mini|alt=Frontalaufnahme Émile Rey, stehend|Émile Rey Émile Rey (* 21. August 1846 in La Saxe (heute Courmayeur) im Aostatal im Herzogtum Savoyen, damals Königreich Sardinien; † 24. August 1895 am Dent du Géant in Frankreich) war ein Bergführer aus dem italienischen Aostatal.
Rey galt in seiner Zeit als „Prinz der Bergführer“ in der Umgebung von Courmayeur. Er war Ende des 19. Jahrhunderts einer der anerkanntesten und am meisten respektierten Bergführer seiner Region, weil er Erstbesteigungen in den höchsten und schwierigsten Bergen im Mont-Blanc-Massiv der Alpen erfolgreich bewältigte. Er gilt als einer der ganz Großen unter den Bergführern seiner Zeit („one of the greatest guides of his generation.“)
Biografie Émile Rey kam in La Saxe, einer Fraktion des Dorfes Courmayeur, zur Welt, woher auch seine Familie stammte. Sein gelernter Beruf war Schreiner. Er wirkte am Bau verschiedener Berghütten mit. Zu diesen Hütten zählte diejenige beim Grand Paradis, Col du Géant, Aiguilles Grises und Grandes Jorasses.
Reys Karriere als Bergführer begann erst, als das Goldene Zeitalter des Alpinismus schon vorbei war. Anders als seine Zeitgenossen erwarb und entwickelte er seine Kompetenzen und Fertigkeiten nicht etwa dadurch, dass er bei einem älteren, erfahrenen Bergführer in die Lehre gegangen wäre und einem solchen zugedient hätte. In seinem Buch „Pioneers of the Alps“ (1888) hält der britische Bergsteiger C. D. Cunningham fest,
Rey musste 30 Jahre alt werden, bis er endlich ein Angebot für ein längerfristiges Engagement als Bergführer bekam, und zwar von Lord Wentworth. Dieser verpflichtete ihn für den größten Teil der Bergsteigersaison 1876 sowie für die beiden nachfolgenden Jahre (climbing season). 1877 gelang ihm, zusammen mit Lord Wentworth und Jean-Baptiste Bich, die Erstbesteigung der Aiguille Noire de Peuterey. Zusammen bewältigten sie weitere respektable Erstbesteigungen, u. a. des Les Jumeaux in Valtournanche. Allerdings verdankte er seinen Ruf als einer der talentiertesten und waghalsigsten Profikletterer überhaupt in der Alpenregion zwei anderen Klienten, nämlich J. Baumann und John Oakley Maund. Nicht jeder ihrer Versuche, neue und anspruchsvolle Routen zu erschließen, war erfolgreich. So scheiterten sie etwa beim Versuch, von Plan des Aiguilles zur Aiguille du Plan zu gelangen.
Nicht von Erfolg gekrönt war auch das äußerst kühne, frühe Vorhaben von J. Baumann, E. Rey und den zwei weiteren beigezogenen Bergführern Johann Juan und J. Maurer, 1881 über den Mittellegigrat auf den Eiger zu klettern. Rey scheiterte am Steilaufschwung nach dem Großen Turm.Alpenvereinsführer Berner Alpen, RZ 1136: Der Steilaufschwung nach dem Großen Turm (3692 m) ist mit Fixseilen versehen. ISBN 978-3-85902-385-7. Erst 1925, also erst viel später, wurde diese Route schließlich bezwungen. J. Baumann hielt später, bezogen auf die gescheiterten Bemühungen seines Bergführers, Folgendes fest:
mini|Blick auf den Mittellegigrat des Eigers|alt=Blick auf den Mittellegigrat des Eigers Reys erster herausragender Erfolg als Bergsteiger und Bergführer stellt die Erstbesteigung der Aiguille Noire de Peuterey dar. Später wurde der Mont Blanc ein wichtiger Ausgangsort für seine Expeditionen und seine Dienste wurden regelmäßig von wohlhabenden Klienten von überall aus Europa in Anspruch genommen. Zu ihnen zählten auch Elizabeth Alice Hawkins-Whitshed, Paul Güßfeldt, Anton von Rydzewski und Luigi Amedeo di Savoia-Aosta.
1882 leitete Rey ein Team, das sich vorgenommen hatte, die Leichen des Bergsteigers Francis Maitland Balfour und dessen Bergführers Johann Petrus zu bergen. Die beiden Männer hatten als erste die Aiguille Blanche de Peuterey bezwungen. Balfour hatte Rey ursprünglich gebeten, sich ihnen anzuschließen. Doch Rey lehnte ab; dies aufgrund der heiklen Schneeverhältnisse. Tatsächlich war Rey drei Jahre später bei der erfolgreichen Erstbesteigung auf den Gipfel auch mit dabei.
Der Soldat und Bergsteiger John Percy Farrar, späterer Präsident des Alpine Club, kommentierte später im Alpine Journal die Serie der kühnen Erstbesteigungen und das Erproben neuer Routen, die damals im Gebiet der Aiguille Blanche de Peuterey auffällig war, wie folgt:
Rey war mit Faustina Vercelin verheiratet. Aus der Ehe gingen zwei Söhne hervor, Adolphe und Henri, auf die Rey sehr stolz war. Der ältere der beiden, Adolphe Rey (1878–1969), trat später in die Fußstapfen seines Vaters und wurde ebenfalls Bergführer.
Erstbesteigungen Rey gelang die Erstbesteigung von über einem Dutzend Berggipfeln. Dazu zählen:
1877: Erste Querung der Aiguille des Grands Charmoz 1877: Erstbesteigung der Aiguille Noire de Peuterey, in Begleitung von Lord Wentworth (dem Enkel von Lord Byron) und von Jean-Baptiste Bich (am 5. August 1877). 1879: Erstbesteigung der Aiguille de Talèfre (), zusammen mit Johan Baumann, F. J. Cullinan, G. Fitzgerald, Joseph Moser und Laurent Lanier (am 25. August 1879). 1880: Erstbesteigung des Col de Peuterey zusammen mit Georg Gruber und Pierre Revel, in Freney (13. August 1880). 1882: Erstbesteigung der Calotte de Rochefort, dem höchsten Gipfel der Les Périades, zusammen mit C. D. Cunningham. 1883: Erstbesteigung des tieferen Gipfels der Aiguille du Midi, wieder in Begleitung von C. D. Cunningham. 1885: Erstbesteigung der Aiguille Blanche de Peuterey, zusammen mit Henry Seymour King und den weiteren Bergführern Ambros Supersaxo und Aloys Anthamatten (am 31. Juli 1885). 1887: Erste erfolgreiche Querung von der Grand Dru zum Petit Dru, zusammen mit Henri Dunod François Simond (am 31. August 1887). 1888: Erstbesteigung des Mont Blanc im Winter von der italienischen Seite aus, zusammen mit Alessandro, Corradino, Erminio und Vittorio Sella, Joseph Jean Baptiste, Daniele Maquignaz, Giuseppe Maquignaz, unterstützt von zwei Trägern. Von den Aiguilles Grises erreichten sie mittels Stufenschlagens im Eis den Bosses-Grat und über diesen den Gipfel. Darauf stiegen sie am 5. Januar wieder herunter, und zwar über Grands Mulets. Diese Expedition wurde später als „ein sehr beachtliches und gewagtes Unternehmen“ gewürdigt. 1888: Neue Route zum Mont Blanc über den Ostgrat der Aiguille de Bionnassay zusammen mit Katharine Richardson und Jean-Baptiste Bich (am 13. August). 1889: Erste Querung vom Petit Dru zur Aiguille du Dru, in Begleitung von Katharine Richardson und Jean-Baptiste Bich (am 30. August und unter Inanspruchnahme zweier Bergführer, die auf dem Grand Dru positioniert waren). 1890: Besteigung des Castor () mit Abstieg über den Nordhang, zusammen mit Katharine Richardson und Jean-Baptiste Bich. 1893: Erste Besteigung des Mont-Blanc über den Peutereygrat, also über die Aiguille Blanche. Dies während einer viertägigen Klettertour vom 14. bis 17. August 1893, zusammen mit Paul Güßfeldt, Christian Klucker und César Ollier. 1895: Erstbesteigung des Mont Maudit vom zuvor bestiegenen Mont Blanc aus über die Nordwestflanke zum Col du Mont Maudit () und dann zum Gipfel. Erster gemeinsamer Abstieg von dort zusammen mit George Morse. Anlässlich dieser Mont-Blanc-Expedition feierten die beiden am 21. August Reys Geburtstag. Nur drei Tage später starb Rey.
Zu weiteren bedeutenden Bergexpeditionen Reys zählen: 1879: Zweite Bergbesteigung der Grand Dru. die dritte, vierte und fünfte Besteigung des höheren der beiden Gipfels der Dru-Zwillingsberge (i.e. des „Grand Dru“), dies während einer viertägigen Bergexpedition. Bei einer dieser Expeditionen wirkte auch W. E. Davidson mit. Man kletterte dabei, und zwar, ohne am Vorabend in einer Hütte übernachtet zu haben, direkt vom Mer de Glace, damals Glacier Montanvert genannt, herüber. Man musste zudem ohne überhaupt durch fix befestigte Seile oder Leitern gesichert zu sein, einen Weg durchs Gelände finden. Dieses Kunststück beeindruckte die ersten Besteiger dieser Route zutiefst, wie Augenzeugen offen bekannten. Begehung des Gran Paradiso vom Tribulation-Gletscher aus. Besteigung des Dent d’Hérens über den Gipfel (Cresta) Tiefenmatten. 1887, 22. September: Längsüberschreitung vom südwestlichen Porta Roseg zum nordöstlichen Piz Bernina zusammen mit Güßfeldt und J. B. Aymonod. 1892: Erste Begehung der sog. 'Variante Güssfeldt', was bedeutet: vierte Begehung auf dieser Route zum Mont Blanc, dies zusammen mit Paul Güßfeldt, Laurent Croux und Michel Savoye (am 16. August 1892). Während dieses Aufstiegs fiel Güßfeldts Eispickel in den gefährlichen Couloir, der heute seinen Namen trägt.
Auslandsaufenthalte Im Winter 1884 reiste Rey nach Großbritannien, wo er mehrere Wochen mit dem englischen Bergsteiger C. D. Cunningham in England verbrachte. Seine Reise endete mit einem Besuch des Mme Tussaud’s Museum, der mit einem intellektuellen Gespräch mit dem Herausgeber des Nineteenth Century Magazins ausklang. Darauf unternahm Rey eine Visite Schottlands. In Schottland bestiegen Rey, Cunningham und, als einziger Einheimischer, John Cameron, in der Wintersaison am 11. Februar und nach einer Schlechtwetterperiode den Gipfel des Ben Nevis. Die Gipfelbesteigung verbanden sie mit einem Besuch des dort vor wenigen Monaten zuvor neu eröffneten Observatoriums und genossen dort einen heißen Kaffee und einen frisch getoasteten Schiffszwieback zusammen mit den Beschäftigten des Observatoriums und den dort anwesenden beiden Assistenten. Cunningham berichtete später, dass Rey die gemeinsame Besteigung des Ben Nevis sehr oft erwähnte, mehr als etliche andere seiner anspruchsvollen Klettertouren in den Alpen. In Schottland unternahm Rey auch einen Ausflug nach Edinburgh. Dort bestieg er auch den Arthur’s Seats und schloss sich damit einer lokalen Tradition an.
Rey verbrachte auch einen Winter in Meiringen, um sich gute Deutschkenntnisse anzueignen und sich so, als bestens qualifizierter Bergführer, noch effektiver gegenüber anderen führenden Schweizer Bergführern, wie etwa Andreas Maurer, den er selber sehr bewunderte, behaupten zu können. Es war ihm sehr wohl bewusst, dass er, Rey, immer wieder mit solchen Bergführern zu tun haben würde, und dass dabei seine Sprachkenntnisse bei der Zusammenarbeit mit dem Oberländer Bergführer hilfreich bzw. entscheidend sein dürften.
Verschiedenes Rey war bekannt dafür, stets in bester körperlicher Verfassung zu sein. Weder rauchte er, noch ließ er sich je zu unüberlegten Handlungen hinreißen. Er hatte sich unter Kontrolle. Sein höflicher, respektvoller Umgang mit allen, die mit ihm zu tun hatten, war weit über den Verkehr unter Bergsteigern und Bergsteigerinnen bekannt und wurde überall stets geachtet und geschätzt. Im Herbst 1886 bestieg Rey auf einer Klettertour das Schreckhorn im Berner Oberland; nur knapp entkam er dabei einer Lawine. Er entkam auch einer herunterfallenden Eisplatte, die einer vom Bergführer Meyer geleiteten Seilschaft, die nur zehn Minuten nach ihm unterwegs war, zum Verhängnis wurde (Bei dieser Expedition kam einer der Teilnehmenden, ein Herr Munz ums Leben, nachdem er und sein Führer schwer verletzt worden waren). Rey beschloss deshalb, den Abtransport von Munz’ Leiche nach Grindelwald an die Hand zu nehmen. Einer der Klettergefährten von Rey, C. D. Cunningham, hielt später dazu fest, dass er zutiefst davon beeindruckt gewesen sei von Reys „Charakterstärke, über die er verfügte und von der effektiven Art, wie Rey Organisatorisches anpackte.“ Er kam zum Schluss, dass Rey, wo immer er sich einbrachte, sogleich und ohne Widerstand von seinen Mitbergsteigern als charismatische Führerpersönlichkeit anerkannt wurde und man sich seinen Entscheiden unterordnete. Er galt als „lebendiger, inspirierender Geist jeder Seilschaft“ (“the moving spirit of the whole party”.)