mini|Die erste Buchveröffentlichung von The Pornographic Imagination erfolgte 1969 in dem Sammelband Styles of Radical Will.

Die pornographische Phantasie (in moderner Rechtschreibung: Die pornografische Phantasie; engl. Originaltitel: The Pornographic Imagination) ist ein Essay, den Susan Sontag erstmals 1967 in der März/April-Ausgabe der Zeitschrift Partisan Review veröffentlicht hat. Sie begründet darin ihre Auffassung, dass pornografische Texte ernsthafte und sogar gehobene Literatur sein können. Im Anschluss an diese Überlegungen plädiert sie für eine generelle Erweiterung des Literaturbegriffs.

Die pornographische Phantasie ist nicht Sontags erster Versuch, einem marginalisierten literarischen Genre bei Literaturwissenschaftlern und Literaturkritikern verstärkte Aufmerksamkeit zu verschaffen. Bereits in ihrem Essay Anmerkungen zu „Camp“ (1964) hatte sie ihre Überzeugung vorgetragen, „dass die Erlebnisweise der hohen Kultur keinen Alleinanspruch auf Kultur hat“. Jedoch zählt Sontag zu den Ersten, die den Literaturbegriff auf solche literarischen Genres ausdehnen wollten, die von der Kritik meist als „trivial“ geschmäht wurden, und ging damit u. a. denjenigen Intellektuellen voran, die später den Begriff der Paraliteratur geprägt und diese gegen die etablierte Literaturkritik verteidigt haben.

Inhalt des Essays Voraussetzungen Wichtig für das Verständnis des Essays ist heute, dass zum Zeitpunkt seiner Entstehung „Pornografie“ in den Vereinigten Staaten hauptsächlich pornografische Fotografie oder Literatur bedeutete. Eine industrielle Produktion von Pornofilmen begann in den USA aufgrund der bis dahin strengen Zensur erst nach 1969 („Golden Age of Porn“). Bis 1969 waren selbst in amerikanischen Männermagazinen wie Playboy niemals Medien abgedruckt worden, auf denen auch nur Schamhaar, geschweige denn Genitalien oder sexuelle Handlungen zu sehen gewesen wären.

Eines der vielen Motive, das den Essay Die pornographische Phantasie – ebenso wie auch Sontags essayistisches Gesamtwerk – wie ein roter Faden durchzieht, ist ihr Grimm über das anglo-amerikanische Geistesleben, dessen Proponenten nach ihrer Diagnose allzu wenig in fremde Länder und insbesondere nach Frankreich schauen, wo viele – insbesondere literarische – Diskurse nach ihrer Auffassung auf unvergleichlich viel höherem Niveau geführt werden als in Großbritannien oder den USA. Diese Haltung zeigt sie bereits in ihrem ersten je publizierten Essay, Psychoanalysis and Norman O. Brown’s Life Against Death (1961), in dem sie etwa D. H. Lawrence vorwirft, dass er – bei allem Anstoß, den die prüde anglo-amerikanische Welt an Lady Chatterley’s Lover genommen hat – immer noch unterschätzt habe, wie sehr Liebe eine Sache nicht des Trostes, der Ego-Stabilisierung und des Schutzes vor Einsamkeit, sondern der Sexualität und des Körpers ist. Bereits in diesem Essay hält sie den britischen und amerikanischen Autoren die Franzosen entgegen, die auf eine ungleich viel ältere Tradition des ernsthaften Nachdenkens über Sexualität zurückblicken (de Sade, Fourier, Cabanis, Enfantin, Sartre, Blanchot, Desclos, Genet).

Grundbegriffe Sexualität und Transgression In seinem 1961 veröffentlichten Essay Pornography, Art, and Censorship hatte Paul Goodman über den Unterschied zwischen gesunder und kulturell deformierter Sexualität diskutiert. Sontag argumentiert dagegen, dass der sexuelle Appetit des Menschen immer, also etwa auch ganz ohne christliche Repressionen, das Potenzial berge, im menschlichen Bewusstsein als „dämonische Kraft“ zu wirken, die Menschen zur Verletzung von Tabus und anderem sozial nicht tolerierten Verhalten treibt. Selbst Phantasien über Widerwärtiges, physische Gewalt oder die Auslöschung des eigenen Bewusstseins stuft Sontag nicht als Pathologien, sondern als Phänomene ein, die im genuinen Spektrum der menschlichen Sexualität liegen – selbst wenn die meisten Menschen ihre Sexualität in deutlich gemäßigteren Bereichen erleben mögen.The Pornographic Imagination, S. 57f

Die Metapher vom „kranken Tier“ verweist auf Nietzsche. Sontag widerspricht hier insbesondere den Freudomarxisten (Wilhelm Reich, Neue Linke), die davon überzeugt gewesen waren, dass der Mensch, wenn man nur seine Sexualität nicht unterdrücke, mit sich selbst notwendig im Einklang sei.

Das Obszöne In ihrem Essay unternimmt Sontag auch eine Analyse des Obszönen, eines Begriffs, den Goodman in seinem Text zwar verwendet, aber nicht vertieft hatte. Konventionell werde „Obszönität“ – so beobachtet Sontag – so gedeutet, dass die sexuellen Funktionen und in deren Gefolge auch das sexuelle Vergnügen in einer zutiefst sexualfeindlichen Kultur stets als widerwärtig empfunden werden. Dem hier eingeschlossenen Gedanken, dass Obszönität nur existieren könne, wo Sexualität unterdrückt wird, tritt Sontag mit der These entgegen, dass das Obszöne vielmehr ein grundlegendes Konzept des menschlichen Bewusstseins (a primal notion of human consciousness) sei, das im Menschlichen tief verankert und weitaus mehr sei als nur das „Kielwasser der Leibfeindlichkeit einer kranken Gesellschaft“. Das Obszöne gehört nach Sontag zum Menschsein, wie die Transgression des sozial Gebilligten zur Sexualität gehört.The Pornographic Imagination, S. 56 f.

Verwirklicht sieht Sontag das – in diesem Sinne verstandene – Obszöne in einer von de Sade ausgehenden Traditionslinie der französischen Pornografie, deren Vertreter die Transgression radikal zum Prinzip erheben: Lautréamont, Bataille, Declos und C. Robbe-Grillet.The Pornographic Imagination, S. 57 Gemeinsam ist deren Arbeiten unter anderem, dass sie gar nicht so sehr von der Lust erzählen, sondern – offen oder verdeckt – vielmehr vom Tode:

Die Psychoanalytikerin und Feministin Jessica Benjamin kam bei ihrer Deutung von Geschichte der O 1988 zu ähnlichen Auffassungen. Während Sontag den Roman als eine Geschichte der (im Tode gipfelnden) Befreiung gelesen hatte, hielt Benjamin O jedoch im Gegenteil für eine Scheiternde.

Pornografie als Literatur Goodmans Position zur Pornografie war zwiespältig gewesen. Zwar schloss er nicht aus, dass es eine legitime Funktion von Kunst sein könnte, den Leser sexuell zu erregen; jedoch hielt er Pornografie selbst im besten Falle nur für ein Therapeutikum, mit dem Menschen sich Triebabfuhr verschaffen können, denen in einer sexuell repressiven Gesellschaft dafür keine adäquateren Mittel zu Gebote stehen.

Da Goodman hier kurz davor steht, aus psychologischen Gedanken ästhetische Schlussfolgerungen zu ziehen, was schon vom Ansatz her abwegig ist, stellt Sontag gleich zu Beginn ihres Essays klar, dass die ästhetische Dimension von Pornografie von der psychologischen (ebenso wie von der sozialgeschichtlichen) sauber getrennt betrachtet werden müsse.The Pornographic Imagination, S. 35 Nachdem sie klarstellt, dass sie Pornografie strikt aus ästhetischer Sicht behandeln wird, legt sie ihre Hauptthese vor: Einige Werke der Pornografie halten den Kriterien für Hochliteratur stand und müssen darum als solche eingestuft werden.The Pornographic Imagination, S. 36

Diese These war nicht vollkommen neu und z. B. 1964 bereits von Wayland Young vorgetragen worden. Dennoch befand Sontag sich damit zu den meisten Teilnehmern des Pornografiediskurses in den USA und in Großbritannien im Gegensatz. Diese diagnostiziertene Pornografie vor allem als ein Übel (malady), und zwar unabhängig davon, ob sie Pornografiegegner oder Liberale waren. Die Pornografiegegner, darunter George P. Elliott und George Steiner, suchten die Öffentlichkeit vor schmutzigen Büchern zu schützen; die Liberalen wie Goodman lehnten Pornografie nicht minder ab, duldeten sie aber dennoch, weil die Zensur ihnen als ein noch schlimmeres Übel erschien.The Pornographic Imagination, S. 36f

Pars-pro-toto-Fehlschluss Sontag stellt nicht in Abrede, dass ein Großteil der pornografischen Literatur ästhetisch minderwertig ist, und kritisiert selbst die Lächerlichkeit und das Pathos, die oft auch in hochwertigen Beispielen noch zu finden sind.The Pornographic Imagination, S. 70 Das im Durchschnitt niedrige Qualitätsniveau hat viele Kritiker jedoch zu dem Pars-pro-toto-Fehlschluss verleitet, dass Pornografie niemals Literatur sein könne.

Sontag wendet dagegen ein, dass der Hinweis auf die Existenz von Schund in einem gegebenen literarischen Genre niemals ein valides Argument gegen das Genre selbst bilde oder dessen ästhetisch hochwertige Beispiele kompromittieren könne. Die Behauptung, dass Literatur und Pornografie einander zwingend ausschließen, werde von der Literaturkritik jedoch als Rechtfertigung dafür herangezogen, dass sie auf eine Untersuchung individueller Werke der pornografischen Literatur von vornherein verzichtet, wodurch die falsche Ausgangsthese auf fatale Weise wasserdicht gemacht werde.The Pornographic Imagination, S. 39

Den letzten Grund dafür, dass Literaturkritiker zwischen Pornografie und Literatur selbst dann immer wieder ein Ausschlussverhältnis zu konstruieren versuchen, wenn sie sich dabei in Widersprüchen verheddern, sieht Sontag darin, dass alles, was mit Sexualität zu tun hat, in unserer Gesellschaft stets als „Spezialfall“ behandelt werde.The Pornographic Imagination, S. 46

Figurengestaltung Das wohl schwerwiegendste Argument, das vorgebracht worden ist, um Pornografie aus der Literatur kategorisch auszuschließen, besteht im Hinweis darauf, dass in pornografischen Texten die Beziehungen zwischen Menschen sowie ihre Gefühle, ihre Motive und ihre gesamte psychologische und soziale Charakteristik verkürzt und grob vereinfacht dargestellt werden; Pornografie erzähle immer nur von den „motivlosen unermüdlichen Transaktionen depersonalisierter Organe.“

Sontag hält diesem und allen nachfolgend aufgeführten Argumenten entgegen, dass ihre Vertreter im Grunde den Anbruch der Moderne nicht zur Kenntnis genommen haben und von einem verkürzten Literaturbegriff ausgehen, der für den realistischen Roman des 19. Jahrhunderts angemessen sein mag, nicht aber für Werke wie Ulysses oder die Arbeiten des deutschen Expressionismus und des französischen Surrealismus, die nach dem Ende des Ersten Weltkrieges die Literatur der Westlichen Welt neu begründet haben und denen später Bewegungen wie der Nouveau roman und Autoren wie Stein, Bely, Nabokov und Burroughs gefolgt sind.The Pornographic Imagination, S. 40f Jacques Rivière hatte, aus denselben Gründen wie Sontag, eine Revision des Literaturbegriffs bereits 1924 angemahnt.

Sontag selbst hatte sich auch in früheren Essays schon mehrfach für marginalisierte Genres eingesetzt (Pornografie, Film, Undergroundfilm, Camp, Happenings, Science-fiction-Film).

Sontag argumentiert weiter, dass die Anwesenheit realistisch gezeichneter Figuren in einem literarischen Werk nicht einen Wert für sich bilde oder auch nur notwendig sei, um etwa die moralische Sensibilität der Leser anzusprechen. Figuren sind, wie schon Henry James erkannt hat, für den Autor nicht mehr als eine „schriftstellerische Ressource“ (a compositional ressource) und können auf ganz unterschiedliche Weise verwendet werden; eine pralle Dreidimensionalität der Darstellung von Personen und Personenbeziehungen ist vom Autor gar nicht immer gewünscht.The Pornographic Imagination, S. 42 Als Beispiel führt Sontag hier den Fall von James Joyce’ Ulysses an, in dem es vollkommen verfehlt wäre, sich in die Psychologie oder die persönlichen Motive der Figuren einfühlen zu wollen; vielmehr handelt der Roman von transpersonalen Bezügen, für welche die Figuren lediglich als Medien fungieren.The Pornographic Imagination, S. 41

Grenzlanderkundung Eng mit dem vorgenannten Begründungsansatz verwandt ist das Argument, dass Werke wie die de Sades oder auch Geschichte der O deshalb keine Literatur seien, weil sie nicht die „normale“ Erfahrungswelt „normaler“ Menschen, sondern Extremsituationen und die pathologischen Obsessionen von Autoren abbilden, die mit der Mehrzahl der Leser keine Berührungspunkte haben.The Pornographic Imagination, S. 40