Erich Petzet (* 3. Mai 1870 in Breslau; † 25. Juli 1928 in München) war ein deutscher Bibliothekar, Handschriftenforscher, Germanist und Literaturhistoriker. Als Oberbibliotheksrat der bayerischen Hofbibliothek (dann Staatsbibliothek) prägte er die wissenschaftliche Erschließung mittelalterlicher Handschriften nachhaltig. Daneben machte er sich als Herausgeber und Literaturwissenschaftler insbesondere durch seine Forschungen zu Johann Peter Uz, August von Platen und Paul Heyse einen Namen. Seit 1916 war er ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.

Leben Erich Petzet entstammte einer ursprünglich fränkischen Familie. Er wurde als Sohn des Journalisten und Literaturhistorikers Christian Petzet und dessen Ehefrau Valeska am 3. Mai 1870 in Breslau geboren. Sein Vater veröffentlichte unter anderem eine Studie über die Blütezeit der deutschen politischen Lyrik, für die ihm die Universität München die Ehrendoktorwürde verlieh. Nach dessen Berufung zur Augsburger Allgemeinen Zeitung zog die Familie zunächst nach Augsburg und 1882 mit der Redaktion nach München.

Nach dem Abitur 1888 studierte Erich Petzet an der Ludwig-Maximilians-Universität München deutsche Literaturgeschichte und Germanistik. Zu seinen akademischen Lehrern gehörten Michael Bernays und Franz Muncker; ein Studiensemester absolvierte er bei Erich Schmidt in Berlin. 1893 wurde er mit der Dissertation Studien zu Johann Peter Uz promoviert. Die daraus hervorgegangene Monographie Johann Peter Uz (1896) galt als erste wissenschaftlich fundierte Gesamtdarstellung des Dichters.

1894 trat Petzet als Volontär in die Bayerische Hof- und Staatsbibliothek ein. Dort wirkte er bis zu seiner krankheitsbedingten Pensionierung im Jahr 1921 und stieg zum Oberbibliotheksrat auf. Seit 1901 war er in der Handschriftenabteilung tätig. Ab 1906 arbeitete er außerdem für das Handschriftenarchiv der Deutschen Kommission der Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin. Seit 1918 gehörte er zudem der Kommission für das Bayerisch-Österreichische Wörterbuch an.

Petzet starb am 25. Juli 1928 mit 58 Jahren in München.

Familie 1895 heiratete Erich Petzet die Malerin Paula Kletke (1868–1952). Aus der Ehe ging der Sohn Wolfgang Petzet (1896–1985) hervor, der als Schriftsteller, Theaterkritiker und Chefdramaturg der Münchner Kammerspiele tätig war.

Wissenschaftliches Wirken Petzets wissenschaftliches Werk gliedert sich in zwei Schwerpunkte: die Handschriften- und Bibliothekswissenschaft sowie die neuere deutsche Literaturgeschichte.

Bibliotheks- und Handschriftenforschung Zu seinen bleibenden Verdiensten zählt die Einführung moderner wissenschaftlicher Grundsätze für die Beschreibung, Katalogisierung und Erschließung mittelalterlicher Handschriften. Seine 1920 erschienene Beschreibung der deutschen Pergamenthandschriften der Bayerischen Staatsbibliothek setzte Maßstäbe, die in wesentlichen Grundzügen bis heute Gültigkeit besitzen.

Gemeinsam mit Karl Glauning gab Petzet die Deutschen Schrifttafeln des 9.–12. Jahrhunderts heraus, ein bis heute bedeutendes paläographisches Hilfsmittel. Zusammen mit Karl Freys und Glauning veröffentlichte er außerdem die Reihe Seltenheiten aus süddeutschen Bibliotheken, die hochwertige Faksimiles wertvoller Handschriften zugänglich machte.

Auch zur Bibliotheksorganisation äußerte sich Petzet programmatisch, etwa in seinem Aufsatz Zentralisierung im Bibliothekswesen (1906). Zu den bedeutenden Einzelstudien der Mediävistik zählen seine Untersuchungen über das Heidelberger Bruchstück des Jüngeren Titurel sowie Beiträge zu den deutschen Handschriften der Münchner Staatsbibliothek und zu einer Prachthandschrift des Rudolf von Ems.

Neuere deutsche Literaturwissenschaft Neben seiner bibliothekarischen Tätigkeit widmete sich Petzet intensiv der deutschen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts. Nach seiner grundlegenden Arbeit über Johann Peter Uz beschäftigte er sich zunächst mit August von Platen, dessen dramatischen Nachlass, Tagebücher und schließlich die zwölfbändige Ausgabe der Sämtlichen Werke er gemeinsam mit Max Koch herausgab. Seine Studien zu Platens Verhältnis zur Romantik gehören zu den grundlegenden Arbeiten der Platen-Forschung.

Den Schwerpunkt seines späteren wissenschaftlichen Schaffens bildete jedoch Paul Heyse. Mit dem Nobelpreisträger verband ihn seit einem gemeinsamen Aufenthalt in Gardone im Jahr 1900 eine persönliche Freundschaft. Petzet veröffentlichte zahlreiche Studien über Heyses Werk, darunter Paul Heyse als Dramatiker (1904), Paul Heyse, ein deutscher Lyriker (1914), Paul Heyse und die Politik (1919) sowie biographische und literaturhistorische Beiträge.

Darüber hinaus gab er mehrere bedeutende Briefwechsel heraus, unter anderem zwischen Paul Heyse und Jakob Burckhardt, Emanuel Geibel sowie Theodor Fontane. Der Briefwechsel Fontane–Heyse erschien 1929 postum und gilt als eine der wichtigsten Quellen zur Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts.

Petzet plante als Lebenswerk eine umfassende Biographie Paul Heyses, die zugleich eine Darstellung des literarischen Münchens der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts werden sollte. Dieses Vorhaben blieb durch seinen frühen Tod unvollendet.

Mitgliedschaften und Auszeichnungen Seit 1910 außerordentliches, seit 1916 ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften Mitglied der Kommission für das Bayerisch-Österreichische Wörterbuch (ab 1918) Mitglied des Verwaltungsrats der Deutschen Schillerstiftung (1912–1926) Ordentliches Mitglied der Platen-Gesellschaft, seit 1926 Ehrenmitglied König-Ludwig-Kreuz (1917) Schiller-Plakette (1926)

Veröffentlichungen (Auswahl) Johann Peter Uz. München, 1896. Platens dramatischer Nachlass. Berlin, 1902. Über das Heidelberger Bruchstück des Jüngeren Titurel. München, 1903. Paul Heyse als Dramatiker. Stuttgart 1904. Die deutschen Pergamenthandschriften Nr. 1–200 der Staatsbibliothek in München. München, 1920. Ausgewählte Gedichte von Paul Heyse (Hrsg.), 1920. Ausgewählte Novellen von Paul Heyse (Hrsg.), 1922. Gesammelte Werke von Paul Heyse (Hrsg.), 15 Bände, 1924. Der Briefwechsel von Jakob Burckhardt und Paul Heyse (Hrsg.), München, 1916. Der Briefwechsel von Emanuel Geibel und Paul Heyse (Hrsg.), 1922. Der Briefwechsel von Theodor Fontane und Paul Heyse (Hrsg.), Berlin 1929 (postum erschienen).

Bedeutung Erich Petzet zählt zu den bedeutendsten deutschen Handschriftenforschern und Bibliothekaren des frühen 20. Jahrhunderts. Mit seinen methodisch vorbildlichen Handschriftenkatalogen und paläographischen Hilfsmitteln beeinflusste er die deutsche Handschriftenerschließung nachhaltig. Zugleich gehört er zu den wichtigsten Herausgebern und Forschern auf den Gebieten der Platen- und Heyse-Forschung. Seine editorischen Arbeiten und Briefeditionen stellen bis heute grundlegende Quellen für die Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts dar.

Literatur

W. Brecht: Erich Petzet; Nachruf der Bayerischen Akademie der Wissenschaften In: Jahrbuch der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, 1929.

Weblinks Nachlass in der BSB München

Einzelnachweise

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