccalauréat ging er 1885 nach Paris. Hier betätigte er sich als Literaturkritiker, Lyriker, Erzähler und Essayist, der vor allem für konservative und katholische Zeitschriften schrieb. Er schloss Freundschaft mit dem gut 20 Jahre älteren Autor Anatole France (der zu dieser Zeit politisch noch rechts stand, allerdings zugleich Agnostiker war) und geriet in den Bann der progressistischen Philosophie des Positivismus.
1891 schloss er sich der „école romane“ an, die kurz zuvor von einigen Literaten, darunter insbesondere Jean Moréas, gegründet worden war. Diese sah die Wurzeln der französischen Kultur in deren griechisch-römischem Erbe und ihren reinsten Ausdruck in der französischen Klassik des 17. Jahrhunderts, wogegen sie die angeblich jüdisch-germanisch geprägte Romantik als einen Beginn und den späteren Symbolismus als eine weitere Ursache allen Übels für Frankreich betrachtete. Ein Nährboden dafür war der seit 1871 (verlorener Deutsch-Französischer Krieg) in Frankreich weit verbreitete Revanchismus. Literarischer Ausdruck dieser Sicht waren beispielsweise Maurras’ Erzählband Le Chemin du Paradis (Der Weg zum Paradies, 1895) oder die Essaysammlung Les Amants de Venise (Die venezianischen Liebenden, insbesondere die romantischen Autoren George Sand und Alfred de Musset, 1902).
Spätestens 1895 befand er sich politisch auf der Seite der nationalistischen Rechten und stand u. a. mit dem boulangistischen Abgeordneten und Romancier Maurice Barrès in Kontakt.
1896 reiste er, da er sich schon früh für die Ideen des französischen Sportpädagogen Pierre de Coubertin interessiert hatte, als Reporter für eine französische Zeitschrift zu den ersten Olympischen Spielen in Athen.
In seinen politisch intendierten Büchern, Broschüren und Artikeln propagierte Maurras die Wiedereinführung der Monarchie und den Katholizismus als Staatsreligion, wobei er sich von beidem ein weniger zentralistisches, aber ideologisch geeintes, starkes Frankreich erhoffte, das dem aufstrebenden Deutschen Reich wirtschaftlich, militärisch und geistig-moralisch Paroli bieten sollte. Trotz seines Engagements für den Katholizismus war Maurras selbst Agnostiker: „Ich hatte das Unglück, den Glauben zu verlieren, aber ich bin kein Atheist, wie man mir verleumderisch nachsagt. Ich bin nie einer gewesen.“ (La démocratie religiuese).
Als Frankreich 1898 durch die Dreyfus-Affäre (den Streit um das Fehlurteil gegen Alfred Dreyfus, einen Offizier, der unschuldig wegen Spionage für Deutschland zu lebenslanger Verbannung verurteilt worden war) tief gespalten wurde, war Maurras einer der aktivsten Anti-Dreyfusards. In der Gestalt des jüdischen Spions sah der glühende Antisemit und Germanophobe seine beiden Feindbilder vereint. Kompromisslos trat er gegen eine Revision des Urteils oder einen Freispruch ein und schloss sich sowohl dem von anderen Anti-Dreyfusards gegründeten nationalistischen Comité d’Action française als auch der Ligue de la patrie française an. Maurras trug maßgeblich zur Umformung der Action française in einen straff organisierten Verband bei, die Ligue d’Action française, die sich unter seiner Ägide einer monarchistischen, chauvinistischen, fremdenfeindlichen und antisemitischen Ideologie verschrieb, dem integralen Nationalismus. Als Organ der „Liga“ diente ab 1899 die von Maurras und seinem Gesinnungsgenossen Léon Daudet geleitete Zeitschrift La Revue de l’Action française. Eine Jugendorganisation, die Camelots du roi, die zunächst vor allem zum Straßenvertrieb der Zeitschrift gegründet worden war, machte bald auch durch Schlägereien mit politisch linken Gruppen von sich reden.
1908 ermöglichte der Erfolg der Zeitschrift, sie in eine Tageszeitung mit dem Titel L’Action française umzuwandeln. Maurras war einer der wichtigsten Vordenker des nationalistischen Frankreichs geworden.
Seine polemischen Veröffentlichungen trugen ihm nicht nur mehrere Prozesse ein, sondern auch Duellforderungen. So focht er im Februar 1912 ein Säbelduell mit Paul de Cassagnac aus, dem Herausgeber der rechten Zeitschrift L’Autorité, der sich von ihm diffamiert fühlte. Cassagnac verletzte Maurras dabei am Unterarm.Jean-Christophe Buisson: Charles Maurras ou la contre-révolution permanente. In: derselbe, Guillaume Tabard (Hrsg.): Les grandes figures de la droite. De la Révolution française à nos jours. Le Figaro Magazine/Perrin, Paris 2020, ISBN 978-2-262-08810-1, S. 237–255, hier S. 249, Anm. 19. Das Duell wurde filmisch festgehalten.
Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 betätigte sich Maurras als publizistische Stütze der Union sacrée zwischen den rechten Parteien und den Sozialisten, die der gleichzeitigen Burgfriedenspolitik der Parteien in Deutschland entsprach.Daniel Mollenhauer: Maurras, Charles in Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Markus Pohlmann, Irina Renz (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. 2. Auflage, Paderborn, 2014, S. 706
In der Zwischenkriegszeit wurde die Ligue de l’Action française zahlenmäßig zwar von anderen rechten Organisationen überholt, doch behielt Maurras großen Einfluss auf die rechten Intellektuellen und die rechten Politiker. Maurras kritisierte den Versailler Vertrag von 1920, weil er zu milde gegenüber dem besiegten Deutschland sei, und kritisierte in der Folgezeit die kompromissbereite Annäherungspolitik, die der gemäßigt-linke Außenminister Aristide Briand ab 1924 betrieb. 1925 rief er in einem offenen Brief dazu auf, Innenminister Abraham Schrameck „wie einen Hund“ zu töten,Charles Maurras: La politique. II. Lettre ouverte à M. Abraham Schrameck, ministre de l’Intérieur. In: L’Action française, Jg. 18, Nr. 160 vom 9. Juni 1925, S. 1. weil dieser jüdischer Abstammung war und die Entwaffnung der rechtsextremen „Ligen“ durchgesetzt hatte, darunter auch den Ordnungsdienst der Action française. Dies trug ihm eine Bewährungsstrafe ein. Im Dezember 1926 erklärte Papst Pius XI. unter dem Einfluss der Kardinäle Enrico Gasparri und Carlo Confalonieri die ideologischen Positionen von Maurras für unvereinbar mit dem Katholizismus und setzte seine Schriften sowie die Action française auf den Index, weil darin die Kirche nur als Mittel zu nationalistischen Zwecken instrumentalisiert werde. Dadurch gerieten viele gläubige Anhänger Maurras’ in Loyalitätskonflikte. Am 8. März 1927 belegte der Papst die AF-Mitglieder sogar mit dem Interdikt, sie waren damit vom Sakramentenempfang ausgeschlossen.
1936 bedrohte Maurras Ministerpräsident Léon Blum, den er wegen seiner jüdischen Abstammung schon zuvor beleidigt hatte, mit dem Tod. Erneut wurde er verurteilt, diesmal ohne Bewährung. Während seiner achtmonatigen Haftstrafe wurde Maurras von der zu dieser Zeit überwiegend konservativen Académie française zum Mitglied gewählt.
Nachdem er schon die Machtergreifung des italienischen Faschisten Benito Mussolini (1922) begrüßt hatte, sympathisierte er während des Spanischen Bürgerkriegs und danach mit dem Franquismus von General Franco. Trotz seiner notorischen Deutschfeindlichkeit schien ihm auch der Nationalsozialismus Hitlers in vielerlei Hinsicht interessant und besonders in seinem Antisemitismus nachahmenswert. Gegenüber Deutschland vertrat er pazifistische Tendenzen und pries die Appeasement-Politik von Ministerpräsident Édouard Daladier. Nach der Niederlage Frankreichs im Juni 1940 unterstützte er den neuen französischen Staatschef Marschall Philippe Pétain und dessen „Révolution nationale“, die weitgehend von seinen Ideen inspiriert war. Ebenso billigte er Pétains Politik der Kollaboration mit dem nationalsozialistischen Deutschland.
Nach der Befreiung Frankreichs wurde Maurras 1944/45 als geistiger Ziehvater Pétains geschmäht und zum prodeutschen Kollaborateur erklärt. Er wurde im September 1944 verhaftet, am 17. Januar 1945 zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt und von seinem Sitz in der Académie française suspendiert.
Am 19. März 1952 wurde er von Staatspräsident Vincent Auriol krankheitshalber begnadigtSamuel M. Osgood: French Royalism Since 1870. Springer, 2. Aufl. 1970, S. 200 (online) und in die Klinik Saint-Grégoire in Tours (Stadtteil Saint-Symphorien) verlegt. Dort starb er am 16. November 1952. Kurz vor seinem Tod kehrte er zur Frömmigkeit seiner Kindheit zurück.
Posthumes In Aix-en-Provence widmet sich ein Zentrum für Maurras-Studien (‚Centre Charles Maurras‘) dem Autor und seinem Schaffen.https://openlibrary.org/. In den Jahren 1960 bis 1978 gab es 68 Ausgaben der Zeitschrift Cahiers Charles Maurras heraus.
Anlässlich seines 150. Geburtstages sollte Maurras im offiziellen Kalender der nationalen Ehrungen („Recueil des Commémorations nationales 2018“) erwähnt werden, der jährlich vom Ministerium für Kultur und Kommunikation herausgegeben wird.siehe auch francearchives.fr: Im Januar 2018 kamen Stimmen gegen die Erwähnung des Antisemiten Maurras auf.lefigaro.fr vom 27. Januar 2018: Commémorations: Maurras fait polémique Daraufhin ließ Françoise Nyssen, Ministerin für Kultur und Kommunikation, die bereits gedruckten Exemplare einstampfen.Le Figaro, 29. Januar 2018 (online: Françoise Nyssen retire la référence à Charles Maurras du livre des commémorations 2018). Der Neudruck enthält keinen Beitrag mehr über Maurras. Politische Diskussionen um Gedenktage haben in Frankreich eine lange Tradition.deutschlandfunk.de vom 15. Juli 2018 / Albrecht Betz: Immer wieder hitzige Debatten um Gedenktage in Frankreich
Werke 1889 – Théodore Aubanel 1891 – Jean Moréas 1894 – Le Chemin du Paradis, mythes et fabliaux 1896–1899 – Le voyage d’Athènes 1898 – L’idée de décentralisation 1899 – Trois idées politiques : Chateaubriand, Michelet, Sainte-Beuve 1900 – Enquête sur la monarchie 1901 – Anthinéa : d’Athènes à Florence 1902 – Les Amants de Venise, George Sand et Musset 1905 – L’Avenir de l’intelligence 1906 – Le Dilemme de Marc Sangnier 1910 – Kiel et Tanger 1912 – La Politique religieuse 1914 – L’Action française et la religion catholique 1915 – L’Étang de Berre 1916 – Quand les Français ne s’aimaient pas 1916–1918 – Les Conditions de la victoire, (vier Bände) 1920 – Les trois aspects du Président Wilson - la neutralité - l'intervention - l'armistice 1921 – Tombeaux 1922 – Inscriptions 1923 – Poètes 1924 – L’Allée des philosophes 1925 – La Musique intérieure 1925 – Barbarie et poésie 1927 – Lorsque Hugo eut les cent ans 1928 – Le prince des nuées 1928 – Un débat sur le romantisme 1928 – Vers un art intellectuel 1928 – L’Anglais qui a connu la France 1929 – Corps glorieux ou Vertu de la perfection 1929 – Promenade italienne 1929 – Napoléon pour ou contre la France 1930 – De Démos à César 1930 – Corse et Provence 1930 – Quatre nuits de Provence 1931 – Triptyque de Paul Bourget 1931 – Le Quadrilatère 1931 – Au signe de Flore 1932 – Heures immortelles 1932–1933 – Dictionnaire politique et critique, (fünf Bände) 1935 – Prologue d’un essai sur la critique 1937 – Quatre poèmes d’Eurydice 1937 – L’amitié de Platon 1937 – Jacques Bainville et Paul Bourget 1937 – Les vergers sur la mer 1937 – Jeanne d’Arc, Louis XIV, Napoléon 1937 – Devant l’Allemagne éternelle 1937 – Mes idées politiques deutsch: Meine politischen Gedanken. Verlag Antaios, Steigra, ISBN 978-3-939869-71-9 1937 – La Dentelle du Rempart 1940 – Pages africaines 1941 – Sous la muraille des cyprès 1941 – Mistral 1941 – La seule France 1942 – De la colère à la justice 1943 – Pour un réveil français 1944 – Poésie et vérité 1944 – Paysages mistraliens 1944 – Le Pain et le Vin 1945 – Au-devant de la nuit