mini|Der Ponce-Monolith mit Schnupftablett (im Bild links) und Qiru (im Bild rechts) in den Händen. Wie bei allen Präsentationsmonolithen enden beide Arme des Monolithen in linken Händen, was bei der rechten Körperseite eine unmögliche akrobatische Geste darstellt. Der Grund für diese ungewöhnliche Darstellungsweise ist schwer zu erklären. Der Ponce-Monolith (auch Ponce-Stele genannt, benannt nach dem bolivianischen Archäologen Carlos Ponce Sanginés) ist ein aus Andesit bestehender Monolith (genauer Stele) der Tiwanaku-Kultur. Er befindet sich in der Ruinenstätte Tiwanaku in Bolivien. Innerhalb der Ruinenstätte steht er im Zentrum von Kalasasaya. Er ist dem Monolithengenre der Präsentationsmonolithen zuzuordnen. Die Statue hält in der linken Hand einen Qiru und in der rechten Hand ein Schnupftablett. Außerdem trägt sie ein StirnbandWilliam H. Isbell: Nature of an Andean City: Tiwanaku and the Production of Spectacle. In: Alexei Vranich, Charles Stanish (Hrsg.): Visions of Tiwanaku. UCLA Cotsen Institute of Archaeology, Los Angeles, 2013, S. 167–196, hier S. 185 und nicht wie manchmal behauptet eine vierzipflige Mütze.

Geschichte Während einer Periode größerer Verwaltungsreformen der spanischen Kolonialisten im Jahr (oder nach) 1572 wurden die bedeutendsten Stelen der Ruinenstätte und der angrenzenden Stadt (darunter der Ponce-Monolith) während einer feierlichen Prozession markiert und anschließend begraben. Dies lässt sich daraus schließen, dass sowohl der Ponce- als auch der Suñawa-Monolith Markierungen aufweisen: In den rechten Oberarm des Ponce-Monolithen wurde von den Spaniern ein Kreuz im „Cruz del Carmen“-Stil eingeritzt, bei dem das untere Segment der Form eines Zirkels ähnelt.Anna Guengerich, John W. Janusek: The Suñawa Monolith and a Genre of Extended-Arm Sculptures at Tiwanaku, Bolivia. Ñawpa Pacha (2020), S. 10. Ebenso wurde in den Körper des Suñawa-Monolithen die Inschrift „EL PRIMERO ENERO AÑO 1572“ („der erste Januar 1572“) eingeritzt. Die Stelen wurden anschließend von den Kolonialisten vergraben, möglicherweise um ihnen ein (aus ihrer Sicht) angemessenes „christliches Begräbnis“ zu ermöglichen. Der Ponce-Monolith wurde dann im Jahr 1957 intakt und in situ von einem Grabungsteam unter der Leitung des bolivianischen Archäologen Carlos Ponce Sanginés innerhalb der Monumentalstruktur Kalasasaya wiederentdeckt.Anna Guengerich, John W. Janusek: The Suñawa Monolith and a Genre of Extended-Arm Sculptures at Tiwanaku, Bolivia. Ñawpa Pacha (2020), S. 10 f.John Wayne Janusek: Identity and power in the ancient Andes: Tiwanaku cities through time. Routledge, 2004., S. 256.

Am 24. Februar 2021 besprühten christliche Fanatiker im Rahmen eines „religiösen Aktes“ sowohl das Sonnentor von Tiwanaku als auch den Mönch- und den Ponce-Monolithen mit Olivenöl. Dies könne nach der Meinung eines Konservierungsexperten möglicherweise zu einer Verschlechterung der lithischen Struktur der über 1500 Jahre alten Monolithen führen.

Basisdaten Der aus sehr hartem vulkanischen Gestein (Andesit) bestehende Monolith ist 3 m groß. Der Ponce-Monolith gehört zusammen mit dem Bennett- und dem Mönch-Monolith zu den „großen drei“ Monolithen, auf die sich Wissenschaftler zumeist fokussieren, da sie am besten erhalten und am besten zugänglich sind. Die Ikonografie der „Großen Drei“ ist allerdings nicht unbedingt repräsentativ für die große Vielfalt an Monolithen in Tiwanaku.Anna Guengerich, John W. Janusek: The Suñawa Monolith and a Genre of Extended-Arm Sculptures at Tiwanaku, Bolivia. Ñawpa Pacha (2020), S. 24. Der Ponce-Monolith ist einem bestimmten Monolithen-Genre der Tiwanaku-Kultur zuzuordnen, den sogenannten Präsentationsmonolithen.Anna Guengerich, John W. Janusek: The Suñawa Monolith and a Genre of Extended-Arm Sculptures at Tiwanaku, Bolivia. Ñawpa Pacha (2020), S. 4. Er ist neben dem Pachakama-Monolithen, dem Suñawa-Monolithen und dem Monolithen namens „El Gigante“ (von dem nur noch der „Gigantenkopf“ vorhanden ist) einer der vier bekannten Monolithen aus Andesit. Alle anderen bei Tiwanaku gefundenen Monolithen – die entweder dem Genre der Präsentationsmonolithen oder dem der Monolithen mit ausgestreckten Armen angehören – bestehen aus Sandstein.Anna Guengerich, John W. Janusek: The Suñawa Monolith and a Genre of Extended-Arm Sculptures at Tiwanaku, Bolivia. Ñawpa Pacha (2020), S. 2.

Darstellung Der Archäologe Alan Kolata interpretiert Tiwanakus Monolithen (wie den Ponce- und Bennett-Monolithen) als Repräsentationen der Vorfahren von Tiwanakus Herrscherlinie. Sie seien Wak'as der ethnischen Identität und Kontinuität schlechthin. In ihnen würde sich nach Kolata die Essenz der politischen Legitimität der Tiwanaku-Elite, ihr esoterisches Wissen und ihre moralische Autorität manifestieren.Alan Kolata: The Tiwanaku: portrait of an Andean civilization. Blackwell, Cambridge 1993, ISBN 1-55786-183-8, S. 143 f. Auch nach den Ethnologinnen Antje Gunsenheimer und Ute Schüren würden die Monolithen menschliche Figuren zeigen. Die Ethnologinnen glauben allerdings, dass die stereotypische Darstellungsweise der Monolithen impliziert, dass es sich nicht um die Darstellung historischer Personen handelt.Antje Gunsenheimer, Ute Schüren: Amerika vor der europäischen Eroberung. Frankfurt/Main: S. Fischer (2016) Margaret Young-Sánchez beschreibt sowohl den Bennett- als auch den Ponce-Monolithen als „starre männliche Figur“. Nach Andenspezialist William H. Isabell würden die Objekte, die als Qiru und Schnupftablett identifiziert wurden implizieren, dass die Stelen keine Insignien des Königtums darstellen, sondern eher schamanische Symbole. Daher schiene es so als würden die Statuen jeweils einen „Gastgeber, der Getränke und Drogen anbietet“ repräsentieren.William H. Isbell: Nature of an Andean City: Tiwanaku and the Production of Spectacle. In: Alexei Vranich, Charles Stanish (Hrsg.): Visions of Tiwanaku. UCLA Cotsen Institute of Archaeology, Los Angeles, 2013, S. 167–196, hier S. 186

Der Ponce-Monolith hält in der linken Hand einen – möglicherweise mit Chicha gefüllten – Qiru (ein spezifisches Tiwanaku-Trinkgefäß), aus dem „Richtungsindikatoren“ ragen. In der rechten Hand hält er ein Schnupftablett (snuff tray).Charles Stanish, Alexei Vranich: Visions of Tiwanaku. Institute of Archaeology Press, Los Angeles (2013) Band 78, S. 144 f. Der Anthropologe Matthew Bandy bezeichnet die ikonografischen Elemente, die aus dem Qiru ragen, generisch als „Richtungsindikatoren“. Seiner Ansicht nach würden sie das Vorhandensein eines fermentierten Getränks darstellen, von dem er annimmt, es könne sich um Chicha handeln.Alexei Vranich, Charles Stanish: Visions of Tiwanaku. Cotsen Institute of Archaeology Press, Los Angeles (2013), S. 144 f. Nach Margaret Young-Sánchez würde die Anwesenheit von Qirus und Schnupftabletts auf dem Bennett- und Ponce-Monolithen wichtige Hinweise in Bezug auf die Ritualhandlungen geben, die die Tiwanaku-Eliten praktiziert hätten. Zudem seien die Miniaturversionen der großen Steinstatuen möglicherweise in privaten Ritualen verehrt worden.

Die Rückseite des Ponce-Monolithen ähnelt der Jinchun Kala-Stele in Qhunqhu Wankani (Khonkho Wankane), in der Hinsicht, dass sie Haare (oder Kopfschmuck) zeigt. Wie im Fall der Jinchun Kala-Stele enden diese Haarsträhnen in Tierköpfen. Der Amateurarchäologe Arthur Posnansky interpretierte sie als Fischköpfe. Er schlug vor, dass es sich um Fisch der Gattung der Andenkärpflinge handelt.Arik Ohnstad: The stone stelae of Khonkho Wankane: inventory, brief description, and seriation. In: Advances in Titicaca basin archaeology, II (2013): 53-66, S. 57.

Ausrichtung mini|hochkant|200 Bolivianos: rekonstruiertes Haupttor von Kalasasaya, welches den Blick auf den Ponce-Monolithen freigibt Präsentationsstelen wie der Ponce-Monolith wurden von den Tiwanakanern strategisch innerhalb der Zeremonienkerne (in abgesenkten Höfen) positioniert und ausgerichtet.Mathieu Viau-Courville: Spatial Configuration in Tiwanaku Art. A Review of Stone Carved Imagery and Staff Gods. Boletín del Museo Chileno de Arte Precolombino 19.2 (2014): 9-28, S. 22. Die Ponce-Stele ist nach Osten ausgerichtet und blickt durch Kalasasayas (pseudowissenschaftlich rekonstruiertes) Monumentaltor zum halbunterirdischen Tempel, in dessen Zentrum sich einst die Bennett-Stele befand. Der Anthropologe Alan Kolata vermutet, dass die Bennett-Stele mit ihrem Gesicht nach Westen ausgerichtet war. Kolata nimmt an, dass es so wirken sollte, als würde die Ponce-Stele „den ewigen Blick ihres Gegenübers erwidern“.Alan Kolata: The Tiwanaku: portrait of an Andean civilization. Blackwell, Cambridge 1993, ISBN 1-55786-183-8, S. 143. mini|hochkant|Briefmarke aus dem Jahr 1960 mit der Ponce-Stele als Motiv

Körper-Ikonografie Die Körper-Ikonografie des Ponce-Monolithen zeigt „Prozessionsfiguren“ und die für die Tiwanaku-Ikonografie typische „zentral frontal abgebildete Figur“ (oft als „Stabgottheit“ bezeichnet).Anna Guengerich, John W. Janusek: The Suñawa Monolith and a Genre of Extended-Arm Sculptures at Tiwanaku, Bolivia. Ñawpa Pacha (2020), S. 14 f. Das Symbol mit dem Kreis in der Mitte, der von einer oder mehreren „Klammern“ umschlossen ist (von Anna Guengerich und John W. Janusek „Nayra-Smybol“Anna Guengerich, John W. Janusek: The Suñawa Monolith and a Genre of Extended-Arm Sculptures at Tiwanaku, Bolivia. Ñawpa Pacha (2020) genannt), taucht nach Angaben von Constantino Manuel Torres 24-mal in den Szenerien und anderen ikonografischen Darstellungen des Ponce-Monolithen auf. Dieses Symbol ist in der SAIS-Ikonografie (SAIS für „Southern Andean Iconographic Series“) von außerordentlicher Wichtigkeit.Constantino Manuel Torres et al.: Visionary plants and SAIS iconography in San Pedro de Atacama and Tiahuanaco. Images in Action: the Southern Andean Iconographic Series, 2018. Die Körper-Ikonografie des Ponce-Monolithen weist gewisse Ähnlichkeiten mit dem Bennett-Monolithen auf, aber auch starke Unterschiede.Juan Villanueva Criales: El monolito Bennett de Tiwanaku desde una poética andina. In: Expresiones: Lenguajes y Poéticas. Hrsg.: Museo Nacional de Etnografía y Folklore, La Paz, Bolivien (2021), S.&36 Bei den bandartigen Wangenverzierungen, die alle Tiwanaku-Statuen aufweisen, handelt es sich nicht um Tränen,Alfons Stübel, Max Uhle: Die Ruinenstätte von Tiahuanaco im Hochlande des alten Perú: Eine kulturgeschichtliche Studie auf Grund selbständiger Aufnahmen. Leipzig (1892), Zweiter Teil, S. 23. sondern nach Max Uhle um die „strahlende Macht des Blickes“, die nichts der „Andeutung von Tränen“ zu tun hätten.Max Uhle, Gerdt Kutscher: Wesen und Ordnung der altperuanischen Kulturen. Colloquium Verlag, 1959, S. 60.

„Stabgottheiten“ Der Ponce-Monolith zeigt zwei „Stabgötter“. Ein Stabgott ist auf dem Stirnband über den Augen der Statue platziert. Auf der Rückseite der Statue ist eine größere und besser erhaltene Variation einer Stabgottheit zu sehen.William H. Isbell, Patricia J. Knobloch u. a.: Tiwanaku: Papers from the 2005 Mayer Center Symposium at the Denver Art Museum. (2009), 165–210.

Zentrale „Ponce-Stabgottheit“