150px|rechts|Logo des Orchestre de la Suisse Romande Das Orchestre de la Suisse Romande (OSR) ist ein 1918 von Ernest Ansermet gegründetes führendes Sinfonieorchester der Schweiz. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlangte es unter Ansermets Leitung internationale Bedeutung. Das OSR wird als Stiftung verwaltet und überwiegend durch den Kanton und die Stadt Genf getragen. Es konzertiert regelmässig in der Genfer Victoria Hall und dem Lausanner Théâtre de Beaulieu sowie weiteren Städten der französischsprachigen Schweiz. Ausserdem ist es mit der Radio Télévision Suisse assoziiert und fungiert als Opernorchester am Grand Théâtre de Genève.

Geschichte Das Orchestre de la Suisse Romande gehört neben den älteren Klangkörpern Tonhalle-Orchester Zürich und Sinfonieorchester Basel, deren Hauptspielstätten allesamt in der Deutschschweiz gelegen sind, zu den führenden Sinfonieorchestern des Landes.; vgl. auch die traditionell wichtigen Orchester in Bern, Lausanne und Lugano: Unter Ansermets Leitung erarbeitete es sich einen internationalen Ruf.The world’s greatest orchestras. gramophone.co.uk, abgerufen am 19. Oktober 2018. Herbert Haffner: Orchester der Welt. Der internationale Orchesterführer. Parthas-Verlag, Berlin 1997, ISBN 3-932529-03-0, S. 170 ff.

Es wurde 1918 vom Schweizer Dirigenten Ernest Ansermet gegründet und ermöglichte der französischsprachigen Schweiz (Suisse romande) den Anschluss an das internationale Konzertgeschehen.François Hudry (übersetzt von Theresa Snow Toy): Orchestre de la Suisse Romande. In: Robert R. Craven (Hrsg.): Symphony Orchestras of the World: Selected Profiles. Greenwood Press, New York u. a. 1987, ISBN 0-313-24073-6, S. 312–316, hier: S. 312. Impulsgeber der Orchestergründung war der Genfer Mäzen Maurice Pictet-de-Rochemont.Herbert Haffner: Orchester der Welt. Der internationale Orchesterführer. Parthas-Verlag, Berlin 1997, ISBN 3-932529-03-0, S. 170. Als ein weiteres Gründungsmitglied trat der Genfer Stadtrat Paul Lachenal (FDP) in Erscheinung, der Präsident des Orchesters wurde. Am 30. November 1918 fand das erste Konzert des Klangkörpers statt. Es wurden Händels Concerto grosso und eine Arie aus dessen Belshazzar, Mozarts 38. Sinfonie, Benners Nox, Jaques-Dalcrozes Ronde printanière und Rimski-Korsakows Scheherazade gespielt.

Früh avancierte das Orchester zu einem ausgezeichneten Klangkörper für Neue Musik. Das OSR setzte sich von Beginn an für Schweizer Komponisten wie Arthur Honegger, Ernest Bloch, Jean Binet, Aloys Fornerod, Henri Gagnebin, André-François Marescotti und Frank Martin sowie später Jean Derbès, Éric Gaudibert, Norbert Moret und Michel Wiblé ein. Ansermet machte das Orchester, das international besetzt war, zu einem wichtigen «französischen» Klangkörper und baute Werke von Claude Debussy, Maurice Ravel und Igor Strawinsky in seine Programmgestaltung ein.François Hudry (übersetzt von Theresa Snow Toy): Orchestre de la Suisse Romande. In: Robert R. Craven (Hrsg.): Symphony Orchestras of the World: Selected Profiles. Greenwood Press, New York u. a. 1987, ISBN 0-313-24073-6, S. 312–316, hier: S. 314. So erklang beispielsweise am 12. November 1921 die Erstaufführung von Ravels La Valse.Herbert Haffner: Orchester der Welt. Der internationale Orchesterführer. Parthas-Verlag, Berlin 1997, ISBN 3-932529-03-0, S. 170 f. Weitere Erstaufführungen von Vincent d’Indy (Medea-Suite) und Igor Strawinsky (Le sacre du printemps) sowie ausnahmsweise Arnold Schönberg (Kammersinfonie) folgten.Herbert Haffner: Orchester der Welt. Der internationale Orchesterführer. Parthas-Verlag, Berlin 1997, ISBN 3-932529-03-0, S. 171. Ausserdem etablierte er das moderne russische Repertoire.Wolfgang Schreiber: Große Dirigenten. Piper Verlag, München 2007, ISBN 978-3-492-25072-6, S. 172 f. Seine zeitgenössische Ausrichtung, die zumal weitestgehend die Zweite Wiener Schule umging, stiess bei den Genfer Behörden und dem Publikum allerdings auf geteilte Meinung.

Mit dem New Yorker Börsencrash 1929 und der damit einsetzenden Weltwirtschaftskrise wurde der Fortbestand des Orchesters infrage gestellt, sodass 1932 ein Vertrag über die Ausstrahlung von Abonnementskonzerten mit Radio Genf geschlossen wurde.Herbert Haffner: Orchester der Welt. Der internationale Orchesterführer. Parthas-Verlag, Berlin 1997, ISBN 3-932529-03-0, S. 171 f. 1934 begann das Orchester seine zusätzliche Tätigkeit als Opernorchester im Grand Théâtre. Nachdem Radio Genf 1935 seine Förderung wieder eingestellt hatte und da bei Radio Lausanne ein Konkurrenzorchester im Entstehen war, entwickelte er den sogenannten Ansermet-Plan. Ansermet sah für das Orchester drei Bereiche vor: sinfonische Konzerte sollten vor allem in den Grossstädten Genf und Lausanne zu hören sein. Weitere Spielstätten sah er für die Gemeinden Neuchâtel, La Chaux-de-Fonds, Montreux, Vevey, Fribourg, Biel und Sion vor. Radioprogramme sollten über Radio Suisse Romande erfolgen. Am Grand Théâtre de Genève waren Ballett- und Opernvorstellungen geplant.François Hudry (übersetzt von Theresa Snow Toy): Orchestre de la Suisse Romande. In: Robert R. Craven (Hrsg.): Symphony Orchestras of the World: Selected Profiles. Greenwood Press, New York u. a. 1987, ISBN 0-313-24073-6, S. 312–316, hier: S. 313. Ende der 1930er Jahre kontaktierte Ansermet den Luzerner Stadtpräsidenten Jakob Zimmerli, um für seine Musiker ein Sommer-Engagement auszuhandeln. Aus dieser Initiative entstanden die Internationalen musikalischen Festwochen Luzern, in deren Rahmen das OSR 1938 in Verbindung mit dem Kursaalorchester Luzern erstmals teilnahm.Verena Naegele: Luzern als „Gegenfestival“: Mythos und Realität. Die Anfänge der Internationalen musikalischen Festwochen Luzern. In: Chris Walton, Antonio Baldassarre (Hrsg.): Musik im Exil: die Schweiz und das Ausland 1918–1945. Lang, Bern u. a. 2005, ISBN 3-03910-492-6, S. 237–254, hier: S. 247. Unter anderem spielte das Orchester in Lausanne unter der Leitung von Arturo Toscanini.Herbert Haffner: Orchester der Welt. Der internationale Orchesterführer. Parthas-Verlag, Berlin 1997, ISBN 3-932529-03-0, S. 172. Im Jahr 1938 ging das Orchester eine existenzsichernde Kooperation mit dem Schweizer Radio ein.Joseph E. Potts: European Radio Orchestras-III. In: The Musical Times, 1955, 96, 1353, S. 584–586, hier: S. 585.

Nach anfänglichen Schwächen erreichte der Klangkörper spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg internationales Ansehen. Von 1955 bis 1979 war Pierre Colombo, der gleichzeitig als Präsident der Tribune internationale des compositeurs amtierte, Geschäftsführer des Orchesters. Dirigenten wie Wilhelm Furtwängler, Franz von Hoeßlin, Herbert von Karajan, André Cluytens, Felix von Weingartner und Carl Schuricht traten in den Abonnementskonzerten auf.Elke Mascha Blankenburg: Dirigentinnen im 20. Jahrhundert. Portraits von Marin Alsop bis Simone Young. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2003, ISBN 3-434-50536-9, S. 193. Im Zeitraum von 1953 bis 1958 dirigierte Hedy Salquin als erste Frau gastweise das Orchester. Nachdem das Orchestre de la Suisse Romande die Salle Métropole verlassen hatte, weihte es mit einem Konzert 1954 unter der Leitung von Ansermet und unter Beteiligung der Pianistin Clara Haskil das Théâtre de Beaulieu in Lausanne ein.Historique, theatredebeaulieu.ch, abgerufen am 19. Oktober 2018. Die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia subventionierte einzelne Auftritte des Orchesters bei europäischen Festivals (Edinburgh 1948 und Paris 1952).Thomas Kadelbach: Orchestras on tour beim Projekt La Suisse au miroir du monde. Abgerufen am 5. Oktober 2018. 1950 reiste das Orchester nach Aix, 1958 nach Brüssel, 1959 nach Polen, 1960 nach Athen und 1965 nach Lyon.Herbert Haffner: Orchester der Welt. Der internationale Orchesterführer. Parthas-Verlag, Berlin 1997, ISBN 3-932529-03-0, S. 173. Eine veränderte Förderpolitik ermöglichten dem Orchester ab den 1960er Jahren ausgedehnte Konzertreisen, wiederholt in die USA und nach Japan. Mit dem britischen Plattenlabel Decca Records schloss das Orchester, wie es seinerzeit die europäischen Spitzenorchester taten, einen Exklusivvertrag.Peter Tschmuck: Kreativität und Innovation in der Musikindustrie (= Diskurs: Kultur – Wirtschaft – Politik. Band 3). Studien-Verlag, Innsbruck u. a. 2003, ISBN 3-7065-1836-8, S. 152. Es entstanden bedeutende Aufnahmen, einschliesslich der Musik des 20. Jahrhunderts. Die Arbeit Ansermets wurde in über 300 Tonträgern dokumentiert,Emily Freeman Brown: A Dictionary for the Modern Conductor. Rowman & Littlefield, Lanham 2015, ISBN 978-0-8108-8400-7, S. 253. zuletzt in seinen Beethoven- und Brahms-Einspielungen.The world’s greatest orchestras, gramophone.co.uk, abgerufen am 19. Oktober 2018. Mehrfach erhielten die Aufnahmen die französische Auszeichnung Grand Prix du Disque. 1967 gab er beim Orchestre de la Suisse Romande sein vorläufiges Abschiedskonzert, 1968 folgte ein Jubiläumskonzert.

Nach Ansermets Tod 1969 übernahm (quasi interimsweise) Paul Klecki auf seinen Wunsch hin das Orchester.Antonio Baldassarre: Paul Klecki: Dirigent und Komponist im Exil. Versuch einer Interpretation seines Schaffens im biographischen Kontext. In: Chris Walton, Antonio Baldassarre (Hrsg.): Musik im Exil: die Schweiz und das Ausland 1918–1945. Lang, Bern u. a. 2005, ISBN 3-03910-492-6, S. 11–38, hier: S. 30. Unter den deutschen Nachfolgern Wolfgang Sawallisch (1970–1980) – der bereits Ansermets Favorit gewesen war, dann aber zunächst aufgrund anderer Verpflichtungen absagteHerbert Haffner: Orchester der Welt. Der internationale Orchesterführer. Parthas-Verlag, Berlin 1997, ISBN 3-932529-03-0, S. 174. – und dem Romantikspezialisten Horst Stein (1980–1985) wurde insbesondere das deutsche Repertoire gepflegt. Sawallisch beispielsweise führte die Musik von Mahler und Bruckner ein.Wolfgang Sawallisch, osr.ch, abgerufen am 31. Januar 2021. Mit dem Schweizer Armin Jordan wurde ein Kompromiss zwischen beiden Richtungen gefunden.François Hudry (übersetzt von Theresa Snow Toy): Orchestre de la Suisse Romande. In: Robert R. Craven (Hrsg.): Symphony Orchestras of the World: Selected Profiles. Greenwood Press, New York u. a. 1987, ISBN 0-313-24073-6, S. 312–316, hier: S. 315. Jordan verantwortete die meisten Produktionen des Orchesters.Armin Jordan, osr.ch, abgerufen am 31. Januar 2021. Nachdem Jordan 1997 zurückgetreten war, wurde der Italiener Fabio Luisi Musikdirektor.Andres Briner: Von einem multikulturellen Brückenland. Aspekte des vergangenen und gegenwärtigen musikalischen Schaffens in der Schweiz. In: Giselher Schubert (Hrsg.): Französische und deutsche Musik im 20. Jahrhundert (= Frankfurter Studien. Band 7). Schott, Main u. a. 2001, ISBN 3-7957-0433-2, S. 94–108, hier: S. 97. Luisi brachte mit dem Orchester die Verdi- und Puccini-Opern Nabucco (1994) und Tosca (2001) zur Aufführung, ausserdem spielte er Jérusalem und Alzira auf CD ein. Die gesamten Sinfonien von Arthur Honegger wurden für den Sender Espace 2 festgehalten. Konzertreisen führten den Klangkörper ins Ausland, etwa mit dem Orchestre de Chambre de Lausanne zur Fête des Vignerons.Fabio Luisi, osr.ch, abgerufen am 31. Januar 2021. Sein Nachfolger Pinchas Steinberg (2002–2005) gastierte mit dem Orchester in europäischen Metropolen und wurde 2003 zum ersten Mal zum Opernfestival Chorégies d’Orange eingeladen.Pinchas Steinberg, osr.ch, abgerufen am 31. Januar 2021.

Jonathan Nott hat im Januar 2017 als Nachfolger des 2015 zurückgetretenen Neeme Järvi das Amt des Chefdirigenten übernommen, Kazuki Yamada war von 2012 bis 2017 Erster Gastdirigent.History of the OSR. osr.ch; abgerufen am 31. Januar 2021. Von 2014 bis 2016 war das Orchester in das Projekt Œuvres Suisses eingebunden.Orchester, oeuvressuisses.ch, abgerufen am 6. Oktober 2018. Bis 2022 soll in Genf eine neue Orchesterspielstätte entstehen, das Konzerthaus Cité de la Musique de Genève.Der Entwurf für das neue Konzerthaus in Genf steht fest. nzz.ch, 17. Oktober 2017.

Musikdirektoren mini|Ernest Ansermet, 49 Jahre Musikdirektor des Orchesters