mini|San Fermo Maggiore – Westfassade Santi Fermo e Rustico, allgemein bekannt als San Fermo Maggiore, ist eine römisch-katholische Pfarrkirche in der oberitalienischen Stadt Verona in Venetien.
Geschichte Frühchristliche Basilika Das Areal, auf dem die Kirche steht, wurde seit dem Altertum als Grabstätte genutzt. Vor dem römischen Stadttor Porta Leoni gelegen stand hier eine viereckige Friedhofsbasilika, deren Spuren unter dem Fußboden der heutigen Krypta bei Restaurierungsarbeiten zu Beginn des 20. Jahrhunderts gefunden wurden und die auf das 5. bis 6. Jahrhundert zurückdatiert werden kann.Gianpaolo Trevisan: San Fermo Maggiore a Verona. S. 159.
In diese frühchristliche Basilika ließ im 8. Jahrhundert der Veroneser Bischof Annone die sterblichen Überreste der zwei christlichen Märtyrer Firmus und Rusticus überführen. Die beiden heiliggesprochenen Märtyrer waren unter Kaiser Diokletian im Jahr 304 vermutlich am Ufer der Etsch geköpft worden.Giuseppe Franco Viviani: Chiese di Verona. S. 128.
An der Stelle des Martyriums entstand zunächst die Kirche San Fermo Minore, auch als San Fermo Piccolo bezeichnet, etwa 400 m flussabwärts von San Fermo Maggiore. Der Nachfolgebau von San Fermo Minore wurde Ende des 19. Jahrhunderts abgerissen, woran eine Gedenktafel erinnert.
Laut einer Inschrift auf dem Reliquienschrein, deren Deutung allerdings umstritten ist, sollen die Gebeine am 27. März 765 zu Füßen des Presbyteriums ihre vorläufige letzte Ruhestätte gefunden haben. Mit der Aufnahme der Reliquien und der Verwandlung in ein Heiligtum wurden auch bauliche Veränderungen an der frühchristlichen Basilika vorgenommen.
Benediktinerkirche In der Folge ging die Kirche und die angeschlossene Abtei mit einem Hospital in den Besitz der Benediktiner über, wobei der Zeitpunkt umstritten ist. Nach einigen Autoren soll San Fermo Maggiore bereits im 9. Jahrhundert an den Orden gefallen sein.Gian Paolo Marchini: San Fermo Maggiore. o. S. Nachgewiesen ist er ab dem 11. Jahrhundert im Zusammenhang mit einer vom Bischof von Verona veranlassten Neuordnung des kirchlichen Lebens in der Stadt. Die wiederholten Überschwemmungen der Etsch, bei denen sich um die Kirche Sedimente angehäuft hatten, ließen bei den Mönchen den Entschluss zu einem Neubau reifen. An den Baubeginn erinnert eine Inschrift am rechten Hauptpfeiler im Presbyterium der Krypta, die das Jahr 1065 trägt, aber sonst keine Hinweise auf den Bauherrn und Baumeister gibt. Nach Trevisan entspricht das in der Inschrift genannte Jahr auch dem Jahr der Kirchenübernahme durch die Benediktiner.Gianpaolo Trevisan: L’architettura (secoli XI–XIV). S. 169.
Auf den Fundamenten des Vorgängerbaus wurde der Neubau in Form einer Doppelkirche mit einer Ober- und Unterkirche im Stil der cluniazensischen Baukunst errichtet. Mit Fortschreiten des Baus wurde der Vorgängerbau langsam abgetragen. Ein zweiter Gedenkstein, der beim späteren Umbau in der umgestalteten Hauptfassade wiederverwendet und dabei auf den Kopf gestellt verbaut wurde, ist mit 1143 datiert. Im Allgemeinen wird das Jahr mit dem Bauende der Benediktinerkirche gleichgesetzt.
In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts begannen die Franziskaner, Ansprüche auf die Kirche und die Abtei zu erheben. Sie unterlegten sie damit, dass die Abtei für die wenigen dort lebenden Benediktiner viel zu groß sei. Der Disput zwischen den beiden Ordensgemeinschaften zog sich über mehrere Jahrzehnte hin. Der Versuch Papst Innozenz IV. im Jahr 1249 San Fermo Maggiore den Franziskanern anzuvertrauen, scheiterte unter anderem an Ezzelino III. da Romano, der den Bischof von Verona als Stellvertreter des Papstes zeitweise eingesperrt hatte. Erst unter seinem Nachfolger Alexander IV. gingen Kirche und Kloster 1259 an die Franziskaner über.
Franziskanerkirche 1260 zogen die Benediktiner schließlich aus und überließen San Fermo den Franziskanern, deren Rechtsanspruch ein Jahr später bestätigt wurde. Die Benediktiner gaben sich aber noch nicht geschlagen und stellten die Übernahme in Frage. Erst 1312 konnte der Besitzanspruch durch die Franziskaner endgültig geklärt werden, nachdem Papst Clemens V. und Kaiser Heinrich VII. die Franziskaner und ihren Besitz unter den Schutz des Herrn von Verona Cangrande I. della Scala stellten.
Unter den Franziskanern wurde die Oberkirche von San Fermo Maggiore umgebaut, während die romanische Unterkirche so gut wie unberührt blieb. Die Arbeiten begannen zu Beginn des 14. Jahrhunderts und dauerten bis Ende des 16. Jahrhunderts an. Dabei wurde nicht nur der Innenraum umgebaut, sondern auch das Kirchenschiff verlängert und die Fassade mit gotischen Bauelementen neu gestaltet. Bauherr des Umbaus war Abt Daniele Gusmeri, Prior des Franziskanerordens in Verona von 1319 bis zu seinem Tod 1334. Finanzielle Unterstützung fand er bei Guglielmo di Castelbarco, einflussreicher Berater und Condottiere unter Cangrande I. Nach Cozzi war Gusmeri zugleich auch der Architekt des gotischen Umbaus.Enrica Cozzi: Verona. S. 316.
Zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert wurde San Fermo Maggiore zur begehrten letzten Ruhestätte illustrer Personen der Stadt. Der Anbau von Grabmonumenten und Grabkapellen veränderte das Aussehen des gotischen Umbaus durch die Franziskaner.
Nach einem verheerenden Hochwasser im September 1757, bei dem die Unterkirche schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde, wurden die Reliquien der beiden Heiligen Firmus und Rusticus in den Hauptaltar der Oberkirche verlegt. 1798 plünderten napoleonischen Truppen erstmals Kirche und Kloster. 1807 wurde das Kloster schließlich aufgelöst und am 2. August des gleichen Jahres San Fermo Maggiore zur Pfarrkirche ernannt.
Zwischen 1907 und 1912 wurden die Gebäude abgerissen, die im Laufe der Jahrhunderte rund um die Apsis errichtet worden waren. Bei einem alliierten Bombenangriff im Februar 1945 ging die Kirche in Teilen in Brand auf, größere Schäden konnten aber vermieden werden. Weitere Kriegsschäden erlitt sie bei Kriegsende bei der Sprengung der angrenzenden Brücke Ponte dei Navi durch zurückziehende deutsche Truppen.
Nach dem Krieg wurde nicht nur das angrenzende und aufgelassene Kloster umfassend restauriert und zum Teil rekonstruiert, sondern auch die Kirche selbst. 1965 wurden die Fresken in der Oberkirche restauriert. 1997 die Bronzereliefs des Künstlers Luciano Minguzzi am Eingangsportal angebracht. Zwischen 1998 und 2018 fanden weitere Restaurierungsarbeiten statt.
Architektur San Fermo Maggiore gehört aufgrund ihrer Baugeschichte und ihrer Innenausstattung zu den wichtigsten und eindrucksvollsten Kirchen Veronas. Sie ist das Resultat verschiedener Bauepochen und stellt eine Synthese der zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert vorherrschenden Architekturstile dar. Sie liegt am östlichen Rand der Altstadt von Verona in unmittelbarer Nähe der Etschbrücke Ponte dei Navi.
Das Äußere der Kirche besticht durch das farbige Wechselspiel zwischen roten Mauerziegeln und weißem Tuff, wie es auch an vielen anderen Bauwerken in Verona anzutreffen ist. Es ist weitgehend durch die von den Franziskanern ab dem 14. Jahrhundert erfolgten Umbauarbeiten geprägt. Das Westportal ist eine Mixtur romanischer und gotischer Bauelemente. Eingerahmt von gotischen Spitzbogenfenstern liegt das Stufenportal. Darüber vier gotische Lanzettfenster über die der Innenraum zum Großteil ausgeleuchtet wird. An den beiden äußeren Seiten befinden sich zwei Pilaster, die mit Fialen abgeschlossen werden. Auf dem Giebel eine weitere zentrale Fiale. Der Giebel mit Spitzbogenfries wird aufgelockert durch ein Triforium, das von zwei Rundfenstern eingebettet ist, die allerdings erst später angebracht wurden.Giuseppe Franco Viviani: Chiese di Verona. S. 129–130.
Das Kirchenportal ist mit Bronzereliefs des Bildhauers Luciano Minguzzi geschmückt, die 1997 angebracht wurden und Szenen aus dem Leben der beiden Heiligen zeigen. Neben dem Portal zwei Grablegen, links das Grab des 1368 verstorbenen Arztes des Scaliger, Aventino Fracastori. Rechts der noch vorhandene Baldachin der leeren Grablege des im 15. Jahrhundert verstorbenen Arztes Giovanni da Tolentino.
An der Nordseite ein überdachter Seiteneingang mit einem Doppelportal und ornamentreichen Portalfries. Das Gewände des Doppelportals wurde aus verschiedenfarbigen lokalen Marmorsorten, wie dem roten Veroneser Marmor erbaut.Gianfranco Benini: Le chiese di Verona: guida storico-artistica. S. 111. Der Baldachin ruht an der Vorderseite mit einem Rundbogen auf zwei romanischen Säulen und besitzt an der Seite Spitzbögen.Giuseppe Franco Viviani: Chiese di Verona. S. 130. An der Außenwand einer Seitenkapelle links neben dem Doppelportal ein von Francesco Morone 1523 angefertigtes Fresko.
Wie am Westportal ist auch der Bereich der Apsis eine Mischung romanischer und gotischer Baustile. So sind die runden Seitenapsiden und der Glockenturm romanischen Stiles, während die eckige zentrale Apsis beim Umbau durch die Franziskaner im Stile der Gotik umgestaltet wurde. Der verspielte Giebel der Apsis besticht durch sein rot-weißes Farbenspiel, seine Fialen und Akroterien.Gianfranco Benini: Le chiese di Verona: guida storico-artistica. S. 112. Neben Kreuzen finden sich als Dachschmuck auch eiserne Flügel, eine Anspielung auf den von den ghibellinischen Scaligern im Wappen verwendeten Reichsadler.Giuseppe Franco Viviani: Chiese di Verona. S. 131.
Die verschiedenen Bauabschnitte sind am romanischen Glockenturm gut zu erkennen. Sein Glockenstuhl besitzt auf allen vier Seiten Triforen und wird von Bogenfriesen abgeschlossen. Fünf der darin befindlichen Glocken wurden 1755 vom Glockengießer Domenico Crespi aus Cremona im Kreuzgang des angeschlossenen Klosters gegossen. Die größte Glocke musste 1768 neu gegossen werden. 1925 wurde eine weitere sechste Glocke aufgehängt, die 1936 ebenfalls neu gegossen werden musste.
Oberkirche Das Augenfälligste im Innenraum ist der in Form eines umgedrehten Schiffskiels zwischen 1314 und 1350 entstandene und mit 416 Temperabilder von Heiligen geschmückte Dachstuhl. Die Temperabilder werden der Schule des Maestro del Redentore zugeschrieben, aus deren Schule auch andere Arbeiten stammen. Für den Bau des Dachstuhls wurde Lärchenholz verwendet, dass vom Norden über die Etsch nach Verona getriftet und von Gugliemo da Castelbarco zur Verfügung gestellt wurde. Er ist 53 Meter lang und wurde erstmals in der Mitte des 19. Jahrhunderts restauriert.
Der Grundriss der von den Franziskanern gotisierten Oberkirche ist der eines lateinischen Kreuzes und folgt dem der romanischen Unterkirche. Sie besitzt fünf Apsiden und mehrere zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert entstandene Seitenkapellen, die den einst nüchternen Bau wesentlich verändert haben.
Von der Benediktinerkirche sind die zentrale Apsis, die zwei nördlichen Nebenapsiden und das Presbyterium erhalten. Nach Wart Arslan ähnelte die Benediktinerkirche ihrem Grundriss nach dem normannischen Baustil. Der Grundriss stimmt mit dem der Kirche San Lorenzo in Verona überein, so dass nach Arslan nicht ausgeschlossen ist, dass beide Kirchen von der gleichen Bauhütte errichtet wurden.Angelo Passuello: Il cantiere di San Lorenzo a Verona nel contesto del Romanico europeo. S. 194. Das dreischiffige Langhaus der Oberkirche wurde unter den Franziskanern in eine einschiffige Saalkirche umgebaut und das westlich angrenzende Atrium abgetragen.
Unterkirche Der Begriff Unterkirche in Bezug auf San Fermo Maggiore wurde erstmals vom Historiker Luigi Simeoni in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eingeführt. Architektonisch und liturgisch handelt es sich allerdings um eine Krypta, die nicht als eigenständige Kirche angesehen werden kann und stets in Relation mit dem darüber liegenden Bau zu sehen ist.Gianpaolo Trevisan: L’architettura (secoli XI–XIV). S. 170.