Die Schillerspinnen (Micaria) bilden eine Gattung innerhalb der Familie der Plattbauchspinnen (Gnaphosidae), die zur Ordnung der Webspinnen zählt. Die artenreiche Gattung ist mehrheitlich holarktisch verbreitet und setzt sich aus markant gefärbten Spinnen zusammen, die in Form der Mimikry Ameisen imitieren und somit myrmekomorphe (ameisenimitierende) Spinnen sind. Der Grund dafür ist bis heute nicht ganz geklärt und scheint innerhalb der Gattung unterschiedlich zu sein. So dient die Mimikry verschiedener Vertreter der Gattung u. a. vermutlich als Schutz, sowohl vor verschiedenen Prädatoren (Fressfeinden), die Ameisen wegen ihrer Abwehrmechanismen verschmähen, als auch vor den Ameisen selbst.
Die Schillerspinnen zählen zu den wenigen Spinnen der Familie, die eine tagaktive Lebensweise vollführen. Gleichzeitig teilen sie aber mit anderen Plattbauchspinnen ihre ruckartige Fortbewegung und verstärken dabei die Nachahmung von Ameisen, indem sie das erste Beinpaar während des Laufens anheben und dabei die Fühler von Ameisen imitieren, während sie auf sechs Beinen laufen. Auch wird regelmäßig das Opisthosoma (Hinterleib) von den Spinnen erhoben, wie das auch mit dem Abdomen der Ameisen in Abwehrstellung der Fall ist.
Schillerspinnen sind wie alle Plattbauchspinnen frei jagende Laufjäger, die kein Spinnennetz zum Fangzweck anlegen, dafür aber nach Charakterart der Familie größere oder wehrhaftere Beutetiere mithilfe von Spinnenseide am Boden fixieren und somit an einer Flucht sowie einer Gegenwehr hindern. Nach bisherigen Kenntnissen scheinen zu den Schillerspinnen einerseits opportunistische Jäger zu zählen, die jedoch Ameisen meiden; andererseits Nahrungsspezialisten, die gezielt jene Ameisen erbeuten, die sie imitieren.
Merkmale mini|Männliche Schillerspinne Die europäischen Arten der Schillerspinnen erreichen eine Körperlänge von 1,75 bis 7,5 Millimetern, wobei hier 0,9 bis 3,2 Millimeter auf das Prosoma (Vorderkörper) entfallen. Bei den amerikanischen Vertretern wurden Körperlängen von 1,3 bis maximal 6,5 Millimetern gemessen. Es handelt sich also um eher kleinere Spinnenarten. Ein auffälliges Merkmal der eher schlank gebauten Schillerspinnen ist der ameisenähnliche Habitus (Erscheinungsbild), womit sie zu den myrmekomorphen (ameisenimitierenden) Spinnen gezählt werden. Die Arten der Gattung sind am Körper und den Beinen mit metallisch glänzenden Setae (chitinisierten Haaren) bedeckt, die leicht abgerieben werden können.
mini|links|Dorsalansicht einer weiblichen Schillerspinne mit Blick auf das Peltidium Das Prosoma der Schillerspinnen kann sehr variabel geformt sein. Das Peltidium bzw. der Carapax, die Rückenplatte des Prosomas, erscheint dorsal (oben) betrachtet am Ende der Coxen (Hüftglieder) des zweiten Beinpaares, während er im Bereich der Pedipalpen (umgewandelte Extremitäten im Kopfbereich) stark verengt erscheint. Die Fovea (An die Muskeln des Saugmagens ansetzende Einkerbung) ist bei den Schillerspinnen sehr klein oder gar zurückgebildet. Von der Fovea oder dem Bereich dieser, wenn sie fehlt, gehen radial angelegte und aus weißen, schuppenartigen Setae bestehende Bänder aus. Der Bereich der Augen und der Clypeus (Abschnitt zwischen dem anterioren Augen und dem Carapax) sind mit Borsten versehen. Beide Augenreihen erscheinen dorsal gebogen, dabei die anteriore (vordere) stärker. Selten ist die posteriore (hintere) Augenreihe gerade oder rekursiv geformt. Die Augen selber sind vergleichsweise klein und relativ gleichmäßig angelegt. Eine Ausnahme sind die ovalen und hellen anterior lateralen (seitlichen) Augen, die in einem Abstand, der geringer als ihrer eigener Durchmesser ist, von den kreisrunden und dunklen anterior medianen (mittleren) Augen beabstandet sind. Die posterior medianen Augen erscheinen schräg rechteckig und hell, während die posterior lateralen Augen oval und hell in Erscheinung treten. Das mediane Augenviereck zwischen den Medianaugen ist vorne oder hinten für gewöhnlich länger als breit. Die Höhe des Clypeus ist größer als der Durchmesser der anterior medianen Augen.
mini|Frontalansicht einer weiblichen Schillerspinne mit erkennbaren Augen und Cheliceren Die Cheliceren (Kieferklauen) besitzen an den Fangfurchen an deren vorderen Rändern zwei und an den hinteren keine oder einen Zahn. Sie verfügen im Regelfall über keine Schuppensetae. Ausnahmen sind M. guttigera und M. funerea mit einer spärlichen Bedeckung weißlicher Schuppensetae an diesem Bereich sowie die Rote Schillerspinne (M. fulgens), die an den Cheliceren kupferartige Schuppensetae besitzt. Die Maxillae (umgebildete Coxen der Pedipalpen) sind von rechteckiger Form und erscheinen schräg niedergedrückt. Sie haben außerdem eine verschieden deutliche Querfurche. Das Labium sklerotisierte, bzw. gehärtete Platte zwischen den Maxillae an der Vorderseite des Sternums ist lang, dreieckig und distal (vom Zentrum entfernt) gerundet. Das Sternum (Brustschild des Prosomas) ist nach hinten ausgerichtet.
mini|links|Lateralansicht einer weiblichen Schillerspinne mit erkennbaren Beinstrukturen Die Beine der Schillerspinnen sind verglichen mit denen anderer Plattbauchspinnen (Gnaphosidae) lang und dünn. Außerdem erscheinen sie des Öfteren heller als der restliche Körper der Spinnen. Die Längenformel der Beinpaare von groß nach klein lautet bei den Arten der Gattung 4-1-2-3. Die Beine der Schillerspinnen tragen wie die vieler anderer Spinnen Stacheln, deren Anordnung sich formelweise wiedergeben lässt. Die Dorsalseite der Femora (Schenkel) weist zumeist Borsten in folgender Anordnung auf: 1-1-1, 1-1, 1. Seltener beträgt deren Anordnung dort in der Reihenfolge: 1-1-1-1 oder 1, 1-1, 1-1, 1-1, 1. Die Femora des ersten Beinpaars trägt jedoch immer mindestens eine weitere Borste, die distal-prodorsal (vom Zentrum entfernt und vorgelegt vorne) angelegt ist. Die Tibien (Schienen) der ersten beiden Beinpaare haben bei den weiblichen Individuen nicht selten ventral (seitlich) zwei lange Stacheln. In dem Fall sind auch die Metatarsen (Fersenglieder der Tarsen, bzw. Fußglieder) dieser Tiere ebenfalls auf der Ventralseite mit einer oder zwei Stacheln versehen. Den Männchen fehlen diese Stacheln zumeist oder sie sind lediglich haarartig ausgebildet. Die Scopulae (Hafthaarbüschel) werden aus je zwei Doppelreihen kürzerer Setae gebildet, die die Tarsen, Metatarsen in ganzer Länge sowie die Tibien und Femora distal bedecken. Beim Weibchen von M. triguttata sind die Setae der Scopulae länger und borstenförmig ausgebildet. Die Pedipalpen der Weibchen haben oftmals eine Endklaue. Bei den Männchen haben diese Extremitäten oft ventral einem Höcker und die Tibien verfügen mit Ausnahme von M. ignea einen distal-retrolateral (vom Zentrum entfernten und weiter hinten seitlichen) und zusätzlich oder stattdessen eine bis zwei Apophysen (Fortsätze). Außerdem sind die Pedipalpen der männlichen Tiere ventral nicht selten unterschiedlich stark komprimiert.
mini|Rückansicht einer weiblichen Schillerspinne mit Blick auf das Opisthosoma mitsamt der durch Irisierung (Lichtbruch) schillernden Setae Das Opisthosoma (Hinterleib) ist bei den Schillerspinnen von länglich-ovaler Form und erscheint überdies meistens walzenförmig. Bei wenigen, etwa M. albovittata Arten ist es auch spitz endend. Markant ist die in der Längsmitte besonders dorsal ausgeprägte, sattelförmige Einschnürung des Opisthosomas, die insbesondere je nach Art unterschiedlich ausgebildet sein kann. Das Opisthosoma ist bei den Arten der Gattung mit durch Irisierung (Lichtbruch) schillernden Setae versehen und kann bei den verschiedenen Arten sehr variabel gefärbt sein. Die Schillerspinnen verfügen anders als viele andere Plattbauchspinnen über kein Scutum (sklerotisierte Platte) auf der Dorsalseite des Opisthosomas. Ein weiteres bei den Schillerspinnen vorhandenes und für Plattbauchspinnen atypisches Merkmal sind die zylindrischen und für geläufig kurzen Spinnwarzen. Deren Anzahl beträgt bei den Vertretern der Gattung sechs und ihr Abstand zueinander beträgt an der Basis etwa ihr eigener Durchmesser.
Genitalmorphologische Merkmale +Geschlechtsorgane der Streifbein-Schillerspinne (M. micans) (oben) und der Gewöhnlichen Schillerspinne (M. pulicaria) (unten)BulbiEpigynen100x100px100x100px Ein einzelner Bulbus (männliches Geschlechtsorgan) der Schillerspinnen verfügt über einfach gewellte Samenschläuche. Die Spitze des Cymbium (vorderstes Sklerit, bzw. Hartteil des Bulbus)west ventral-distal bei fast allen Arten zwei bis vier längeren Borsten auf. Bei der Rindenschillerspinne (M. subopaca) und M. sociabilis befindet sich auf dem Cymbium basal-prolateral (an der Basis liegend und vorgerückt seitlich) je noch eine weitere Borste. Auch sind eine mediane (mittlere) und eine teguläre (rückseitige) Apophyse bei Schillerspinnen gängig. Im Falle von deren Vorhandensein sind beide Apophysen beweglich und durch einen nicht sklerotisierten, weißen Abschnitt mit dem Tegulum (mittleres Sklerit des Bulbus) verbunden. Der Embolus selber endet auf der Distalseite spitzartig und ist bei der Arktoalpinen Schillerspinne (M. alpica) auffallend groß. Der Embolus ist bei den Arten der Gattung zumeist spitz verlaufend und distal nach retrolateral umbiegend, wobei letzteres bei der Gefleckten Schillerspinne (M. guttulata) nicht der Fall ist.
Die Epigyne (weibliches Geschlechtsorgan) der Vertreter der Schillerspinnen ist durch durchscheinende Spermatheken (Samentaschen) mitsamt Kopulationskanälen gekennzeichnet, deren Öffnungen gut identifizierbar sind. Letztere besitzen bei allen Arten eine kleine Aussackung, sind sehr lang und weisen Drüsen auf. Die paarweise angelegten Spermatheken sind kugel- oder nierenförmig und die Einfuhrgänge sind median vor diesen platziert. Die Epigyne besitzt bei den Arten der Schillerspinnen frontal eine Querleiste und median gehäuft eine Furche oder Grube, deren Seitenränder die Einführungsgänge überlappen können. Aboral (vom Mund entfernt liegend und zum Anus gerichtet) besitzt der Großteil der Schillerspinnen an der Epigyne ein Paar stark sklerotisierter, sichelförmiger Strukturen, die nur bei wenigen Vertretern, etwa der Erzschillerspinne (M. aenea), der Arktoalpinen Schillerspinne und M. rossica fehlen. Ist dies der Fall, sind meistens auch die Spermatheken reduziert. Hier bildet die Arktoalpine Schillerspinne jedoch eine Ausnahme.
Den Schillerspinnen ähnliche Spinnen Die Arten der Schillerspinnen ähneln optisch den nicht näher verwandten der Gattung der Ameisenvagabunden (Phrurolithus), die zur Familie der Ameisensackspinnen (Phrurolithidae) zählen. Wie die Schillerspinnen ahmen auch die Ameisenvagabunden entsprechend ihrem Trivialnamen Ameisen nach und haben überdies eine ähnliche Lebensweise.
Den Ameisenvagabunden fehlt die bei Schillerspinnen vorhandene sattelförmige Einschnürung am Opisthosoma genau wie die bei erstgenannter Gattung existente Eindellung der Laden. Die Ameisenvagabunden besitzen dafür auf der Ventralseite der Metatarsen und Tarsen deutlich mehr Borsten (zwei bis vier Paare). Gleiches trifft auch auf die hinten anliegende Zähnung am hinteren Rand der Cheliceren zu, deren Anzahl bei den Ameisenvagabunden zwei beträgt. Im Gegensatz zu den Schillerspinnen verfügen die Ameisenvagabunden außerdem über Auswüchse an den Femores. Jedoch fehlen ihnen die bei den Schillerspinnen fast immer vorhandene Beborstung am Cymbium, die hakenförmigen Spermatheken und die Drüsen der Kopulationskanäle.
Entfernt bestehen auch Ähnlichkeiten der Schillerspinnen mit der Gattung der Mausspinnen (Scotophaeus), die wie diese zu den Plattbauchspinnen (Gnaphosidae) gehört. Die Mausspinnen sind allerdings im Gegensatz zu den Schillerspinnen und damit wie die Mehrheit der Plattbauchspinnen nachtaktiv. Außerdem vollführen die Arten der Mausspinnen keine Mimikry.