mini|Büroturm des Neuen Rathauses in Göttingen, Ansicht von Norden (2014)Das Neue Rathaus ist ein 1976 bis 1978 erbautes, stadtbildprägendes Hochhaus in Göttingen in Niedersachsen und Sitz der Göttinger Stadtverwaltung.
Lage Das Neue Rathaus befindet sich am südöstlichen Rand der Altstadt an der platzartigen Erweiterung Am Geismartor. Der Platz war umgangssprachlich unter dem bis 1947 geltenden Namen 82er-Platz bekannt und benannt nach dem 2. Kurhessischen Infanterie-Regiment Nr. 82, das dort seine „Alte Kaserne“ und einen Exerzierplatz hatte. Von der „Alten Kaserne“ steht nur noch das heutige „Amtshaus“ (Hiroshimaplatz 3).Martin Holzmann: Alte Kaserne. In: Die strenge Form. Zur Geschichte der Militärbauten in Göttingen. Hrsg. Interessengemeinschaft "Garnisonstadt Göttingen e. V.", Goltze-Druck, Göttingen 1992, ISBN 3-88452-761-4, S. 18–20, hier S. 18. Seit 1992 heißt der Platz Hiroshimaplatz.Gerd Tamke, Rainer Driever: Göttinger Straßennamen (= Veröffentlichung des Stadtarchivs Göttingen, 2). 3. neu überarbeitete, wesentlich erweiterte Auflage, Göttingen 2012. – Digitalisat (PDF, 2,9 MB) auf stadtarchiv.goettingen.de, abgerufen am 16. Oktober 2025 (ohne Seitenzählung, PDF-Seiten 19, 33–34, 290).
Die Adresse des Neuen Rathauses ist Hiroshimaplatz 1–2 und 4.
Geschichte Durch das Göttingen-Gesetz vom 1. Juli 1964 wuchs Göttingens Stadtgebiet infolge von Eingemeindungen sprunghaft auf eine Fläche von 7371 Hektar (PDF; 12 kB) und die zuvor seit dem Zweiten Weltkrieg schon stark gestiegene Einwohnerzahl erhöhte sich um weitere 31 % von 83.000 auf 109.000. Seitdem entstanden in den eingemeindeten äußeren Ortsteilen große Neubaugebiete, sodass die Stadtbevölkerung noch weiter wuchs. Entsprechend musste sich auch die Göttinger Stadtverwaltung erweitern, die bis dahin auf das Alte Rathaus, das Stadthaus (Gotmarstraße 8, heute Stadtbibliothek) und weitere Dienststellen sowie mehrere Außenstellen – insgesamt über zwanzig GebäudeDas Neue Rathaus Göttingen 1978. Hrsg. Der Oberstadtdirektor der Stadt Göttingen. Redaktion Presse- und Informationsstelle, Detlef Johannson, Erich Goltz KG, Göttingen o. J. , S. 2. – im Stadtgebiet verteilt war. mini|Das Neue Rathaus auf dem ehemaligen 82er-Platz, Luftaufnahme 2013; vor dem Büroturm links der Ratssaal, dahinter die Bürotrakte; rechts vorne das alte Amtshaus (ehem. „Alte Kaserne“) Aufgrund dieser Situation nahm man bereits Mitte der 1960er Jahre Planungen für den Bau eines neuen Rathauses auf. Unter 12 in Erwägung gezogenen Innenstadt-Standorten wurde zunächst ausgewählt das Gelände des barocken Universitätsreitstalles der Georg-August-Universität Göttingen am Nordwestende der Weender Straße, der 1968 unter großen Protesten der Bevölkerung und Studentenschaft abgerissen wurde.Katharina Klocke: Reitinstitut weicht Kaufhaus. In: Göttinger Tageblatt, Online-Ausgabe auf www.goettinger-tageblatt.de, 4. Februar 2011, abgerufen am 7. März 2021. Diesen Altstadt-Standort gab man später auf und in einem zweiten PlanungsanlaufHerbert Wiltenstein: Standortuntersuchungen für das neue Rathaus. Göttingen 1969. fiel 1973 die Wahl auf das Areal am südöstlichen Altstadtrand Am Geismartor.Dietrich Denecke: Göttingen. Materialien zur historischen Stadtgeographie und zur Stadtplanung. Erläuterungen zu Karten, Plänen und Diagrammen. Erich Goltze KG, Göttingen 1979, S. 62 f. (mit einer Karte: Geplante Standorte für den Bau eines neuen Rathauses, 1938 und 1965/69).
Der Bau des neuen Verwaltungsgebäudes wurde in einem beschränkten Gutachten-Wettbewerb ausgeschrieben. 1975 kam es zum Planungsauftrag an eine Arbeitsgemeinschaft der zwei Architekturbüros von Gerhard Brütt und Heinrich MatthiesZu den Architekten Brütt und Matthies (später bmp Architekten) siehe Neues Rathaus Göttingen auf goest.de, abgerufen am 6. März 2021. sowie Friedrich Wagener. 1976 erfolgten die endgültige Bauentscheidung und der Baubeginn. Die Baukosten wurden anfangs auf rund 33 Millionen Deutsche Mark kalkuliert, gekostet hat der Neubaukomplex schließlich 52 Millionen DM.Das Neue Rathaus Göttingen 1978. Hrsg. Der Oberstadtdirektor der Stadt Göttingen. Redaktion Presse- und Informationsstelle, Detlef Johannson, Erich Goltz KG, Göttingen o. J. , S. 17. Das Neue Rathaus entstand in drei Bauabschnitten, zunächst der 17-stöckige Büroturm, 1977 folgte der südlich anschließende zweite Bauabschnitt mit einem Parkdeck und darüber zwei flachen Bürotrakten. Die Fertigstellung der ersten beiden Bauabschnitte war am 8. Dezember 1978. 1978 bis 1980 kam als dritter Bauabschnitt ein Bürotrakt mit dem Stadtarchiv an der Reinhäuser Landstraße hinzu.Entstehung des Neuen Rathauses, Teil 2, Göttinger Tageblatt, www.goettinger-tageblatt.de, 29. Oktober 2012, abgerufen am 6. März 2021.
Vierzig Jahre nach der Fertigstellung stellte die Stadtverwaltung 2018 Pläne zu einer langjährigen Sanierung des in die Jahre gekommenen Gebäudekomplexes bis 2031 vor und berichtete von veranschlagten Kosten in Höhe von fast sechzig Millionen Euro.Michael Brakemeier: Stadt will knapp 60 Millionen Euro investieren, Göttinger Tageblatt, auf goettinger-tageblatt.de, 28. Mai 2018, abgerufen am 6. März 2021. Vor Beginn des ersten Sanierungsabschnitts (Bürotrakt an der Reinhäuser Landstraße) zog Anfang 2020 das Stadtarchiv aus und fand einen neuen Standort an der Weender Landstraße.Peter Krüger-Lenz: Umzug des Stadtarchivs geht voran. In Göttinger Tageblatt, Online-Ausgabe auf oettinger-tageblatt.de, 13. November 2019, abgerufen am 7. März 2021. Die Sanierungsarbeiten am Neuen Rathaus dauern an (Stand Juni 2024).
Architektur mini|Das Logo der Stadtverwaltung Göttingen ist nicht nur ein stilisiertes „G“, sondern nimmt auch Bezug auf Grundrissfiguren des Neuen Rathauses. Das Neue Rathaus ist eine weithin sichtbare Landmarke und mit 72 Metern Höhe – zusammen mit dem Turm der Jacobi-Kirche – das höchste Gebäude der Stadt. Es nahm in zeittypischer Manier keinen Bezug zur Umgebungsarchitektur: „Die Architekten verzichteten bewusst auf eine künstliche Beziehung zum Amtshaus.“Das Neue Rathaus Göttingen 1978. Hrsg. Der Oberstadtdirektor der Stadt Göttingen. Redaktion Presse- und Informationsstelle, Detlef Johannson, Erich Goltz KG, Göttingen o. J. , S. 10.
Das Rathaus ist ein Ensemble aus Büroturm, zwei niedrigen, ringförmigen Verwaltungstrakten und dem vorgelagerten Ratssaal sowie dem westlich abschließenden Büroriegel an der Reinhäuser Landstraße. Die Stahlbetonskelettkonstruktion der Bauten zeigt eine funktionalistische Architektursprache. Ihr Baustil wird dem Brutalismus zugerechnet, wobei sich die Bezeichnung vom französischen Begriff béton brut (roher Beton, Sichtbeton) herleitet. Ein gemeinsames Grundrissmerkmal aller Gebäudeteile sind die um 45° abgeschrägten Ecken. Manche Grundrisse nähern sich dem Oktogon; der Ratssaal ist ein achteckiger (innen runder) Zentralbau. Auch die Stahlbetonstützen sind achteckig ausgebildet. Aus diesem Gestaltungsprinzip ist dann das neue Stadt-Logo entstanden.
Die Fassaden sind durch eine kontrastierende Bänderstruktur gegliedert und zeigen helle Waschbetonbrüstungen sowie Leichtmetallfenster mit dunkel bronzierten Scheiben. Zum Platz hin ist der Haupteingang orientiert, flankiert zur Linken vom separat platzierten Ratssaal.
Der hohe Büroturm hat 17 Etagen; der Rathauskomplex verfügt über 20.000 Quadratmeter Bürofläche für fast 800 Arbeitsplätze in 338 Ein-, Zwei- und Dreipersonenbüros und Funktionsräumen, einschließlich Küche und Kantine mit 175 Plätzen. Hinzu kommen fast 170 Parkplätze in Sockelgeschoss und Tiefgarage.Das Neue Rathaus Göttingen 1978. Hrsg. Der Oberstadtdirektor der Stadt Göttingen. Redaktion Presse- und Informationsstelle, Detlef Johannson, Erich Goltz KG, Göttingen o. J. , S. 14. Den Kern des Büroturms bilden fensterlose Funktionsräume und fünf Aufzüge. Vom öffentlich zugänglichen Restaurant im 16. Stockwerk aus hat man einen spektakulären Rundblick auf die Stadt Göttingen und das Umland.
Kunst am Bau Zum Bauprogramm der 1970er Jahre gehörte auch Kunst am Bau: Von dem Bildhauer Heinz Detlef Wüpper aus Hann. Münden stammt die Plastik „Verbundenheit“ auf dem Vorplatz (bis 2004 im großen Innenhof), die die Verbindung von Bürgerschaft, Rat und Verwaltung versinnbildlicht (gestiftet von der Gothaer Lebensversicherung). Die wandhohen Emaille-Arbeiten in der Kantine fertigte der Künstler Hans-Georg Andres aus Bad Gandersheim.Das Neue Rathaus Göttingen 1978. Hrsg. Der Oberstadtdirektor der Stadt Göttingen. Redaktion Presse- und Informationsstelle, Detlef Johannson, Erich Goltz KG, Göttingen o. J. , S. 17.Hans-Georg Andres, Email auf Stahl, Skulpturen, Landschaften (unpaginierter Katalog, Digitalisat, abgerufen am 6. März 2021), PDF-Seite 65. Die Wände des Ratssaals schmückte eine Tapisserie-Paneelwand der Düsseldorfer Graphikerin Gabriele Grosse.
Repräsentatives Hauptstück der Kunstwerke im Neuen Rathaus wurden die 1983 nach fünfjähriger Arbeit fertiggestellten Eingangstüren zum Ratssaal, dessen Bronzerelief der Künstler Jürgen Weber aus Braunschweig schuf. Die 2,50 Meter hohe und 2,45 Meter breite zweiflügelige Tür zeigt in einer kontrastreichen Bildkomposition mehr als 500 menschliche Figuren in Szenen aus der Geschichte Göttingens bis zu den 1970er Jahren.Neues Rathaus Göttingen auf goest.de (Göttinger Stadtinfo), abgerufen am 7. Februar 2021 mini|Die Ratssaal-Türen, Blick vom Verbindungsgang auf die Außenseite; davor der während der Corona-Pandemie 2020/21 obligatorische Hygienespender. (Aufnahme 2021)