Kleobuline, auch Kleobulina (, latinisiert Cleobulina beziehungsweise Cleobuline), mit Beinamen von Lindos, war eine in der Antike überaus berühmte, griechische Dichterin von Rätseln. Ihre Historizität ist umstritten.Maria Nühlen: Philosophinnen der griechischen Antike. Eine Spurensuche. Springer, Wiesbaden 2021, S. 108–115, sieht sie als historische Person an; ebenso Mariana Gardella Hueso: Cleobulina of Rhodes and the Philosophical Power of Riddles. In: Isabelle Chouinard, Zoe McConaughey, Aline Medeiros Ramos, Roxane Noël (Hrsg.): Women’s Perspectives on Ancient and Medieval Philosophy. Springer, Cham 2021, S. 31–45, hier S. 33; unentschieden bleibt Luisa Schneider: Untersuchungen zu antiken griechischen Rätseln (= Beiträge zur Altertumskunde. Band 371/1). Band 1. De Gruyter, Berlin 2020, S. 601–606; wahrscheinlich oder sicher fiktiv urteilen Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff: Lesefrüchte XXX. In: Hermes. Band 34, 1899, S. 219–222, bes. S. 221–222 (Digitalisat); Jan Kwapisz: Were there Hellenistic Riddle Books? In: Jan Kwapisz, David Petrain, Mikolaj Szymański (Hrsg.): The Muse at Play. Riddles and Wordplay in Greek and Latin Poetry (= Beiträge zur Altertumskunde. Band 305). De Gruyter, Berlin 2013, S. 148–167, hier S. 153 (Digitalisat);
Leben
Kleobuline soll nach antiker Überlieferung die Tochter des Tyrannen (Herrschers) von Lindos auf Rhodos, Kleobulos, einem der Sieben Weise von Griechenland, gewesen sein. Dieser lebte wohl im 7./6. Jahrhundert v. Chr. Ihr Vater nannte sie Eumetis („die gut Ratgebende“), aber in Zuordnung zu ihrem Vater wurde sie Kleobuline genannt.Plutarch, Gastmahl der Sieben Weisen 148D. Ihr Vater scheint Wert auf die Bildung seiner Tochter gelegt zu haben und über die Kontakte ihres Vaters – die Insel Rhodos war damals ein Umschlagplatz des Handels und viele Reisende aus anderen Kulturkreisen kamen dorthin – hatte sie regen Austausch mit Reisenden. Plutarch berichtet in seinem Gastmahl der Sieben Weisen, dass sie eine wohlbekannte Person war, begabt mit scharfem Verstand, Seelengröße und menschenfreundlicher Gesinnung. Mit ihrem politischen Einfühlungsvermögen habe sie ihren Vater zu einem milden Regenten umgestimmt.Plutarch, Gastmahl der Sieben Weisen 148D; zur Rolle Kleobulines in diesem Gastmahl siehe Luisa Schneider: Untersuchungen zu antiken griechischen Rätseln (= Beiträge zur Altertumskunde. Band 371/1). Band 1. De Gruyter, Berlin 2020, S. 142–144.
Werk
Kleobuline werden schon seit der Wende vom 5. zum 4. Jahrhundert v. Chr. mehrere Rätsel zugeschrieben.Dissoi logoi 3,11; zur Datierung der Dissoi logoi, eines sophistischen Traktats, siehe Peter Scholz, Alexander Becker (Hrsg.): Dissoi Logoi – Zweierlei Ansichten. Ein sophistischer Traktat. Text – Übersetzung – Kommentar (= Wissenskultur und gesellschaftlicher Wandel. Bd. 9). Akademie-Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-05-004081-5, S. 16. Zwei der drei Rätsel waren in Distichen verfasst, eines in einem einzelnen Hexameter. Ein weiteres, nicht eindeutig unter dem Namen der Kleobuline überliefertes Rätsel lautet: „Einer ist Vater und zwölf sind Kinder ihm; aber ein jedes Kind hat zweimal dreißig verschieden gestaltete Kinder. Diese sind weiß an der Farbe zu schaun’n, schwarz aber die andern, und unsterblichen Sein’s; doch schwinden hinunter sie alle.“; dasselbe Rätsel wird von Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 1,89, dem Kleobulos zugewiesen; auch Luisa Schneider: Untersuchungen zu antiken griechischen Rätseln (= Beiträge zur Altertumskunde. Band 371/2). Band 2. De Gruyter, Berlin 2020, S. 101–102 Nr. 44, schreibt es Kleobulos zu, während Mariana Gardella Hueso: Cleobulina of Rhodes and the Philosophical Power of Riddles. In: Isabelle Chouinard, Zoe McConaughey, Aline Medeiros Ramos, Roxane Noël (Hrsg.): Women’s Perspectives on Ancient and Medieval Philosophy. Springer, Cham 2021, S. 31–45, hier S. 40, es zu den Rätseln der Kleobuline zählt. Auflösung: Jahr, Monat, Tage und Nächte. Die philosophische Implikation im Rätsel: die Agonie des „unsterblichen Seins“, das doch entschwindet. Der Rätsellösende fragt nach dem Wesen der Zeit.
Ein Rätsel fragt nach dem ärztlichen Schröpfen und behandelt den Widerspruch einer gerechtfertigten Handlung, die doch gegen das Gebot der Götter verstößt: „Einen Mann sah ich, wie er (seinen Gegner) beraubte und gewalttätig betrog, und dies gewaltsame Tun ist das allergerechteste.“Dissoi logoi 3,11; Übersetzung nach Peter Scholz, Alexander Becker (Hrsg.): Dissoi Logoi – Zweierlei Ansichten. Ein sophistischer Traktat. Text – Übersetzung – Kommentar (= Wissenskultur und gesellschaftlicher Wandel. Bd. 9). Akademie-Verlag, Berlin 2004, S. 67; Martin Litchfield West: Iambi et elegi Graeci ante Alexandrum cantati. (IEG) Band 2. Oxford University Press, Oxford 1992, S. 51 fr. 2; Luisa Schneider: Untersuchungen zu antiken griechischen Rätseln (= Beiträge zur Altertumskunde. Band 371/2). Band 2. De Gruyter, Berlin 2020, S. 185 Nr. 2. Ein ähnliches, möglicherweise ebenfalls dem Schröpfen gewidmetes Rätsel überliefert Athenaios,Zur Rolle Kleobulines bei Athenaios siehe Luisa Schneider: Untersuchungen zu antiken griechischen Rätseln (= Beiträge zur Altertumskunde. Band 371/1). Band 1. De Gruyter, Berlin 2020, S. 237–239. wurde ohne Nennung der Urheberin aber bereits von Aristoteles an zwei Stellen angeführt: „Ich sah einen Mann, der einem anderen Mann mit Feuer Erz anschweißte, so eng, dass er sie zu Blutsbrüdern machte.“Athenaios, Gastmahl der Gelehrten 10,452bc; Aristoteles, Rhetorik 1405ab; Poetik 1458a; Martin Litchfield West: Iambi et elegi Graeci ante Alexandrum cantati. (IEG) Band 2. Oxford University Press, Oxford 1992, S. 50–51 fr. 1; Luisa Schneider: Untersuchungen zu antiken griechischen Rätseln (= Beiträge zur Altertumskunde. Band 371/2). Band 2. De Gruyter, Berlin 2020, S. 184–185 Nr. 1. Ein drittes Rätsel handelt von der phrygischen Flöte:
Kleobuline setzt Metaphern in ihren Rätseln ein, die eigentlich Weisheitsvermittler sind, Paradoxien aufzeigen und einen Erkenntnisprozess initiieren sollen. Im Fall der phrygischen Flöte äußert sich dies in der metaphorischen Umschreibung des Materials Knochen, das als Schienbein aus Horn bezeichnet wird. Dass aber ein totes Tier Musik macht, ist paradox, oder wie es Plutarch dem Äsop in den Mund legt: „man wundert (sich), dass der Esel, der bezüglich aller anderer Dinge grob und unmelodisch ist, einen ganz feinen und harmonischen Knochen bereitstellt“.Plutarch, Gastmahl der Sieben Weisen 150F; Luisa Schneider: Untersuchungen zu antiken griechischen Rätseln (= Beiträge zur Altertumskunde. Band 371/2). Band 2. De Gruyter, Berlin 2020, S. 23 Nr. 9 Aristoteles schrieb in seinen Werken Rhetorik und Poetik ausführlich über das Wesen von Rätseln und den Einsatz von Metaphern in der Philosophie. Giorgio Colli schrieb zum Übergang vom mythischen zum philosophischen Denken, dass das Rätsel „zum Gegenstand eines menschlichen Kampfes um die Weisheit“ wird.Giorgio Colli: Die Geburt der Philosophie. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1981, S. 49.
Aufgrund der seit dem 4. und spätestens dem 3. Jahrhundert v. Chr. nicht mehr möglichen Trennung zwischen historischer Realität und Fiktion in der Überlieferung zu den Sieben Weisen, die spätestens seit dem Hellenismus auch einen großen Umfang fiktiver Literatur hervorgebracht hatte, sind die wenigen Angaben zu Kleobuline nicht zweifelsfrei zu belegen. Es gibt derzeit insgesamt 22 Namensnennungen der Sieben Weisen der griechischen Antike, ihr Vater Kleobulos gehört zu ihnen und die philosophischen Rätsel von Kleobuline sind inhaltlich in diese Zeit der Weisheitssprüche der griechischen Antike einzuordnen.
Rezeption
Nach Clemens von Alexandria war Kleobuline eine gehorsame, fleißige Tochter, die mit den Philosophengästen ihres Vaters debattiert habe.Clemens von Alexandria, Stromata 4,19,123. Zwei Titel antiker Komödien mit ihrem Namen sind bei Athenaios überliefert. Die erste aus der Phase der Alten Komödie, wohl aus dem Jahr 451/450 v. Chr., stammt von Kratinos,Poetae Comici Graeci. Band 4, Fragmente 92–101 (Rudolf Kassel, Colin Austin) eine spätere von Menanders Onkel und Lehrmeister Alexis.Poetae Comici Graeci. Band 2, Fragment 109 (Rudolf Kassel, Colin Austin) Bei Suda finden wir einen Eintrag über sie, Gilles Ménage widmet Kleobuline 1690 einen eigenen Beitrag,Gilles Ménage: Historia mulierum philosopharum. Lyon 1690, S. 6–8 () Johann Caspar EbertiJohann Caspar Eberti: Eröffnetes Cabinet Deß Gelehrten Frauen=Zimmers. Frankfurt / Leipzig 1706, S. 99–100 (Digitalisat). bietet 1706 eine Liste von Quellen und Hinweisen. Erwähnung findet sie außerdem bei Lucretia Marinella (1601),Lucretia Marinella: La nobiltà et l’eccellenza delle donne co’ diffetti et mancamenti de gli uomini. Venedig 1601, S. 38 (). Johann Frauenlob (1631),Johann Frauenlob: Die lobwürdige Gesellschaft der gelehrten Weiber. 1631, S. 10 (Digitalisat). Johann Heinrich Hottinger (1655),Johann Heinrich Hottinger: Historia ecclesiastica. Band 4. 1655 (). Johannes Esberg (1700)Johannes Esberg: Exercitium academicum. Mulieres philosophantes leviter adumbrans. Upsala 1700, o. S. (S. 17) (Digitalisat). und Johann Pasch (1701),Johann Pasch: Gynaeceum doctum sive dissertatio historico-literaria, Vom gelehrten Frauenzimmer. Wittenberg 1701, S. 18–17 (). zum Teil unter dem Namen Eumetis.
In Judy Chicagos von 1974 bis 1979 entstandener Installation The Dinner Party ist Kleobuline unter dem Namen Cleobuline als eine der 999 genannten Frauen auf einer Fliese vertreten. Sie wird dort mit anderen antiken bildenden Künstlerinnen und Dichterinnen dem Gedeck der Dichterin Sappho beigeordnet.
Literatur
Mariana Gardella Hueso: Cleobulina of Rhodes and the Philosophical Power of Riddles. In: Isabelle Chouinard, Zoe McConaughey, Aline Medeiros Ramos, Roxane Noël (Hrsg.): Women’s Perspectives on Ancient and Medieval Philosophy. Springer, Cham 2021, S. 31–45. Maria Nühlen: Philosophinnen der griechischen Antike. Eine Spurensuche. Springer, Wiesbaden 2021, ISBN 978-3-658-34133-6, S. 108–115. Martin Litchfield West: Iambi et elegi Graeci ante Alexandrum cantati. (IEG) Band 2. Oxford University Press, Oxford 1992, S. 50–51 Fragmente 1–3. Luisa Schneider: Untersuchungen zu antiken griechischen Rätseln (= Beiträge zur Altertumskunde. Band 371). Zwei Bände. De Gruyter, Berlin 2020.
Weblinks Kleobuline in den antiken Quellen (englisch)
Anmerkungen
* Kategorie:Literatur (Altgriechisch) Kategorie:Philosophie der Antike Kategorie:Geboren im 7. oder 6. Jahrhundert v. Chr. Kategorie:Gestorben im 6. oder 5. Jahrhundert v. Chr. Kategorie:Frau