mini|409x409px|Wichtige Stationen während der Flucht der Geiselnehmer: Rot: Strecke mit dem Audi 100 vom 16. bis 17. April; Violett: Strecke mit Bus 53 von 17. bis 18. April; Blau: Strecke mit BMW 735i am 18. April Die Geiselnahme von Gladbeck (auch bekannt als Gladbecker Geiseldrama) war ein aufsehenerregendes Verbrechen in Deutschland und den Niederlanden im Sommer 1988, in dessen Verlauf drei Menschen ums Leben kamen. Der Bankraub mit anschließender Geiselnahme begann im nordrhein-westfälischen Gladbeck und endete nach rund 54 Stunden auf der Autobahn 3 bei Bad Honnef mit einem Zugriff des Spezialeinsatzkommandos (SEK) der Kölner Polizei. Im Nachgang der Tat wurde am Verhalten von Polizei und Berichterstattern massive Kritik geübt und eine gesellschaftliche Debatte über Verantwortung und Grenzen des Journalismus angestoßen.
Die beiden Haupttäter Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski überfielen am 16. August 1988 die in einem Einkaufszentrum des Gladbecker Stadtteils Rentfort befindliche Filiale der Deutschen Bank. Rösners Freundin Marion Löblich schloss sich am Abend desselben Tages den Tätern an. Auf ihrer Flucht nahmen sie mehrmals Geiseln und fuhren mit ihnen durch das nordwestliche Deutschland sowie in die Niederlande. Nach einem Aufenthalt in der Kölner Innenstadt konnten die drei Geiselnehmer am frühen Nachmittag des 18. August 1988 bei dem Zugriff des SEK festgenommen werden.
Während der Flucht in einem entführten Linienbus erschoss Degowski den 14-jährigen Italiener Emanuele De Giorgi. Auf der Fahrt zum Tatort kam der 31-jährige Polizist Ingo Hagen in Bremen bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Während der abschließenden Polizeiaktion auf der Autobahn wurde eine weitere Geisel, die 18-jährige Silke Bischoff, tödlich getroffen.Report: „Ich höre Silke heute noch schreien“ Focus Magazin, Nr. 33 (2013), abgerufen am 17. August 2018. Die forensische Untersuchung ergab, dass das Projektil aus Rösners Waffe stammte.
Das Verhalten der Journalisten, die durch ihre große Nähe zum Geschehen die Arbeit der Polizei behinderten, entfachte später eine intensive öffentliche Debatte. Unter anderem wurden mit den Tätern mehrere Interviews geführt, ein Pressefotograf fungierte als Verbindungsmann zur Polizei und ein Journalist fuhr im Fluchtauto mit, um den Tätern den Weg aus der Innenstadt zu zeigen. In der Mediensystemforschung ist die Gladbecker Geiselnahme ein wichtiger Untersuchungsgegenstand.
Neben der Kritik an der Rolle der Medien wurden schwere Vorwürfe gegen die Verantwortlichen der Polizei in Nordrhein-Westfalen und Bremen erhoben. Wegen deren mangelhafter Führung und Koordination hätten die Einsatzkräfte vor Ort Gelegenheiten nicht nutzen können, die Geiselnahme früher zu beenden. Trotz zahlreicher Rücktrittsforderungen blieb der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Schnoor im Amt, während der Bremer Innensenator Bernd Meyer im November 1988 wegen der polizeilichen Fehler zurücktrat.
Täter Hans-Jürgen Rösner (* 17. Februar 1957) hatte eine Förderschule besucht und als junger Mann in Gladbeck zahlreiche Raubüberfälle und Einbrüche begangen. Vor der Geiselnahme hatte er insgesamt elf Jahre in Haft verbracht. Nach ihm war gefahndet worden, seit er im August 1986 von einem Hafturlaub nicht zurückgekehrt war.
Dieter Degowski (* 4. Juni 1956) stammt aus Gladbeck. Dort hatte er ebenfalls die Förderschule besucht und lebte von Gelegenheitsarbeiten und Sozialhilfe. Er und Rösner waren bereits seit der Schulzeit befreundet.
Marion Löblich (* 1954) besuchte in ihrer Kindheit die Förderschule in Bremen und war zum Zeitpunkt der Tat die Freundin Rösners.
Chronik der Ereignisse 16. August 1988 mini|hochkant|2015: Ehemaliges „Geschäftszentrum Nord“ in Gladbeck, Schwechater Str. 38, wo sich die Filiale der Deutschen Bank befand. Der gesamte Bau wurde 2021/22 abgerissen. mini|hochkant|Ehemalige Deutsche-Bank-Filiale (rechte drei Fenster). Das Ladenlokal links davon wurde für die Verfilmung Gladbeck genutzt Vor Schalteröffnung drangen Rösner und Degowski am Dienstag, dem 16. August 1988, um 7:55 Uhr in die Filiale Schwechater Straße 38 der Deutschen Bank ein. Diese befand sich im hinteren Zugang des Atriums des Geschäftszentrums Rentfort-Nord. Auf der Rückseite des Gebäudes gab es hochgelegene, vergitterte Oberlichter, die zu einem um den gesamten Gebäudekomplex verlaufenden breiten Versorgungsweg führten. Das Atrium war durch zwei weitere überdachte Zugänge zu erreichen, von denen einer auf der gegenüberliegenden Seite lag. Links der Bank befanden sich Ladenlokale. Daher war es Degowski und Rösner kaum möglich, aus der Bank heraus mögliche Fluchtwege zu beobachten. Sie hatten lediglich einen Teileinblick ins Atrium sowie Sicht auf die zwei überdachten Zugänge zum Atrium. Der aus der Bank heraus gesehen linke Zugang führte zum für den öffentlichen Verkehr gesperrten Versorgungsweg, der rechte zur Straße.
Um 8:04 Uhr ging bei der Polizei der Notruf eines Arztes ein, dessen Praxis sich im ersten Obergeschoss des Gebäudes befand. Er habe die Täter beim Eindringen beobachtet. Die ersten eintreffenden Beamten parkten ihren Streifenwagen direkt vor dem zur Straße liegenden Zugang. Als Degowski und Rösner mit ihrer Beute von 120.000 DM (entspricht inflationsbereinigt in heutiger Währung rund €)Der Betrag wurde mit der Vorlage Inflation ermittelt, auf 1000 Euro gerundet und bezieht sich auf den Januar . die Bank verließen, entdeckten sie das Polizeifahrzeug, kehrten um und nahmen zwei Bankangestellte als Geiseln. Anschließend forderten sie einen Fluchtwagen, Handschellen und Lösegeld. Um ihre Forderungen zu unterstreichen, gaben sie einige Schüsse ab. Der Journalist Hans Meiser des Fernsehsenders RTL plus rief in der Bankfiliale an und führte das erste Telefoninterview mit Rösner.Die Monster von Gladbeck. In: Welt.de. 7. März 2018, abgerufen am 24. September 2019.
Nach stundenlangen Verhandlungen erhielten sie 300.000 DM (entspricht heute rund €) und ein Fluchtfahrzeug, in dem sie mit ihren beiden Geiseln um 21:45 Uhr losfuhren. Die Polizei ließ sie scheinbar abziehen, konnte den Wagen aber mit Hilfe eines Peilsenders verfolgen. Im Nachhinein berichteten die Fahnder von einem völlig atypischen Verhalten der Geiselnehmer nach der Abfahrt: Anstatt Gladbeck zu verlassen, deckten sich die Täter mit Reiseproviant und Alkohol ein. Mit gezogener Waffe gab Rösner eine Großbestellung in einer Imbissstube ab und kaufte anschließend Schlaftabletten in einer Apotheke. Aus Angst, dass der Fluchtwagen von der Polizei präpariert sein könnte, versuchte Rösner, ein anderes Fahrzeug zu beschaffen. Mit gezogener Pistole betrat er eine Gaststätte, um ein vor der Tür geparktes Fahrzeug zu rauben. Da sich der Fahrzeughalter selbst dann nicht zu erkennen gab, nachdem Degowski von außen durch die Scheibe geschossen hatte, zogen sich die Täter zurück.
Vor einer Spielhalle raubten die Geiselnehmer schließlich ein neues Fluchtfahrzeug, entschlossen sich jedoch, das Fahrzeug erneut zu wechseln. An einer Tankstelle auf der Horster Straße in Gladbeck entwendete Rösner einem Polizeibeamten seine Dienstwaffe und ein Funkgerät. Anschließend gerieten die Täter in eine Falle der Polizei: Rösner stahl ein auffällig geparktes Fahrzeug, das von den Beamten zuvor mit einem Peilsender präpariert worden war. Bevor die Täter mit den Geiseln Gladbeck in Richtung Münster verließen, stieg Marion Löblich, die Freundin Rösners, zu. Über Münster ging es über die A 1 weiter nach Osnabrück und von dort über die A 30 in Richtung Bad Oeynhausen. An der Raststätte Grönegau bei Melle wurde dabei pausiert. Am Autobahnkreuz Bad Oeynhausen fuhr man über die A 2 zurück in das Ruhrgebiet. Am Kamener Kreuz ging es dann über die A 1 weiter nach Süden in Richtung Hagen.
17. August 1988 mini|Busbahnhof Huckelriede. Am rechten Bildrand sind der zum Gedenken gepflanzte Ginkgo-Baum und die vom Bremer Senat aufgestellte Stele mit den Namen der drei Opfer zu erkennen (Foto: August 2019) Täter und Geiseln frühstückten unbehelligt im westfälischen Hagen. Anschließend fuhren sie über die Autobahn nach Bremen, wo Löblich Verwandte hatte. In Bremen-Vegesack besuchten Rösner und seine Freundin eine Boutique, um dort Kleidung zu kaufen. Da die Polizei davon ausging, dass die Freilassung der Geiseln unmittelbar bevorstehe, ließ sie eine Gelegenheit zum Zugriff verstreichen, als Degowski, der alleine bei den Geiseln zurückgeblieben war, das Auto mit den Geiseln kurzzeitig verließ. Nachdem die Geiselnehmer bemerkt hatten, dass sie von Polizeikräften verfolgt wurden, brachten sie im Ortsteil Huckelriede am 17. August um 19 Uhr einen Bus der Linie 53 der Bremer Straßenbahn AG mit 32 Fahrgästen in ihre Gewalt. Anschließend gab Rösner gegenüber Vertretern der Presse ein verworrenes, fatalistisches Statement ab. Auch die beiden Geiseln aus der Bank wurden von Reportern interviewt, während die Geiselnehmer ihnen die Pistole an den Kopf hielten.
Nachdem sie fünf Businsassen freigelassen hatten, fuhren Degowski, Rösner und Löblich im Bus mit nunmehr 29 Geiseln auf die A 1. An der Raststätte Grundbergsee (zwischen den Anschlussstellen 50-Stuckenborstel und 51-Posthausen) ließen sie die beiden Bankangestellten im Austausch gegen zwei Journalisten frei. Ohne Weisung der Einsatzleitung nahmen zwei Polizeibeamte Rösners Freundin fest, als diese die Toilette der Raststätte aufsuchen wollte. Wer über Funk die Anweisung zum Zugriff gegeben hatte, konnte im Nachhinein nicht mehr festgestellt werden. Die Polizisten, die Löblich festgenommen hatten, beriefen sich später auf Notwehr, Löblich habe sie bedroht.
Rösner und Degowski verlangten die sofortige Freilassung und drohten, nach fünf Minuten eine Geisel zu erschießen. Obwohl die Einsatzleitung die sofortige Freilassung Löblichs befahl, kam es zu Verzögerungen, denn sie war bereits mit einem Fahrzeug weggefahren worden und der Schlüssel war in den Handschellen abgebrochen. Noch vor Verstreichen der Frist und der Rückkehr von Rösners Freundin schoss Degowski dem 14-jährigen Italiener Emanuele De Giorgi, der seine 9-jährige Schwester schützen wollte, in den Kopf.
Da die Bremer Einsatzleitung versäumt hatte, einen Rettungswagen (RTW) in der Nähe des Busses bereitzuhalten, dauerte es über 15 Minuten, bis ein aus Rotenburg kommender Notarzt eine Erstversorgung des Jungen vornehmen konnte. Der herbeigerufene RTW erreichte das Bremer St.-Jürgen-Krankenhaus, dort konnte jedoch rund 45 Minuten später nur noch der Tod von De Giorgi festgestellt werden. Im späteren Prozess wurde allerdings festgestellt, dass das verspätete Eintreffen des RTW nicht ursächlich für den Tod des Jungen gewesen war.Gesamturteil des LG Essen v. 22.3.1991, S. 83, abrufbar unter https://gladbeck.rnd.de/das-material/.
Der Bus mit den drei Geiselnehmern samt Geiseln fuhr dann über die Autobahnen A 1 und A 30 weiter in Richtung Niederlande. Am späten Abend verunglückte der 31-jährige Polizeiobermeister Ingo Hagen tödlich, als er von Bremen aus zur Raststätte Grundbergsee unterwegs war, um die Vorfälle zu dokumentieren: Gegen 23:15 Uhr war ein LKW an einer Baustelle der Neuenlander Straße auf die Gegenfahrbahn geraten und kollidierte frontal mit dem Polizeifahrzeug; zwei weitere Polizisten wurden leicht bzw. schwer verletzt. auf silkebischoff.jimdofree.com - Presse
18. August 1988 Um 2:28 Uhr überquerte der Bus die niederländische Grenze bei Bad Bentheim und hielt wenige Kilometer dahinter bei Oldenzaal. In der Nacht umringte die niederländische Polizei den Bus weiträumig und ließ niemanden in das Gebiet, um weitere Geiselnahmen zu vermeiden. Ein Journalist aus Essen gelangte dennoch durch die Absperrung und fuhr mit seinem Pkw bis an den Bus. Als einer der Täter ihn entdeckte und mit der Waffe auf ihn zielte, flüchtete er aus dem polizeilichen Sperrgebiet.