Die irisch-portugiesischen Beziehungen umfassen das zwischenstaatliche Verhältnis zwischen der Republik Irland und Portugal. Die Länder gingen nach der irischen Unabhängigkeit (1921) direkte diplomatische Beziehungen ein.Übersicht über die diplomatischen Beziehungen zu Irland, diplomatisches Institut des portugiesischen Außenministeriums, abgerufen am 13. Februar 2021
Ihre Beziehungen gelten als ausgezeichnet. Die beiden Länder, katholisch und atlantisch und von ihrem engen, aber wechselhaften Verhältnis zu ihrem jeweils einzigen und größeren Nachbarn Großbritannien bzw. Spanien geprägt, verbinden lockere, aber sehr alte historische Beziehungen. Beide sind zudem klassische Auswanderungsländer und gehörten im 20. Jahrhundert zu den ärmsten Ländern Europas, die nach ihrem jeweiligen EU-Beitritt dann einen enormen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufschwung erlebten, beide vor allem seit den 1990er Jahren. Beide gehörten 1999 zu den ersten Ländern, die den Euro als Zahlungsmittel einführten.
Ihre EU-Mitgliedschaft ist heute ihr wichtigstes politisches Verbindungsglied, neben der gemeinsamen Mitgliedschaft in weiteren multilateralen Organisationen wie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD, beide Gründungsmitglieder), dem Europarat, der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) u. a. Zudem hat Irland seit 2021 Beobachterstatus in der Gemeinschaft der Portugiesischsprachigen Länder (CPLP).
Auch ihr wachsender bilateraler Handel, die gegenseitigen Auswanderergemeinden, der gegenseitige Tourismus und der Kulturaustausch (u. a. mit der bedeutenden Literaturgeschichte in beiden Ländern) sind wichtige Verbindungsfaktoren.
Geschichte Bis 1800 Die Kelten kamen vermutlich zum Ende der Bronzezeit (etwa um 1000 v. Chr.) auf die Iberische HalbinselA. H. de Oliveira Marques: Geschichte Portugals und des portugiesischen Weltreichs. Kröner-Verlag, Stuttgart 2001 (ISBN 3-520-38501-5), S. 3 bevor sie mit den keltischen Wanderungen um das 4. Jahrhundert dann in Irland eintrafen.
Irland wurde Anfang des 5. Jahrhunderts christianisiert, Portugal als Teil des Römischen Reiches bereits früher. Die zahlreichen Überfälle der Wikinger ab etwa 795 bremsten die Christianisierung Irlands zunächst. Portugal gehörte ebenfalls zu den Zielen der Plünderungen und Handelsfahrten der Wikinger, die damit auch Irland und Portugal verbanden.
Nachdem Portugal im Verlauf der christlichen Reconquista ab 1139 seine Unabhängigkeit erlangte, wurde Irland 1169 durch die Normannen erobert, was den Beginn des englischen Machtanspruchs auf Irland für die nächsten Jahrhunderte markierte. Phasenweise bestand dabei ein reger Handelsaustausch zwischen portugiesischen und irischen Häfen. mini|An der 1290 gegründeten Universität Coimbra trafen sich jahrhundertelang auch portugiesische und irische Studierende und Gelehrte. Während Portugal seit Ende des 15. Jahrhunderts zur Seemacht aufstieg und mit dem Portugiesischen Kolonialreich das erste globusumspannende Kolonialreich erschuf, kam Irland 1541 direkt unter britische Herrschaft. Fortan bestimmten die britisch-portugiesischen Beziehungen das Verhältnis.
Portugals ungestümer König D. Sebastião fasste einen Plan zur Invasion Irlands durch den irischen Rebellen Thomas Stukley. Es waren bereits etwa 2000 Söldner aus anderen Teilen Europas nach Portugal gekommen, als der König sich doch umstimmen ließ und statt den alten portugiesischen Verbündeten England zu brüskieren in einen neuen Kreuzzug nach Marokko zog. In der folgenschweren Schlacht von Alcácer-Quibir 1578 kam der König dann um.
Im Neunjährigen Krieg (1594–1603) versuchten die Iren unter Aodh Mór Ó Néill sich von den Engländern zu befreien. Ihnen kam eine spanische Streitmacht zu Hilfe, in der möglicherweise auch Portugiesen dienten. Portugal war 1580 durch Erbfolge an Spanien gefallen und seine Flotte in dieser Iberischen Union nun zunehmend unter spanische Kontrolle gekommen. In der Belagerung von Kinsale 1601/1602 unterlagen die spanischen Einheiten am Ende den englischen Truppen. Diese Belagerung gilt als Teil des Englisch-Spanischen Krieges (1585–1604), in dessen Verlauf auch Portugal und Irland Kriegsschauplätze wurden, und Portugiesen und Iren dabei unter spanischer bzw. englischer Flagge gegeneinander kämpfen mussten. Iren verdingten sich jedoch auch als Söldner in der spanischen Armee, so dass vermutlich auch einige Iren und Portugiesen zusammen auf spanischer Seite standen.
Vor allem im 16. und 17. Jahrhundert kamen auch Iren zum Studium nach Portugal, an die Universität Coimbra. Im Restaurationskrieg (1640–1668), mit dem Portugal seine erneuerte Unabhängigkeit von Spanien endgültig durchsetzte, kämpften auch englische Truppen auf Seiten seines ältesten Verbündeten gegen Spanien. Unter den englischen Einheiten waren möglicherweise erneut Soldaten aus Irland, wenngleich die meisten bei der Rückeroberung Irlands (1649–1653) auf der einen oder der anderen Seite gekämpft haben dürften.
Seit 1801 Während Irland nach der Rebellion von 1798 und dem folgenden Act of Union 1800 Teil des Vereinigten Königreichs Großbritannien und Irland wurde, erlebte Portugal unter seinem absolutistischen König D. João V. eine neue machtpolitische Blüte. Nach seinem Tod 1750 und dem verheerenden Erdbeben von 1755 modernisierte der mächtige Premierminister Sebastião José de Carvalho e Melo, der später unter seinem Adelstitel „Marquês de Pombal“ bekannt wurde, sein Land, gesellschaftlich im Geist der Aufklärung und wirtschaftlich im Sinne des Merkantilismus.
Während Napoleons Koalitionskriegen (1792–1815) erlebte dann Irland einen wirtschaftlichen Aufschwung, während Portugal durch die Napoleonischen Invasionen (1807–1812 in Portugal) in eine tiefe Krise geriet und dabei u. a. seine bedeutendste Kolonie Brasilien verlor und sich in deutlich vergrößerter Abhängigkeit von Großbritannien wiederfand. Ab 1821 erlebte Portugal seine Liberale Revolution, gefolgt vom Miguelistenkrieg (1832–1834), einem Bürgerkrieg, der eine weitere politische Entwicklung Portugals ermöglichte, wirtschaftlich jedoch für weitere Rückschritte sorgte.
Ab 1845 löste die Große Hungersnot in Irland einen starken Bevölkerungsrückgang durch Tod und Auswanderung aus. Die danach anhaltenden Unruhen (Land War) zeigten eine weiter steigende Unzufriedenheit in Irland, die im Osteraufstand 1916 in einen offenen Unabhängigkeitskampf und 1922 zur Gründung des Irischen Freistaats führte. Die 1910 ausgerufene Portugiesische Republik kämpfte ihrerseits mit inneren Unruhen, die 1926 in einen Militärputsch mündeten. Der katholische Ökonom Salazar wurde neuer Finanzminister und übernahm fortan die Alleinherrschaft. mini|Irlands Premier Enda Kenny (links) und sein portugiesischer Amtskollege Passos Coelho (rechts) beim EVP-Gipfel 2012: seit der gemeinsamen EU-Mitgliedschaft nähern sich beide Staaten auf allen Ebenen zunehmend an. Am 9. April 1928 trat ein erster Handels- und Schifffahrtsvertrag zwischen der Republik Portugal und dem Irischen Freistaat in Kraft.
Portugal konsolidierte sich unter Salazars klerikalfaschistischer Diktatur (ab 1932 Estado Novo) weiter, während sich Irland 1937–1949 als unabhängige Republik festigte.
1946 eröffnete Portugal eine eigene Vertretung (Legation) in Dublin, am 31. März 1951 akkreditierte sich erstmals ein Vertreter Portugals am dortigen Amtssitz. 1965 wurde die Legation zur Botschaft erhoben.Liste der portugiesischen Vertreter in Irland beim diplomatischen Institut im portugiesischen Außenministerium, abgerufen am 13. Februar 2021
Während Portugal dank seiner rückwärtsgewandten kolonialistischen und repressiven Diktatur zunehmend isoliert wurde, insbesondere wegen der Portugiesischen Kolonialkriege seit 1961, entwickelte sich Irland nun zunehmend eigenständig, seit es 1949 aus dem Commonwealth ausgetreten war. 1973 trat Irland der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) bei.
Die linksgerichtete Nelkenrevolution in Portugal 1974 beendete die Diktatur und das portugiesische Kolonialreich. Das nunmehr zur Demokratie zurückgekehrte Portugal wurde danach zunehmend westlich eingebunden und modernisierte sich tiefgreifend. 1986 trat es ebenfalls der EWG bei. Seither nähern sich Irland und Portugal stetig an.
Im Zuge der starken wirtschaftlichen Entwicklung beider Länder vor allem seit den 1990er Jahren intensivierten sich auch die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen, mit häufigen Staatsbesuchen und Zusammenarbeit auf den verschiedenen Ebenen. Am 11. Oktober 1990 schlossen Irland und Portugal ein Kulturabkommen, am 1. Juni 1993 folgte ein Doppelbesteuerungsabkommen.
Im Verlauf der Eurokrise 2010 waren beide Länder Teil der als PIIGS bekannten Staatengruppe, die besonders schwer in die Krise gerieten. Irland kam 2013 als erstes Land aus der tiefsten Krise heraus, Portugal gelang es kurz später als zweites Land.„Irland macht für Portugal den Eisbrecher bei Rückkehr an Markt“, Artikel vom 19. März 2013 auf welt.de, abgerufen am 20. Februar 2021
Diplomatie mini|Eingang zur irischen Botschaft an der Avenida da Liberdade: das Edifício Victória beherbergt mehrere Botschaften. Irland führt eine Botschaft in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon. Irische Konsulate darüber hinaus sind in Portugal nicht eingerichtet (Stand 2020).
Portugal unterhält eine Botschaft in der irischen Hauptstadt Dublin, dazu ist ein portugiesisches Honorarkonsulat in der irischen Stadt Cork eingerichtet.Übersicht über die konsularischen Kontaktdaten Portugals in Irland, Website für Reisende und Auslandsportugiesen beim Außenministerium Portugals, abgerufen am 13. Februar 2021
Städtepartnerschaften Seit 1989 gehen Orte beider Länder Städtepartnerschaften ein. Bis 1998 wurden drei Partnerschaften besiegelt (Stand 2019).
Migration mini|Mauern des Colégio do Bom Sucesso in Lissabon: die Schule wurde im 17. Jh. von irischen Dominikanerinnen gegründet, denen sie bis heute gehört. Bereits im Mittelalter reisten Iren und Portugiesen ins jeweils andere Land, und ihre Häfen verband ein reger Handel. Später kamen irische Studenten zum Studium nach Portugal, insbesondere im 16. und 17. Jahrhundert.
Im weiteren Verlauf der Geschichte nahm die gegenseitige Migration ab, bis sie seit der gemeinsamen EU-Mitgliedschaft und insbesondere seit den 1990er Jahren wieder deutlich zunahm. Im Zusammenhang mit der tiefen Wirtschaftskrise in Portugal ab 2010, in Folge der Eurokrise, wanderten Portugiesen verstärkt auch nach Irland aus.
Als ein bekannteres Beispiel für die zunehmende Nähe beider Länder auch auf persönlicher Ebene kann der portugiesische Historiker Filipe Ribeiro de Meneses gelten, der seit den 1980er Jahren in Irland lebt, dort studierte, eine Irin heiratete, und nun auch dort lehrt (Geschichte an der National University of Ireland in Maynooth und Dublin). 2017 wurde er in die Royal Irish Academy aufgenommen.
Im Jahr 2019 waren 2.266 irische Staatsbürger in Portugal gemeldet, davon mit 1.008 fast die Hälfte an der Algarve.Liste ausländischer Bürger in Portugal (nach Distrikten) bei der portugiesischen Ausländerbehörde Serviço de Estrangeiros e Fronteiras, abgerufen am 13. Februar 2021
2016 waren 4.807 portugiesische Staatsbürger in Irland gemeldet, 2019 waren insgesamt 7.755 mit Portugal verbundene Personen in den portugiesischen Konsulaten in Irland registriert.Webseite zur portugiesischen Emigration in Irland beim portugiesischen wissenschaftlichen Observatório da Emigração, abgerufen am 13. Februar 2021
Wirtschaft mini|Apotheke in der Altstadt von Coimbra: Medikamente sind das wichtigste Handelsgut zwischen Irland und Portugal, es folgen Telefone und Geruchsstoffe (aus Irland) bzw. Metallteile und Kabel (aus Portugal). Im Dienstleistungssektor sind der gegenseitige Tourismus und die transnationalen Konzerntransfers bestimmend. Allgemein