mini|Theodore Roosevelt und Cândido Mariano de Silva Rondon im Quellgebiet des mini|Roosevelt und Rondon am Ende der Expedition auf dem Amazonas Die Roosevelt-Rondon Scientific Expedition (in Brasilien: Expedição Científica Rondon-Roosevelt) war eine von Dezember 1913 bis April 1914 unter der Leitung des früheren US-amerikanischen Präsidenten Theodore Roosevelt und des brasilianischen Offiziers, Ingenieurs und Abenteurers Cândido Rondon durchgeführte naturwissenschaftliche Südamerika-Expedition. Das vorrangige Ziel bestand darin, den wenige Jahre zuvor von Rondon entdeckten (deutsch: Fluss des Zweifels) zu erforschen.
Die Smithsonian-Roosevelt African Expedition von 1909/10 hatte die Teilnehmer im Vergleich zur Südamerika-Expedition in vielfältiger Weise begünstigt. Meist fanden diese weite, offene Landschaften mit einem warmen trockenen Klima vor. Die Reiseroute musste an nur wenige natürliche Einschränkungen wie die Verfügbarkeit von Trinkwasser oder die jährliche Regenzeit und Dürre angepasst werden. Es gab eine Fülle von Wild, das zur Ernährung der weißen Reisenden mit ihren mehr als 200 afrikanischen Begleitern dienen konnte.
Demgegenüber wurde die nur zwanzigköpfige Expedition zum durch die Mitnahme schwerer Einbäume und die dichte Vegetation an den Verlauf des Flusses gebunden und musste an Stromschnellen und Wasserfällen lange Umtragestellen bewältigen. Das Klima war schwül und die täglichen heftigen Regenfälle erschwerten das Vorankommen zusätzlich. Fast alle Teilnehmer der Expedition litten an Malaria. Der bald auftretende Nahrungsmangel zwang die Mannschaft zum Rationieren der Lebensmittel. Die Belastungen kulminierten in dem Verlust eines Teilnehmers durch einen Unfall und zweier weiterer durch einen Mord und die Flucht des Täters in den Dschungel, wo er mit Sicherheit starb. Theodore Roosevelt erkrankte während der Expedition lebensbedrohlich und erholte sich davon nicht mehr vollständig. Er starb weniger als fünf Jahre später.
Die Expedition war in Bezug auf die angestrebten Ziele dennoch erfolgreich. Neben der genauen Kartierung des Flusses konnten zahlreiche Tiere und Pflanzen für Museen in Brasilien und den Vereinigten Staaten gesammelt werden. Auf der Basis dieses Material wurde eine Reihe von Arten und Unterarten erstbeschrieben, von denen die meisten mittlerweile nur noch als Synonyme zuvor beschriebener Arten gelten.
Hintergrund Bereits gegen Ende seiner Präsidentschaft, im Jahr 1908, hatte Roosevelt Kontakt mit John Augustine Zahm, einem römisch-katholischen Priester, Autor, Wissenschaftler und Forschungsreisenden. Dieser war gerade von den Anden zurückgekehrt, und beide erörterten die Möglichkeit einer Reise Roosevelts in das Innere Südamerikas. Der Gedanke wurde zugunsten Roosevelts Afrikareise nicht verwirklicht.Theodore Roosevelt: Through the Brazilian Wilderness, S. 1. Nach seiner Rückkehr von der Smithsonian-Roosevelt African Expedition im Juni 1910 wurde Roosevelt umgehend wieder politisch aktiv. Er strebte eine erneute Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen 1912 an. Die Republikanische Partei nominierte jedoch den Amtsinhaber William Howard Taft. Daraufhin gründete Roosevelt die Progressive Party und trat als ihr Kandidat an. Roosevelt schnitt besser als Taft ab, doch Wahlsieger wurde der Demokrat Woodrow Wilson.
1913 erschien Roosevelts Autobiografie, an der er seit seiner Präsidentschaftskandidatur gearbeitet hatte. In diesem Jahr erfüllte er sich seinen lange gehegten und mehrfach aufgeschobenen Wunsch, eine Reise nach Südamerika. Die Reise war ihm erneut von Pater Zahm vorgeschlagen worden. Zahm hatte eine Route durch bereits gut erforschte Gebiete geplant, beginnend mit der Befahrung des Rio Tapajós und mit nur kurzen Fußmärschen. Zahm sollte auch an der Expedition teilnehmen. Im Juli 1913 schrieb Roosevelt über die ersten Planungen an seinen Freund Arthur Hamilton Lee, er wolle den Río de la Plata, den Río Paraná und den Río Paraguay aufwärts befahren, über Land zu den Quellen des Amazonas vordringen, das Amazonasbecken durchqueren und auf dem Orinoco nach Venezuela fahren.
Als passionierter Jäger interessierte Roosevelt sich für die Möglichkeiten der Jagd südlich des Äquators. Er vereinbarte schon vor der Abreise mit dem American Museum of Natural History die Beschaffung von naturkundlichen Sammlungsexemplaren während der Reise. Dafür übernahm das Museum einen Teil der anfallenden Kosten und stellte zwei Wissenschaftler als Mitreisende. Nach der Ankunft in Rio de Janeiro am 13. November 1913 wurde Roosevelt von dem brasilianischen Außenminister Lauro Müller empfangen und mit einem Angebot überrascht. Wenn er das Ziel seiner Reise um die Erforschung und Kartierung des bis zum Amazonas erweiterte, würde die brasilianische Regierung das Vorhaben unterstützen. Roosevelt willigte begeistert in die Reise in unerforschtes Gebiet ein und die brasilianische Seite stellte mit dem Offizier Cândido Rondon den zweiten Leiter der Expedition. Rondon befand sich Anfang Oktober 1913 im brasilianischen Dschungel und benötigte fünf Wochen für die Rückkehr in die Zivilisation und das erste Zusammentreffen mit Roosevelt.Todd A. Diacon: Stringing Together a Nation, S. 32. Er hatte wenige Jahre zuvor den entdeckt, dessen genauer Verlauf war aber noch nicht bekannt. Die Roosevelt-Rondon Scientific Expedition führte in eine Region, die noch nie von westlichen Forschern bereist worden war.Edmund Morris: Colonel Roosevelt, S. 306–308.
Das American Museum of Natural History als Roosevelts Sponsor war mit der Änderung der Reisepläne nicht einverstanden. Insbesondere der Präsident des Museums, Henry Fairfield Osborn, und der Kurator der Vogelsammlung, Frank Michler Chapman, waren verärgert und erwogen den Rückzug aus dem Projekt. Dabei wurden sie mehr von der Sorge um das Wohlbefinden des Ex-Präsidenten angesichts der lebensgefährlichen Reise ins Unbekannte als von der Sorge um die wissenschaftliche Ausbeute der Reise getrieben. Sie wussten, dass Roosevelt nicht in bester körperlicher Verfassung war, und sein Tod während der Expedition hätte ihnen und dem Museum auf ewig angehangen. Auch Roosevelts Sekretär Frank Harper und Pater Zahm, die an der überwiegend von Zahm geplanten Expedition teilgenommen hätten, waren zunehmend um ihre eigene Sicherheit besorgt. Roosevelt hingegen ignorierte die Gefahren und ließ sich, unterstützt von den anderen Mitreisenden, nicht von seinen Plänen abbringen. Seiner Schwiegertochter Eleanor Butler Alexander schrieb er, die Expedition sei seine letzte Chance, ein Junge zu sein (englisch: his last chance to be a boy).
Am 4. Oktober 1913 verließ Roosevelt mit seiner Ehefrau Edith und mehreren Expeditionsteilnehmern an Bord der S. S. Vandyck den Hafen von New York. Nach einem Zwischenstopp auf Barbados trafen sie am 18. Oktober 1913 in Salvador da Bahia ein. Roosevelt absolvierte in Begleitung Ediths seine Vortragsreise durch mehrere südamerikanische Staaten. Ende November reiste Edith Roosevelt in die Vereinigten Staaten zurück, um das Weihnachtsfest mit ihren Söhnen Quentin und Archibald zu verbringen. Bis zum Beginn der Expedition nahm Roosevelt innerhalb von drei Wochen eine Reihe offizieller Termine wahr. Außerdem nahm er an einer Jaguarjagd teil.Patricia O’Toole: When Trumpets Call, S. 252–254.
Teilnehmer mini|hochkant|Cândido Rondon, um 1910 mini|George Cherrie, Theodore Roosevelt und Leo E. Miller Mit Theodore Roosevelt hatte die Expedition einen prominenten und seit der Smithsonian-Roosevelt African Expedition von 1909 und 1910 tropenerfahrenen Leiter. Auch der brasilianische Offizier, Ingenieur und Forschungsreisende Cândido Rondon verfügte bereits über Erfahrungen in der Leitung von Expeditionen in unerschlossene Gebiete, und er kannte den Mato Grosso wie kein anderer. Rondon war der Sohn einer Eingeborenen und eines weißen Vaters. Er war in der brasilianischen Armee bis zum Colonel aufgestiegen. Durch seine Forschungsreisen in den Amazonasurwald war er wie Roosevelt in den Vereinigten Staaten zu einem brasilianischen Nationalhelden geworden. Rondon sprach kein Englisch und Roosevelt kein Portugiesisch. Sie kommunizierten miteinander auf Französisch, das beide nur mittelmäßig beherrschten.
Kermit Roosevelt, Theodore Roosevelts Sohn, hatte als Großwildjäger und Fotograf bereits an der Afrika-Expedition teilgenommen. Er war als Ingenieur bei einem Brückenbauprojekt in Brasilien im Einsatz und hatte sich gerade von einem Arbeitsunfall erholt. Kermit hatte nur wenig Erfahrung mit dem brasilianischen Urwald, aber er sprach Portugiesisch. George Cherrie und Leo E. Miller waren als Zoologen des American Museum of Natural History die beiden einzigen professionellen mitreisenden US-Amerikaner. Sie waren als Wissenschaftler von der Expedition und den Forschungsmöglichkeiten begeistert, hatten aber ebenso wenig Tropenerfahrung wie der Polarforscher Anthony Fiala. Roosevelts Sekretär Frank Harper und Pater Zahm trugen nichts zum Erfolg der Expedition bei, während Zahms Schweizer Diener Jacob Sigg wenigstens zupackende Hände mitbrachte.Edmund Morris: Colonel Roosevelt, S. 312–313.Theodore Roosevelt: Through the Brazilian Wilderness, S. 2–5.
Die brasilianischen Expeditionsteilnehmer zeichneten sich demgegenüber durch ihre Ausbildung und Erfahrung aus. Leutnant João Lyra (auch Lira geschrieben), Rondons Adjutant, war ein Astronom und Landvermesser. Hauptmann Amílcar de Magalhães war ein ausgewiesener Logistikexperte. Der Militärarzt José Antonio Cajazeira fungierte als Expeditionsarzt. Das übrige Personal umfasste den Geologen Eusébio Paulo de Oliveira, einen Zoologen, einen Taxidermisten, einen Entomologen, den Botaniker Frederico Carlos Hoehne, zwei Offiziere mit allgemeinen Aufgaben und Urwalderfahrung und einen Kameramann mit einem großen Vorrat an Film.Edmund Morris: Colonel Roosevelt, S. 313–314.Theodore Roosevelt: Through the Brazilian Wilderness, S. 49–51.
Im Norden des Mato Grosso verließen mehrere Mitglieder die Expedition, die zudem aufgeteilt wurde. Frank Harper wurde klar, dass er für das Reisen durch die Wildnis nicht geeignet war. Er reiste über Rio de Janeiro nach New York zurück. Pater Zahm wurde wenig später dazu aufgefordert, unverzüglich mit Jacob Sigg in die Zivilisation zurückzukehren. Zuvor hatte er sowohl Rondon als auch Roosevelt mit seiner Forderung verärgert, von Indios in einer Sänfte getragen zu werden. Lieutenant Alcides Lauriodó und Anthony Fiala befuhren den nach Norden in den Rio Tapajós fließenden Rio Papagaio. Hauptmann Amílcar und Leo Miller verließen die Expedition später, um den Ji-Paraná zu erforschen. Dieser entsprang nahe dem Quellgebiet des . Es war geplant, dass die drei Expeditionen zu einem späteren Zeitpunkt am rechten Ufer des Amazonas, spätestens jedoch in Manaus, wieder zusammenfinden.Edmund Morris: Colonel Roosevelt, S. 315–325.
Ausrüstung