Die okzitanische Literatur umfasst die literarischen Werke in alt- und neuprovenzalischer Sprache sowie in anderen Varietäten der okzitanischen Sprachengruppe, den sogenannten langues d’Oc. Früher wurde dafür der Oberbegriff der provenzalischen LiteraturProvenzalische Sprache, Provenzalische Literatur in: Herders Conversations-Lexikon, Freiburg im Breisgau 1856, Band 2, S. 780, 789; Provenzalische Sprache und Literatur in: Brockhaus' Kleines Konversations-Lexikon, 5. Auflage, Band 2. Leipzig 1911, S. 464. verwendet, der jedoch irreführend ist, da die altprovenzalische Sprache nur eine Varietät des Okzitanischen war.Köhler/Kirsch 1996, S. 1012. Zudem entstanden viele wesentliche Werke der okzitanischen Literatur der Trobadorzeit außerhalb der Provence (allerdings auch außerhalb der heutigen französischen Verwaltungsregion Okzitanien). Seit dem 19. Jahrhundert wurde die okzitanische Literatur gegen lang anhaltende Widerstände der französischen Kulturpolitik wiederbelebt.

Altprovenzalische Literatur Das Altprovenzalische ist die literarisch am frühesten ausgebildete romanische Sprache, die sich – wie einzelne Wendungen in lateinischen Urkunden zeigen – seit dem 9. Jahrhundert im Süden Frankreichs unter dem Einfluss des Keltischen und Westgotischen aus dem Lateinischen zum Vulgärlatein entwickelte. Die germanischen Einflüsse auf die galloromanische Sprache waren hier jedoch weit geringer als die des Altfränkischen in Nordfrankreich. Älteste Sprachdenkmäler stammen aus dem 10. Jahrhundert.

Die auf dem Aquitano-Romanischen basierende, vermutlich vom Baskischen beeinflusste gaskognische (gasconische) Sprache, die oft ebenfalls zur okzitanischen Sprachfamilie gezählt wird, ist möglicherweise von einem baskischen Sprachsubstrat beeinflusst. mini|hochkant|Bernart (Bernautz) de Ventadorn: Verzierte Majuskel „Q“ des 13. Jahrhunderts

Die Blütezeit der Trobadorlyrik Die Existenz einer frühen epischen Volksdichtung kann aufgrund bruchstückhafter französischer Überlieferungen vermutet werden. Dann nahm sich die geistliche Obrigkeit der Volkssprache an und schuf Heiligenlegenden. Ihre Blüte erlebte die altprovenzalische Literatur in der Zeit der Trobadors von 1100 bis 1300. Sie wurde in einer Kunstsprache verfasst, die keinem regionalen Dialekt eindeutig zuzuordnen ist, aber vermutlich in der Region um Limoges, dem Limousin, entstand, und beeinflusste die Literaturen der benachbarten Sprachräume des eng verwandten Katalanischen, des Aragonesischen, Nordfranzösischen, Italienischen und sogar den deutschen Minnegesang.

Seit etwa 1170 wurde die Trobadorlyrik von französischen Dichtern und Sängern imitiert, so z. B. von Chrétien de Troyes.Jürgen Grimm (Hrsg.): Französische Literaturgeschichte. 4. überarb. Aufl. Stuttgart, Weimar 1999, S. 37. Vom Ende des 12. Jahrhunderts an, vielleicht aber schon früher, kamen provenzalische Trobadors an die kleinen oberitalienischen Höfe, an denen ihre Sprache leicht verstanden wurde. Der Vorbildcharakter der provenzalischen Dichtung war so impulsiv, dass viele Italiener begannen, in provenzalischer Sprache zu dichten, unter ihnen Sordello da Goito (Sordel, ca. 1200–1269), der nicht nur Liebeslieder schrieb, sondern auch politische Gedichte. Um 1230 war er aktiv in die Kämpfe zwischen den Ghibellinen und Guelfen verwickelt und kommentierte mit politischen und satirischen Versen kommentierte. Auch Petrarca und Dante (der Sordellos Porträt im 6., 7. und 8. Gesang des Purgatorio zeichnet) bedienten sich der entwickelten literarischen Formen des Provenzalischen durch Vermittlung von Raimbaut de Vaqueiras, und auch Dichter anderer benachbarter Sprachräume des Provenzalischen folgten den Vorbildern. Katalanische Dichter verfassten bis ins 15. Jahrhundert ihre Gedichte in okzitanischer Sprache, während sie für ihre Prosa das Katalanische benutzten. Das verweist auf den entwickelten Formenschatz und die Höhe der Ausdrucksmöglichkeiten der provenzalischen Literatur des 12. und 13. Jahrhunderts. mini|hochkant|Die Trobairitz Beatriz de Dia, Gräfin von Die Die Trobadordichtung entwickelte innerhalb weniger Jahrzehnte eine hochentwickelte Formkunst mit strenger Silbenzählung und obligatorischem Reim. Anregungen erfuhr sie durch die Dichtung Ovids und möglicherweise durch die arabische Dichtung. Der Trobador trug seine Texte mit Musikbegleitung vor, wenn auch die Bedeutung des Textes vorherrschte und nur wenige Melodien erhalten sind. Da es sich um reisende Dichter und Sänger handelte, war die Verständlichkeit des Textes in verschiedenen Regionen wichtig, was zu einer gewissen Normierung der dichterischen Kunstsprache führte.

Bedeutende Trobadors Als erster namentlich bekannter Trobador und zugleich als erster christlicher Dichter in einer Volkssprache gilt Graf Guillem IX. von Poitou, dem elf feingeistige bis grob sinnliche Canzos (Vorläufer der italienischen Kanzonen) zugeschrieben werden. Wichtigster Vertreter der altokzitanischen Trobadordichtung war der von ca. 1125 bis ca. 1147 aktive Jaufre Rudel, von dem sechs Gedichte — teils mit Noten — gesichert überliefert sind, die vor allem das Thema der Fernliebe berühren. Man erinnert ihn wegen einer unglücklichen Liebesgeschichte, die noch die Romantiker beeindruckte.Köhler/Kirsch 1996, S. 1013.W. Rössig: Jaufré Rudel, Seigneur de Blaya: Die Lieder. In: H.L. Arnold u. a. (Hrsg.): Kindlers Literatur Lexikon. Stuttgart 2020. https://doi.org/10.1007/978-3-476-05728-0_4040-1

Zunächst handelte es sich bei der Trobodarlyrik um Rollenlyrik mit einem festen Formenrepertoire und ohne die Absicht einer persönlichen Gefühlsdarstellung. Dem steht eine realistisch-satirische Richtung gegenüber, für die Marcabru (Marcabrun, aktiv um 1130/45) steht, ein Vertreter eines hermetischen, verschlossenen Stils (Trobar clus), der sich aktiv an der spanischen Reconquista beteiligte und das älteste erhaltene Kreuzzugsgedicht verfasste. Er kritisiert die Trobadorlyrik aus christlicher oder naturrechtlicher Sicht als Poesie des idealisierten Ehebruchs.Köhler/Kirsch 1996, S. 1014. Von ihm stammt u. a. die älteste bekannte Pastourelle, die das Zusammentreffen eines Ritters mit einem Hirtenmädchen beschreibt. Auch Guillem de Cabestany, der schon einer neuen, nach 1150 geborenen Generation angehört und dem mindestens sieben Liebescanzonen zugeschrieben werden, kämpfte auf der Seite der Aragonesen gegen die Mauren. Um seine Person rankt sich die (ursprünglich viel ältere) blutrünstige Legende Le cœur mangé (Das verspeiste Herz), die 2012 von George Benjamin als Stoff für die Oper Written on Skin verwendet wurde.Fürchte dich vor den Hasen auf br.de, 22. März 2025 mini|hochkant|Guillem de Cabestany (Codex Manesse) Zum Lebensideal des höfischen Lebens (cortesia) wurde das Maß (mesura), wie es Folquet de Marselha, Trobador und Bischof von Toulouse, um 1200 und später Guilhem de Montanhagol postulierte. Den stoisch leidenden Aspekt der Minne betont Raimon Jordan, Graf von Saint-Antonin (tätig ca. 1178–1195), der sich in seinem Liebesleiden zu Sakrilegen verstieg. Bei Bernart de Ventadorn, Verfasser von 45 überlieferten Liebesliedern, stimmen normative Minnetheorie und individueller Affekt, also strenge Form (z. B. das Reimschema mit abwechselnd sieben- und sechssilbigen Versen) und subjektives Gefühl vollkommen überein.Köhler/Kirsch 1996, S. 1014. mini|A chantar m'er vom Beatriz de Dia Insgesamt soll es über 400 Trobadors gegeben haben. Von vielen von ihnen sind kurze Vidas (Biographien) überliefert.Margarita Egan (Hrsg. und Übers.): The Vidas of the Troubadours. Garland, New York 1984. Nur etwa 20 Frauen meist adliger Herkunft sind als Trobairitz hervorgetreten; allerdings ist die Überlieferung hier nicht sehr genau. Das früheste erhaltene Lied einer Trobairitz ist Bels dous amics, verfasst von Tibors de Sarenom um 1150. Bekannt wurde Beatriz de Dia, Gräfin von Die, die in ihrem Canso Estat ai en greu cossirier / per un cavallier qu’ai agut („Ich hatte großen Kummer / wegen eines Ritters, der mir gehörte“) kühn die Geschlechtsrollen vertauscht. Von ihr stammt auch die einzige als Notenschrift erhaltene Melodie zum Lied einer Tobairitz: A chantar m'er de so qu'eu no volria (Ich muss singen, worüber ich nicht singen möchte), eine Klage über die Abweisung durch einen Ritter.

Durch die Heirat Heinrich II. von England, der Provenzalisch verstand und der höfischen Kultur zugetan war, mit Eleonore von Aquitanien 1152 verstärkte sich der Einfluss der okzitanischen Trobadordichtung an den Höfen Nordfrankreichs wie z. B. in Troyes und auf die anglonormannischen Dichtung.

Doch mit dem Niedergang der kleineren höfischen Zentren und der wachsenden Bedeutung des Bürgertums verblasste das ständisch-höfische Lebensideal des Trobadors. Ihr Ende fand die Trobadordichtung nach der Auslöschung der okzitanischen Kultur durch die Albigenserkriege (1209–1229), die durch den Priester Guilhem de Tudèla und einen anonymen Autor, der das Werk fortsetzte, in La canzo della crozada literarisch als Kreuzzug legitimiert wurden.Klaus Engelhardt, Volker Roloff: Daten der Französischen Literatur. dtv, München 1979, Bd. 1, S. 18 f. Peire Cardenal (Peire del Puoi, ca. 1180–1278), ein Gegner dieser Feldzüge wie auch des von ihm geschmähten Klerus und der französischen Sprache, reflektierte diesen Niedergang mit satirischen Anspielungen. Auch Ricaut Bonomel haderte um 1265/66 mit dem Papst, der das für den einen Kreuzzug gesammelte Geld für andere Kriegszüge ausgab, und zog dabei alle psychologischen und rhetorischen Register seiner Manipulationskunst („weder das Kreuz noch der Glaube hilft mir gegen die bösen Türken ... Gott unterstützt sie zu unserem Schaden“)Jay Puckett: „Reconmenciez novele estoire“: The Troubadours and the Rhetoric of the Later Crusades. In: MLN, französ. Ausgabe, 116(2001)4, S. 844–889, Johns Hopkins University Press. bevor Giraut Riquier (ca. 1230–1292) die Trobadordichtung noch einmal zu einer Nachblüte führte. Am Ende akzeptierte die Trobadorlyrik den Sieg der militärischen Gewalt über die Stärke des Glaubens. Guilhem de Montanhagol, enttäuscht von der Rolle des Papstes in den blutigen Albigenserkriegen, spiritualisierte die höfische Minne in einer Weise, die schon auf den Dolce stil nuovo und Dante verweist.Köhler/Kirsch 1996, S. 1014.

Weitere Formen mini|hochkant|Bertran de Born Vom Minnesang zu unterscheiden ist das Sirventes mit politisch-moralischen Themen, wobei häufig Kettenreime (Terzinen) verwendet werden. Diese gelegentlich auch satirisch verwendete Form wurde zuerst von Cercamon (um 1140/50) am Hof von Poitiers benutzt und von dem in die englisch-französischen Kämpfe seiner Zeit verwickelten Bertran de Born (ca. 1140–1215) zur höchsten Vollendung geführt. Der heißblütige und kampfeslustige war einer der bekanntesten Trobadors. Seinen Nachruhm verdankt er nicht zuletzt Dante, der ihm in seiner Göttlichen Komödie als Zwietrachtstifter einen Platz in der Hölle zuweist. Dort musste er seinen Kopf am Haar wie eine Laterne tragen, hatte er doch die Söhne Heinrichs II. von England zur Revolte gegen ihren Vater angestiftet: „Weil ich so nah verbundne Menschen trennte,/ drum trag ich Armer mein Gehirn getrennt / von seinem Lebensquell in diesem Rumpf […]“.Dante: Die Göttliche Komödie, Inferno, Achtundzwanzigster Gesang, Übers. Karl Vossler, Frankfurt, Wien, Zürich 1978, S. 139.