Emilia di Liverpool ist eine Opera semiseria in zwei Akten von Gaetano Donizetti. Das Libretto basiert auf einem Drama von August von Kotzebue. Die Erstfassung wurde am 28. Juli 1824 im Teatro Nuovo in Neapel uraufgeführt, eine überarbeitete Fassung mit dem Titel L’eremitaggio di Liwerpool am 8. März 1828 am selben Ort.

Besonderheiten Gemäß der Tradition der Opera semiseria sind an der Geschichte sowohl ernste als auch komische Figuren beteiligt. Das Werk gehört in seinen beiden Versionen zu einer neapolitanischen Sonderform der Oper, die typisch für das Teatro Nuovo in Neapel war: Dort wurde eine Art von italienischen Singspielen des Buffa- oder Semiseria-Genres aufgeführt, die gesprochene Dialoge anstelle von Secco-Rezitativen mit Continuo-Begleitung enthielten (ähnlich wie auch die französische Opéra comique). Außerdem kam in all diesen Opern eine im neapolitanischen Dialekt sprechende und singende komische Figur vor, normalerweise ein Bassbuffo.Jeremy Commons: Donizetti and the two Emilias, Artikel im Booklet zur CD-Box: Emilia di Liverpool., Opera Rara, London 1986, S. 11–63; hier: S. 11–12 Im Falle von Donizettis Emilia ist dies die Figur des Don Romualdo (1824), beziehungsweise der Graf Asdrubale (1828). Dieser in Neapel sehr populäre Operntypus war selbst in Italien nicht ohne massive Veränderungen auf Theater in anderen Regionen übertragbar, und so wurden die meisten dieser Werke nie an anderen Bühnen gespielt, außer man machte sich die Mühe, die neapolitanischen Passagen ins Italienische zu übersetzen – was aber ohne Einbußen der witzigen Wirkung nur bedingt möglich ist – und eventuell die Dialoge in neue Rezitative zu verwandeln. Auch heutzutage ist eine echte Wiederbelebung dieser Oper aus den genannten Gründen erschwert.

Emilia di Liverpool war Donizettis dritte Oper für das Teatro Nuovo nach La Zingara (1822) und Il fortunato inganno (1823); später komponierte er für dasselbe Theater noch Otto mesi in due ore und Le convenienze teatrali (beide 1827), sowie Il campanello und Betly (beide 1836).Jeremy Commons: Donizetti and the two Emilias, Artikel im Booklet zur CD-Box: Emilia di Liverpool., Opera Rara, London 1986, S. 11–63; hier: S. 12–13

Libretto Die Geschichte des Librettos ist unübersichtlich und teilweise nicht geklärt. Donizetti war nicht der erste, der diese Handlung vertonte: bereits am 5. Juli 1817 wurde in Neapel eine Oper namens Emilia di Laverpaut von Vittorio Trento aufgeführt, die auf der gleichen Geschichte beruht. Der Verfasser des Librettos ist nicht bekannt, es hieß nur Tratto dal Dramma dello stesso titolo („Aus dem Drama mit demselben Titel“); wer aber jenes Drama verfasst hatte, ist nicht angegeben.Jeremy Commons: Donizetti and the two Emilias, Artikel im Booklet zur CD-Box: Emilia di Liverpool., Opera Rara, London 1986, S. 11–63; hier: S. 21Libretto Emilia di Laverpaut (italienisch; Abruf am 31. Juli 2021) Laut William Ashbrook und Jeremy Commons basiert Donizettis Libretto von 1824 teilweise auf demjenigen von Trento, besonders der erste Akt wurde von der früheren Oper übernommen.Jeremy Commons: Donizetti and the two Emilias, Artikel im Booklet zur CD-Box: Emilia di Liverpool., Opera Rara, London 1986, S. 11–63; hier: S. 22 und S. 29

Im September 1975, bei der Tagung „Primo Convegno Internazionale di Studi Donizettiani“ in Bergamo, erwähnte die Musikwissenschaftlerin Franca Cella in ihrem Aufsatz Il Donizettismo nei libretti donizettiani als ursprüngliche Quelle der vorliegenden Libretti ein Stück von August von Kotzebue mit dem (ins Italienische übertragenen) Titel Emilia ossia la benedizione paterna („Emilia oder der väterliche Segen“). Es gab davon mehrere italienische Übersetzungen für das Sprechtheater, die am weitesten verbreitete war diejenige des italienischen Schriftstellers und Librettisten Bartolomeo Benincasa (1746–1816), die im Jahr 1827 in Venedig veröffentlicht wurde.Jeremy Commons: Donizetti and the two Emilias, Artikel im Booklet zur CD-Box: Emilia di Liverpool., Opera Rara, London 1986, S. 11–63; hier: S. 22 und S. 62 (Fußnote 10) Eine weitere Übersetzung stammte von Stefano Scatizzi und entspricht streckenweise derjenigen von Benincasa.Jeremy Commons: Donizetti and the two Emilias, Artikel im Booklet zur CD-Box: Emilia di Liverpool., Opera Rara, London 1986, S. 11–63; hier: S. 21, 22 und S. 62 (Fußnote 10) Im Gegensatz zu Scatizzi bezieht sich Benincasa zwar ausdrücklich auf Kotzebue, aber der Text von dessen Stück wurde bisher nicht gefunden.Jeremy Commons: Donizetti and the two Emilias, Artikel im Booklet zur CD-Box: Emilia di Liverpool., Opera Rara, London 1986, S. 11–63; hier: S. 22 Der eigentliche Ursprung der Geschichte um Emilia bleibt also vorläufig im Dunkeln.

Das anonyme Libretto zur Oper von Trento war also die Grundlage für das erste ebenfalls anonyme Libretto von Donizettis Version der Emilia von 1824, aber mit einem veränderten zweiten Akt.

Das Libretto für die Version von 1828 wurde durch Giuseppe Checcherini (1777–1840) überarbeitet und revidiert, wobei die gesprochenen Passagen fast völlig neu geschrieben und gekürzt wurden.Jeremy Commons: Donizetti and the two Emilias, Artikel im Booklet zur CD-Box: Emilia di Liverpool., Opera Rara, London 1986, S. 11–63; hier: S. 40 Auch einige Personen wurden umbenannt, so wurde aus Don Romualdo der Graf Asdrubale, aus Federico der Colonel Villars (der sich als „Tomson“ ausgibt). Es gab auch inhaltliche Veränderungen: Don Romualdos Verlobte Luigia wurde in der 1828er Version zu Asdrubales Nichte Bettina; außerdem wurde die zweite komische Figur des schwerhörigen Grafen, Luigias Vater, komplett gestrichen.Jeremy Commons: Donizetti and the two Emilias, Artikel im Booklet zur CD-Box: Emilia di Liverpool., Opera Rara, London 1986, S. 11–63; hier: S. 44 Die Grundzüge der Handlung der ersten Version wurden weitgehend beibehalten. Die Revision von 1828 wurde unter dem Titel L’eremitaggio di Liwerpool („Die Einsiedelei von Liverpool“) aufgeführt.

Ort der Handlung Woher der (Orts-?)Name „Laverpaut“ in Trentos Vorgängerversion stammt, ist nicht klar. Ob es sich um eine Falschschreibung oder um einen Phantasienamen handelt, ist ohne Kotzebues Urfassung nicht zu klären. In Donizettis Erstversion von 1824 wird der Ausdruck „di Liverpool“ eher wie ein Familienname (Emilia di Liverpool, Claudio di Liverpool) verwendet, oder wie eine Herkunftsbezeichnung. Aus dieser Perspektive erscheint allerdings der neue Titel L’eremitaggio di Liwerpool von 1828 verwirrend. Der genaue Ort der Handlung ist jedenfalls nicht identisch mit der englischen Stadt Liverpool, denn im Libretto heißt es, die Eremitage befinde sich auf einem Hügel „in einer gebirgigen Landschaft einige Meilen außerhalb von London“.Jeremy Commons: Donizetti and the two Emilias, ..., Opera Rara, London 1986, S. 11–63; hier: S. 30 Anscheinend haben sich die italienischen Autoren der Libretti wenig für die reale Geographie Englands interessiert. Bei der Schreibweise „Liwerpool“ könnte es sich um einen Schreibfehler handeln, der nie korrigiert worden ist.

Emilia di Liverpool, 1824 Erster Akt Die Handlung spielt sich in einem Einsiedlerhof außerhalb von London ab, wo Emilia jeden Tag Almosen an Bedürftige verteilt. Die Haushälterin Candida erzählt, dass Emilia vor achtzehn Monaten hier Zuflucht gesucht hatte. Ihr Vater habe die Eremitage gegründet, sei dann als Kapitän zur See gefahren, aber vermutlich in einem afrikanischen Gefängnis gestorben.

Emilia klagt, sie werde vom rachsüchtigen Geist ihrer Mutter verfolgt. Sie hatte einen jungen Offizier kennen gelernt, der um ihre Hand anhielt, aber ihre Mutter lehnte ihn ab mit der Begründung, ihre Tochter sei bereits einem neapolitanischen Adeligen versprochen. Der Offizier überredete Emilia, mit ihm zu fliehen, doch sie kehrte bald reuig nach Hause zurück, wo sie ihre Mutter tot vorfand, sie war aus Kummer verstorben. Verzweifelt suchte sie die Eremitage auf, wo ihre Tante Verwalterin war, Candidas Vorgängerin.

Ihre Erzählung wird von einem Sturm unterbrochen, der im Tal eine Kutsche umstürzen ließ, die Dorfbewohner eilen zu Hilfe. Die geretteten Reisenden erscheinen. Der neapolitanische Adelige Don Romualdo beklagt, dass sein Sekretär Federico seine Verlobte Luigia im Fluss ertrinken ließ. Federico versichert, dass Luigia in Sicherheit sei und gesteht, dass er sie gerne selbst verführen möchte.

Luigia erscheint und erklärt, ein zufällig vorbeikommender Matrose habe ihnen allen das Leben gerettet. Ihr alter Vater kommt auch hinzu, alle bringen sich in der Eremitage in Sicherheit. Nun kommt der Matrose, der geholfen hat. Er erklärt, dass er nach zwanzig Jahren als Sklave in Afrika nach Hause zurückgekehrt sei – es ist Emilias Vater Claudio. Er ist auf der Suche nach seiner Tochter, die er für den Tod seiner Frau verantwortlich macht.

In der Eremitage stellt sich heraus, dass die Reisenden auf dem Weg nach Italien sind, wo Luigia den Adligen Don Romualdo heiraten soll. Doch sie und Federico sind entschlossen, den Plan zu vereiteln. Luigia glaubt, dass Federico sie heiraten möchte, er jedoch will sie nur verführen, so wie er, wie er nun enthüllt, früher die gutgläubige Emilia getäuscht hatte.

Don Romualdo erzählt Emilia, dass er nach England gekommen sei, um die Tochter eines englischen Lords abzuholen, mit der sein Onkel eine Ehe für ihn arrangiert hatte. Emilia gesteht, dass sie die Braut sei, die damals bei seiner Ankunft bereits entflohen war. Romualdo berichtet Federico, wer Emilia ist. Federico erschrickt. Emilia erkennt in ihm ihren Verführer und verdammt ihn. Auch Luigia zürnt Federico, gesteht ihm aber ihre Liebe. Romualdo wird bewusst, dass seine ihm zugedachten Bräute beide von ein und demselben Schurken verführt worden sind.

Claudio gibt sich Emilia als ihr Vater zu erkennen. Versöhnt umarmen sie sich. Später greift der wütende Claudio Federico an. Emilia hindert ihn daran, seine wahre Identität preiszugeben, und erklärt, er sei ein Freund ihres Vaters, der gekommen sei, um ihr von dessen Tod zu berichten.

Zweiter Akt Luigia hat Federico durchschaut und versucht, Don Romualdo wieder für sich zu gewinnen, doch dieser versteht das allgemeine Durcheinander nicht. Federico fleht Candida an, sich bei Emilia für ihn einzusetzen und hofft auf die Hilfe von Don Romualdo. Er reicht Don Romualdo einen Dolch und bittet ihn, ihn zu töten. Sein Argument, Luigia habe ihn ermuntert, vergrößern Romualdos Zorn. Auch Emilia empört sich über Federico.

Claudio fordert Federico auf, ihm zum unterirdischen Grab von Emilias Mutter zu folgen, wo sich rächen möchte. Candida hört seinen Plan zufällig mit und warnt Emilia. Zusammen mit Romualdo eilen sie zur Krypta. Dort offenbart Claudio seine wahre Identität. Er fordert Federico zum Duell und verlangt ein schriftliches Geständnis. Dafür ist Federico bereit, weigert sich aber, die Waffe gegen Emilias Vater zu heben. Gerade als Claudio ihn erschießen will, hasten Emilia, Romualdo, Luigia, der Graf und die Bauern hinzu.

Nun erfahren alle, wer Claudio in Wirklichkeit ist und der gesamte Besitz wird wieder ihm übertragen. Großzügig verzeiht er Federico, und da Emilia überzeugt ist, dass ihr ehemaliger Verführer sein Verhalten aufrichtig bereut, reicht sie ihm die Hand. Luigia macht sich die allgemeine Stimmung zunutze, um ihrerseits Don Romualdo um Verzeihung zu erbitten – und alle freuen sich auf die bevorstehende Doppelhochzeit.

L’eremitaggio di Liwerpool, 1828 Erster Akt Die Oper spielt in der Eremitage Liwerpool in den Bergen in der Umgebung von London. Ein Unwetter bricht los und die Einheimischen eilen ins Tal, wo eine Kutsche umgestürzt ist. Die geretteten Reisenden kommen zur Eremitage. Es sind der neapolitanische Graf Asdrubale, seine Nichte Bettina und ihr Begleiter Tomson.