Das Victoria-and-Albert-Akbar-nāma oder Erste Akbar-nāma ist die erste illustrierte Handschrift des Akbar-nāma, der Geschichte des Mogulherrschers Akbar und seiner Vorfahren aus der Feder Abu 'l-Fazls. Es handelt sich zugleich um die älteste Abschrift des Akbar-nāma, das nahezu zeitgleich mit diesem Manuskript entstand.

Noch bevor Abu 'l-Fazl seinen Text abgeschlossen hatte, wurden die schon abgefassten Kapitel von einem Kalligraphen kopiert und in den königlichen Ateliers bebildert. Diese Eile hatte zur Folge, dass nach einer Überarbeitung des Werkes durch den Autor massive Veränderungen an der bereits illustrierten Handschrift nötig wurden. Um die aufwendig angefertigten Buchmalereien in der revidierten Textfassung weiterverwenden zu können, mussten Texttafeln innerhalb der Bilder und auf deren Rückseiten mit dem neuen Wortlaut überklebt werden. Dadurch sind vor allem die Bildseiten der Handschrift ungewöhnlich dick.

Ein Teil des Manuskriptes mit 116 Bildern wird heute im Victoria and Albert Museum unter der Inventarnummer I.S. 2–1896 1-117 verwahrt. Die darin dargestellten Ereignisse liegen im Zeitraum zwischen 1560 und 1577. Der vorangehende Band dieses Akbar-nāma befindet sich im Golestanpalast in Teheran. Etwa 20 losgelöste Illustrationen sind auf verschiedene Museen und Sammlungen weltweit verteilt.

Über die genaue Datierung der Illustrationen herrscht in der Fachwelt keine Einigkeit. Durch ihre stilistische Nähe zu einer bebilderten Geschichte Timurs, dem Tīmūr-nāma (ca. 1584–1586), werden sie von manchen in die Zeit von 1586 bis 1587 eingeordnet, während andere, aufgrund der bekannten Abfassungszeit des Akbar-nāma, eine Entstehungsphase von 1590 bis 1595 annehmen.

Geschichte der Handschrift Das Manuskript besitzt kein Kolophon. Auf dem unteren Rand von Folio 84/117 (Bild Nr. 169, Rückseite) findet sich jedoch eine informelle Notiz, die lautet: „vollendet auf den Befehl von …(unleserlich)… im Monat Day des Jahres 40“. Damit ist das 40. Regierungsjahr Akbars gemeint, so dass sich ein Datum im Zeitraum vom 10. Dezember 1595 bis 9. Januar 1596 ergibt.Seyller: „Codicological Aspects of the Victoria and Albert Museum Akbarnāma.“ 1990, S. 383. Text und Bilder des Victoria-and-Albert-Akbar-nāma geben nur den Zeitraum von 1560 bis 1577 wieder.Stronge: Painting for the Mughal Emperor. 2002, S. 48. Neben dieser kleinen Inschrift geben mehrere Siegel und handschriftliche Anmerkungen auf dem recto des ersten FoliosDas Erste Akbar-nāma beginnt auf dem Verso von Folio IS. 2:1-1896 (1/117). Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Leserichtung im Persischen von rechts nach links läuft. Hinweise auf den weiteren Verbleib des Manuskriptes: Jahangir bestätigt in einem Autograph die Übernahme des Werkes kurz nach seiner Thronbesteigung und stuft dieses Akbar-nāma als besonders wertvolles Manuskript „erster Klasse zweiten Grades“ ein.Seyller: „The Inspection and Valuation of Manuscripts in the Imperial Mughal Library.“ 1997, S. 274.Stronge: Painting for the Mughal Emperor. 2002, S. 55. Als Nächstes hat Aurangzeb 1668/69 den Band mit seinem Siegel versehen lassen, danach ist das Werk zu einem nicht näher bestimmbaren Zeitpunkt aus der kaiserlichen Bibliothek verschwunden. Siegel aus den Jahren 1766 und 1794 weisen den Nawab von Rampur als neuen Besitzer aus.Vgl. Seyller: „The Inspection and Valuation of Manuscripts in the Imperial Mughal Library.“ 1997, S. 295. Das weitere Schicksal des Buches lässt sich nur vage nachvollziehen. Da sich der erste Band des Victoria-and-Albert-Akbar-nāma im Golestanpalast befindet,Dieser Teil der Handschrift trägt die Inventarnummer 2253. Er umfasst 666 Seiten, in denen nur zwölf Illustrationen verblieben sind. Vgl. Mohammad Ali Rajabi: Masterpieces of Persian Painting. Exhibition held at the Tehran Museum of Contemporary Art, in spring 2005. Institute for Promotion of Visual Arts in association with the Teheran Museum of Contemporary Arts. Teheran 2011². ISBN 978-600-91382-2-7. S. 396–399. John Seyller, Basawan, in: Milo C. Beach, Eberhard Fischer, B.N. Goswamy (Hrsg.): Masters of Indian Painting. 1100–1650. Artibus Asiae Publishers, (Supplementum 48 I) Zürich 2011. S. 128. ISBN 978-390707750-4. liegt die Annahme nahe, dass dieser Band zu irgendeinem Zeitpunkt nach 1669 in den Iran gelangt ist. Der zweite Band ist in Indien verblieben, bis er von Major General Clarke, der von 1858 bis 1862 als hoher Verwaltungsbeamter in der Provinz Awadh tätig war, erworben wurde. Seine Witwe hat das Manuskript schließlich 1896 an das Victoria and Albert Museum verkauft. Im Museum ging man anfangs noch davon aus, dass es sich um ein bebildertes Āʾīn-i Akbarī handelte. Erst als Henry Beveridge 1905 das Museum besuchte, identifizierte er die Handschrift als ein Akbar-nāma.

Die äußere Gestalt mini|Eine Seite aus dem 1. Akbar-nāma, ca. 1590.Die fragmentarische Handschrift im Victoria and Albert Museum umfasst 273 Folios mit 116 Illustrationen und einem illuminierten Frontispiz.Stronge: Painting for the Mughal Emperor. 2002, S. 36. Die Seiten haben eine Größe von 37,4 × 24,7 cm, die Textfelder mit 25 Zeilen, beschrieben in Nastaʿlīq, messen 24 × 13,4 cm.Seyller: „The Inspection and Valuation of Manuscripts in the Imperial Mughal Library.“ 1997, S. 295. Bei der Größenangabe der Folios handelt es sich immer um einen Durchschnittswert; die einzelnen Folios haben nicht immer exakt dieselbe Größe. Aus diesem Grund finden sich in der Literatur unterschiedliche Werte. Beach: The Imperial Image. 2012, S. 196 Fußnote 10 gibt als Seitengröße ca. 38,1 × 22,4 cm an. Die Bilder sind im Schnitt etwa 32,5 × 19,5 cm groß.Stronge gibt bei allen Illustrationen die genauen Bildgrößen an, die jeweils ohne Ränder und Rahmen gemessen sind. Vgl. Stronge: Painting for the Mughal Emperor. 2002, S. 187. Das Manuskript war bereits zum Zeitpunkt des Ankaufs durch das Victoria and Albert Museum zum Teil in seine einzelnen Folios zerfallen, die locker zwischen zwei lackierten Buchdeckeln in einer Schachtel verwahrt wurden. Die insgesamt 116 Illustrationen hat man einzeln gerahmt, so dass sie ausgestellt werden können.

Eine Besonderheit der Handschrift sind die ungewöhnlich dicken Bildseiten und merkwürdig gestaltete Textfelder auf den Illustrationen. Bei einer Untersuchung der Handschrift hat John Seyller festgestellt, dass diese Auffälligkeiten eine Folge der nachträglichen Veränderung des Textes sind. Um die mit großem Aufwand angefertigten Bilder für einen anderen Text verwenden zu können, hat man die Rückseiten mit einer kompletten Textseite überdeckt und die Schriftfelder in den Illustrationen mit neuen, passenden Texttafeln überklebt. In manchen Fällen hat man den alten Wortlaut auch übermalt oder auf andere Weise unkenntlich gemacht, beispielsweise auf Bild 101. Folios, die auf der Vorder- und Rückseite nur Schrift besaßen, hatte man einfach durch neu beschriebene Blätter ersetzen können. Die Veränderungen sind nicht nur an den unterschiedlichen Farben des ursprünglichen und des später verwendeten Papiers zu erkennen, sondern auch an den manchmal übergroßen, manchmal schief aufgeklebten neuen Texttafeln (zum Beispiel Bild Nr. 110, 115, 116) sowie einer an wenigen Stellen noch sichtbaren Handschrift eines anderen, früheren Kalligraphen.Seyller: „Codicological Aspects of the Victoria and Albert Museum Akbarnāma.“ 1990, S. 380–381. Stronge: Painting for the Mughal Emperor. 2002, S. 84.

Der neue Wortlaut hat auf den Bildseiten andere Kustoden erfordert. Häufig hat der Schreiber einfach die aktuelle Kustode neben die frühere geschrieben. Manchmal erscheint eine Kustode sowohl auf der Vorder- als auch auf der Rückseite eines illustrierten Folios – ein Hinweis darauf, dass das Blatt bei der Neugestaltung des Buches umgedreht, also von einem recto in ein verso verwandelt wurde oder umgekehrt.Seyller: „Codicological Aspects of the Victoria and Albert Museum Akbarnāma.“ 1990, S. 381.

Schließlich musste der neue Text so eingepasst werden, dass die Erzählung am richtigen Punkt auf die zugehörige Illustration trifft. Dazu hat der Kalligraph das Tempo der Erzählung zuweilen künstlich durch schräg gestellte Zeilen verlangsamt.

Die Datierung der Illustrationen Abu 'l-Fazl hatte im Jahre 1589 erstmals den Auftrag zur Abfassung von Akbars Regierungsgeschichte erhalten und den ersten Teil des Textes, der die Zeit bis zum Jahr 1572 behandelt, im April 1596 überreicht. Zwei Jahre später war die Fortsetzung des Werkes bis zum Jahr 1598 fertiggestellt. Die Illustrationen der vorliegenden Handschrift ordnet das Victoria and Albert Museum dem Zeitraum von ca. 1592–1594 zu.Diese Angabe findet sich unter „more information“ zu den einzelnen Illustrationen der Handschrift, zum Beispiel bei Bild Nr. IS.2:93-1896; Stronge: Painting for the Mughal Emperor. 2002, S. 84. Die Frage nach der Entstehungszeit ist jedoch umstritten.

Grob gesagt gibt es zwei verschiedene zeitliche Einordnungen: eine Gruppe von Fachleuten datiert die Bilder in die Zeit von ca. 1590–1595Stronge, Leach, Losty, Rice – Stronge: Painting for the Mughal Emperor. 2002, S. 45. Leach: „Pages from an Akbarnama.“ In: Crill, Stronge und Topsfield (Hrsg.): Arts of Mughal India. Studies in Honour of Robert Skelton. 2004, S. 43 und Fußnote 5 S. 53–54. Losty und Roy: Mughal India. Art, Culture and Empire. 2012, S. 28 und S. 46. Yael Rice, „One Flower from each Garden.“ In: Larry Silver und Kevin Terraciano: Canons and Values. Ancient to Modern. The Getty Research Institute, Los Angeles 2019, S. 138–162, s.S. 155., eine andere auf 1586–1587.Seyller, Beach, Brand und Pal: Seyller: „Codicological Aspects of the Victoria and Albert Museum Akbarnāma.“ 1990, S. 384; Beach: The Imperial Image. Paintings for the Mughal Court. 2012, S. 69; Michael Brand, „Miskin“, in Milo Beach, Eberhard Fischer und B.N. Goswamy (Hrsg.): Masters of Indian Painting 100–1650. Artibus Asiae Publishers, Zürich 2011. Artibus Asiae Supplementum 48/I. S. 167–186, s.S. 168, Nr. 6–9. Pratapaditya Pal: Indian Painting. A Catalogue of the Los Angeles County Museum of Art Collection. Los Angeles County Museum of Art, Los Angeles 1993, s.S. 203. ISBN 0-8109-3465-5. Letztere schließt sich der Einschätzung von Seyller an. Er hatte nachweisen können, dass die Illustrationen älter sind als der begleitende Text und daraus gefolgert, dass die Bilder zu einer früheren, nicht näher bekannten Akbar-Geschichte gehören – eine These, die Milo Beach, ein früherer Direktor der Freer Gallery of Art, ähnlich bereits 1981 vorgetragen hatte.Beach: The Imperial Image. 1981, S. 83. Die Datierung der Illustrationen könne somit unabhängig von der Abfassung des Akbar-nāma nach rein stilistischen Gesichtspunkten vorgenommen werden. Nach einer eingehenden Abwägung der künstlerischen Eigenarten verortet er die Miniaturen zeitlich zwischen dem Tārīkh-i khāndān-i Tīmūriyya von 1584/86 und dem Rāmāyana von 1589, wobei er eine Entstehung in den Jahren 1586/87 für wahrscheinlich hält.Seyller: „Codicological Aspects of the Victoria and Albert Museum Akbarnāma.“ 1990, S. 384.

Den Ausführungen Seyllers widerspricht vor allem Susan Stronge, Kuratorin am Victoria and Albert Museum. Sie ist in ihren Untersuchungen zu dem Schluss gekommen, dass es sich bei dem Text, für den die Bilder ursprünglich angefertigt wurden, lediglich um eine der älteren Versionen von Abū 'l-Fazls Werk handelt. Wobei auch der jetzige Text noch nicht der bekannten Edition des Akbar-nāma entspricht. Die auffälligsten Unterschiede sind der abrupte Textbeginn im Jahre 1560, der so mit keiner der bekannten Bandunterteilungen übereinstimmt, das fehlende lange Nachwort nach Beendigung der ersten dreißig Lebensjahre Akbars und die ebenfalls fehlende Einleitung zum nächsten Band.Stronge: Painting for the Mughal Emperor. 2002, S. 45.