Wengen (ladinisch La Val, italienisch La Valle) ist eine italienische Gemeinde mit Einwohnern (Stand ) in Südtirol. Zusammen mit St. Martin in Thurn, Abtei, Corvara und Enneberg gehört Wengen zu den fünf ladinischen Gemeinden des Gadertals.
Geografie mini|links|hochkant|Blick nach Westen von Alt-Wengen auf die Barbarakapelle und den Peitlerkofel
Die Gemeinde Wengen ist 39,03 km² groß und befindet sich grob in der Mitte des von Norden nach Süden verlaufenden Gadertals (ladinisch Val Badia) in Ladinien. Die größten Siedlungsflächen, darunter der kleine Dorfkern St. Genesius (1320–, San Senese) sowie zahlreiche kleinere Weiler (viles), befinden sich im nach Osten vom Haupttal abzweigenden Wengental (Val de Spëscia) das vom Wengener Bach (Rü de Ćiampló) durchflossen wird.
mini|Vom Antonijoch durch das kleine Fanestal Richtung Wengen
Im Osten und Südosten wird das Wengental von schroffen Gebirgskämmen der Fanesgruppe, einer Untergruppe der Dolomiten, begrenzt. Zu den bedeutendsten Bergen Wengens zählen (von Süden nach Norden) der Heiligkreuzkofel (, Sas dla Crusc), der Zehner (, Sas dles Diesc), der Neuner (, Sas dles Nü) sowie durch das Antonijoch (Ju de Sant’Antone) und das kleine Fanestal von den vorhergehenden getrennt die Antonispitze (, Piz de Sant’Antone) und der Pares (, Sas de Crosta). Große Teile des Wengener Anteils an der Fanesgruppe sind im Naturpark Fanes-Sennes-Prags unter Schutz gestellt. Im Norden trennt ein sanfter Höhenzug, der die Kreuzspitze (, Crusc de Rit) trägt, das Wengental von Enneberg. An den Südhängen dieser bewaldeten Kette befinden sich die meisten viles mit ihren landwirtschaftlichen Nutzflächen. Im Süden begrenzen die Armentara-Wiesen (Pra d’Armentara) das Wengental nach Abtei hin.
Der Anteil Wengens am Gadertaler Haupttal ist relativ klein. Hier befindet sich direkt an der Gader (Gran Ega) gelegen das Dorf Pederoa (1150–, Pidrô), wo die ganzjährig befahrbare Gadertalstraße Richtung Norden nach St. Martin in Thurn und weiter ins Pustertal in der Gegend von Bruneck führt, und wo die Straße zum Wengener Siedlungskern Richtung Osten abzweigt. An der westlichen Talseite des Gadertals befinden sich noch auf Wengener Gemeindegebiet Teile der nordöstlichen Ausläufer der Puezgruppe, die das Gadertal vom Campilltal trennen.
Geologie Der Name Wengener Schichten oder Wengen-Formation, auf Italienisch Formazione di La Valle, stammt von diesem Dorf.
Geschichte
Eisenzeit mini|Alte Heuhütte auf Armentara, Hintergrund: Heilig-Kreuz-Kirche
Auf den Almen der Ritwiesen und von Armentara finden sich viele kleine einfach gebaute Heuhütten. Es wird vermutet, dass diese in der Bauart bis auf die Latènezeit (300 bis 100 vor Christus) zurückgehen. Inzwischen sind auch diese Hütten vom technischen Fortschritt eingeholt worden, da das Heu jetzt in Plastiksäcken eingeschweißt wird (Ballen-Silage). Die alten Hütten dienen noch als Gerätehütte oder werden zu kleinen Freizeithütten umgebaut.
Mittelalter mini|links|Links Barbarakirche, Mitte alte Kirche, halb rechts Pfarrhaus, rechter Rand: altes Gasthaus, Gemälde von Giachomo Kolz
Bereits in den Jahren 1039–1041 übertrug Graf Volkhold das obere Gadertal beiderseits des Gaderbaches dem von ihm gestifteten Kloster Sonnenburg (bei St. Lorenzen) im Zuge von dessen Gründungsausstattung. Im sogenannten Calendarium Wintheri, einem Nekrolog des Brixner Domkapitels, aus der Zeit um 1225/30 ist erstmals Wengen selbst als Twenge genannt.Bertha Richter-Santifaller: Die Ortsnamen von Ladinien (= Schlern-Schriften. Band 36). Innsbruck: Wagner 1937, S. 1 (Digitalisat). Aus dem Jahr 1296 stammt ein Sonnenburger Urbar, das einzelne Orte aufführt. Von Wengen werden Runch, „Pitzedatze“ (Picedac auf der westlichen Wengenseite) und Promperch (ebenfalls auf der westlichen Seite) und Rü genannt.Karl Wolfsgruber: Die ältesten Urbare des Benediktinerinnenstiftes Sonnenburg im Pustertal (= Die mittelalterlichen Stiftsurbare des Bistums Brixen. Band 1). Wien: Böhlau 1968.
mini|hochkant=1|Pfarrkirche zum Hl. Genesius (lad.: San Senese) vor Armentara und Zehner
Als ältestes Gehöft (oder Weiler) gilt Tolpëi hinter der Barbarakapelle und Alt-Wengen. 1382 wird die alte Kirche Hl. Genesius in Alt-Wengen erwähnt. Die Weiheurkunde der St.-Barbara-Kapelle, derer zweiten Schutzpatron der Hl. Florian ist, stammt aus dem Jahr 1491. Die Hl. Barbara ist die Schutzpatronin der Bergleute. Es wird vermutet, dass die Kapelle von Bergknappen aus dem Tal von Buchenstein (lad. Fodom) erbaut wurde. Einer lokalen Überlieferung zur Folge soll im nahen Tolpëi früher Silber abgebaut worden sein, was ebenfalls erklären könnte, weshalb die Schutzpatronin der Bergleute hier eine Kapelle hat. Für die Überlieferung spricht, dass der Schürfbau von Bleierzen und Silber für das 16. Jahrhundert nachgewiesen ist, also auch schon früher im 15. Jahrhundert betrieben worden sein könnte.
Die Abbildung links zeigt einen kleinen Ausschnitt aus dem Altarbild der Kapelle, das von „Giachomo Kolz anno 1806“ angefertigt wurde. Den Weg, der nach links unten führt, gibt es heute immer noch, er hat aber keine große Bedeutung mehr. Die Kapelle hatte die Funktion, mit ihrem Geläut und Glockenschlag akustisch das westliche Tal und die andere Wengenseite zu erreichen, da die alte Kirche ungünstig in einem Talwinkel gebaut wurde.
mini|Romanisches Haus in Furnacia
Im Mittelalter entstanden in Wengen ladinische Haustypen vom Typ „romanisches Haus“ (z. B. Furnacia) und dem späteren „gotisches Haus“ (Runch).
Neuzeit mini|links|Südöstlicher Teil des Atlas Tyrolensis, auf dem auch Wengen (Thal Wengen) dargestellt ist
Im 16. Jahrhundert Schürfbau von Eisenerzen und Silber in Tolpei unweit der Barbarakapelle, die der Schutzpatronin der Bergleute geweiht ist.
Im Jahr 1785 wurden unter Kaiser Joseph II. im Zuge des nach ihm benannten Josephinismus dem Kloster Sonnenburg seine Grundherrenrechte, die es bis dahin immer noch im Gadertal hatte, genommen. Im Zuge dieser Säkularisation wurde auch die Barbarakapelle 1786 (ähnlich wie die Heilig-Kreuz-Kirche (Abtei)) für eine nicht mehr bekannte Anzahl von Jahren gesperrt.
Im Jahr 1874 war die Einweihung der heutigen neuromanischen Hl.-Genesius-Kirche auf dem „Plan da Murin“ (Mühlplatz). Am Rande eines der Deckengemälde ist die Kirche selbst mit dem Neuner im Hintergrund abgebildet. 1933 wird dann die alte Hl.-Genesius-Kirche, die zu klein geworden war und seit der Einweihung der neuen Kirche kaum noch benutzt wurde, bis auf den Glockenturm und ein paar Fundament- und Mauerreste abgetragen. Durch die zentrale Lage der neuen Kirche ist auch die alte Barbarakapelle sozusagen funktionslos geworden.
Im Ersten Weltkrieg lag die Front nicht weit von Wengen. Die Dolomitenfront verlief südöstlich der Gader. Die Fanes war österreichisches Nachschubgebiet. Die Militärstraße dorthin verlief von der Nachbargemeinde Enneberg durch das Rautal. Wengen gehörte bis zum Ende des Ersten Weltkriegs zum Gerichtsbezirk Enneberg und war Teil des Bezirks Bruneck.
Mit Ende des Ersten Weltkrieges kam Südtirol an Italien, so auch Wengen. Ab 1922 versuchte Mussolini Südtirol zu italienisieren. Jeder Ort, auch die ladinischen, bekam eine italienische Bezeichnung, so wurde Wengen bzw. La Val zu La Valle. (Das Gehöft oberhalb von La Val wird allerdings schon auf österreichischen Karten italienisch „Campo“ (Feld) genannt. Heute heißt es ladinisch Ćians.) Die ladinische Sprache wurde während des italienischen Faschismus (vgl. ausführlicher Questione Ladina) zum italienischen Dialekt erklärt. 1928 wurde das bis dato eigenständige Wengen der Gemeinde St. Martin in Thurn zugeschlagen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der „Befreiungsausschuss Südtirol“ aktiv. Strommasten wurden gesprengt, auch Polizisten wurden umgebracht, wobei die Täterfrage hier umstritten ist (Geschichte Südtirols). In Wengen wurde jedenfalls das Böllern verboten, das sonst an Feiertagen stattfand. Auch war eine Zeit lang das Andreas-Hofer-Lied für die Blaskapellen verboten. Einige alte Fotos von Wengen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts finden sich im Museum Ladin auf Schloss Thurn.
1951 wurde in Wengen die Sage vom Reich der Fanes von der Bevölkerung in szenischer Darbietung aufgeführt.
1964 wurde Wengen wieder aus St. Martin herausgelöst und erneut eine eigenständige Gemeinde.
1968 brannte das Gehöft „Costa“ ab und wurde neu aufgebaut.
mini|Verlassenes Haus in Miribun
Letztendlich brach die moderne Zeit in den 1980er Jahren in Wengen an, als alle Gehöfte an asphaltierte Fahrwege angeschlossen wurden. Nicht zuletzt machte dies das Zweite Autonomiestatut für die Autonome Provinz Bozen – Südtirol möglich. Wie schon vorher andere Gemeinden Südtirols erfuhr jetzt auch Wengen starkes Wachstum. In den 1950er Jahren bestand der Hauptort noch aus der Kirche, dem Haus des Messners, einem Wohnhaus und einem Gasthaus. Eine Ausdehnung erschien auch schwierig, weil talabwärts und bergaufwärts das Gelände wieder rasch steil wurde. Doch in den 1960er Jahren entstand am Abhang ein zweites Gasthaus, das inzwischen schon oft umgebaut und erweitert worden ist. Dies war nur der Anfang. Seitdem ist unterhalb und oberhalb von Wengen eine kleine Siedlung entstanden mit einigen Geschäften, zahlreichen Pensionen und Wohnhäusern. Eine Zersiedelung des Tales konnte bis jetzt aber vermieden werden.
Auch Wengen steht jetzt vor der Herausforderung, wie die alte gewachsene Kultur bewahrt bleiben kann. Die alten Bauernhäuser genügen nicht mehr modernen Anforderungen, sie werden verlassen, einige teuer und gelungen modernisiert, manche einfach abgerissen und durch Neubauten ersetzt. Zum Teil werden neue Häuser in Anlehnung an ladinische Stilelemente errichtet, billigere Häuser werden einfach im „Tiroler Stil“ errichtet.
Pläne, Wengen dem Skisport zu erschließen, wurden nicht verwirklicht. Trotzdem sind im Winter mehr Gäste in Wengen als im Sommer. Ein Shuttle-Bus befördert die Touristen in die nahen Skigebiete.
Rumestluns mini|Bad Rumestluns auf Altarbild in Kapelle (im Vordergrund)
Im neunzehnten Jahrhundert war Wengen mit seinem Heilbad (Al Bagn) in Rumestluns („Rumschlungs“, Bad Rumustluns, ) überregional bekannt. Rumestluns liegt südlich des Wengenbaches etwas schattig an der Mündung des von der Armentara kommenden Baches „Rü da la Gana“ (Bach zur wilden Frau) in den Wengenbach. Das Heilbad war ein Schwefelbad mit radioaktivem Wasser (3,1 Mache-Einheiten). Es soll gegen zahlreiche Krankheiten wie Geschlechtskrankheiten, Skorbut und skrofulöse Geschwülste geholfen und Rheuma, Rotlauf und Podagra vorgebeugt haben.
Als bekanntester Gast gilt Max Planck. Auf alten Fotos im Burgmuseum in Sankt Martin in Thurn sind englische Touristen mit einheimischen Fremdenführern in Rumestluns abgebildet. Das alte Bad wurde 1978 durch einen Neubau ersetzt und wird inzwischen nur noch als Gasthof betrieben. Die Quelle (Kieselsäure, Schwefelsäure, Schwefelwasserstoff und andere Stoffe) gilt als zu unergiebig bzw. die medizinischen Auflagen sind zu streng und damit zu teuer geworden, um den Betrieb zu lohnen.
Politik Bürgermeister Bürgermeister seit 1965:
Giuseppe Videsott: 1965–1969 Carlo Miribung: 1969–2000 Franz Complojer: 2000–2015 Angel Miribung: 2015–2024 Felix Nagler: 2024–
Gemeindepartnerschaften Seit 2020 besteht eine Gemeindepartnerschaft mit der Gemeinde Pfronten in Bayern.
Bevölkerung Wengen ist gemäß den erhobenen Sprachgruppenzugehörigkeitserklärungen bzw. -zuordnungserklärungen eine weitgehend ladinischsprachige Gemeinde. Als Berechnungsgrundlage der folgenden Prozentwerte wurden die gültigen Erklärungen von Personen mit italienischer Staatsbürgerschaft herangezogen. Verteilung nach Sprachgruppenzugehörigkeits- bzw. Sprachgruppenzuordnungserklärungen Sprache 1981 1991 2001 2011 2024 Ladinisch 98,76 % 98,35 % 97,67 % 97,66 % 96,45 % Deutsch 0,71 % 0,87 % 1,75 % 1,53 % 1,85 % Italienisch 0,53 % 0,78 % 0,58 % 0,81 % 1,70 %
Bildung