Friedrich TietzOb sein vollständiger Name „Johann Friedrich Tietz“ lautete, worauf manches hindeutet, muss noch geklärt werden; in seinen Schriften tritt er stets als „Fr./Friedr./Friedrich Tietz“ in Erscheinung. (* 24. September 1803 in Königsberg; † 6. Juli 1879 in Berlin), fälschlich manchmal auch Friedrich von Tietz, war ein deutscher Theaterdirektor, Publizist und Schriftsteller.

Leben und Wirken Friedrich Tietz studierte zunächst Rechtswissenschaft und war als Referendar im preußischen Justizdienst in Berlin tätig. Aus diesen Jugendjahren sollte er in mehreren seiner späteren Erinnerungsbücher ausführlich berichten. Im Jahr 1829 gab er jedoch seine juristische Karriere auf und siedelte nach Dresden über, um sich ganz der Schriftstellerei zu widmen. Allerdings war er schon in Berlin als Autor lokalbezogener Lustspiele hervorgetreten (1828: Die Theatralische Landparthie, 1829: Die Comödie in Zehlendorf). Schäffer/Hartmann, S. 83. Bereits am 3. Dezember 1827 wurde sein Schwank „Englischer Spleen, oder: Die Geliebte in der Einbildung“, ein Einakter, in Berlin aufgeführt, und weitere Aufführungen folgten dann bis zum September 1828.Schäffer/Hartmann, S. 25, 80 In derselben Zeit veröffentlichte Tietz auch mehrere Erzählungen und einen Gedichtband.Siehe die Angaben in Goedeke, S. 551.

1829–1842: Schriftstellerei, Reisen und Skandale Im Jahr 1830 wurde Tietz vom Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha zum Legationsrat ernannt, und in den folgenden Jahren hielt er sich in dieser Funktion in Russland auf (1832–33). Wenig später unternahm er auch eine Reise in den östlichen Mittelmeerraum (Türkei, Ägäis, Griechenland), und zwar auf dem Landweg via Bukarest (Dezember 1833). Anfang 1834 hielt er sich dann in Konstantinopel, danach in Nafplio auf; in der östlichen Ägäis hatte er mehrere Inseln besucht. Doch Russland blieb für Tietz sein wichtigstes Erlebnis. Während seines dortigen Aufenthalts hatte er seine russischen Sprachkenntnisse so weit verbessert, dass er sich nun auch an literarische Übersetzungen wagte, die im Jahr 1838 erschienen. Schon nach der Unterdrückung des Aufstands in Polen (1830–31) durch Russland, der den Polen bei deutschen Nationalliberalen viel Sympathie einbrachte, hatte sich Tietz ganz prorussisch positioniert. Unter dem Pseudonym „Fedor Ivanowitsch“ verfasste er 1830 die prorussische Schrift – tatsächlich ein Gedicht – Worte eines Russen an die Deutschen.Peter Jahn: Russophilie und Konservatismus: Die russophile Literatur in der deutschen Öffentlichkeit 1831–1852, Stuttgart: Klett-Cotta 1980, S. 319.

Aus diesen im Leben Tietz’ unsteten 1830er Jahren liegen zahlreiche Akten vor, die aufgrund verschiedener Umtriebe seinerseits angelegt wurden; Genaueres lässt sich nicht immer angeben, da bisher noch niemand das Material ausgewertet hat. So besitzt etwa das sächsische Staatsarchiv Unterlagen über eine „Untersuchung gegen den coburgischen Legationsrat Johann Friedrich Tietz wegen Beteiligung an den Unruhen“, und zwar an den Unruhen in Dresden im April 1831. Was sich zugetragen hatte und was sich aus dieser Untersuchung ergab, muss eine zukünftige Akteneinsicht zeigen, zumal noch weitere Dokumente vorliegen. Jedenfalls war Tietz auch in der Zeit danach weiterhin und für mehrere Jahre als Legationsrat tätig, wobei er nun jedoch nicht mehr in Dresden, sondern in München gelebt zu haben scheint. Im Jahr 1835 hatte Tietz im Übrigen „versuchsweise“ eine Beschäftigung am herzoglichen Hoftheater in Coburg erhalten, war jedoch „wegen ungeeigneten Benehmens in den Geschäften“ nach kurzem wieder entlassen worden.Oesterreichischer Beobachter, Nr. 300 vom 26. Oktober 1836, S. 1460; Wiener Zeitung, Nr. 246 vom 26. Oktober 1836, S. 1367 (beide mit einem Zitat aus der „Gothaischen Zeitung“ vom 12. Oktober).

Die „Gloria-Affäre“ Aktenkundig wurde Tietz erneut im Jahr 1836, und das Staatsarchiv Coburg bewahrt einen Bericht über den „Erpressungsversuch des Journalisten Friedrich Tietz gegenüber der coburgischen Regierung im Zusammenhang mit der Ehe zwischen Königin Gloria II. und Prinz Ferdinand auf“., Koháry-Archiv (2009), S. 14 () Über diesen Vorfall wissen wir recht genau Bescheid, weil zeitgenössische Zeitungen darauf aufmerksam wurden und ausführlich berichteten.

Folgendes hatte sich zugetragen: Nach dem unerwartet frühen Tod ihres ersten Mannes Auguste de Beauharnais hatte sich die portugiesische Königin Maria II. da Glória, Tochter des Kaisers von Brasilien, am 9. April 1836 mit einem 19-jährigen Prinzen aus dem Haus Sachsen-Coburg und Gotha, Ferdinand, vermählt. Die Augsburger Allgemeine Zeitung veröffentlichte dann in ihrer außerordentlichen Beilage Nr. 453–54 (vom 28. September) einen von Mitte Juli datierten Privatbrief aus Lissabon, in dem nicht nur die Portugiesen und ihre Königin, sondern insbesondere auch der Coburgische Prinz Ferdinand in einem sehr schlechten Licht dargestellt, ja geradezu veräppelt werden. Tietz hatte nun, wie berichtet wird, lange vor Veröffentlichung dieses Briefs Kenntnis von dem Schreiben und übersandte den Inhalt schon im Juni von München aus an einen Staatsbeamten in Gotha, und zwar mit dem Zusatz, der Inhalt werde „nach Ablauf von 14 Tagen durch eine der vorzüglichsten Zeitungen zur Publicität gebracht“, falls die Herzogliche Regierung sich ihm gegenüber nicht erkenntlich zeige. Damit bezog er sich vermutlich auf seine Entlassung am Hoftheater (1835) und versuchte auf diese Weise, seine Wiedereinstellung durchzusetzen. Daraus wurde jedoch nichts. Die Herzogliche Regierung denunzierte ihn, und Ernst I. entzog ihm „das unterm 2. October 1830 ertheilte Prädikat eines herzoglichen Legationsrathes“. Allgemein ging man davon aus, dass der in der Augsburger Zeitung veröffentlichte „Privatbrief aus Lissabon“ von Tietz zum Zweck der Erpressung tatsächlich selbst geschrieben worden war. Ohne Zweifel besaß Tietz genügend Informationen über die Verhältnisse in Portugal, zumal er drei Jahre später auch eine Studie über das zeitgenössische Brasilien – damals zwar ein unabhängiges Kaiserreich, aber mit dem portugiesischen Herrscherhaus noch eng verbunden – veröffentlichte.

1842–1853: Theaterdirektor Zu Beginn der 1840er Jahre lebte Tietz zunächst in Rostock, übernahm aber am 1. Februar 1842 die Direktion des Stadttheaters in Königsberg,Hierzu: Dokumentation. (PDF; 753 kB) Portal „Kultur in Ostpreußen“ und zwar „auf eigene Rechnung“.Almanach für Freunde der Schauspielkunst auf das Jahr 1842 (hrsg. von L. Wolff), 7. Jahrgang (Berlin 1843), S. 234. Das Theater war finanziell und künstlerisch heruntergewirtschaftet, als Tietz die Stelle übernahm. Tietz gelang es, einige Stars der damaligen Zeit nach Königsberg zu holen, so etwa die berühmte Opernsängerin Wilhelmine Schröder-Devrient, und auch die Konzerte von Franz Liszt waren ausverkauft. Das genügte aber offenbar nicht, das marode Haus finanziell auf feste Füße zu stellen. Es gab in Königsberg nicht, wie anderswo, einen Landesfürsten, der als Mäzen aufgetreten wäre, und manchmal konnten Stücke, die auf dem Programm standen, „aus Mangel an Zuschauern“ nicht aufgeführt werden.Herbert Meinhard Mühlpfordt: „Im Königsberger Stadttheater“, Teil IV, in: Ostpreussen-Warte (mit Königsberger Neue Zeitung), Nr. 5, Mai 1955, S. 11; preussische-allgemeine.de (PDF; 11 MB). Im September 1844 gab Tietz deshalb den Posten wieder auf, obwohl er dem Königsberger Theater weiterhin freundschaftlich verbunden blieb.

Von 1844 bis 1852 war er als Direktor an anderen Theatern tätig, zunächst in Reval (von wo aus er auch das Theater in Helsinki mitbetreute, 1845–46), dann in Hamburg-Altona. In dieser Zeit nahm er auch seine Tätigkeit als Autor von Lustspielen und Schwänken wieder auf, die er bis in die 1870er Jahre fortsetzte. Fast alle seiner Stücke sind älteren, meist französischen Vorlagen entnommen oder von diesen adaptiert. Daneben galt seine besondere Aufmerksamkeit dem Ballett, „welches in ihm einen genauen Kenner und einen fast schwärmerischen Verehrer“ hatte.Aus dem Nachruf, in: Signale für die Musikalische Welt, Nr. 43 (September 1879), S. 681.

Ab 1853: Die Jahre in Berlin Im Jahr 1853 ließ sich Tietz endgültig in Berlin nieder und begann eine 25-jährige Karriere als Publizist, Bühnenautor und Schriftsteller; zuweilen schrieb er auch für die Berliner Vossische Zeitung. Seit 1853 trug Tietz auch den offiziellen Titel eines Sachsen-Coburg-Gothaischen Hofkommissionsrats. Offenbar war zu diesem Zeitpunkt die „Gloria-Affäre“ aus dem Jahr 1836 schon ausreichend in Vergessenheit geraten, so dass Tietz nun erneut in den Genuss eines Herzoglichen Titels kommen konnte, zumal der alte Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha, Ernst I., inzwischen seit fast zehn Jahren verstorben war.

Von Herbst 1853 bis ins Jahr 1854 war Tietz jedoch erneut auf Reisen, und zwar ein letztes Mal im Orient. Von Triest aus begab er sich via Izmir nach Konstantinopel, um über den Krimkrieg zu berichten. Anders als über seine früheren Reisen im Osmanischen Reich verfasste er aber über diese Reise kein Buch mehr. Es scheint, als habe ihn nach seiner Rückkehr die Tätigkeit als Neu-Berliner Publizist und Bühnenautor zu sehr in Anspruch genommen, als dass er noch Zeit gefunden hätte, seine Erlebnisse in Buchform zu veröffentlichen, und schon 1854 erschienen seine Bunten Erinnerungen, die ihn in Berlin zu einer kleinen Berühmtheit machten. In ihnen erzählt er vor allem aus seinen frühen Berliner Tagen, wobei er noch einige Erinnerungen aus dem Russland der 1830er Jahre einstreute.

In den Jahren zwischen 1854 und 1874 veröffentlichte Tietz zahlreiche weitere Bühnenstücke oder Bearbeitungen bzw. Übersetzungen älterer Lustspiele, daneben aber auch immer wieder Biographien und „Erinnerungsbücher“ verschiedener Art, sei es an eigene Erlebnisse, sei es an die Bekanntschaft mit Dritten. Aufgrund seiner Produktivität als Autor nannte ihn ein Berliner Feuilletonist im Jahr 1866 „eine als literarischer Industrieller wohlbekannte Persönlichkeit“.„Berliner Briefe“, Die Debatte und Wiener Lloyd, Nr. 103 vom 17. April 1866, S. 1 (nicht paginiert). Ein anderer Korrespondent berichtete fünf Jahre später über die in Berlin zum Geburtstag der Kaiserin gegebenen Festvorstellungen und Deklamationen, dass diese „meist von Friedrich Tietz“ stammten, „einem dauerhaften alten Herrn, der mit Geschick zu solchen patriotischen Ergüssen alle alten Musenalmanache aus diesem und dem vorigen Jahrhundert ausbeutet.“Schreiben aus Berlin vom 2. Oktober, Blätter für Theater, Musik u. Kunst (Wien), Nr. 80 vom 6. Oktober 1871, S. 320.

Tietz verstarb am 6. Juli 1879 in seiner Wohnung in der Luisenstraße 51 in Berlin. Er war verheiratet mit Anna Brandstaedter. Sein Sohn war der Theaterschauspieler Josef Tietz (1830–1906).

Werke

Reiseerzählungen, Memoirenliteratur und Verwandtes

Bücher

1836: Erinnerungs-Skizzen aus Rußland, der Türkei und Griechenland. Entworfen während eine Aufenthalts in jenen Ländern in den Jahren 1833 und 1834 vom Legationsrath TietzTatsächlich hatte sich Tietz schon seit 1832 in Russland aufgehalten, was auch in seinem Buch so geschildert wird. Teil I: Coburg und Leipzig: Sinner’sche Hof-Buchhandlung (Google) Teil II: Coburg und Leipzig: Sinner’sche Hof-Buchhandlung (Google) Englische Ausgabe in zwei Bänden 1836: St. Petersburgh, Constantinople, and Napoli di Romania, in 1833 and 1834: A Characteristic Picture, Drawn During a Residence There. By M. von Tietz, Prussian Counsellor of Legation, London: Adolphus Richter and Co. (Google: Band I – Band II) Amerikanische Ausgabe 1836: St. Petersburgh, Constantinople, and Napoli di Romania, in 1833 and 1834: A Characteristic Picture, Drawn During a Residence There. By M. von Tietz, Prussian Counsellor of Legation, New York: Theodore Foster (Google) 1838: Bunte Skizzen aus Ost und Süd. Entworfen und gesammelt in Preußen, Rußland, der Türkei, Griechenland, auf den ionischen Inseln und in Italien, 2 Bände, Leipzig: F.A. Brockhaus (Google)