mini|hochkant|Pullach im Isartal, Alte Heilig-Geist-Kirche, Ansicht von Nordwesten mini|hochkant|Ansicht von Südosten mini|hochkant|Altarraum unter Sterngewölbe mini|hochkant|Blick zur Maerz-Orgel von 1902 Die Alte Heilig-Geist-Kirche am Kirchplatz 3 in Pullach im Isartal ist die frühere katholische Pfarrkirche des Ortes. Sie stammt aus dem ausgehenden 15. Jahrhundert und ist im Stil der Spätgotik errichtet. Ihr unkonventioneller Turm mit barocker Zwiebelhaube gilt als Wahrzeichen von Pullach. Die Kirche ist dem Heiligen Geist geweiht, ihr Patrozinium bzw. Titularfest ist Pfingsten. Das Bauwerk ist als Baudenkmal in die Bayerische Denkmalliste eingetragen.. Abgerufen am 25. April 2021 (Denkmalnummer D-1-84-139-14)

Lage Die Kirche befindet sich hoch über dem Isartal am westlichen Steilufer des Flusses, in monte ad Isaram, qui tamen totus planus apparetauf einer Anhöhe an der Isar, die freilich vollkommen flach erscheint, so Philipp Apians lateinische Topographie von Ort und Kirche Puelachs im 16. JahrhundertHistorischer Verein von Oberbayern (Hrsg.): Philipp Apian's Topographie von Bayern und bayerische Wappensammlung. Zur Feier des siebenhundertjährigen Herrscherjubiläums des erlauchten Hauses Wittelsbach. C. Wolf, München 1880, S. 67 (Digitalisat). Umgeben von einem kleinen aufgelassenen Friedhof mit schmiedeeisernen Grab- und Gedenkkreuzen ist sie Teil des historischen Ortskerns. Von der Friedhofsmauer schweift der Blick in die Ferne über das Isartal und bei klarem Wetter bis zu den Bergen.

Architektur Äußeres Der Kirchenbau ist Ende des 15. Jahrhunderts datiert (Dehio). Urkundliche Nachweise fehlen. Das Satteldach über dem rechteckigen Langhaus ist im Osten über dem dreiseitig geschlossenen Chor entsprechend abgewalmt. Eingebunden in die Westfassade und das dahinterliegende Langhausjoch erhebt sich der Turm auf quadratischem Grundriss in der Südwestecke, er endet über vier Dreiecksgiebeln in einem achteckigen Spitzhelm, dem eine barocke Zwiebelhaube mit Kreuz und Weltkugel aufgesetzt ist. An der Südseite des Turms befindet sich eine frühgotische monumentale Kreuzigungsgruppe mit Maria und Johannes. Späteren Datums sind der Sakristei-Anbau an der Südseite und die kleine westliche Vorhalle, deren Satteldach mit einer Holzdecke mit floraler Malerei, umrahmt von einem GebetsspruchHerr, nimm mich mir, und gib mich ganz zu eigen Dir. Herr, gib mir, was mich führt zu Dir. Herr, nimm mir, was mich trennt von Dirhttps://bruderklaus.com/niklaus-von-fluee-dorothee-wyss/gebete/ursprung-des-bk-gebets des Niklaus von Flüe, unterfüttert ist.

Inneres Betritt man die Kirche durch eines der mit Eisenbändern beschlagenen, doppelflügeligen Holztore (19. Jahrhundert) der Vorhalle und den schlichten Eingang, befindet man sich zunächst unter der Orgelempore, die nördlich des Turms ihren Platz hat, und gelangt von dort durch ein schmiedeeisernes Gitter in den Innenraum. Der tiefe Altarraum im Fünfachtelschluss ist genauso breit wie das Langhaus. Licht erhält die Heilig Geist Kirche durch sieben Spitzbogenfenster mit einfachem Maßwerk. Über Altar- und Gemeinderaum spannen sich tief ansetzende Sterngewölbe, die durch Gurtbögen in drei Joche gegliedert sind. Die farbig gefassten Gewölberippen wachsen zwischen den Fenstern aus Strebepfeilern und Kragsteinen. An den Schlusssteinen am Scheitelpunkt der Rippen befinden sich bemalte Reliefs, ein weiteres in der Gewölbezone rechts oberhalb des Altars. Sie lassen eine Darstellung des GnadenstuhlsVgl. Schlussstein mit Gnadenstuhl in der Schlosskirche von Blutenburg erkennen, daneben drei Wappenbilder, den Wappenschild Bayern-München, das Wappen der Pötschner, einer wohlhabenden Münchner Patrizierfamilie, mit einem Salzfass auf einem DreibergWappenbild mit dem Salzfassl bzw. der Salzpütsche auch im 5. Geschoss des sogenannten Löwenturms in München, Rosental 3, der zum Pötschneranwesen am Rindermarkt 8 in München gehörte, ebenso in dem sogenannten Pötschneraltärchen aus der Pötschnerschen Hauskapelle (heute in St. Peter in München) und auf dem Epitaph des Balthasar Pötschner in St. Peter, vgl. Heinrich Habel, Johannes Hallinger, Timm Weski, Denkmäler in Bayern, Landeshauptstadt München Mitte, München 2009, Band 2, S. 764 f. und Band 3, S. 951–953 und das Münchner Stadtwappen mit dem sogenannten Münchner Kindl, authentisch als Mönch, das dem von Erasmus Grasser 1477 für das Gewölbe des Alten Münchner Rathauses geschnitzten Wappen (heute im Münchner Stadtmuseum) ähnlich istVgl. AK Bewegte Zeiten, Der Bildhauer Erasmus Grasser (um 1450–1518) 2018, hrsg. von Renate Eikelmann und Christoph Kürzeder, München 2018, S. 172–177.

Wappen Die bemalten Wappenbilder sind mehr als ein dekoratives Element. Das Wappen mit den weiß-blauen Rauten und gekrönten Löwen im Geviert, das auch am Torturm in Schloss Blutenburg (Albrecht III.) und am Torhaus der Grünwalder Burg (Albrecht IV.) zu sehen ist, repräsentiert die Herzöge von Bayern-München und Pfalzgrafen bei Rhein. Herzog Sigismund könnte der Stifter der Schenkung an Heilig Geist Pullach sein, die 1472 mit einem „fürstlichen Bewilligungsbrief“ Atzenbeck (Pullacher Schriftenreihe Band 1) S. 77 veranlasst worden war. Nachdem Herzog Sigismund 1467 abgedankt und seinem jüngeren Bruder Albrecht IV. die Regierungsgeschäfte überlassen hatte, widmete er sich vornehmlich der Pflege der bildenden Künste und der Förderung von Kirchen und Klöstern. Architektonische Anklänge von Heilig Geist an die Kirchen in Pipping und Schloss Blutenburg, die Herzog Sigismund im gleichen Zeitraum bauen und von den Künstlern Jan Polack und Erasmus Grasser und Werkstatt ausstatten ließ, legen nahe, dass er auch bei Bau und Ausstattung der Kirche in Pullach beratend mitgewirkt haben könnte. Es kommt hinzu, dass die Wittelsbacher in Pullach Grundherren warenAtzenbeck (Pullacher Schriftenreihe Band 1) S. 16 und dass seit 1488 die Kontrolle über das Kirchenvermögen in Händen des wittelsbachischen Landesherrn lag. In den Kreis der Stifter gehört auch Balthasar Pötschner. Sein redendes Wappen im Gewölbe weist ihn der Linie der Pötschner mit der Pütsche zu, die durch Salzhandel zu Wohlstand und Ansehen gekommen waren. Als Angehörigen des Münchner Stadtpatriziats waren für ihn Schenkungen für in- und auswärtige Kirchen eine seinem Stand geschuldete Verpflichtung.Johann Andreas Schmeller, Georg Karl Frommann; Bayerisches Wörterbuch, München 1872, I, 312 „Die Butschen, die Bütschen, kleines mit …einem Deckel versehenes Gefäß…Ehemals nannte man Bütschen auch eine Art Gefäß, in welchem von den Salzstätten aus, das Salz verführt wurde…“ Zu Balthasar Pötschner: Er war herzoglicher Rat, davor Mitglied im inneren und äußeren Rat der Stadt München und Kirchpropst in der Münchner Peterskirche. Auch sein ältester Sohn Melchior Pötschner († 1511) war Stadtrat und 1496 Kirchpropst von St. Peter und Kirchpropst in Thalkirchen (Stahleder S. 91–95) Beispiele für die Großzügigkeit der Pötschner sind neben der Ausstattung von Kirchen drei Pötschner-Benefizien: das Pötschner-Katharinen-Benefizium (1431), eine Stiftung von Balthasar Pötschners Großmutter väterlicherseits, Anna Pötschner, geb. Schrenck; das Pötschner-St. Anna-Benefizium von Katharina Pötschner aus der Linie der Pötschner mit dem Schrägbalken; daneben hatten die Pötschner beim Sendlinger–Pötschner Benefizium, das von der Familie der Sendlinger gestiftet worden war, ein Mitspracherecht, (Stahleder 2016, S. 74f. und S. 107) In seinem Ausgabenbuch für das Jahr 1469 ist vermerkt „Item ain glas zum heiligen Geist Pulach auf der grechten handt bey dem fronaltar und ein schilt darob im gwelb, kost vier gulden rh., anno 1469“.O. Hartig: Münchner Künstler und Kunstsachen, Auszüge aus Archivalien und handschriftlichen Aufzeichnungen der staatlichen und städtischen Archive und Bibliotheken Münchens, nebst Ergänzungen aus der gedruckten Literatur; 1. Vom Beginne des 14. Jahrhunderts bis zum Tode Erasmus Grassers (1518) und Jan Polacks (1519), München 1926, Nr. 367 Die verwandtschaftliche Verbindung seiner Familie mit den Barth, Ridler, Schrenk, Schluder, Namen von Münchner Patriziern, die auch in Pullach als Grundbesitzer bzw. Zehentempfänger auftauchen,Atzenbeck (Pullacher Schriftenreihe Band 1), S. 16 lässt annehmen, dass sich auch dieser Personenkreis an Bau und Ausstattung der Kirche beteiligt hat, während die bäuerlich geprägte Gemeinde von etwa 250 Einwohnern den Bau ihrer Kirche mit Pachtabgaben in Naturalien und Geld und Hand- und Spanndiensten für die Grundherren indirekt unterstützte.Drube (Pullacher Schriftenreihe Band 1) S. 18 Das Münchner Wappen steht für die Stadt, die wiederum vom Rat der Stadt München repräsentiert wurde. Er war für eine Aufgabe im Rahmen des Benefiziums für Pullach vorgesehen, das 1472 von dem Geistlichen Lienhart (Winhart) Sewer, Pötschnerbenefiziat am St. Anna Altar in der Peterskirche in St. München, eingerichtet worden war. Sewer, der sich das Präsentationsrecht seines Benefiziums ausbedungen hatte, hatte verfügt, dass der Rat der Stadt München nach seinem Tod als Rechtsnachfolger dieses Recht ausüben sollteAtzenbeck (Pullacher Schriftenreihe Band 1), S. 78 und Gertrud Thoma ( in ZBLG 59 (1996) S. 469–532, https://periodika.digitale-sammlungen.de//zblg/seite/zblg59_0518 über das Zustandekommen dieses Benefiziums aus Zinseinkünften, Stiftungen, Erwerbungen, herzoglichen Schenkungen und Ewiggeldern auf Initiative Kaplan Sewers in Zusammenarbeit mit dem Pfarrer von Thalkirchen Lienhart Ruprecht und drei Kirchpröpsten, darunter Ulrich Sedlmair und Peter Kopp, zwei Ortskirchpröpsten aus Pullach.

Ausstattung (Auswahl) mini|hochkant|Pfingsten mini|hochkant|Spätgotisches Glasfenster mini|hochkant|Erbärmde-Heiland Pfingstdarstellung mit Maria inmitten der Apostel (NT Apostelgeschichte 1,14; 2,1-4) als erster Christengemeinde 50 Tage nach Ostern.„Mit Sicherheit stammen aus der damaligen Ausstattung das Schnitzwerk im heutigen Hochaltar, das „Pfingstwunder“ darstellend, die beiden heute an der Südwand des Innenraums angebrachten Altartafeln mit dem Martyrium des Hl. Stephan und des Hl. Vitus und zwei kleine Glasfenster hinter dem Hochaltar.“ Vgl. Erwin Deprosse, Festschrift "125 Jahre Pfarrei Heilig Geist Pullach, Die alte katholische Pfarrkirche in Pullach (Herausgeber: Kath. Kirchenstiftung Hl. Geist Pullach, 2001) Das bemalte Schnitzwerk im Schrein des Hauptaltars (um 1480) wird Erasmus Grasser oder seinem Umfeld zu geschrieben, nach neuesten Studien Jörg Schnitzer, dem sogenannten zweiten Mitarbeiter des Erasmus Grasser (um 1450–1518)AK Bewegte Zeiten, Der Bildhauer Erasmus Grasser (um 1450–1518), Ausstellungskatalog 2018, hrsg. von Renate Eikelmann und Christoph Kürzeder, München 2018, S. 126–129, 260, H. Ramisch: Patronats- und Klientelverhältnisse am Beispiel Ulrich Aresingers. H. Ramisch sieht aufgrund von gemeinsamen Stilelementen im Pfingstrelief der Pullacher Heiliggeistkirche und im Pötschner Epitaph in St. Peter (München) denselben Künstler, Jörg Schnitzer, den sogenannten zweiten Mitarbeiter des Erasmus Grasser, am Werk.. Das Schweißtuchbild Christi getragen von zwei Engeln. Das Tafelbild mit dem seit dem 12. Jahrhundert verwendeten außerbiblischen Bildtypus des Schweißtuchs der Veronika befindet sich in der Predella unterhalb der Pfingstdarstellung (um 1500). Gnadenstuhl und der Auferstehungschristus im Scheitelfenster hinter dem HauptaltarSusanne Fischer, Die Münchner Schule der Glasmalerei. Studien zu den Glasgemälden des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts im Münchner Raum. München 1997. Die Datierung um 1470 lässt in Betracht ziehen, dass das Glasgemälde mit Pötschners Eintrag für 1469 in seinem Ausgabenbuch in Verbindung stehen kann. Es ist vom Gesprenge des Hauptaltars nahezu verdeckt.