mini|Wilhelm-Theater vor 1918 Das Wilhelm-Theater war ein von 1864 bis 1945 bestehendes Theater in Magdeburg.

Lage Es befand sich in der Magdeburger Altstadt an der Adresse Johannisfahrtstraße 16 und 16a an der Ecke zur damaligen Berliner Straße. Vor dem Theater begann die Straße Am Brücktor, die nach Osten zum nahen Ufer der Elbe verlief. Südlich mündete die kleine Gasse Zeisigbauer ein. Heute handelt es sich um den Bereich östlich des Allee-Centers Magdeburg.

Geschichte Brauhaus Zum goldenen Handfaß mini|Ehemaliger Berliner Hof in den 1930er Jahren, Wohn- und Sterbehaus des Komponisten Johann Heinrich Rolle Vor der Zeit als Theater befand sich hier ein Brauhaus Zum goldenen Handfaß, für das auch die Namen Lütken Handfaß und Goldenen Handbecken bestanden. Nach der Zerstörung Magdeburgs im Jahr 1631 errichtete der Brauer Adrian Gentzsch (auch Gens) das Gebäude im Jahr 1639 neu. 1659 erbte es sein Schwiegersohn Burchard Junge, der es bereits 1660 für 1500 Taler an Stephan Mollenhauer veräußerte. Mollenhauer war Korn- und Holzhändler, Schiffer, Brauer und auch Gastwirt. Er richtete einen Gasthof ein. Um 1700 gehörte zum Grundstück als Hinterhaus auch das Gebäude Zeisigbauer 8b. Später gehörte es Dietrich Mollenhauer und dann seiner Witwe. Sie heiratete Bendix Pape, der jedoch ebenfalls vor ihr verstarb. Nach dem Tod der Witwe im Jahr 1711 erbte das Anwesen der Advokat Heinrich Mollenhauer, der es schließlich 1717 für 5550 Taler an Karl Christoph Bauer verkaufte. Im nördlichen Teil des Anwesens, der Johannisfahrtstraße 16, lebte im 18. Jahrhundert der Komponist Johann Heinrich Rolle, der hier auch am 29. Dezember 1785 verstarb.Otto Riemer, Musik und Musiker in Magdeburg, Herausgeber Stadt Magdeburg, 1937, S. 49.

1847 gehörte die Johannisfahrtstraße 16 dem Sekretär Leithoff, der es als Wohnhaus nutzte. 1863 stockte Leithoff das Haus auf.Julia Saborowski, Sabine Ullrich, Wilhelm-Theater und Berliner Hof in STÄDTEBAULICH-HISTORISCHE ANALYSE ZUM „PRÄMONSTRATENSERBERG“ MAGDEBURG auf otto-beteiligt.de, 2023, Seite 60

Die Johannisfahrtstraße 16a, die spätere 16b, gehörte im Jahr 1843 dem Gastwirt Meyer, der hier den Berliner Hof betrieb. Die Gaststube befand sich im Erdgeschoss.Julia Saborowski, Sabine Ullrich, Wilhelm-Theater und Berliner Hof in STÄDTEBAULICH-HISTORISCHE ANALYSE ZUM „PRÄMONSTRATENSERBERG“ MAGDEBURG auf otto-beteiligt.de, 2023, Seite 60

Nach anderen Angaben wurde 1848 der Gasthof Zum goldenen Handfaß betrieben, dann an der Adresse Johannisfahrtstraße 16 noch weiter bis 1917 der Gasthof Berliner Hof.Ernst Neubauer, Häuserbuch der Stadt Magdeburg 1631–1720, Teil 1, Herausgeber: Historische Kommission für die Provinz Sachsen und für Anhalt, Magdeburg 1931, S. 205.

Wilhelm-Theater Im Jahr 1864 gründete Gottlieb Senst das Café francais, das als Spezialitätentheater verschiedenste Schaunummern zeigte und sich großen Publikumzuspruchs erfreute.Friedemann Krusche, Theater in Magdeburg, 1. Band, mdv Mitteldeutscher Verlag Halle (Saale) 1994, ISBN 3-354-00835-0, S. 156. Die benachbarten Grundstücke Zeisigbauer 8 und Johannisfahrtstraße 16a, die ebenfalls Senst gehörten, wurden mit hinzu genommen und ein Theatersaal eingerichtet. Vom Restaurant Berliner Hof, mit Gastraum und Billardzimmer, inzwischen im ersten Obergeschoss gelegen, gab es einen direkten Übergang zum Theater.Julia Saborowski, Sabine Ullrich, Wilhelm-Theater und Berliner Hof in STÄDTEBAULICH-HISTORISCHE ANALYSE ZUM „PRÄMONSTRATENSERBERG“ MAGDEBURG auf otto-beteiligt.de, 2023, Seite 60

Zu diesem Zeitpunkt waren durch die Reichsgewerbeordnung Auftritte in Kostüm und Maske an nicht konzessionierten Theatern an sich noch verboten. Im Café francais traten jedoch häufig ehemalige Schauspieler des städtischen Theaters auf, die trotzdem in ihren privaten Kostümen auftraten. Nach einer Veränderung der Reichsgewerbeordnung wurde das Café 1869 zum Théâtre des varietées. Mit Beginn des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71 wurde der französische Name aufgegeben und dem patriotischen Zeitgeist entsprechend das Haus zu Ehren von Wilhelm I. in Wilhelm-Theater umbenannt. Die Eröffnung unter diesem Namen erfolgte am 1. Oktober 1870 mit einer Aufführung von Wilhelm Tell.Friedemann Krusche, Theater in Magdeburg, 1. Band, mdv Mitteldeutscher Verlag Halle (Saale) 1994, ISBN 3-354-00835-0, S. 157.

mini|Grundriss des Wilhelm-Theaters Der Eingang des Theaters befand sich im Erdgeschoss, Bühne und Hauptsaal jedoch im ersten Obergeschoss, während die Ränge das zweite und dritte Obergeschoss einnahmen. Das Haus war in den nach Westen ansteigenden Hang eingebaut.Julia Saborowski, Sabine Ullrich, Wilhelm-Theater und Berliner Hof in STÄDTEBAULICH-HISTORISCHE ANALYSE ZUM „PRÄMONSTRATENSERBERG“ MAGDEBURG auf otto-beteiligt.de, 2023, Seite 60

mini|Theaterzettel des Wilhelm-Theaters vom 22. März 1872 für die Feier des 76. Geburtstages von Wilhelm I. mit dem Stück Vor hundert Jahren von E. Raupach und einer Vorankündigung für den 23. März 1872 für Die Schwestern von Prag von W. Müller mini|Ankündigung für die 65. Aufführung Der Fledermaus am 30. März 1876; Vorankündigung für Die Grossherzogin von Gerolstein für den 31. März 1876 Zum Repertoire gehörten zunächst insbesondere sehr beliebte regionale Stücke. 1871 wurden so Eine Reise durch Magdeburg in 80 Stunden und Mathilde, das schöne Mädchen aus der Braunenhirschstraße aufgeführt, 1872 der Scharfrichter Reindel. Im Jahr 1873 zeigte man Die Erstürmung Magdeburgs, 1874 Die braven Magdeburger und 1875 Pastor Leberecht, der Priester der Freien Gemeinde. Hinzu kamen jedoch auch Klassiker wie Egmont und Othello. Die Fledermaus wurde in der Spielzeit 1875/76 insgesamt 65-mal aufgeführt. Gasparone brachte es 1884/85 auf 98 Aufführungen.

mini|Wilhelm-Theater, Blick von Osten, auf einer Aufnahme von Georg Eduard von Flottwell aus den 1880er oder 1890er Jahren, rechts grenzt der Gasthof Berliner Hof (Hausnummer 16) an Im Jahr 1885 befanden sich im Saal 508 Sitz- und 46 Stehplätze, wobei es neben Parkett- auch Logenplätzen gab. In den oberen Rängen gab es weitere 509 Sitz- und 70 Stehplätze, so dass insgesamt 1.063 Sitzplätze vorhanden waren. Bis 1897 wurde die Zahl der Sitzplätze auf 1.123 erhöht. Das Orchester war vor der Bühne untergebracht.Julia Saborowski, Sabine Ullrich, Wilhelm-Theater und Berliner Hof in STÄDTEBAULICH-HISTORISCHE ANALYSE ZUM „PRÄMONSTRATENSERBERG“ MAGDEBURG auf otto-beteiligt.de, 2023, Seite 60 Die Mitarbeiter des Theaters wohnten zum größten Teil in der unmittelbaren Umgebung.Julia Saborowski, Sabine Ullrich, Wilhelm-Theater und Berliner Hof in STÄDTEBAULICH-HISTORISCHE ANALYSE ZUM „PRÄMONSTRATENSERBERG“ MAGDEBURG auf otto-beteiligt.de, 2023, Seite 61

Am Wilhelm-Theater war der Dirigent und Komponist Otto Findeisen tätig. Seine Operetten Der alte Dessauer und Hennings von Treffenfeld wurden 1890 bzw. 1891 am Theater uraufgeführt.

Die Leitung des Theaters wurde 1878 von Ernst Senst, dem Sohn des Gründers, übernommen. Er spezialisierte das Haus auf Operetten, so fanden 1899 50 Vorstellungen von Der Mikado statt. In der Spielzeit 1908/1909 trat Carl Geppert auf.

1909 erfolgte ein Umbau des historistischen Gebäudes, bei dem der Theatereingang von der rechten Gebäudeseite in die Mitte verlegt und repräsentativ gestaltet wurde. Auch das Vestibül wurde im Geschmack der Zeit neu gestaltet.Julia Saborowski, Sabine Ullrich, Wilhelm-Theater und Berliner Hof in STÄDTEBAULICH-HISTORISCHE ANALYSE ZUM „PRÄMONSTRATENSERBERG“ MAGDEBURG auf otto-beteiligt.de, 2023, Seite 61

Am 26. Februar 1910 wurde Die keusche Susanne am Wilhelmtheater uraufgeführt.Friedemann Krusche, Theater in Magdeburg, 1. Band, mdv Mitteldeutscher Verlag Halle (Saale) 1994, ISBN 3-354-00835-0, S. 158. Inzwischen verfügte das Theater über einen Chor und ein Orchester mit etwa 25 Mitgliedern.Friedemann Krusche, Theater in Magdeburg, 1. Band, mdv Mitteldeutscher Verlag Halle (Saale) 1994, ISBN 3-354-00835-0, S. 174. 1910/1911 wirkte der Schauspieler Berthold Rosé am Theater, der hier auch als Regisseur von Operetten in Erscheinung trat. In der Sommerpause 1914 wurde das Theater umgebaut und fasste nun 1350 Zuschauer.Friedemann Krusche, Theater in Magdeburg, 1. Band, mdv Mitteldeutscher Verlag Halle (Saale) 1994, ISBN 3-354-00835-0, S. 181. Bedingt durch den Beginn des Ersten Weltkriegs musste jedoch der für den 1. September 1914 vorgesehene Beginn der neuen Spielzeit verschoben werden.Friedemann Krusche, Theater in Magdeburg, 1. Band, mdv Mitteldeutscher Verlag Halle (Saale) 1994, ISBN 3-354-00835-0, S. 182. 1917/18 gehörten Hanni geht tanzen, verliebte Prinzeß, Tolle Kirmeß, Stolze Thea, Mitternachtsmädchen, Drei alte Schachteln, Sah ein Knab ein Röslein stehen und Wo die Lerche singt zum Repertoire. Das Kriegsende 1918 führte zu keiner wesentlichen Veränderung des Repertoires.Friedemann Krusche, Theater in Magdeburg, 1. Band, mdv Mitteldeutscher Verlag Halle (Saale) 1994, ISBN 3-354-00835-0, S. 186. Im November 1918 zeigt das Wilhelm-Theater O schöne Zeit, o selige Zeit.Friedemann Krusche, Theater in Magdeburg, 1. Band, mdv Mitteldeutscher Verlag Halle (Saale) 1994, ISBN 3-354-00835-0, S. 187.

1919 pachtete dann die Stadt Magdeburg das Wilhelm-Theater, um es für Schauspielaufführungen durch die städtischen Bühnen zu nutzen. Der zuvor bestehende Plan, dafür das Viktoriatheater zu nutzen, war am Problem des notwendigen Einbaus einer Heizung gescheitert.Friedemann Krusche, Theater in Magdeburg, 1. Band, mdv Mitteldeutscher Verlag Halle (Saale) 1994, ISBN 3-354-00835-0, S. 191. Ab 1920/1921 war das Wilhelm-Theater mit dem Stadttheater unter der Intendanz von Heinrich Vogler vereinigt.Julia Saborowski, Sabine Ullrich, Wilhelm-Theater und Berliner Hof in STÄDTEBAULICH-HISTORISCHE ANALYSE ZUM „PRÄMONSTRATENSERBERG“ MAGDEBURG auf otto-beteiligt.de, 2023, Seite 62 Am Wilhelm-Theater fanden nun 275 Vorstellungen pro Spielzeit statt.Friedemann Krusche, Theater in Magdeburg, Band 2, mdv Mitteldeutscher Verlag Halle 1994, ISBN 3-354-00880-6, S. 17. Die Bemühungen, die Ausrichtung des Wilhelm-Theaters von der bisherigen leichten Unterhaltung auf eine Kammerspiel-Profilierung zu verändern, stieß beim Publikum auf Zurückhaltung, wurde jedoch trotzdem umgesetzt.Friedemann Krusche, Theater in Magdeburg, Band 2, mdv Mitteldeutscher Verlag Halle 1994, ISBN 3-354-00880-6, S. 18 f. 1921 hatte die Tragödie Das Gesetz von Konrad Terbin am Wilhelm-Theater ihre Uraufführung.