Joseph Marcus (* 2. August 1886 in Grabow (Elde); † 1961 in Israel) war ein promovierter Jurist, aktiver Zionist und Mitbegründer des jüdischen Wanderbundes Blau-Weiß. 1933 wanderte er mit seiner Familie nach England aus, von wo sie 1934 nach Palästina emigrierten. Marcus arbeitete dort zunächst als Rechtsanwalt und nach der Gründung des Staates Israel als Rechtsberater für eine Behörde des israelischen Innenministeriums.Soweit für die biographischen Angaben keine anderen Quellen genannt werden, stammen diese alle aus dem Biographischen Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933.
Leben Joseph Marcus’ Bekanntheit ist eng verbunden mit seinem Wirken in der zionistischen Bewegung. Über sein Leben davor gibt es nur wenige Anhaltspunkte. Röder und Strauss erwähnen sein Studium in Breslau, Freiburg und Leipzig, der Katalog der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) seine Dissertation in Breslau im Jahre 1917.Joseph Marcus im Katalog der DNB Hackeschmidt zitiert jedoch aus dem Protokoll einer Sitzung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland (ZVfD) vom 20. Juni 1912, in dem steht, dass ein „Referendar Dr. Marcus aus Breslau die Gründung von jüdischen Schülerwandervereinen in die Hand genommen habe“.Jörg Hackeschmidt: Von Kurt Blumenfeld zu Norbert Elias, S. 43
Seit dem 5. März 1917 war Marcus mit der Bildhauerin und Malerin Käthe Ephraim verheiratet.Blau-Weiss-Blätter. Monatsschrift für jüdisches Jugendwandern, Heft 6, April 1917, S. 174 (PDF-S. 29) Er nahm am Ersten Weltkrieg teil und veröffentlichte in dieser Zeit das an die Blau-Weiß-Mitglieder adressierte Tagebuch für die jüdische Jugend 5677 1916-1917. Im Dezember 1914 wird er in den Blau-Weiss-Blättern als Lazarettinspektor-Stellvertreter erwähnt, im Januar 1915 als Lazarettinspektor im Reservelazarett Rautenkranz in Ohlau.Ob damit der Landkreis Ohlau gemeint war, oder die Stadt Ohlau, ist unklar. Im März 1915 bedauern seine Breslauer Getreuen, dass er nach NeuhammerDie noch möglichen Besuche in Breslau deuten darauf hin, dass es sich bei diesem Neuhammer um den Ort Neuhammer (Proskau) in Oberschlesien handelte. versetzt worden sei und die Gruppe jetzt nur noch sehr selten besuchen könne.
Stationen des beruflichen Lebens von Marcus waren von 1920 bis 1933 eine Tätigkeit als Regierungsrat in Breslau und anschließend als Oberregierungsrat in Düsseldorf. im Juli 1933 verließ die Familie Marcus Deutschland.
1938 wurde ihm die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen.
Nach der Gründung Israels arbeitete Marcus bis zu seinem Ruhestand als Rechtsberater für eine Behörde des israelischen Innenministeriums und war zugleich auch der Manager seiner Frau, für die er in- und ausländische Ausstellungen arrangierte. Er lebte zuletzt in Ramat Gan.Der von Röder und Strauss erwähnte Vorsitz der Zweigstelle Ramat Gan der American Israel Friendship League lässt sich nicht verifizieren, da Marcus bereits 1961 starb, die League aber erst 1971 gegründet wurde. (Homepage der American Israel Friendship League)
Zionistischer Aktivist Mitbegründer des Wanderbundes Blau-Weiß Joseph Marcus war während seiner Studentenzeit in einer jüdischen Verbindung aktiv, die sich dem Kartell Jüdischer Verbindungen anschloss. In diesem Umfeld entwickelte sich ein neues jüdisch-zionistisches Selbstverständnis – von Hackeschmidt als post-assimilatorisch bezeichnetJörg Hackeschmidt: Von Kurt Blumenfeld zu Norbert Elias, S. 19 ff. –, das als ideologische Grundlage auch zur Gründung des Blau-Weiss führte. Vor dessen eigentlicher Gründung hatte Marcus bereits in Breslau den Gedanken des jüdischen Jugendwanderns propagiert und im April 1912 im Wanderverein 1907 eine Jugendwandergruppe gegründet.Hans Tramer: Jüdischer Wanderbund Blau-Weiss. S. 25
Inwieweit Marcus in die Aktivitäten der Gruppe um Kurt Blumenfeld und Felix Rosenblüth eingebunden war, die spätestens seit Dezember 1911 aus der Zionistischen Vereinigung für Deutschland (ZVfD) heraus die Gründung zionistischer Jugendgruppen vorantrieb,Jörg Hackeschmidt: Von Kurt Blumenfeld zu Norbert Elias, S. 42 ff. ist nicht bekannt. Er nahm jedoch als Breslauer Delegierter vom 26. bis 28. Mai 1912 am Posener Delegiertentag der ZVfD teil, auf der Blumenfeld, Rosenblüth und andere eine Resolution verabschieden ließen, die zur Gründung zionistischer Jugendvereine aufforderte. In der Folge wurde eine Jugendpropaganda-Kommission des ZVfD gegründet, die auf Anregung von Moses Calvary und Joseph Marcus „die Gründung von jüdischen Schülerwandervereinen in die Hand genommen“ hatte.Sitzungsprotokoll vom 20. Juni 1912, zitiert nach Jörg Hackeschmidt: Von Kurt Blumenfeld zu Norbert Elias, S. 43 Parallel dazu fand in Berlin die Gründung einer Blau-Weiß-Gruppe statt, die am 23. Juni 1912 ihre erste Wanderung unternahm. Nach Hackeschmidt bedeutete dies: „Der Blau-Weiß als »zionistischer Wandervogel« war geboren.“ Die Breslauer Gruppe behielt allerdings vorerst noch ihren ursprünglichen Namen bei und firmierte nur im Untertitel als Jüdischer Wanderbund „Blau-Weiss“.Entsprechende Dokumente sind abgedruckt bei Hans Tramer: Jüdischer Wanderbund Blau-Weiss. Wandern als Pflicht und die Pflichten des Wanderers Im Juli 1913 erschien von Joseph Marcus ein längerer Artikel in den Blau-Weiss-Blättern, dem Verbandsorgan des neuen Bundes. Unter dem Titel Wanderpflichten artikuliert er gleich eingangs ein elitäres Verständnis des neuen Bundes.
Die heroische Aufgabe erfordert „ideale Männer“ und „ideale Frauen“, und deren Herausbildung durch das Wandern an erster Stelle „Wanderdisziplin“ und „unbedingte[n] Gehorsam dem [Wander-]Führer gegenüber“. Die weiteren Forderungen an den Wanderer lesen sich wie ein Katalog von Sekundärtugenden: „Der Wandrer führt das, was ihm aufgetragen wird, oder was er zu tun übernommen hat, mit peinlicher Sorgfalt, mit Liebe und Eifer aus. Er ist militärisch pünktlich, er ist wie im Denken so auch in seinem Aeußern sauber und gefällig, er ist pflichtgetreu.“ Bescheidenheit, Ruhe und vornehme Sicherheit sind weitere Merkmale des idealen Wanderers, der aber auch „häufiger das Gute sehen und anerkennen“ und Wanderfreundschaften pflegen soll; er beteiligt sich an allen körperlichen Übungen und ist selbstverständlich Alkohol- und Nikotingegner. „Um sich an diese Enthaltsamkeit zu gewöhnen, die ja unsern gut erzogenen Jungens nicht fremd ist, führt er diese Prinzipien auf der ganzen Wanderung, auch bei der Rast beim Bauern, erst recht beim Lagern, aber auch möglichst zu Hause durch. So trainiert er sich für die vernünftige Art durchs Leben zu wandern. Der Wanderer braucht keine Betäubungsmittel, denn er kann lustig und fröhlich, vor Wonne trunken sein – auch ohne Wein.“
In der August-Ausgabe der Blau-Weiss-Blätter setzte Joseph Marcus seine Ausführungen über die Wanderpflichten fort.Joseph Marcus: Wanderpflichten . In: Blau-Weiss-Blätter. Monatsschrift für jüdisches Jugendwandern, Heft 5, August 1913, S. 1–3 Dem den bislang geforderten Wanderpflichten Folge leistenden Wanderer prophezeit er Stolz auf die Gruppe, der er angehört und die Erkenntnis, „daß in der Art des Wanderns der ganze Mensch zum Ausdruck kommen kann und umgekehrt“. Sodann wird von Marcus wieder das Ausgewähltsein derer betont, die Mitglied der Gruppe sind, und ein Negativkatalog formuliert für Leute, die Mitglied werden wollen, aber keine „Leute von gesunder Veranlagung“ sind. Der, der es als Neuling schafft, die Ausleseprozedur zu überstehen, „wird auf die Wanderregularien verpflichtet. Er schwört feierlich dem Bunde und seinen Ideen Treue.“
Nur relativ knapp geht Marcus in Punkt 8 seines Pflichtenkatalogs auf das ein, was das spezifisch Jüdische an seinen bisherigen Vorstellungen ausmachen könnte: An Sabbath sollen keine Wanderungen stattfinden, und die auf der Fahrt zuzubereitenden Speisen sollen so sein, „daß auch die jüdisch-religiös erzogenen Jungen und Mädel bei uns mitmachen können“. Danach schon folgen detaillierte Ausrüstungshinweise, bevor es im letzten Punkt dann heißt: „Wir haben einen festen Rahmen für unser Wollen, unsere Ideale in den Wanderpflichten. […] Kämpfen wir aber ständig, kämpfen wir um unsere Jugend, daß sie einem neuen, frischeren und gesunden Leben zugeführt werden.“
Abgesehen von dem Punkt 8 des Pflichten- und Tugendenkatalogs, der die wenigen spezifisch jüdischen Traditionen umfasst, hätten die restlichen Punkte auch aus dem Arsenal des Wandervogels stammen können, den Marcus (siehe oben) noch als „uns nahestehenden Bund“ bezeichnet hatte. Das Verhältnis zum Wandervogel änderte sich jedoch schlagartig, nachdem einem 13-jährigen Mädchen im Herbst 1913 in Zittau die Aufnahme in den örtlichen Wandervogel verwehrt wurde, weil sie Jüdin war. Insbesondere ein Artikel dazu in der „Wandervogel - Führerzeitung“ veranlasste die Führung von Blau-Weiß zu einer heftigen Stellungnahme gegenüber der eigenen Gefolgschaft. Joseph Marcus gehörte zusammen mit drei anderen Blau-Weiß-Führern zu den Unterzeichnern einer strammen Abgrenzungserklärung gegenüber dem Wandervogel. In der Stellungnahme heißt es:
Neben seinen Aktivitäten für den neuen Blau-Weiß hielt Marcus auch sein Engagement in der jüdischen Studentenorganisation aufrecht. Röder und Strauss berichten, er habe 1913 die erste Reise des KJV nach Palästina organisiert. Ob er auch teilgenommen hat, wird nicht ausgeführt.
Die Kontroverse um das Tagebuch Während seines Militärdienstes gibt es – über die oben schon erwähnten gelegentlichen Besuche in Breslau hinaus – kaum weitere Hinweise auf Marcus’ fortdauerndes Engagement für den Blau-Weiß. 1916 erscheint dann sein Tagebuch für die jüdische Jugend 5677 1916–1917, dessen erste Tausend Exemplare bald vergriffen waren und einen Nachdruck erforderten. Das Buch enthält in seinem Hauptteil einen jüdischen Kalender für das Jahr 1916/17, der aber auch die nicht-jüdischen Feier- und Gedenktage berücksichtigt. Dem folgen kurze Erläuterungen über den jüdischen Kalender und die jüdischen Feste aus der Feder anderer Autoren, wiederum gefolgt von Blau-Weiß- und wandernbezogenen Artikeln, darunter Marcus’ oben schon referierte Wanderpflichten aus dem Jahre 1913. Ein etwas längerer Text von Moses Calvary (Wanderbilder aus Judäa) beschreibt dessen Eindrücke von Wanderungen in Palästina. Den Abschluss bilden diverse Tabellen, etwa zum Festhalten von Lese- und Wandererlebnissen, und zum Schluss folgen drei Lieder mit Noten und Texten.