mini|hochkant|Treppenhaus-Risalite der Rothenbergsiedlung (2016) Die Rothenbergsiedlung (Rothenberg-Siedlung, Siedlung Rothenberg) ist eine Wohnsiedlung des Neuen Bauens in Kassel in Hessen. Die 1929–1931 errichtete Zeilenbausiedlung mit viergeschossigen Mehrfamilienhäusern und zentralem Heiz-, Wasch- und Badehaus zählt zu den Hauptwerken des Architekten Otto Haesler aus Celle.
Lage Die Siedlung liegt nördlich der Kasseler Innenstadt im Ortsteil Rothenditmold auf einer Anhöhe und ist von mehreren Straßen erschlossen, so dass eine Vielzahl von Adressen entstand. Erster Bauabschnitt: Frankenberger Straße 22–28, Fritzlarer Straße 2–10, Gudensberger Straße 2–8, Hersfelder Straße 35, Malsfelder Straße 2–6, Rotenburger Straße 22–30, Treysaer Straße 2–12. Zweiter Bauabschnitt: Hersfelder Straße 1–13, Frankenberger Straße 2–20.Adressenaufzählung nach Simone Oelker: Otto Haesler. Eine Architektenkarriere in der Weimarer Republik. Dölling und Galitz Verlag, München 2002, ISBN 3-935549-15-6, S. 297. (Schreibweise nach Stadtplan korrigiert.)
Geschichte und Rezeption mini|Fassadengestaltung der Zeilenvorderseiten mini|Fassadengestaltung der Zeilenrückseiten
Wegen eines dringenden Bedarfs an Kleinwohnungen in Kassel initiierten 1928 der Leiter des Kasseler Wohnungsamtes Hanns Sauter und der Oberbaurat Gerhard Jobst eine Kontaktaufnahme zum Celler Architekten Otto Haesler, der durch beispielhafte neue Wohnsiedlungen, wie der Siedlung Italienischer Garten und der Siedlung Georgsgarten in Celle, deutschlandweit auf sich aufmerksam gemacht hatte.Zur Initiative: Simone Oelker: Otto Haesler. Eine Architektenkarriere in der Weimarer Republik. Dölling und Galitz Verlag, München 2002, ISBN 3-935549-15-6, S. 164 f. In diesem Zusammenhang steht auch ein Celler Vortrag von Haesler zum Thema „Verbilligung und Verbesserung des Wohnungsbaues / Durch technische Maßnahmen“, den das Kasseler Volksblatt im September 1928 veröffentlichte.Faksimile des Zeitungsartikels bei Ronald Kunze (Hrsg.): Otto Haesler. Modelle sozialen Wohnens 1924–1934. Ausstellungskatalog, Band II zu den Werken Rothenbergsiedlung und Marie-von-Boschan-Aschrott-Altersheim in Kassel. Kassel 1990, S. 23–34, S. 139 ff. (Bibliographie), S. 147 f. (Abschrift des Werkvertrags der Kasseler Wohnungsfürorge-Gesellschaft mit Otto Haesler vom 30./31. Mai 1929), S. 145. Der rasch verabredete Bauauftrag an den auswärtigen Haesler verstimmte die ansässigen Architekten. Dennoch kam es Ende Mai 1929Ronald Kunze (Hrsg.): Otto Haesler. Modelle sozialen Wohnens 1924–1934. Ausstellungskatalog, Band II zu den Werken Rothenbergsiedlung und Marie-von-Boschan-Aschrott-Altersheim in Kassel. Kassel 1990, S. 23–34, S. 139 ff. (Bibliographie), S. 147 f. (Abschrift des Werkvertrags der Kasseler Wohnungsfürorge-Gesellschaft mit Otto Haesler vom 30./31. Mai 1929), S. 148 f. (Abschrift des Vertrags). zum endgültigen Vertragsabschluss für die Gesamtplanung eines ersten Bauabschnitts mit etwa 220 Wohneinheiten zwischen der Kasseler Wohnungsfürsorge GmbH und Otto Haesler. Haesler entwarf die Siedlung und leitete deren Ausführung zusammen mit seinem engsten Büromitarbeiter Karl Völker, dessen genauer Anteil jedoch nicht geklärt ist.Zur Zusammenarbeit von Haesler und Völker siehe: Simone Oelker: Otto Haesler. Eine Architektenkarriere in der Weimarer Republik. Dölling und Galitz Verlag, München 2002, ISBN 3-935549-15-6, S. 64–65.
Baubeginn war am 1. August 1929; am 15. Mai 1930 waren 216 Wohnungen des ersten Bauabschnitts bezugsfertig.Gerhard Jobst: Das wirtschaftliche Ergebnis der Rothenberg-Siedlung in Kassel. In: Deutsche Bauzeitung, Jg. 65, 1931, Nr. 21 vom 23. Dezember 1931 (Digitalisat, abgerufen am 26. Februar 2021), S. 166–168, hier S. 166. Im zweiten Bauabschnitt entstanden ab August 1930 bis 1931 weitere 160 Wohnungen, von denen Haesler und Völker nur Zeilenbauten mit 84 Wohnungen verantworteten. Die restlichen Zeilenbauten entstanden „unter künstlerischer Leitung“Zur Geschichte des zweiten Bauabschnitts detailliert Simone Oelker: Otto Haesler. Eine Architektenkarriere in der Weimarer Republik. Dölling und Galitz Verlag, München 2002, ISBN 3-935549-15-6, S. 170–172. von Otto Haesler nach Plänen der Kasseler Architekten Brahm und Kasteleiner, Baecker und Sirrenberg sowie Sichel und Leers als Arbeitsgemeinschaft sowie des Vorsitzenden der Kasseler BDA-Ortsgruppe Hans Soeder.Simone Oelker: Otto Haesler. Eine Architektenkarriere in der Weimarer Republik. Dölling und Galitz Verlag, München 2002, ISBN 3-935549-15-6, S. 165 f. – Eine Häuserzeilen-Abbildung vom zweiten Bauabschnitt ebendort, S. 171.
Wegen vielfältiger Zugeständnisse beurteilte Haesler die Rothenbergsiedlung selbstkritisch als lediglich „eine etappe auf dem wege zu standardtypen“Simone Oelker: Otto Haesler. Eine Architektenkarriere in der Weimarer Republik. Dölling und Galitz Verlag, München 2002, ISBN 3-935549-15-6, S. 298., womit er seine eigene Weiterentwicklung des typenhaften Kabinensystems und die Weiterführung des Zeilenbaus in einer aufgelockerten Form meinte. Das äußere Lob fiel positiver aus: Die nach kurzer Zeit veranstaltete Mieterumfrage zum Gebrauchswert der Wohnungen endete mit durchweg anerkennendem Ergebnis.Gerhard Jobst: Das wirtschaftliche Ergebnis der Rothenberg-Siedlung in Kassel. In: Deutsche Bauzeitung, Jg. 65, 1931, Nr. 21 vom 23. Dezember 1931 (Digitalisat, abgerufen am 26. Februar 2021), S. 166–168., hier S. 168. Und der Mitinitiator der Siedlung Gerhard Jobst wies in einer veröffentlichten Schlussabrechnung nach, dass die Haeslersche Stahlskelett-Bauweise kostengünstiger gewesen sei, als die Massivbauweise im zweiten Bauabschnitt: „So kann zusammenfassend als erwiesen hingestellt werden, daß dem Architekten geglückt ist, die Baukosten zu senken und trotzdem eine verbesserte Wohnform zu schaffen.“Simone Oelker: Otto Haesler. Eine Architektenkarriere in der Weimarer Republik. Dölling und Galitz Verlag, München 2002, ISBN 3-935549-15-6, S. 299.
Otto Haesler und seine Architektenkollegen sorgten dafür, das Bauprojekt in Fachzeitschriften vielfach bekannt zu machen.Zusammenstellung der Primärliteratur aus den Jahren 1929 bis 1932 bei Simone Oelker: Otto Haesler. Eine Architektenkarriere in der Weimarer Republik. Dölling und Galitz Verlag, München 2002, ISBN 3-935549-15-6, S. 298. Das wohl auch dadurch angefeuerte Interesse der Fachöffentlichkeit an der Rothenbergsiedlung war groß und fand seinen Höhepunkt in der von Henry-Russell Hitchcock und Philip Johnson kuratierten Ausstellung „Modern Architecture“, die 1932 im Museum of Modern Art (MoMA) in New York (USA) stattfand. In dieser Ausstellung, die erstmals internationale Hauptwerke des Neuen Bauens zusammenfasste, war Otto Haesler mit den beiden soeben erst fertiggestellten Kasseler Bauprojekten des Marie von Boschan-Aschrott Altersheims (1929–1931) und der Rothenbergsiedlung prominent vertreten. Pläne und Fotos hatte Haesler zur Verfügung gestellt; ergänzend fertigte das Museum ein großes Siedlungsmodell an. Im umfangreichen Ausstellungskatalog verfasste Kurator Johnson, der Haesler 1931 in Deutschland besucht hatte, selbst das Haesler-Kapitel. Darin kam es auch im Kontext der Rothenbergsiedlung zu der überschwänglichen – und später viel zitierten – Bewertung von Haesler als „fortschrittlichster Siedlungsarchitekt Deutschlands und vielleicht der ganzen Welt“ („Otto Haesler is the foremost housing architect in Germany, and perhaps in the world, since Germany has so far outstripped other nations in solving the housing problem“)Zitiert nach: Modern Architecture. International Exhibition. Ed. The Museum of Modern Art New York, February 10 to March 23, 1932. Director of the Exhibition: Philip Johnson. (Ausstellungskatalog, Digitalisat, abgerufen am 21. Februar 2021), – (Darin von P. J. [= Philip Johnson]: Otto Haesler an his work, S. 192–193, Abbildungen auf S. 198–199, hier S. 192. – Zu deutsch etwa: „Otto Haesler ist der bedeutendste Siedlungsarchitekt in Deutschland, vielleicht in der Welt, seit Deutschland andere Nationen in der Lösung der Siedlungsprobleme weit überholt hat.“ (zitiert nach: Eckart Rüsch: Die Ausstellung „Bauten von Otto Haesler“ 1932 in der Kestner-Gesellschaft Hannover. „… Gelegenheit, das Werk eines der umkämpftesten Architekten kennenzulernen“. Schriftenreihe der Otto-Haesler-Gesellschaft, Heft 3, Celle 2019, ISBN 978-3-948087-01-2, S. 59).). Johnsons Urteil wurde vom Herausgeber des Katalogs Alfred H. Barr geteilt („one of the foremost European experts“) und Lewis Mumford als weiterer Katalogautor lobte zusätzlich die Rothenbergsiedlung („But one of the most complete examples, perhaps, of all the principles of modern housing, is the community for Kassel by Otto Haesler“). Die Schau des MoMA war so erfolgreich, dass sie nach sechs Wochen anschließend als Wanderausstellung auf eine zweijährige Tournee durch 14 amerikanische Städte ging.Zur New Yorker Ausstellung (mit Nachweisen der Katalogzitate) siehe Eckart Rüsch: Die Ausstellung „Bauten von Otto Haesler“ 1932 in der Kestner-Gesellschaft Hannover. „… Gelegenheit, das Werk eines der umkämpftesten Architekten kennenzulernen“. Schriftenreihe der Otto-Haesler-Gesellschaft, Heft 3, Celle 2019, ISBN 978-3-948087-01-2, S. 59 f.
Beschreibung mini|Wasch- und Heizhaus (2013) Der städtebauliche Entwurf war ursprünglich viel größer und auf einen Umfang von 2500 Wohnungen (mit einem ersten Bauabschnitt für 600 WohnungenSimone Oelker: Otto Haesler. Eine Architektenkarriere in der Weimarer Republik. Dölling und Galitz Verlag, München 2002, ISBN 3-935549-15-6, S. 16.) ausgelegt, was wegen der einbrechenden Weltwirtschaftskrise nur ansatzweise realisiert wurde.
Der ausgeführte Entwurf besteht aus ausschließlich Nord-Süd-ausgerichteten viergeschossigen Gebäudezeilen, die von ost-westlichen Erschließungsstraßen und nord-südlichen Wohnstraßen durchzogen werden. Die Zeilen sind versetzt zueinander angeordnet, womit den leicht S-förmigen Erschließungsstraßen, die dem Höhenverlauf des Geländes angepasst sind, gefolgt wird. Haesler fügte erstmals innerhalb des von ihm entwickelten Zeilenschemas zentrale Platzanlagen und Freiflächen ein, auch Kindergartenbauten und ein Schulbau waren vorgesehen. Die geplanten Platzanlagen mit gemeinschaftlichen Bauten kamen nicht zur Ausführung. Von der geplanten zweigeschossigen Randbebauung an der Hersfelder Straße wurde nur das Wasch- und Heizgebäude gebaut.mini|hochkant|Schwingflügel-Eisenfenster am Wasch- und Heizhaus (2016)
Im von Haesler vollständig verantworteten ersten Bauabschnitt entstanden sechs Wohnzeilen sowie das zentrale Wasch- und Heizhaus. Baukörper und Fassaden wurden entsprechend dem Primat der Kosteneinsparung äußerst schlicht gestaltet.
Den einzigen Schmuck des Außenbaus der Flachdach-Wohnzeilen bilden die an den Westfassaden angeordneten Treppenhäuser mit den Hauseingängen, welche die langen Fassaden durch risalitartige Vorsprünge mit großen Stahlglas-Fensterbändern rhythmisch gliedern. Diese hier speziell aus dem Vorbild der Haesler-Bauten in der Karlsruher Siedlung Dammerstock [Baujahr 1928–1929] abgeleiteten Treppenhausgestaltungen entwickelten sich zu einer Art Markenzeichen für Siedlungsprojekte aus dem Büro Haesler. Dass die Treppenhäuser auch im Innern rationell durchgestaltet wurden, belegen die aus industriellem Drahtgitter hergestellten Treppengeländer.Otto Haesler: Mein Lebenswerk als Architekt. Berlin (Ost) 1957, S. 30 und 34. Solche Bauteile verwendete das Büro ansonsten vor allem bei Garteneinfriedungen, beispielsweise bei den Celler Einfamilienhäusern Rektorwohnhaus und Direktorenwohnhaus. Eine zweite Besonderheit der sonst nur mit Lochfenstern ausgestatteten Fassaden sind die kleinen Loggien seitlich der Treppenhäuser, welche eine sparsame Plastizität bewirken.