mini|Kastell Războieni im Verlauf der dakischen Limites
Das Kastell Războieni-Cetate war ein römisches Hilfstruppenlager auf dem Gebiet des Dorfes Războieni-Cetate (früher Feldioara Secuiască oder Feldioara-Războieni, ungarisch Székelyföldvár, deutsch Kaltherberg, alternativ Zekelburg), das zur Stadt Ocna Mureș im Kreis Alba in der rumänischen Region Siebenbürgen gehört. In antiker Zeit war es ein Binnenkastell des Dakischen Limes und gehörte administrativ zur Provinz Dacia superior, später zur Dacia Apulensis. Gemeinsam mit insgesamt 277 Stätten des Dakischen Limes wurde das Kastell Războieni-Cetate 2024 zum UNESCO-Weltkulturerbe erhoben.
Lage Der Fundbereich des Kastells und seines ausgedehnten Vicus befinden sich auf einer Terrasse des Mureș nordwestlich des heutigen Siedlungsbereiches von Războieni-Cetate in einer „Cetate“ (Festung) genannten Flur, die in weiten Teilen nicht überbaut wurde und bis heute landwirtschaftlichen Zwecken dient. Das Areal wird jedoch im Süden von der Kreisstraße DJ 107F durchschnitten. Beidseitig der Straße befindet sich eine ein- bis maximal zweireihige moderne Bebauung in Form eines Straßendorfes, welche die westliche Verlängerung des Kernortes bildet. Im Norden wird der Bereich des heutigen Bodendenkmals von einer bis zu 500 m hohen Hügelkette begrenzt, im Süden von der Flussaue des Mureș, in die der Vicus jedoch teilweise noch hinein reicht. In antiker Zeit bestand die Aufgabe der Kastellbesatzung wohl in der Überwachung des Mureștals und der darin verlaufenden Fernstraße von Apulum nach Potaissa. Ferner dürfte sie für den Schutz der Salzgewinnung in Salinae beim heutigen Ocna Mureș zuständig gewesen sein und hatte darüber hinaus die Funktion einer strategischen Reserve (siehe weiter unten).Carsten Mischka, Alexander Rubel und Rada Varga: Das Lager der Ala I Batavorum Milliaria und sein Vicus in Războieni-Cetate (Jud. Alba/RO). Geophysikalische Untersuchungen und historische Einordnungen. In: Archäologisches Korrespondenzblatt. Jahrgang 48, Nummer 3, 2018, , S. 377f. und 380f. (Digitalisat).
Forschungsgeschichte Als Fundort römischer Relikte ist Războieni-Cetate seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in der Literatur bekannt. Es ist erstmals 1851 von Ferdinand Neigebaur beschrieben worden.Ferdinand Neigebaur: Dacien. Aus den Ueberresten des klassischen Alterthums, mit besonderer Rücksicht auf Siebenbürgen. Gött, Kronstadt 1851, S. 243–245. In der Folgezeit wurden zahlreiche Lesefunde gemacht und einige laienhafte Ausgrabungen in den damals noch rudimentär vorhandenen Ruinen des Lagers durchgeführt. Aufgrund der hohen Anzahl im Fundmaterial vorhandener, entsprechender Ziegelstempel war man schon damals davon ausgegangen, dass es sich bei der Kastellbesatzung um die Ala I Batavorum milliaria handeln müsse. Die erste Untersuchung, die einigermaßen den Erfordernissen moderner, wissenschaftlicher Archäologie entsprach, war eine Notgrabung im Jahr 1960, die von Ion Horațiu Crișan durchgeführt wurde. Dabei wurde zwar noch nicht das Kastell selbst, jedoch der Auxiliarvicus angeschnitten.Ion Horațiu Crișan: Săpături și sondaje în valea inferioară a Mureșului. In: Acta Musei Napocensis. Band 2, 1965, S. 39–76. Systematischere Ausgrabungen erfolgten in insgesamt sechs Grabungskampagnen in den Jahren 1995 bis 2000 unter der Leitung von Emilian Bota und Carmen Ciongradi sowie Dan und Ligia Ruscu. Hierbei konnte erstmals die genaue Lage des Militärlagers lokalisiert werden.Emilian Bota, Dan Ruscu, Ligia Ruscu und Carmen Ciongradi: Cercetări arheologice în castrul Alei I Batavorum Milliaria de la Războieni-Cetate (jud. Alba). In: Apulum. Band 41, Nummer 1, 2004, , S. 291–300.Războieni, Comuna Ocna Mureş, Judeţ Alba, Punct Cetate, Anul 1995 auf der Webseite Cronica cercetărilor arheologice din România, 1983–2012. Rapoarte preliminare de cercetare arheologică. Raport de cercetare arheologică (rumänisch), abgerufen am 28. Februar 2021.Războieni, Comuna Ocna Mureş, Judeţ Alba, Punct Cetate, Anul 1996 auf der Webseite Cronica cercetărilor arheologice din România, 1983–2012. Rapoarte preliminare de cercetare arheologică. Raport de cercetare arheologică (rumänisch), abgerufen am 28. Februar 2021.Războieni, Comuna Ocna Mureş, Judeţ Alba, Punct Castrul Alei I Batavorum Milliaria, Anul 2000 auf der Webseite Cronica cercetărilor arheologice din România, 1983–2012. Rapoarte preliminare de cercetare arheologică. Raport de cercetare arheologică (rumänisch), abgerufen am 28. Februar 2021. Die Anfang des 21. Jahrhunderts folgende Anfertigung und Analyse von Luftbildaufnahmen durch Ioana A. Oltean ergänzten und erweiterten die Grabungserkenntnisse. Insbesondere lieferten die Bilder erstmals Hinweise auf die Größe des Kastells und die Ausdehnung des Vicus.Ioana E. Oltean: Dacia. Landscape, Colonisation and Romanisation. Routledge, Oxford 2007, ISBN 978-0-415-41252-0.
Basierend auf den Erkenntnissen der rumänischen Archäologen kam es in den Jahren 2016 bis 2018 zu einem Projekt des Instituts für Ur- und Frühgeschichte der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg in Kooperation mit dem Archäologischen Institut der Rumänischen Akademie der Wissenschaften, der Babeș-Bolyai-Universität Cluj, dem Archäologischen Institut der Universität des 1. Dezember, Alba Iulia und dem Muzeul Național al Unirii, Alba Iulia. Dabei wurden insbesondere geomagnetische Messungen (2016/2017) und Drohnenbefliegungen, sowie eine einzelne Sondierungsgrabung (2018) durchgeführt.Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Erlangen: Das Alenkastell und der Vicus von Războieni-Cetate (Kr. Alba, Rumänien), Kurzberichte zu den Prospektionen 2016 bis 2018, abgerufen am 28. Februar 2021.
Archäologische Befunde Durch die intensiven Untersuchungen in den letzten Jahren des 20. sowie in den ersten beiden Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts gelang es, ein einigermaßen aussagekräftiges Bild des Kastells und seiner Zivilsiedlung zu gewinnen, ohne großflächig in den Boden eingreifen zu müssen. Viele Fragen bleiben jedoch noch offen und können erst in der Zukunft geklärt werden.
Kastell Das Militärlager von Războieni-Cetate ist ein 5,2 HektarCarsten Mischka, Alexander Rubel und Rada Varga: Das Lager der Ala I Batavorum Milliaria und sein Vicus in Războieni-Cetate (Jud. Alba/RO). Geophysikalische Untersuchungen und historische Einordnungen. In: Archäologisches Korrespondenzblatt. Jahrgang 48, Nummer 3, 2018, , S. 383 (Digitalisat). großes Kastell einer Ala milliaria (Kavallerieeinheit mit einer Stärke von rund 1000 Mann). Nach den Ausgrabungen der 1990er Jahre war man noch von einer Kastellfläche von 3,8 Hektar ausgegangen.Felix Marcu: The Internal Planning of Roman Forts of Dacia (= Bibliotheca Mvsei Napocensis. Band XXX). Mega Publishing House, Cluj-Napoca 2009, ISBN 978-606-543-058-7, S. 152. Die unterschiedlichen Größenangaben ergeben sich vermutlich aus unterschiedlichen Untersuchungsmethoden. Während die Fläche von 3,8 Hektar 1995 bis 2000 mittels konventioneller Sondierungsgrabungen ermittelt worden war, die nur Segmente des Lagers erfassten und aufdeckten, zeigten die geomagnetischen Messungen 2016/2017 ein darüber hinausgehendes, vollständigeres Bild der gesamten Anlage. Auch in Anbetracht der Größe der als sicher anzunehmenden Kastellbesatzung der Ala I Batavorum milliaria (siehe weiter unten) ist dem höheren Wert der Vorzug zu geben. Der magnetographisch untersuchte Bereich umfasste 3,2 Hektar, also gute 60 % der gesamten Kastellfläche. Bezüglich der Umwehrung kommen beide Untersuchungsmethoden zu den gleichen Ergebnissen. Das Kastell war von einem parallel verlaufenden Doppelgrabensystem umgeben. Die Breite der Gräben war stark schwankend (nach den Ergebnissen der Geomagnetik) und reichte bis zu rund acht Metern. Hinter den beiden Gräben verlief die eigentliche Kastellmauer, von der ohne konventionelle Ausgrabungen derzeit noch nicht geklärt werden kann, ob es sich um eine Holz-Erde-Konstruktion, eine Steinmauer oder eine mehrphasige Konstruktion handelt, bei der die eine Technik im Laufe der Zeit von der anderen ersetzt wurde. Eine zumindest zeitweise bestehende Ausbauphase in Stein ist wahrscheinlich. Auch würde eine Mehrphasigkeit den Befunden in anderen, vergleichbaren Kastellen der Region entsprechen. Die Umwehrung besaß die typischen abgerundeten Ecken nach dem „Spielkartenschema“ römischer Militäranlagen. Mit seiner Prätorialfront (Vorderseite) war es nach Osten hin ausgerichtet. Ecktürme und Torbauten konnten geomagnetisch nicht ausgemacht werden. An der Porta decumana (rückwärtiges Lagertor) gab es keine Unterbrechung der Gräben. Da sich hier der Auxiliarvicus unmittelbar an das Kastell anschließt, ist von einer Brückenkonstruktion an dieser Stelle auszugehen.Carsten Mischka, Alexander Rubel und Rada Varga: Das Lager der Ala I Batavorum Milliaria und sein Vicus in Războieni-Cetate (Jud. Alba/RO). Geophysikalische Untersuchungen und historische Einordnungen. In: Archäologisches Korrespondenzblatt. Jahrgang 48, Nummer 3, 2018, , S. 384 (Digitalisat).
Die Principia (Stabsgebäude) konnten magnetographisch nur ansatzweise nachgewiesen werden, eine vollständige Rekonstruktion dieses Gebäudes ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht möglich. Klarer zeigten sich im Magnetbild die Umrisse des vermutlichen Praetoriums (Wohnhaus des Kommandanten), ein rund 36 m mal 25 m (= 900 m²) großes Gebäude, etwa zehn Meter nördlich der Principia. Eine Untergliederung dieses Wohnkomplexes in insgesamt sechs Räume, die vermutlich zumindest teilweise mit einem Hypokaustum beheizt werden konnten scheint gut möglich. Ein weiteres längliches Gebäude mit Abmessungen von rund 60 m mal 9,5 m (= 5700 m²), zwischen dem Praetorium und der Umwehrung gelegen, wurde als mögliches Horreum (Speichergebäude), alternativ, aber weniger wahrscheinlich, auch als Fabrica (Werkstätten) angesprochen.Carsten Mischka, Alexander Rubel und Rada Varga: Das Lager der Ala I Batavorum Milliaria und sein Vicus in Războieni-Cetate (Jud. Alba/RO). Geophysikalische Untersuchungen und historische Einordnungen. In: Archäologisches Korrespondenzblatt. Jahrgang 48, Nummer 3, 2018, , S. 384–386 (Digitalisat).
Die Strukturen der Mannschaftsbaracken werfen derzeit noch einige Fragen auf. Durch die Sondierungsgrabungen der Jahre 1995 bis 2000 konnten zwar zwei Holzbauphasen und eine Steinbauphase differenziert werden, die vollständigen Grundrisse einzelner Baracken waren jedoch mit den relativ kleinen Grabungsschnitten nicht ermittelbar. Die abschnittsweise aufgedeckten Mauerzüge schienen sich zum Teil zu widersprechen und ließen sich kaum oder gar nicht miteinander vereinbaren.Emilian Bota, Dan Ruscu, Ligia Ruscu und Carmen Ciongradi: Cercetări arheologice în castrul Alei I Batavorum Milliaria de la Războieni-Cetate (jud. Alba). In: Apulum. Band 41, Nummer 1, 2004, , S. 291–300.Felix Marcu: The Internal Planning of Roman Forts of Dacia (= Bibliotheca Mvsei Napocensis. Band XXX). Mega Publishing House, Cluj-Napoca 2009, ISBN 978-606-543-058-7, S. 152–155. Umgekehrt vermittelten die geophysikalischen Messungen ein besseres Bild vom großen Ganzen, konnten aber einige Detailfragen nicht zufriedenstellend lösen.Carsten Mischka, Alexander Rubel und Rada Varga: Das Lager der Ala I Batavorum Milliaria und sein Vicus in Războieni-Cetate (Jud. Alba/RO). Geophysikalische Untersuchungen und historische Einordnungen. In: Archäologisches Korrespondenzblatt. Jahrgang 48, Nummer 3, 2018, , S. 386–389, doi:10.11588/ak.2018.3.75234 (Digitalisat).