miniatur|Rekonstruktion der Gellenkirche (Luchte) Die Gellenkirche oder Luchte ist eine ehemalige, zum Zisterzienserkloster auf Hiddensee gehörende, Kirche mit Leuchtfeuer. Die Bezeichnung Luchte ist zudem der Name einer sehr wahrscheinlich nahe der Kirche existierenden nun aber eingegangenen Siedlung.

Lage und Beschreibung mini|links| Luftbild des Gellens: Standort der Gellenkirche (weißer Kreis), Karkensee (oranger Kreis)

Die Gellenkirche liegt im Süden der Insel Hiddensee auf der Halbinsel Gellen. Aufgrund küstendynamischer Ablandungsprozesse befinden sich die Reste der Kirchenfundamente heute, unweit der westlichen Wasserkante des Gellens, in der Ostsee.

Geschichte Ob vor dem Bau der Gellenkirche eine besondere Kapelle oder Kirche auf dem südlichen Teil der Insel Hiddensee bestanden hat, ist zweifelhaft.Carl Gustav Fabricius: Urkunden zur Geschichte des Fürstentums Rügen unter den eingebornen Fürsten, Band III, Stettin 1853, S. 202.Hermann Hoogeweg: Die Stifter und Klöster der Provinz Pommern. Band 2, Leon Saunier, Stettin 1925, S. 5, 7, 15, . Der Bau der Gellenkirche auf dem Gellen erfolgte etwa zeitgleich mit dem Bau des „Kloster zum Heiligen Nikolaus“ im Jahr 1296 auf Hiddensee. Ob die Kirche, ebenso wie das Kloster, ein Patronat des Nikolaus war und damit vielleicht den Namen Nikolaikirche trug, ist wahrscheinlich, auch wenn dies nicht ausdrücklich bewiesen ist.Andreas Niemeck, Die Zisterzienserklöster Neuenkamp und Hiddensee im Mittelalter, Köln Weimar Wien 2002, S. 265. Während für den Bau des Klosters ein Ort im Norden am Fuße des Dornbusches gewählt wurde, entstand die Gellenkirche am damaligen Südende der Insel. Die Insel Hiddensee gehörte vor dem Bau der Gellenkirche zum Kirchspiel Schaprode. 1302 wurde der Kirchenbau vollendet.Pomm. Ub. IV Nr. 2046. Entgegen den Angewohnheiten der eher weltabgewandten Zisterzienser übernahm ein Mönch des Klosters selbst die Seelsorge der Gellenkirche.Hermann Hoogeweg: Die Stifter und Klöster der Provinz Pommern. Band 2, Leon Saunier, Stettin 1925, S. 7–8, 130, . 1304 wurde die Kirche in einer Urkunde als capella monachorum (Mönchskapelle) bezeichnet.Pomm. Ub. IV Nr. 2173. Bischof Olav von Roskilde, dem seit der Eroberung Rügens 1168 durch die Dänen Hiddensee in kirchlicher Hinsicht unterstellt war, erteilte 1306 die Erlaubnis, in der Gellenkirche einen Taufstein zu errichten.Pomm. Ub. IV Nr. 2311. Der zur Seelsorge bestellte Mönch des Klosters wurde 1311 weiter ermächtigt, Seeleuten und anderen Ankömmlingen in der Gellenkirche die Sakramente zu spenden.Pomm. Ub. V Nr. 2655.

1306 schloss das Kloster einen Vertrag mit der Stadt Stralsund über die Errichtung eines Leuchtturmes, genannt Luchte, bei der Gellenkirche. Die Stadt verpflichtete sich darin, den Bau und die Instandhaltung des Leuchtturmes zu unterhalten. Das Kloster wiederum verpflichtete sich, eine Wache zu stellen sowie für die Beleuchtung vom 8. September (Maria Geburt) zum 1. Mai (Walpurgis) Sorge zu tragen.Pomm. Ub. IV Nr. 2306. Die Arbeiten am Leuchtturm wie auch am zugehörigen Bollwerk erwiesen sich schwieriger und kostspieliger als erwartet.Pomm. Ub. IV Nr. 2316. Die Fertigstellung des Leuchtfeuers könnte sich anhand gegebener Widrigkeiten noch bis 1346 hingezogen haben. In diesem Jahr wurden auf einer Ausgabenrolle der Stadt Stralsund Kosten vermerkt, die sich auf die erstmalige Einrichtung des Leuchtfeuers beziehen.Max Israel, Die Insel Hiddensoie und das Cistercienserkloster daselbst, in Hansische Geschichtsblätter 7, 21. Jahrgang, Leipzig 1894, S. 1–22. Mit dem Bau einer weiteren Kapelle vor den Toren des nördlich gelegenen Klosters wurde 1332 der Taufstein in diese neue Kapelle verlegt.LA Greifswald, Rep. 1, Kloster Hiddensee, Orig. Nr. 26. / Karl Ebbinghaus, Bericht über die Vermessungsarbeiten Gellenkirche und „Luchte“ auf der Insel Hiddensee, Wissenschaftliche Zeitschrift der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, Gesellschafts- und Sprachwissenschaftliche Reihe Nr. ¾, Teil II, Jahrgang 18, Greifswald 1969, S. 393, 389 – 404. Der Bischof von Roskilde sagte 1351 allen denjenigen, welche die Hiddenseer Nikolaikirche andachtshalber besuchten, einen 40-tägigen Ablass zu.Alfred Haas, Die Insel Hiddensee, Stralsund 1896, S. 44, 46 – 47.

1386 bestimmte der Bischof Nikolaus von Roskilde, dass die Kapelle vor dem Klostertor die Seelsorge der Pfarrerei ausüben solle und die Kapelle auf dem Gellen Schiffern und aus fremden Landen nach der Kapelle Kommenden die Messe lesen und die Sakramente erteilen soll.LA Greifswald, Rep. 1, Kloster Hiddensee, Orig. Nr. 88. Damit übernahm die Gellenkirche die Funktion einer Kaufmannskirche. 1468 wurden Luchte wie Gellenkirche dann in einem Brief des Abtes über Auseinandersetzungen von Gerichtsbarkeit und Strandrecht an die Bürgermeister und Ratmannen Stralsunds letztmals genannt.Stadtarchiv Stralsund, Städtische Urkunden Nr. 1630, 1468 Oktober 21.

Im Zusammenhang mit der Gellenkirche wurde wiederholt die Frage einer ehemals in der Umgebung der Kapelle bestehenden Ortschaft aufgeworfen. Urkundliche Erwähnungen über einen solchen Ort sind nicht bekannt. Da die Mönche mit der Seelsorge für vorbeifahrende Schiffer und Kaufleute beauftragt wurden, ist die damalige Existenz zumindest eines Anlandeplatzes in der Nähe der Gellenkirche sehr wahrscheinlich. Tatsächlich werden 1306 der Bau eines „Bollwerkes“Pomm. Ub. IV Nr. 2316. (Balkenwerk i. S. v. Befestigung, Schutzanlage oder Hafen) sowie 1322 ein „Hafen“ auf dem GellenPomm. Ub. VI Nr. 3616. selbst genannt, was die Existenz einer Siedlung möglich erscheinen lässt. Die Unterhaltung eines Hafens wird zudem ohne eine Ansiedlung kaum denkbar sein. 1306 erteilte Bischof Olav von Roskilde dem Kloster die Erlaubnis, ein Elendenhaus zu errichten. Die Lage dieses Hauses ist unbekannt. Aufgrund des regen Schiffsverkehrs am Südteil der Insel könnte dieses Hospital nahe der Gellenkirche entstanden sein. Dies konnte jedoch bisher nicht bewiesen werden. Bei Sturmfluten in den Jahren 1903, 1904 und 1914Arved Jürgensohn, Hiddensee – Das Capri von Pommern, Hiddensee 1924, S. 66.Arnold Gustavs, Die Ruinen der alten Kirche auf den Gellen, in: Die Sturmflut auf Hiddensee, Heft 2 der Beiträge zur Naturdenkmalpflege auf Hiddensee, Hiddensee 1914, S. 7–10. wurden wiederholt menschliche Skelette an der Nord- sowie Südseite des Kirchenfundamentes freigespült. Diese Begebenheiten weisen auf die ehemalige Anlage eines Friedhofes an der Gellenkirche hin und geben weiter einen Hinweis auf die Existenz einer Ansiedlung. 1966 wurde 200 Meter nördlich der Kirche, am Strand, ein Sodbrunnen mit spätmittelalterlicher blaugrauer Keramik entdeckt, welcher mit der Ansiedlung in Verbindung stehen dürfte. Als Brunnenwand hatte man ein altes Fass verwendet. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden aus dem Strandareal wiederholt Steinzeug-Gefäßböden und 300 Meter südlich der Gellenkirche im flachen Wasser bronzene Kugelbodengrappen des 14./15. Jahrhunderts geborgen. Die Funde könnten von der Gellensiedlung stammen oder lediglich Strandgut eines gesunkenen oder einst vorbeigefahrenen Schiffes darstellen. Auch ein Dreilagenkamm, wahrscheinlich aus dem 11./12. Jahrhundert, wurde in der Nähe der Gellenkirche aufgelesen. Bei diesem Fund könnte es sich ebenfalls um Strandgut handeln. Andererseits könnte er darauf hindeuten, dass die Ansiedlung beziehungsweise der Hafen oder Anlegestelle am Gellen eine wesentlich ältere Geschichte aufweisen.Felix Biermann, Zisterzienser auf Hiddensee 1296 – 1536, Hiddensee 2009, 26 – 27.

Der Hafen und die Luchte sowie Gellenkirche standen sehr wahrscheinlich in baulicher Hinsicht in einer organischen Einheit an der Einfahrt zu Stralsund zwischen dem Gellen und Barhöft. Der Bau einer Pfarrkirche am Südende des Gellen, fernab des eigentlichen Klosters, erfolgte voraussichtlich aufgrund mehrerer vorhandener Gegebenheiten, welche wiederum die Existenz eines Ortes oder zumindest einer Ansiedlung bestärken. Die Einfahrt in den Sund zum Stralsunder Hafen führte im Mittelalter hauptsächlich über die Durchfahrt zwischen dem Gellen und Rügen.Carl Gustav Fabricius, Urkunden zur Geschichte des Fürstentums Rügen unter den eingebornen Fürsten, Band IV, Erste Abtheilung, Berlin 1858, S. 51, Nr. 564. 1254 wird dabei die Einfahrt am Gellen als portu Gellende genannt.Pomm. Ub. II Nr. 589. Das Fahrwasser war jedoch eng und voller Untiefen,Pomm. Ub. II Nr. 1091. womit es schon im Mittelalter für größere Schiffe zu flach war. So nennt eine Stralsunder Chronik aus dem 14. Jahrhundert jeweils Reeden vor dem Gellen und dem Dornbursch.Gottlieb Mohnike, Ernst Heinrich Zober, Stralsundische Chroniken, 1. Theil, Stralsund 1833, S. 163. Ein Landeplatz an der Südspitze der Insel biete daher einem verkehrsgeographisch stark frequentierten Knotenpunkt für in den Sund ein- bzw. vorbeifahrende Schiffe, an welchem der Austausch von Waren für Stralsund, Hiddensee und Rügen stattfand. Auch die Tatsache des Kirchenbaus abseits der damals existierenden Dörfer kann nur darin begründet sein, dass sie von vornherein als Wegekapelle für die auf dem Seeweg nach Stralsund Vorbereisenden gedacht war.Hans Georg Thümmel, Gellenkirche und Kirche vor dem Kloster, in: Baltische Studien NF 73, Marburg 1987, S. 21, 28–30.

mini|Der Gellen auf Hiddensee (von links) 1695 – 1709 schwedische Matrikelkarte, 1829 von Hagenow.

Im Jahr 1468 enden die Nachrichten über die Kirche auf dem Gellen. Jedoch geben zeitgenössische Karten Hinweise über die folgenden Jahre ihres möglichen Bestehens. Unmittelbar vor der Säkularisation des Klosters 1536 ist die Luchte auf einer Karte von 1532Verfasser unbekannt, abgebildet in Alfred Haas, Die landesfürstlichen Hebungen und Einkünfte auf der Insel Rügen im Jahre 1532, in: Baltische Studien NF 33, Stettin 1931, zwischen S. 128 – 129. anhand der Signatur als Sakralbau mit Turm und der Bezeichnung De lucht verzeichnet. Auf einer Karte aus dem Jahr 1584Abraham Ortelius, Rugiae, Usedomiae, et Iulinae, Wandalicarum insularum Vera descriptio, 1586. stellt die Signatur eine Bake namentlich mit Pyreum de leuchte dar. Auch auf zwei weiteren Karten von 1595Nikolaus Göde, abgebildet in Alfred Haas, Nikolaus Göde und seine beiden Pommernkarten, in: Baltische Studien NF 36, Stettin 1934, S. 281. und 1597Lorenz Wolff, abgebildet in Alfred Haas, Eine neuentdeckte Rügenkarte vom Jahre 1597, in: Baltische Studien NF 36, Stettin 1934, S. 145. ist ein Turm bzw. eine Turm- oder Ortsignatur mit Bezeichnung die Leuchte verzeichnet. 1608Eilhard Lubin, Nova illustrissimi principatus Pomeraniae descriptio cum adjuncta Principum Genealogia et Principum veris et potiorum Urbium imaginibus et Nobilium Insignibus, 1618. wird auf Lubins Karte neben den existierenden Ortschaften auf Hiddensee schließlich eine Ortschaft mit Namen Luchte verzeichnet. Die Existenz eines Leuchtfeuers wird auf Lubins Karte nicht gesondert durch eine Signatur gekennzeichnet, wie es z. B. für das nördlich gelegene Kloster getan wurde. Die Bezeichnung des Leuchtturmes scheint auf die vorhandene Ortschaft übertragen worden zu sein.