Als Christenverfolgung bezeichnet man eine systematische gesellschaftliche oder staatliche Unterdrückung oder existentielle Bedrohung von Christen aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit. Dazu gibt es vielfältige sowohl historische als auch gegenwärtige Beispiele. Christenverfolgung kann Teil der Religionspolitik eines Staates sein. Ebenso kann Christenverfolgung zur Minderheitenpolitik eines Staates gehören, in dem Christen eine religiöse Minderheit darstellen. Christenverfolgung kann auch informell im Rahmen von ethnischen Konflikten oder sozialen Verwerfungen stattfinden.

Während die Christenverfolgung als Begriff eher mit dem „Zweck der physischen Vernichtung“ von Christen definiert wird, werden Formen von Benachteiligungen, Diskriminierungen, Berufsverboten oder Ausschluss von Karrieren, wie sie etwa in der Politik von marxistisch-leninistischen Diktaturen erfolgten, eher als Christenfeindlichkeit oder Christentumsfeindlichkeit bezeichnet.Josef Pilvousek: „Leichter Gegenwind im Sturm des Sozialismus.“ Zum Leben der Christen in der DDR und ihren kirchlichen Möglichkeiten. In: Rainer Bendel, Robert Pech (Hrsg.): Christen und totalitäre Herrschaft in den Ländern Ostmittel- und Südeuropas von 1945 bis in die 1960er Jahre (= Forschungen und Quellen zur Kirchen- und Kulturgeschichte der Deutschen in Ostmittel- und Südosteuropa, Band 53). Böhlau Verlag, Wien/Köln 2022, S. 39–52, hier S. 51. Im Kontext der DDR wird diese Problematik in Deutschland von der „Forschungsstelle für kirchliche Zeitgeschichte“ am Lehrstuhl für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt untersucht.Josef Pilvousek: „Leichter Gegenwind im Sturm des Sozialismus.“ Zum Leben der Christen in der DDR und ihren kirchlichen Möglichkeiten. In: Rainer Bendel, Robert Pech (Hrsg.): Christen und totalitäre Herrschaft in den Ländern Ostmittel- und Südeuropas von 1945 bis in die 1960er Jahre (= Forschungen und Quellen zur Kirchen- und Kulturgeschichte der Deutschen in Ostmittel- und Südosteuropa, Band 53). Böhlau Verlag, Wien/Köln 2022, S. 39–52, hier S. 47.

Problemlage Nach Schätzungen der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte, des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit, der katholischen Menschenrechtsorganisation Kirche in Not sowie der evangelikalen Organisation Christian Solidarity International bekennen sich 75 bis 80 Prozent der Menschen, die derzeit wegen ihres Glaubens verfolgt werden, zum Christentum.Bundestagsdrucksache 16/3608 (Antrag) vom 29. November 2006 (PDF; 175 kB); DiePresse.com: Christentum meistverfolgte Religion weltweit (22. Dezember 2008). Auch Amnesty International berichtet über systematische Verfolgungen ethnischer und religiöser Minderheiten in verschiedenen Ländern, darunter Christen., abgerufen am 20. Mai 2012. Das christliche Hilfswerk Open Doors, das eigene Recherchearbeit leistet,Open Doors: Weltverfolgungsindex 2017 (PDF; 5,1 MB). Schätzung von 215 Mio. Verfolgten auf S. 2. schätzte, dass Stand 2024 mehr als 380 Millionen Christen weltweit in 78 Ländern verfolgt oder diskriminiert wurden. Seinem Weltverfolgungsindex zufolge finden die stärksten Christenverfolgungen in 50 Ländern statt; vor allem in islamisch geprägten Ländern. Der International Religious Freedom Report des Außenministeriums der Vereinigten Staaten schließt Verfolgungen von Christen ein und berichtet im Executive Summary ebenfalls über Länder mit besonderen Problemen. Bei einer Anhörung des Ausschusses für Menschenrechte und humanitäre Hilfe beim Deutschen Bundestag stellten Experten, darunter Vertreter der Deutschen Evangelischen Allianz fest, dass es zwar „keine systematische Verfolgung“ von Christen im arabischen Raum gebe, bemängelten allerdings ihren mangelnden staatlichen Schutz und eine fehlende rechtliche Gleichstellung. Die Bundesregierung antwortete auf eine große Anfrage bereits 1999, die Verfolgung von Christen aller Konfessionen nehme in den letzten Jahren sehr besorgniserregende Ausmaße an. Christen würden wegen ihres Glaubens diskriminiert, verlören ihre Arbeitsstellen und Wohnungen, „werden inhaftiert, entführt, verstümmelt und ermordet, ihre Kirchen werden niedergebrannt und ihre Häuser zerstört“.Bundestag: Verfolgung von Christen in aller Welt. Die in Wien ansässige Beobachtungsstelle für Intoleranz und Diskriminierung von Christen in Europa (Observatory on Intolerance and Discrimination against Christians) (OIDAC) beobachtet die Situation der Christen in Europa. In ihrem Jahresbericht 2018 legten sie über 500 Fälle von Intoleranz gegen Christen in Europa vor. Die Hilfsorganisation Kirche in Not erklärte das Jahr 2019 zu einem der blutigsten Jahre für Christen.

Begriff mini|Das letzte Gebet der Christen im Circus Maximus, Ölbild von Jean-Léon Gérôme (1863–1883) Als Christenverfolgung bezeichnet man in der Kirchengeschichte zunächst die Christenverfolgungen im Römischen Reich bis zur Mailänder Vereinbarung im Jahr 313.

Kollektive Verfolgungen christlicher Gemeinden und Kirchen geschahen unter je eigenen historischen Bedingungen auch im Einflussbereich des Islams, des Nationalismus, Realsozialismus und Nationalsozialismus. Sie reichten von Verhaftungen, Verboten christlicher Versammlungen und Gottesdienste, gezielt gegen christliche Gemeinden gerichteten Enteignungen bis zu Vertreibungen, Massakern, Vergewaltigungen, Mord und Völkermord. Bloße Ablehnung christlicher Lehren, Diskriminierung oder gesetzliche Einengung kirchlicher Tätigkeiten wird dabei nicht als „Verfolgung“ beschrieben. Auch existenzbedrohende Staatsmaßnahmen, die Christen nicht primär wegen ihres Christseins, sondern aus anderen Gründen und mit anderen Gruppen betrafen, fallen nicht darunter, ebenso wenig Verfolgungen christlicher Minderheiten durch andere Christen.

Manche definieren auch lokale, nichtstaatliche Diskriminierungen von und Morde an Christen als Christenverfolgung, andere nur staatliche UnterdrückungKrista Zach, Joachim Bahlcke, Konrad G. Gündisch: Konfessionelle Pluralität, Stände und Nation: Ausgewählte Abhandlungen zur südosteuropäischen Religions- und Gesellschaftsgeschichte, LIT Verlag, Berlin-Hamburg-Münster 2004, ISBN 3-8258-7040-5, S. 275. oder gesellschaftliche Verfolgung mit Todesopfern.Artikel …, in: Theologische Realenzyklopädie, Walter de Gruyter, 1993, ISBN 3-11-013898-0, ISBN 978-3-11-013898-6, Studienausgabe Teil I, S. 38.

Der Open Doors Weltverfolgungsindex misst Christenverfolgung an vier Merkmalen:, gesehen am 10. Februar 2010. Rechtlicher und offizieller Status von Christen Ist die Religionsfreiheit mit dem Recht auf öffentliche Versammlung in der Landesverfassung oder den Landesgesetzen verankert? Haben die Bürger das Recht, ungestraft zum Christentum zu konvertieren? Gibt es eine verpflichtende Staatsreligion für jeden Bürger? Dürfen Christen ihre Religion öffentlich ausüben? Die tatsächliche Situation der im Land lebenden Christen Werden Christen ihres Glaubens wegen verhaftet oder getötet? Werden Christen ihres Glaubens wegen zu Gefängnis- oder Arbeitslagerstrafen verurteilt bzw. in die Psychiatrie eingewiesen? Reglementierungen durch den Staat Dürfen christliche Literatur und Bibeln im Land gedruckt, verbreitet bzw. eingeführt werden? Werden christliche Veröffentlichungen zensiert/verboten? Dürfen Kirchen gebaut, renoviert oder Räume für gemeindliche Zwecke gemietet/gekauft werden? Faktoren, die die Religionsfreiheit in einem Land untergraben können Werden Versammlungsorte von Christen oder deren Häuser aus christenfeindlichen Motiven angegriffen? Gehen Behörden den Beschwerden und Anzeigen von Christen wegen nicht-staatlicher Übergriffe nach? Emir Fethi Caner und Ergun Mehmet Caner fassen Ermordung, Versklavung, Vergewaltigung, Folter, Entführung, Todesstrafe, Gefängnis, Entehrung, Enteignung von zum Christentum Konvertierten, Verbot von christlichem Religionsunterricht, Kirchenbauten oder Besitz einer Bibel unter den Stichworten Christenverfolgung und -diskriminierung zusammen.Emir Fethi Caner, Ergun Mehmet Caner: Das Islam-handbuch: Antworten auf die wichtigsten Fragen aus christlicher Sicht, R. Brockhaus Verlag, Wuppertal 2004, ISBN 3-417-24874-4, S. 230 f.

Geschichte Römisches Reich mini|Faithful unto Death, Ölbild von Herbert Schmalz (1888) Siehe: Christenverfolgungen im Römischen Reich bis zur Mailänder Vereinbarung im Jahr 313.

Spätantike Persien Im spätantiken Sassanidenreich, in dem der Zoroastrismus eine prominente Rolle spielte, kam es, nachdem es bereits zuvor vereinzelt Übergriffe des Staates gegeben hatte (z. B. unter Bahram II.), im 4. Jahrhundert unter Schapur II. zu einer systematischen Christenverfolgung (siehe auch Simon bar Sabbae). Diese Verfolgung, über die die Chronik von Seert und mehrere Märtyrerakten Auskunft geben,Vgl. etwa den Eintrag in der Encyclopedia Iranica. war primär politisch motiviert, da fast zeitgleich im Römischen Reich das Christentum privilegiert worden war und der persische Großkönig Kollaboration seiner christlichen Untertanen mit den Römern befürchtete.

Auch in Armenien, das von den Sassaniden beansprucht und teilweise kontrolliert wurde (Persarmenien), wurden Christen immer wieder aus politischen Gründen verfolgt. Im 5. Jahrhundert formierte sich in Persien dann die „nestorianische“ assyrische Kirche des Ostens als eine Art „innerpersische Kirche“. Einen Meilenstein stellte hierbei das Konzil von Seleukia-Ktesiphon dar, in dessen Rahmen die christlichen Bischöfe Persiens auch eine Audienz beim Schah erhielten. Im Anschluss daran kam es zu einem weitgehenden Ausgleich der Perserkönige mit ihren christlichen Untertanen und nur noch vereinzelt zu Übergriffen. Infolge der Römisch-Persischen Kriege im 6. und 7. Jahrhundert waren die Christen teils aber wieder Repressalien ausgesetzt, so unter Chosrau I. (in dessen zweiter Regierungshälfte) sowie unter Chosrau II. (gegen Ende von dessen Herrschaft, siehe Yazdin und Anastasius der Perser). Als die Araber in den 30er und 40er Jahren des 7. Jahrhunderts im Zuge der Islamischen Expansion das Sassanidenreich eroberten, fanden sie besonders im Westen zahlreiche blühende Christengemeinden vor, die in der Folgezeit zumeist untergingen.

Jemen, Oman Im Gebiet des heutigen Jemen und Oman waren die herrschenden Himyaren Anfang des 6. Jahrhunderts zum Judentum übergetreten, um nicht in den Römisch-Persischen Kriegen zwischen dem christlichen Oströmischen Reich und dem vom Zoroastrismus bestimmten Sassanidenreich aufgerieben zu werden. Besonders unter dem neunten jüdischen König Yusuf Asʾar Yathʾar (Dhu Nuvas) kam es zu einer blutigen Christenverfolgung, von der „Nestorianer“, besonders aber Miaphysiten betroffen waren. Er wollte sie zum Übertritt zum Judentum zwingen und befürchtete ein Eingreifen Ostroms.

Eine von den Lachmiden einberufene Konferenz in Ramla, über die unter anderem Prokopios von Caesarea berichtet, sollte die Kriege zwischen Ostrom und dem Sassanidenreich beenden (525). Dort forderte Dhu Nuwas den Sassanidenherrscher auf, die Christen seines Landes ebenfalls zu verfolgen. Daraufhin veranlasste Ostrom das befreundete christliche Reich von Aksum, den Jemen zu erobern. Da Dhu Nuwas wiederholt christliche Händler aus Aksum ausweisen und töten ließ, folgte Aksum der Aufforderung und beendete mit seiner Eroberung die jüdische Königsreihe im Jemen.

Mittelalter Islamische Länder Nach islamischer Rechtsprechung konnten Christen als sog. Schriftbesitzer unter islamischer Herrschaft als Dhimmis leben. Damit ging die Zahlung der Dschizya einher, wofür ihnen Schutz des Lebens und Eigentums sowie ein gewisses Maß an Religionsfreiheit zugesichert wurde.Francis E. Peters: Islam, a Guide for Jews and Christians. Princeton University Press, 2003. S. 195. Dennoch kam es – auch in der Frühzeit des Islam – vereinzelt zu Übergriffen gegen Christen (siehe etwa die Chronik des Pseudo-Dionysius von Tell Mahre).