mini|Marpesia und Lampeto auf einem Holzschnitt aus Heinrich Steinhöwels Übersetzung der Berühmten Frauen des Giovanni Boccaccio, gedruckt von Johann Zainer (GW 4486) mini|Marpesia und Lampedone in Boccaccio, De mulieribus claris, Paris, Bibliothèque nationale de France, Français 599, fol. 18v, Buchmalerei von Testard Robinet, ca. 1492 Marpesia und Lampeto (auch Martesia und Lampedo) sind in der griechischen Mythologie zwei gemeinsam regierende Königinnen der Amazonen. Die ältesten Erwähnungen ihrer Namen stammen aus der römischen Geschichtsschreibung in lateinischer Sprache.
Namen Die Handschriften des ältesten Werks, das den Mythos von den Amazonenköniginnen Marpesia und Lampeto enthält, bezeichnen die erstgenannte „Martesia“. Aus der Überlieferung in anderen spätantiken und frühmittelalterlichen Texten lässt sich jedoch erschließen, dass dieser Name zu „Marpesia“ oder „Marpessa“ zu verbessern ist.Franz Rühl: Die Textesquellen des Justinus. In: Jahrbücher für classische Philologie. 6. Supplementband. 1872/1873, S. 1–160, hier S. 125 (), vgl. Dennis R. Bradley: Manuscript Evidence for the Text of the ‘Getica’ of Jordanes (I). In: Hermes. Bd. 123, Nr. 3, 1995, S. 346–362, hier S. 351 Fn. 36, . In dieser Form fügt er sich auch in die Reihe der anderen Amazonennamen mit Spitznamencharakter in der griechischen Mythologie.Adrienne Mayor, John Colarusso und David Saunders: Making Sense of Nonsense Inscriptions Associated with Amazons and Scythians on Athenian Vases. In: Hesperia. Bd. 83, Nr. 3, 2014, S. 447–493, hier S. 466, doi:10.2972/hesperia.83.3.0447. Ein wahrscheinlich nicht antikes Siegel nennt die andere Amazonenkönigin wie auch die ersten Drucke des Mythos. Doch der Name ist vermutlich mit dem häufigeren griechischen Frauennamen oder gleichzusetzen. mit Verweis auf Anatole Chabouillet: Catalogue général et raisonné des camées et pierres gravées de la Bibliothèque impériale. Suivi de la description des autres monuments exposés dans le Cabinet des médailles et antiques. Paris 1858, S. 307 Nr. 2247 (), die dort genannte Abbildung findet sich in: Claude du Molinet: Le cabinet de la bibliotheque de Sainte Genevieve. Paris 1692, Tafel 28 Nr. VI ().
Antike Überlieferung Wohl anknüpfend an ältere griechische Geschichtsschreiber, möglicherweise Ephoros von Kyme, brachte Pompeius Trogus in seiner lateinischen Philippischen Geschichte auch eine ausführliche Erzählung zu den Amazonen.Ken Dowden: Amazons: Development and Functions. In: Rheinisches Museum für Philologie (N.F.). Nr. 140, 1997, S. 97–128, hier S. 109–111 (PDF, 5,97 MB). Diese ist nur in der Kurzfassung (Epitome) des Marcus Iunianus Iustinus erhalten. Dieser schreibt, dass die ersten Amazonen die Witwen niedergemetzelter Skythen gewesen seien, die mit Waffengewalt Rache für ihre Ehemänner nahmen. Um ihre neue Lebensform zu verstetigen, töteten sie die Jungen, die ihnen aus kurzzeitigen Verbindungen mit ihren Nachbarn geboren wurden, die Mädchen bildeten sie im Waffenhandwerk aus. Nachdem Iustinus die Lebensweise der Amazonen geschildert hat, erzählt er von deren Königinnen. Die ersten von ihm genannten, Marpesia und Lampeto, hätten das Heer unter sich aufgeteilt, um sich bei den Kriegszügen und bei der Landesverteidigung abzuwechseln. Sie hätten den größeren Teil Europas und eine Reihe von Städten in Asien erobert sowie weitere Städte dort gegründet, darunter Ephesos. Als ein Teil des Heeres mit Beute beladen in die Heimat zurückgekehrt war, sei Marpesia an der Spitze des anderen Heeresteils von Barbaren getötet worden. Ihre Tochter Orithyia (möglicherweise eine Verwechslung mit Otrere)Ursula Gärtner: Quintus Smyrnaeus und die Aeneis. Zur Nachwirkung Vergils in der griechischen Literatur der Kaiserzeit. (= Zetemata. 123). München 2005, ISBN 3406531334, S. 45 Fn. 26. Vgl. schon Celeste Turner Wright: The Amazons in Elizabethan Literature. In: Studies in Philology. Bd. 37, Nr. 3, 1940, S. 433–456, hier S. 436 Fn. 29, . sei ihr im Amt nachgefolgt. Iustinus hebt neben ihrer kriegerischen Fähigkeiten auch ihre lebenslange Jungfräulichkeit hervor, für die Sinope bekannt war, die von Orosius als Tochter Marpesias genannt wird. Orithyia habe, laut Iustinus, gemeinsam mit ihrer Schwester Antiope geherrscht. Er verknüpft sie mit einer der zwölf Arbeiten des Herkules, hier ist es ihr Gürtel, nicht wie sonst der von Hippolyte, der herbeigeschafft werden soll. Als ihre Nachfolgerin nennt er die aus dem Sagenkreis des Trojanischen Krieges bekannte Penthesilea und verweist auf Thalestris mit der, zur Zeit Alexanders des Großen, das Amazonenreich ein Ende gefunden habe.Marcus Iunianus Iustinus, Epitoma historiarum Philippicarum 2,4
Schon unter dem Eindruck der Völkerwanderung griff der christliche Priester Orosius diesen Mythos erneut auf. Wie etliche Geschichtsschreiber vor ihm setzte er Skythen und Goten gleich und ging auch noch einen Schritt weiter, indem er die Amazonen zu Frauen der Goten erklärte.Salvatore Liccardo: Different ‘Gentes’, Same Amazons: The Myth of Women Warriors at the Service of Ethnic Discourse. In: The Medieval History Journal. Bd. 21, Nr. 2, 2018, S. 222–250, hier S. 225–235, doi:10.1177/0971945818775371. Auch wenn sein Text teilweise wörtlich mit dem des Iustinus übereinstimmt, gibt es neben Kürzungen auch kleinere Abweichungen, wie die schon erwähnte Sinope. Nach dem Verweis auf Penthesilea und den Trojanischen Krieg fügt er noch eine Klage ein, dass diese Frauen soviel schrecklicher gewütet hätten als die Goten seiner Zeit.Orosius, Historae adversus paganos 1,15–16
Da Orosius die Amazonen mit den Frauen der Goten gleichgesetzt hatte, sah sich Jordanes genötigt, diese Episode in seine Geschichte vom Ursprung der Goten einzufügen. Anders als Iustinus und Orosius schrieb er, dass die Amazonen ihre Söhne deren Vätern übergaben und nicht töteten. Einen Aufenthalt Marpesias im Kaukasus, bei dem sie einem Ort den Namen „Fels der Marpesia“ gegeben habe, verknüpfte Jordanes mit Verweisen auf die zu seiner Zeit dort siedelnden Lasen und auf Legenden um Alexander den Großen, er stellte sich diesen Ort also im Bereich des Darialpasses vor.Andrew Runni Anderson: Alexander at the Caspian Gates. In: Transactions and Proceedings of the American Philological Association. Nr. 59, 1928, S. 130–163, hier S. 151–152, ; Vincent DiMarco: The Amazons and the End of the World. In: Scott D. Westrem (Hrsg.): Discovering New Worlds. Essays on Medieval Exploration and Imagination. (= Garland Medieval Casebooks. 2). New York und London 1991, ISBN 0-8153-0102-2, S. 69–90, hier S. 71–74. Er beendete seinen Exkurs zu den Amazonen mit dem Satz: „Damit Du aber nicht sagst: Warum bleibst Du, da Du es übernommen hast, von den Männern der Goten zu sprechen, so lange bei den Frauen?, sollst Du auch von der ausgezeichneten und lobenswerten Tapferkeit der Männer hören.“Jordanes, Getica 7,49–9,58 (auch zum Vorigen); das Zitat 9,58 Übersetzung von Steffen Patzold in: ders., Hans-Werner Goetz und Karl-Wilhelm Welwei (Hrsg.): Die Germanen in der Völkerwanderungszeit. Auszüge aus den antiken Quellen über die Germanen von der Mitte des 3. Jahrhunderts bis zum Jahre 453 n. Chr. (= Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. 1b). 2. Auflage. Darmstadt 2013, ISBN 978-3-534-73761-1, S. 23. Wie dieser abrupte Themenwechsel verdeutlicht, ist der Exkurs zu den Amazonen und ihren Königinnen bei Jordanes kaum in den übrigen Text integriert, die von ihm erwähnte Frage bleibt unbeantwortet. Durch ihn und seine Vorläufer Orosius und Iustinus gelangte diese Erzählung aber in ein weites Spektrum von Texten.Patrick J. Geary: Women at the beginning. Origin myths from the Amazons to the Virgin Mary. Princeton, N.J. 2006, ISBN 1400827086, S. 26–34. Zur weiteren Rezeption siehe auch: und Christian Moser: Amazonen. In: Mythenrezeption. Die antike Mythologie in Literatur, Kunst und Musik von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hrsg. von Maria Moog-Grünewald (= Der Neue Pauly. Supplemente 5). Stuttgart und Weimar 2008, S. 65–75. Sie bot den ganz überwiegend männlichen Verfassern dieser Texte Gelegenheit, sich mit der Herrschaftsausübung von Frauen in ihren Gesellschaften zu beschäftigen; und mächtige Frauen in der einzigen Welt über die sie volle Kontrolle hatten, der Welt der Texte, in die mythische Vergangenheit zu verbannen.Patrick J. Geary: Women at the beginning. Origin myths from the Amazons to the Virgin Mary. Princeton, N.J. 2006, S. 5–6.
Rezeption Die Namen Marpesia und Lampeto tauchen fortan in zahlreichen Texten auf. In der Kosmographie des AethicusOtto Prinz (Hrsg.): Die Kosmographie des Aethicus. (= Monumenta Germaniae Historica, Quellen zur Geistesgeschichte des Mittelalters. 14). München 1993, ISBN 3-88612-074-0, S. 180 (Digitalisat). erscheinen sie ebenso wie im am Hof Ludwigs des Frommen entstandenen ersten Teil der Weltgeschichte des Frechulf.Historiarum libri XII 2,25 Die Amazonen wurden zu einem festen Bestandteil mittelalterlicher Weltchroniken, sodass eine Auflistung aller Erwähnungen zu einer Bibliographie ebendieser würde.Christine Reinle: Exempla weiblicher Stärke? Zu den Ausprägungen des mittelalterlichen Amazonenbildes. In: Historische Zeitschrift. Bd. 270, Nr. 1, 2000, S. 1–38, hier S. 6f. Fn. 13, doi:10.1524/hzhz.2000.270.jg.1. Die Namen ihrer ersten Königinnen finden sich daher z. B. auch in der früher Ekkehard von Aura zugeschriebenen Weltchronik.Ed. Georg Waitz in: . Amazonen wurden jedoch nicht nur in der Zeit, sondern auch im Raum verortet. Erwähnungen und seit dem 13. Jahrhundert auch Abbildungen an wechselnder Stelle, aber stets jenseits der Grenzen des Abendlands, finden sich auf zahlreichen mittelalterlichen Weltkarten. Auf den größten bekannten mappae mundi, der Hereford-Karte und der Ebstorfer Weltkarte sind die Amazonenköniginnen Marpesia und Lampeto abgebildet.Ingrid Baumgärtner: Amazonen in mittelalterlichen Weltkarten. In: Alexander Koch (Hrsg.): Amazonen. Geheimnisvolle Kriegerinnen. Ausstellung im Historischen Museum der Pfalz, Speyer vom 5. September 2010 bis 13. Februar 2011. Historisches Museum der Pfalz, Speyer 2010, ISBN 978-3-9388-3262-2, S. 194–203 (Uni Kassel).
Normannische Chronisten griffen mehr als andere Themen der griechischen Mythologie auf. Hugo von Fleury erzählte im zweiten Buch seiner Historia Ecclesiastica, gestützt auf Justinus, ausführlich vom Reich der Amazonen und ihren Königinnen, er widmete dieses Werk der Gräfin Adela von Blois.Élisabeth Mégier: Hugues de Fleury, les Amazones et la présence de la mythologie grecque dans l’historiographie médiévale normande. In: Pierre Bauduin und Marie-Agnès Lucas-Avenel (Hrsg.): L’Historiographie médiévale normande et ses sources antiques (Xe–XIIe siècle). Caen 2014, ISBN 978-2-84133-485-8, S. 191–211; vgl. schon Joan M. Ferrante: Women’s Role in Latin Letters from the Fourth to the Early Twelfth Century. In: June Hall McCash (Hrsg.): The Cultural Patronage of Medieval Women. Athens, Georgia 1996, ISBN 0-8203-1701-2, S. 73–104, hier S. 95 und Anm. 52 auf S. 104 mit Verweis auf einen unpublizierten Vortrag von Kimberly LoPrete; es gibt inzwischen einen neuere Edition des besprochenen Textes: Leendert Martin de Ruiter: Hugo van Fleury: Historia Ecclesiastica, editio altera : kritische teksteditie. [Groningen] 2016, ISBN 978-90-367-8775-8, (rug.nl), hier einschlägig: S. 38. Hingegen verglich Ordericus Vitalis in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts die kriegführende Isabell von Conches eher abfällig unter anderem mit Marpesia und Lampeto.Historia Ecclesiastica 8,14; Christine Reinle: Exempla weiblicher Stärke? Zu den Ausprägungen des mittelalterlichen Amazonenbildes. In: Historische Zeitschrift. Bd. 270, Nr. 1, 2000, S. 27 mit Fn. 87.