Der Lindow-Mann, offizielle Bezeichnung Lindow II, () ist eine Moorleiche aus dem 1. Jahrhundert n. Chr., die 1984 im Lindow Moss bei Mobberley an der Grenze zu Wilmslow in der Grafschaft Cheshire bei Manchester im Nordwesten Englands entdeckt wurde.

Lindow Moss Das Moor Lindow Moss wurde bis in das Mittelalter als Allmende gemeinschaftlich bewirtschaftet. Ursprünglich umfasste es eine Fläche von mehr als 600 Hektar. Bis heute ist es auf ein Zehntel seiner ursprünglichen Fläche geschrumpft. Berichte aus dem 18. Jahrhundert über Ertrunkene belegen, dass das Moor in früheren Zeiten als gefährlicher Ort bekannt war. Über Jahrhunderte wurde aus dem Moor manuell Torf als Brennstoff gewonnen, bis der Abbau in den 1980er Jahren mechanisiert wurde. Bereits am 13. Mai 1983, ein Jahr vor dem Fund des Lindow-Manns, wurde etwa 250 m weiter nordöstlich die erste Moorleiche, Lindow I, im Lindow Moss entdeckt. Im Jahre 1987 traten die Reste einer dritten männlichen Moorleiche Lindow III zu Tage. Weitere, als Lindow IV bezeichnete Leichenteile wurden am 14. Juni und 12. September 1988 gefunden. Hierbei handelt es sich möglicherweise um fehlende Teile des Lindow-Mannes.Jody Joy: Lindow-Man. S. 23, S. 42 ff.

Fundumstände mini|Das Lindow-Moss im Jahre 2006 Der Lindow-Mann wurde am 1. August 1984 von dem Torfstecher Andy Mould entdeckt, der bereits ein Jahr zuvor an der Entdeckung der Moorleiche von Lindow I beteiligt war. Mould barg einen holzähnlich aussehenden Gegenstand vom Förderband der Torfverarbeitungsmaschine und bewarf damit seinen Arbeitskollegen Eddie Slack. Als der Gegenstand zu Boden fiel und anhaftender Torf abbröckelte, wurde ein menschlicher Fuß erkennbar. Die herbeigerufene Polizei stellte den Fuß zwecks Untersuchungen sicher. Der Bezirksarchäologe Rick Turner wurde über den Fund benachrichtigt und es gelang ihm, weitere Überreste des Lindow-Mannes zu bergen. Da Teile der Haut bereits frei an der Oberfläche lagen und zu zerfallen begannen, bedeckte er den Körper mit frischem Torf, um sie vor weiterer Austrocknung zu schützen. Am 6. August 1984 wurde die Moorleiche durch Archäologen im Block geborgen. Bis zur Klärung, ob ein rezentes Verbrechen vorlag, wurde der Fund unter der Aufsicht der Polizei im Macclesfield Distrikt Council Krankenhaus in einer Kühlkammer der Pathologie zwischengelagert. Am 17. August bestätigte das mit der 14C-Datierung beauftragte Labor des Britischen Museums ein hohes Alter der Leiche von über 1000 Jahren, woraufhin der Gerichtsmediziner die Leiche für die Archäologen am 21. August freigab. In der Zwischenzeit ließ das Britische Museum eine geeignete Kühltransportkiste anfertigen, in der die Leiche bei einer konstanten Temperatur von 4 °C transportiert und aufbewahrt werden konnte. Ein Radiologe der Klinik gab der Moorleiche den Spitznamen Pete Marsh, ein Wortspiel aus den englischen Wörtern für Torf (peat) und Sumpf (marsh). Der Name wurde von der lokalen Presse aufgegriffen und verbreitet.Excavation, Recording, Conservation and Dating. In: Stead, Bourke, Brothwell: Lindow Man - The Body in the Bog. S. 9–20Fundort:

Befunde mini|Der rechte Fuß Bei der Freilegung aus dem Moorblock im Labor wurde ein in mehreren Fragmenten erhaltenes, schmales Armband aus Fuchsfell im Bereich des linken Oberarms gefunden. Außer diesem Armband konnte keine weitere Kleidung an der Leiche nachgewiesen werden.Budworth, McCord, Priston, Stead: The Artefacts. In: Stead, Bourke, Brothwell: Lindow Man - The Body in the Bog. S. 38–40. Genauere Untersuchungen auf Spuren vergangener Textilreste aus pflanzlichen Fasern wie Leinen oder Nessel fielen ebenso negativ aus wie Analysen zum Nachweis zurückgebliebener Farbstoffe wie Färberwaid oder Indigotin aus einer eventuell vergangenen Kleidung. Es kann deshalb mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass der Mann nackt in das Moor gelangte.G. W. Taylor: Tests for Dyes. In: Stead, Bourke, Brothwell: Lindow Man - The Body in the Bog. S. 41

Die Auswertung der am Fundplatz des Lindow-Mannes geborgenen Pollen und Pflanzenreste ergab, dass er in einer Zeit tiefgreifender landschaftlicher Umbrüche in das Moor kam, welche durch eine starke Abnahme der Waldflächen und die Intensivierung der Landwirtschaft gekennzeichnet war. Mehrere Jahrzehnte zuvor war das Moor deutlich trockener mit einem Wasserspiegel von nur 5 bis 10 cm unterhalb der Oberfläche. In den Jahren vor dem Tod des Lindow-Manns wurde das Moor, bedingt durch einen drastischen Klimawechsel mit Temperaturabsenkungen von durchschnittlich 1 °C und mit um 10 % höheren Niederschlägen deutlich feuchter. Es bildeten sich zahlreiche mit Wasser gefüllte Tümpel. Dieser Klimawechsel muss auch dramatische Auswirkungen auf die damalige Landwirtschaft gehabt haben. Zu dieser Zeit war es wahrscheinlich kaum noch möglich, die Mooroberfläche zu begehen, ohne dabei teilweise knietief einzusinken.I. M. Stead: Summary and Conclusions. In: Stead, Bourke, Brothwell: Lindow Man - The Body in the Bog. S. 177–180.

Der Lindow-Mann wurde in einem dieser mit Moorwasser gefüllten Tümpel versenkt, der erst nach und nach durch die Ablagerung von pflanzlichem Material verlandete. Die Arten der vorgefundenen Reste von Käfern, Insekten und Krebstieren wie Wasserflöhen bestätigen die Theorie, dass der Körper des Mannes noch einige Zeit unter Wasser auf der Moorschicht lag, bevor er vollständig vom Moor eingeschlossen wurde. Diese Moorschicht war in einem ursprünglichen Zustand ohne Anzeichen menschlicher Bewirtschaftung, lediglich darüber liegende Fundschichten weisen solche Spuren auf. Bedingt durch die inhomogene Zusammensetzung der Moorschichten um den Körper, mit unterschiedlichen chemischen und physikalischen Eigenschaften, waren die Erhaltungszustände der verschiedenen Körperregionen entsprechend verschieden. Nach dem Tode wuchs die Moorschicht um etwa 3 cm pro Jahr über der Leiche weiter.

Um die genaue Form und die räumlichen Maße zu dokumentieren sowie spätere plastische Veränderungen an dem Fund aufzeigbar zu machen, wurde der Lindow-Mann photogrammetrisch vermessen. Aus den im 10 mm Raster von der Ober- und Unterseite gewonnenen Daten wurde ein Höhenliniendiagramm sowie ein dreidimensionales digitales Modell erstellt.N. E. Lindsey: Photogrammetruc Recording of Lindow Man. In: Stead, Bourke, Brothwell: Lindow Man - The Body in the Bog. S. 31–37

Körperliche Befunde mini|Das Gesicht des Mannes Der Lindow-Mann lag mit dem Gesicht nach unten in einer Tiefe von etwa 250 cm im Moor. Kopf, Oberkörper, Arme und Teile des rechten Fußes und Unterschenkels konnten geborgen werden. Der Unterkörper, einschließlich der Genitalien und Beine, ist unterhalb des 5. Lendenwirbels durch die Torfabbaumaschine abgetrennt worden, und die fehlenden Teile waren zunächst nicht auffindbar. Teile der Unterarme und Fingerknochen sind vergangen. Das Skelett des Mannes ist durch die Lagerung im Moor entkalkt und aufgeweicht. Der Körper wurde vom Gewicht der ihn bedeckenden Torfschicht etwas flachgedrückt. Die intakte Haut hat eine weiche, lederartige Struktur und ist von dunkelbrauner Farbe. Der Körper des Lindow-Manns zeigt eine kräftig ausgeprägte Muskulatur, jedoch keine Anzeichen schwerer körperlicher Arbeit.J. B. Bourke: The Medical Investigation of Lindow Man. In: Stead, Bourke, Brothwell: Lindow Man - The Body in the Bog. S. 46–51. Die Fingernägel machen auch heute noch einen gepflegten und manikürten Eindruck. Haare, Bart, Schnurrbart und die Koteletten sind sorgfältig getrimmt und waren ursprünglich dunkelbraun.Brtohwell, Dobney: Studies on the Hair and Nails of Lindow Man and Comparative Specimens. In: Stead, Bourke, Brothwell: Lindow Man - The Body in the Bog. S. 66–70.Ann V. Priston: The Hair. In: Stead, Bourke, Brothwell: Lindow Man - The Body in the Bog. S. 71. Sein Genick ist stark abgewinkelt, und der auffallend große Kopf ist extrem weit nach vorne geneigt. Das Kinn wird durch die rechte Schulter niedergedrückt. Die rechte Ohrmuschel ist aufgrund des vergangenen Knorpels deformiert. Die Gesichtshaut hat sich vom Nasenknorpel gelöst und ist wellig verschoben. Die Augen sind vergangen, jedoch sind Augenlider und Brauen gut erhalten. Beim Öffnen der Lippen waren die Zunge und einige lose Zähne sichtbar. Trotz der Beschädigungen durch die Torfabbaumaschine ist der rechte Fuß noch gut erhalten. Der Mann war bis zu seinem Tod in einem allgemein guten gesundheitlichen Zustand, von kräftiger, mesomorpher Statur und knapp über 25 Jahre alt. Abgeleitet von seinen Oberarmknochen war er etwa 168 bis 173 cm groß. Damit war er etwas größer als der Durchschnitt seiner Zeitgenossen, aber etwas kleiner als der Durchschnitt der gegenwärtigen britischen Männer. Das Körpergewicht des gut ernährten Mannes betrug zu Lebzeiten um die 60 bis 65 kg. R. A. H. Neave und R. Quinn ordnen den Mann anhand radiologischer Befunde und entsprechend dem angelsächsischen Sprachgebrauch der „Kaukasischen Rasse“ zu.Stead, Bourke, Brothwell: Lindow Man - The Body in the Bog. S. 42 Die Geschlechtsbestimmung erfolgte aufgrund der Körperbehaarung (Bart), der ausgeprägten Muskulatur und des Knochenbaues.

Bei den am 14. Juni und 12. September 1988 in unmittelbarer Nähe im Lindow Moss gefundenen, als Lindow IV bezeichneten Teilen des Gesäßes, des linken Beins und rechten Oberschenkel eines erwachsenen Mannes handelt es sich möglicherweise um fehlende Teile des Lindow-Mannes.

Medizinische Befunde mini|Oberkörper des Lindow-Mannes mit offenem Unterleib Untersuchungen des Leichnams in den Monaten Oktober und November 1984 mit unterschiedlichen bildgebenden Verfahren wie Röntgen, Computertomographie (CT), Xeroradiographie in verschiedenen Londoner Fachkliniken sowie einer Magnetresonanztomographie beim Röntgengerätehersteller Picker International erbrachten aufgrund der demineralisierten Knochen qualitativ sehr unterschiedliche Resultate. Es ließen sich aber deutlich die Frakturen des Schädels, des dritten und vierten Halswirbels sowie der siebten und achten hinteren Rippe auf der linken Seite abbilden. Die Rippenfrakturen wurden dem Mann erst unmittelbar vor Eintritt des Todes beigebracht. Vier Brustwirbel sowie fünf Lendenwirbel zeigten leichte Spuren einer beginnenden Arthritis und Schmorl-Knorpelknötchen, was jedoch für einen körperlich aktiven, kräftigen Menschen mittleren Alters im normalen Rahmen liegt.Reznek, Hallett, Charlesworth: Computed Tomography of Lindow Man. In: Stead, Bourke, Brothwell: Lindow Man - The Body in the Bog. S. 63–65.

Forensische Analysen erbrachten weitere Details zum körperlichen Befund des Mannes. So konnte er der Blutgruppe 0 zugeordnet werden, wie sie im heutigen Großbritannien vor allem bei Personen keltischer Abstammung häufig ist.Connolly, Evershed, Embery, Stanbury, Green, Beahan, Shortall: The Chemical Composition of some Body Tissues. In: Stead, Bourke, Brothwell: Lindow Man - The Body in the Bog. S. 72–76. Durch die Öffnung des abgetrennten Unterkörpers konnte am Thorax und der Bauchhöhle eine endoskopische Obduktion durchgeführt werden, ohne den Körper dafür an intakten Stellen verletzen zu müssen. An inneren Organen waren Teile des oberen Verdauungstraktes wie Magen, Zwölffingerdarm und Leerdarm erhalten, deren Gewebe nur noch sehr dünn waren und wenig intaktes Kollagen und Zellmaterial aufwiesen. Weitere Organe wie Lunge, Herz, Leber oder Gallenblase konnten nicht mehr nachgewiesen werden. Durch den Mund wurde der Mund- und Rachenraum bis zur abgeschnürten Stelle des Halses endoskopiert. Dabei erwies sich die Abschnürung der Luft- und Speiseröhre als so dicht, dass ein Eindringen von Moorwasser in den Magen und infolgedessen eine Kontaminierung des Mageninhalts über diesen Weg ausgeschlossen werden konnte. Die endoskopische Untersuchung des Schädels durch die offene Fraktur am Hinterkopf zeigte, dass das Gehirn nur noch als kleine, zusammengeschrumpfte, unförmige und zähe Masse vorlag.