Johannes Evangelist Virgilio Graf Coudenhove-Kalergi (Johann oder Hansi, * 15. September 1893 in Tokio, Japan; † 29. Januar 1965 in Regensburg, Bayern) war ein Spross des böhmischen Adelsgeschlechts (derer von) Coudenhove-Kalergi. Bekannt wurde Graf Johann, ein Bohémien und Surrealist, durch seinen Menschenfresser-Roman, so der Untertitel des Buches, das posthum und unter dem Pseudonym Duca di Centigloria veröffentlicht wurde.
Das Elternhaus Johanns Vater war Heinrich Graf von Coudenhove-Kalergi (1859–1906), österreichischer Diplomat und vertretender Geschäftsträger der Botschaft in Tokio. Johanns Mutter war die Japanerin Mitsuko Aoyama (1874–1941), die 1892 die Ehe mit Heinrich einging. Sie hatten sieben Kinder. Die beiden ersten Söhne wurden noch in Tokio geboren, die anderen auf dem Familienstammsitz Schloss Ronsperg (Poběžovice) in Westböhmen, wohin die Familie 1895/96 von Japan aus gezogen war. Johann wurde auf Japanisch auch Kōtarō () genannt. Mit den chinesischen Zeichen wird in etwa Licht bzw. Strahlen und ältester Sohn ausgedrückt.
Johann (Hansi) war das älteste der sieben Kinder, „von denen alle, jedes auf andere Weise, aus dem üblichen Schema ihrer Generation und ihrer Gesellschaftsschicht herausfallen“.Barbara Coudenhove-Kalergi: Zuhause ist überall. Fischer, Frankfurt 2015, S. 69. Sein Bruder Richard Coudenhove-Kalergi (Dicky, 1894–1972), 1922 Begründer der Paneuropa-Union, war ebenfalls in Tokio geboren worden. Die beiden Brüder Hansi und Dicky wurden deshalb im Familienkreis gern „die Japaner“ genannt. Gerolf Coudenhove-Kalergi (1896–1978) wurde kurz nach der Rückkehr aus Japan auf Schloss Ronsperg geboren. Ihm folgten seine drei Schwestern: Elisabeth Maria Anna (Elsa, 1898–1936), Olga Marietta Henriette Maria (Olga, 1900–1976) und Elisabeth Friederike Maria Anna (Ida, 1901–1971; verehelichte Ida Friederike Görres). Als letztes kam sein Bruder Karl Heinrich (Ery, 1903–1987) zur Welt. Zur Stammtafel siehe: Heinrich von Coudenhove-Kalergi. Johann war 1893 kurz vor seiner Geburt und dem Tod des Großvaters Franz Karl Coudenhove von diesem als Alleinerbe eingesetzt worden.Barbara Coudenhove-Kalergi: Zuhause ist überall. Fischer, Frankfurt 2015.
Werdegang Der frühe Tod des Vaters (1906) führte zu einer Überforderung der Mutter, sieben Kinder allein zu erziehen. Deshalb wurden die Kinder im Schulalter in Internate geschickt. Als Schüler besuchte Johann, ebenso wie seine Brüder Richard und Gerolf, das katholische Wiener Theresianum. Dort entwickelten sich Johann und Richard, ziemlich allein auf sich gestellt, zu „deklarierten Freigeistern“.Barbara Coudenhove-Kalergi: Zuhause ist überall. Fischer, Frankfurt 2015, S. 71. Seinen Schwestern erklärte Johann, „dass er nicht in den Himmel kommen wolle, wo die Langweiler versammelt wären, sondern in die Hölle, wo man immerhin Gesprächspartnern wie Voltaire und Nietzsche begegnen würde“.Michael Rohrwasser: Kritik zu Zuhause ist überall. Als Johanns Vater Heinrich 1906 an einem Herzinfarkt starb, war er als Ältester erst dreizehn Jahre alt. 1914 brach der Erste Weltkrieg aus. Die Niederlage Österreich-Ungarns 1918 führte zur Gründung der Tschechoslowakischen Republik, zu der nun auch die mehrheitlich deutschsprachigen Gebiete an den Rändern Böhmens und Mährens gehörten – und damit der Familienbesitz in Ronsperg und Muttersdorf. Damit wurden aus den österreichisch-ungarischen Coudenhove-Kalergis tschechoslowakische Staatsbürger, die zwar Tschechisch sprechen konnten, sich aber als Deutsche verstanden.Barbara Coudenhove-Kalergi: Zuhause ist überall. Fischer, Frankfurt 2015.
In der Zeit der Weimarer Republik und während der nationalsozialistischen Diktatur veranstaltete Johann als wohlhabender Schlossherr große Feste in seinem Schloss und nahm an mondänen Salons in Berlin teil, wo er ein wenig mit der „Nazi-Schickeria sympathisierte“. Ihm zur Seite stand seine erste Ehefrau, die jüdisch-ungarische Flugpionierin Lilly Steinschneider (1891–1975), mit der er zusammen auf Schloss Ronsperg lebte, wobei sie die Fliegerei eingestellt hatte. Die beiden bekamen eine Tochter, Marie-Electa Thekla Coudenhove-Kalergi von Ronspergheim (Marina, 1927–2000). Mit dem Einmarsch und der Besetzung Böhmens 1938 durch Nazi-Deutschland floh Lilly Steinschneider als Jüdin zunächst nach Südfrankreich, dann in die Schweiz.Barbara Coudenhove-Kalergi: Zuhause ist überall. Fischer, Frankfurt 2015, S. 69.
Johanns „vom Surrealismus inspirierte Verrücktheiten“ waren im Familien- und Freundeskreis Legende. So führte er auf Reisen stets in einem Sarg eine ägyptische Mumie, angeblich eine Prinzessin, bis ins Hotel mit sich, auch auf Autofahrten, der Wagen in den Wappenfarben der Familie lackiert. Gelegentlich verschenkte er Münzen mit seinem Konterfei und der Inschrift im Halbkreisbogen „Duca di Centigloria“. Bei einem Besuch im Haus seines Bruders Gerolf (Rolfi) in Prag fand sich nach einer durchzechten Nacht am Morgen auf der weißen Wand des Salons Johanns Inschrift „Rolfi ist doof!“. Bei renommierten Künstlern gab er surrealistische Bilder in Auftrag, auch von seinem alter ego, Duca di Centigloria, für das er einen illustren Stammbaum von der Schlange im Paradies über sämtliche „Schurken der Weltgeschichte“ konstruiert hatte. An seinem Schloss nahm er „groteske“ Umbauten vor, wie einen selbstentworfenen Turm.Barbara Coudenhove-Kalergi: Zuhause ist überall. Fischer, Frankfurt 2015, S. 68.
Vertreibung und Leben in Regensburg Coudenhove-Kalergis Anwesen in Ronsperg gehörte zu dem nach dem Münchener Abkommen 1938 als „Sudetenland“ vom NS-Staat annektierten Gebiet. Nachdem der Zweite Weltkrieg für Deutschland verloren gegangen war, erlebte die Familie die Enteignung ihres gesamten Besitzes. „Enteignet und mit hineingerissen in den Strudel der sudetendeutschen Vertreibungs-Tragödie durchlebte er schreckliche Momente in verschiedenen Sammellagern“.
Schließlich landete der verarmte Aristokrat im bayerischen Regensburg.Bernhard Setzwein: Der böhmische Samurai. Haymon, Innsbruck 2017. Bald war der Paradiesvogel im Regensburg der Nachkriegszeit „stadtbekannt als der ungewöhnliche Graf mit dem fernöstlichen Aussehen, dem nicht unbeträchtliche Teile der Frauenwelt zu Füßen lagen“. „Er wohnte in der Dachkammer eines Hotels und sein Hab und Gut passte in einen einzigen Koffer. Doch die Art, wie er in den 1950er und 60er Jahren durch die Straßen Regensburgs ging, zwar in löchrigen Strümpfen, aber mit einem Lorgnon vor dem linken Auge, ließ erkennen: Er war ein wirklicher Aristokrat vom Scheitel bis zur Sohle, vor allem mit dem gewissen Maß an Exzentrik.“ Begraben wurde er am 1. Februar 1965 auf dem Evangelischen Friedhof der Stadt; die Grabstelle ist mittlerweile aufgelassen.
Schriftstellerei Ein Skandal-Roman Auf der Frankfurter Buchmesse kam es 1967 zu einem Eklat. Der für seine nonkonforme Publizistik bekannte Merlin Verlag stellte den Roman Ich fraß die weiße Chinesin. Ein Menschenfresserroman von Duca di CentigloriaDuca di Centigloria: Ich fraß die weiße Chinesin. Ein Menschenfresserroman. Merlin, Hamburg ³1994. vor, nicht ohne die Provokation auch zu visualisieren: Dem Publikum wurde im Café Palmengarten Frankfurt zum Festessen auf einer großen Servierplatte garniertes Tatar in Form einer nackten Frau offeriert. Zuvor waren für das mit der Künstlergruppe Werkstatt Rixdorfer Drucke veranstaltete Happening spezielle Einladungen an das deutsche Feuilleton verschickt worden. In einer Konservendose eingeschlossen lagen als Werbeaktion ein Rezensionstext, eine Papierserviette und ein Essbesteck.Ausführliche Geschichte des Merlin Verlags
Von der gleichen Künstlergruppe stammt auch das Cover des Romans der Erstausgabe von 1967, das im Blütenkranz einen weiblichen Po mit gestrichelten Linien zeigt, ähnlich wie auf den Postern beim Metzger für die Bestimmung der Fleischstücke eines Schlachttieres, dazu die Benennung der Fleischstücke in Filet und Schinken. Eine Sonderausgabe des Buches im Merlin-Verlag zeigt 1967 dann eine einzelne dicke nackte Frau mit den entsprechenden Strichellinien von der Seite. Für die dritte Auflage von 1994 sind sieben ähnliche Frauen gezeigt, rosafarben und teils kopfüber, deren Körper wieder durch gestrichelte Linien unterteilt sind. Außerdem sind in der obersten Reihe zwei abgetrennte Beine zu sehen. Die Lizenzausgabe im rororo-Taschenbuch von 1979 verzichtet dann auf die Strichellinien; das Cover zeigt eine schwarzhaarige Schöne von hinten, die mit hängenden Armen im glitzernden Wasser steht und lediglich eine Schamschnur bzw. einen String-Tanga trägt. Die Künstler Ali Schindehütte und Katinka Niederstrasser fertigen 1969 eine Radierung unter dem Titel „Ysa, die weiße Chinesin und Duca di Centigloria“ an, einer der sechs Beiträge aus der Grafikmappe Liebespaar-„Paarodien“.
Dem Publikum war zunächst unklar, welcher Autor sich hinter dem „kannibalistischen Erotikon, dessen barocker Titel an Deutlichkeit wenig zu wünschen übriglässt“, versteckte. Bald wurde jedoch publik, dass es sich bei dem rätselhaften Autor um Johann Graf Coudenhove-Kalergi handelte, der sein Pseudonym Duca di Centigloria (italienisch für „Herzog von Hundert-Ruhm“ oder „Herzog von hundert Ruhmestaten“) bereits vorher jahrelang zumindest im privaten Bereich genutzt und gepflegt hatte. Seine neue Beziehung, eine Sekretärin am Regensburger Stadttheater, hatte die Publikation seines bisher nicht veröffentlichten Werkes unter dem Pseudonym posthum betrieben.Bernhard Setzwein: Der böhmische Samurai. Haymon, Innsbruck 2017. Von weiteren Werken mit oder ohne Pseudonym ist nichts bekannt.
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