Platonischer Dialog ist die Bezeichnung für die literarisch gestalteten Dialoge, in denen der griechische Philosoph Platon (428/427–348/347 v. Chr.) seine Philosophie dargelegt hat. Fast alle Werke Platons sind in Dialogform abgefasst. Es sind fiktive Gespräche von zwei bis vier Diskutierenden. Die Dialoge enthalten zwar Platons authentisches Gedankengut, aber weil er Vertreter unterschiedlicher Positionen zu Wort kommen lässt und selbst nicht als Gesprächspartner auftritt, lässt sich seine eigene Auffassung den Texten nur indirekt entnehmen. Die Frage, ob oder inwieweit er sich mit einzelnen Ansichten, die er seinen literarischen Figuren in den Mund legte, identifiziert hat, ist daher oft schwer zu entscheiden. Hinzu kommt, dass manche Äußerungen scherzhaft, ironisch, übertrieben oder nur andeutend sind. Die in der dialogischen Darbietungsform liegende Herausforderung für den Leser ist für Platons Auffassung vom philosophischen Diskurs charakteristisch.
Übersicht Alle Dialoge Platons, die in der Antike bekannt waren, sind erhalten geblieben. Das Corpus Platonicum (die Gesamtheit der ihm traditionell zugeschriebenen Werke) enthält neben den sicher echten Dialogen auch einige, deren Echtheit umstritten ist, und einige sicher unechte.Eine gründliche Darstellung bietet Michael Erler: Platon (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, hrsg. von Hellmut Flashar, Band 2/2), Basel 2007, S. 27–29, 99–335.
Für die Echtheitsfrage ergeben sich nach der heutigen Mehrheitsmeinung der Forscher folgende Annahmen: 24 Dialoge sind sicher echt: Charmides, Euthydemos, Euthyphron, Gorgias, Ion, Kratylos, Kritias, Kriton, Laches, Lysis, Menexenos, Menon, Nomoi („Die Gesetze“), Parmenides, Phaidon, Phaidros, Philebos, Politeia („Der Staat“), Politikos („Der Staatsmann“), Protagoras, Sophistes („Der Sophist“), Symposion („Das Gastmahl“), Theaitetos, Timaios. Bei fünf Dialogen ist die Authentizität umstritten: Alkibiades I,Zur Authentizitätsdiskussion siehe Michael Erler: Platon (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, hrsg. von Hellmut Flashar, Band 2/2), Basel 2007, S. 291f., 663–665 und die dort genannte Literatur. Hippias maior,Zur andauernden Authentizitätsdiskussion siehe Michael Erler: Platon (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, hrsg. von Hellmut Flashar, Band 2/2), Basel 2007, S. 301f., 667f. und die dort genannte Literatur. Thomas Alexander Szlezák: Platon. In: Der Neue Pauly. Band 9, Metzler, Stuttgart 2000, Sp. 1098f. meint einen Konsens zugunsten der Echtheit ausmachen zu können. Anders urteilen Debra Nails: The people of Plato. A prosopography of Plato and other Socratics, Indianapolis 2002, S. 168 und Ernst Heitsch: Platon: Größerer Hippias. Übersetzung und Kommentar, Göttingen 2011, S. 111–123; sie betrachten die Unechtheit als Tatsache. Hippias minor (die Echtheit gilt heute als sehr wahrscheinlich, ist aber nicht definitiv gesichert), KleitophonZur weiterhin andauernden Echtheitsdiskussion, in der die Verfechter der Unechtheit überwiegen, siehe Michael Erler: Platon (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, hrsg. von Hellmut Flashar, Band 2/2), Basel 2007, S. 305f., 668 und die dort genannte Literatur. und Theages.Zur weiterhin andauernden Echtheitsdiskussion, in der die Verfechter der Echtheit in der Minderheit sind, siehe Michael Erler: Platon (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, hrsg. von Hellmut Flashar, Band 2/2), Basel 2007, S. 299, 666 und die dort genannte Literatur. Sicher unecht sind: Alkibiades II, Epinomis, Anterastai (lateinisch Amatores), Hipparchos, Minos, Über das Gerechte (lateinisch De iusto), Über die Tugend (lateinisch De virtute), drei unter dem unpassenden Titel Demodokos überlieferte Gespräche (Demodokos 2–4), Sisyphos, Halkyon („Der Eisvogel“), Eryxias und Axiochos.
Chronologie Die Kriterien und ihre Problematik
Die Chronologie der Abfassung der Dialoge ist seit dem Beginn der Moderne ein wichtiges Thema der Forschung. Sie ist sehr umstritten. Die Forschungsdiskussion über die Reihenfolge, in der die Dialoge entstanden sind, hängt mit den Versuchen einer Klassifizierung nach Entstehungszeiträumen zusammen. In erster Linie ist die Intensität dieser Diskussion durch die Annahme bedingt, an der Chronologie lasse sich eine Entwicklung von Platons Denken ablesen. Allerdings werden die zahlreichen Versuche, Einzelheiten einer philosophischen Entwicklung anhand von hypothetischen Annahmen über die zeitliche Aufeinanderfolge der Werke zu eruieren, heute meist skeptisch beurteilt. Der Behauptung, aus der Reihenfolge der Dialoge lasse sich eine weitreichende Entwicklung mit wesentlichen Positionsänderungen ersehen, steht die Gegenthese gegenüber, wonach Platon von Anfang an ein einheitliches literarisches Programm verfolgt hat.Michael Erler: Platon (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, hrsg. von Hellmut Flashar, Band 2/2), Basel 2007, S. 22. Vgl. Holger Thesleff: Platonic Patterns, Las Vegas 2009, S. XIII, 499f.
Für die chronologische Anordnung werden unterschiedliche Kriterien und Anhaltspunkte genutzt. Dazu gehören Querverweise in einzelnen Dialogen, die Darstellungsform (narrativ oder dramatisch), Erwähnungen datierbarer historischer Ereignisse, inhaltliche Aspekte und stilistische Merkmale. Im Vordergrund steht die Stiluntersuchung, der die meisten Erkenntnisse zu verdanken sind.Eine Übersichtsdarstellung bietet Michael Erler: Platon (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, hrsg. von Hellmut Flashar, Band 2/2), Basel 2007, S. 22–26.
Allerdings ist die Anwendung der Kriterien meist mit großen Unsicherheiten behaftet oder führt nur zu unpräzisen Ergebnissen. Die Querverweise und die Anspielungen auf historische Ereignisse sind teilweise nicht eindeutig. Bei einer Argumentation mit inhaltlichen Kriterien wird von vornherein unterstellt, dass Platon seinen sich ändernden Wissensstand jeweils vollständig dargelegt hat, was jedoch sehr fraglich ist. Eine allgemeine Stilanalyse gestattet wegen ihres subjektiven Charakters und wegen Platons großer Variationsbreite in der Stilkunst kaum zwingende Folgerungen. Brauchbarer sind die Detailergebnisse der Anwendung sprachstatistischer Methoden, die schon im späten 19. Jahrhundert begann. Grundlage der Sprachstatistik ist die Beobachtung, dass das Vorkommen und die Häufigkeit der Verwendung einzelner Wörter oder auch Partikelkombinationen für einzelne Schaffensphasen eines Autors charakteristisch sein können. Anhaltspunkte solcher Art ergeben sich außerdem aus der Satzrhythmik und aus Hiaten. Die Sprachstatistik ermöglicht allerdings nur eine relativ zuverlässige Grobeinteilung der Dialoge in drei Gruppen. Für eine stichhaltige Anordnung innerhalb dieser Gruppen kann sie keine ausreichende Grundlage schaffen. Außerdem besteht die Möglichkeit, dass Platon manche Dialoge wiederholt überarbeitet hat; falls dies zutrifft, werden die Ergebnisse der sprachstatistischen Untersuchungen dadurch stark entwertet.
Wegen dieser Unsicherheiten und Ungenauigkeiten ist nach der heute vorherrschenden Einschätzung bei der Rekonstruktion der Ausformung von Platons Philosophie Zurückhaltung geboten. Methodisch ist es sehr problematisch, aus spekulativen Mutmaßungen zur Chronologie Folgerungen hinsichtlich einzelner Phasen einer philosophischen und schriftstellerischen Entwicklung abzuleiten.
Die chronologische Gruppierung
Die Kombination der Datierungskriterien hat zu einer groben Dreiteilung in frühe, mittlere und späte Werke geführt, die sich – mit einigen Schwankungen – als herrschende Lehrmeinung etabliert hat. Allerdings wird diesem Schema hinsichtlich einzelner Werke immer wieder widersprochen und die Solidität seiner Basis bestritten.Siehe zur Problematik der Dreiteilung beispielsweise Julia Annas: What Are Plato’s „Middle“ Dialogues in the Middle Of? In: Julia Annas, Christopher Rowe (Hrsg.): New Perspectives on Plato, Modern and Ancient, Cambridge (Massachusetts) 2002, S. 1–23 und die im selben Sammelband erschienene Antwort von Dorothea Frede: Comments on Annas (S. 25–36). Eine Reihe von Grenzfällen ist weiterhin ungeklärt.
Die stilistische Analyse ermöglicht folgende Gruppierung (mit alphabetischer Reihenfolge innerhalb der Gruppen): Frühe Dialoge: Charmides, Euthydemos, Euthyphron, Gorgias, Hippias minor (falls echt), Ion, Kratylos, Kriton, Laches, Lysis, Menexenos, Menon, Phaidon, Protagoras, Symposion Dialoge der mittleren Zeit: Parmenides, Phaidros, Politeia, Theaitetos Späte Dialoge: Kritias, Nomoi, Philebos, Politikos, Sophistes, Timaios
Dieses Ergebnis ist mit den gängigen Annahmen über die Grundzüge der Entwicklung von Platons Denken im Allgemeinen gut vereinbar, wenn auch das Gedankengut einiger Dialoge für eine andere Eingruppierung spricht: Unter inhaltlichem Gesichtspunkt scheinen Kratylos, Phaidon und Symposion eher der Mittelgruppe als den Frühwerken anzugehören, während Parmenides und Theaitetos, die stilistisch noch zur Mittelgruppe gerechnet werden, inhaltlich gesehen bereits zum Spätwerk gehören. Darin liegt jedoch kein Widerspruch zu den Ergebnissen der Stilanalyse, da die Phasen einer philosophischen Entwicklung nicht genau denen der stilistischen entsprechen müssen. Terminologisch kann aber aus den Abweichungen der inhaltlichen Periodisierung von der stilistischen Verwirrung resultieren.
Inhaltliche Aspekte der chronologischen Gruppierung
In den frühen Dialogen dreht sich die Diskussion meist um die Frage nach der Definition einer Tugend oder eines Wertbegriffs. Die Definitionssuche führt nicht zu einem befriedigenden Ergebnis, sondern endet in der Aporie (Ratlosigkeit). Ein Schwerpunktthema bildet die Auseinandersetzung von Platons Lehrer Sokrates mit der Sophistik.
In den Dialogen, die nach inhaltlichen Kriterien zur Mittelgruppe zusammengefasst werden, stehen ebenfalls oftmals Definitionsfragen im Zentrum der Erörterung. Im Gegensatz zu den frühen Werken endet die Untersuchung aber nicht mehr ohne positives Ergebnis. Es werden Antworten gefunden, die sich aus der Annahme der Existenz der später sogenannten „platonischen Ideen“ ergeben. Platons Ideenlehre wird zumeist als bekannte, einsichtige und daher keiner ausführlichen Begründung mehr bedürftige Grundlage des Gespräches vorausgesetzt.
In den Dialogen, die inhaltlich betrachtet zu Platons Spätwerk gehören, werden unter anderem Probleme, die sich aus der Ideenlehre ergeben, diskutiert. Ein weiterer Themenschwerpunkt ist die politische Philosophie. Es zeigt sich, dass manche Thesen früherer Werke problematisch sind, auf gewichtige Kritik stoßen und erheblich modifiziert werden müssen. Hinsichtlich der Ideenlehre bleiben Fragen von grundlegender Bedeutung trotz intensiver Bemühungen ungelöst. In den späten Werken verzichtet Platon oft auf die literarische Eleganz, die für die Meisterwerke der mittleren Phase charakteristisch ist. An ihre Stelle tritt trockene Erörterung. Zum Teil geht es dabei um sehr schwierige, abstrakte Fragen. Manche Ausführungen setzen beim Leser erhebliche philosophische Vorkenntnisse und ein vertieftes Verständnis der anspruchsvollen Thematik voraus. Eine Sonderstellung nimmt der naturphilosophische Dialog Timaios ein, in dem Platon ein kosmologisches Modell vorlegt.
Nichtchronologische Einteilungen