Gewalt in der Bibel wurde erst seit etwa 1970 zu einem eigenen wissenschaftlich behandelten Gesamtthema. Der vielschichtige Begriff der Gewalt wird dabei im engeren Sinn als Menschenleben schädigende und zerstörende Macht- und Gewaltausübung, im weitesten Sinn als Beeinträchtigung von Leben überhaupt verstanden. Dies spielt in vielen Bibeltexten eine Rolle: zwischen Gott und Mensch: z. B. im Kult als Opfer, im sakral begründeten Recht als Herstellen von Gerechtigkeit auch durch gewaltsame Vergeltung, Monotheismus versus Polytheismus, Gewalttätigkeit auf Weisung des El bzw. JHWH zwischen Großgruppen, z. B. als Bannkrieg zwischen Kleingruppen, z. B. als Blutrache, später staatlich geregelte Todesstrafe, Körperstrafen zwischen Individuen, z. B. als Mord, Folter, Körperverletzung, Vergewaltigung, Nötigung zwischen sozialen Gruppen, z. B. als Demütigung, Ausbeutung, Unterdrückung, Enteignung, Vertreibung, Genozid, Entrechtung.
Diese Themen werden jedoch meist nicht unter dem Gesamttitel „Gewalt in der Bibel“ behandelt, sondern je für sich und unter verschiedenen Fragestellungen, vor allem in der Bibelexegese, systematischen und praktischen Theologie, Religionsgeschichte, Religionspsychologie, Religionssoziologie und Ethik. Daher bietet dieser Artikel einen Überblick über Gewalttexte in der Bibel, ihre Auslegungsgeschichte und die heutige Kritik daran.
Überblick Individuelle und soziale Aggression, Konflikte zwischen verschiedenen sozialen Gruppen, staatliche, nationale und internationale Machtausübung, strukturelle und kulturelle Gewaltprozesse bestimmen alle Bereiche des menschlichen Daseins mit: so auch die Religion. Auch in der in etwa 1500 Jahren entstandenen Sammlung biblischer Schriften findet man eine große Anzahl von Texten, in denen Gewalttaten, Destruktivität, Gewalterfahrungen, Gewaltfantasien und Reflexionen über Gewalt als menschliches Grundproblem, aber auch rechtliche Gewaltbegrenzung, Hoffnungen auf Gewaltüberwindung und Alternativen zu Gewaltlösungen vorkommen.
Die neuzeitliche Unterscheidung von privater und öffentlicher Gewalt spielt in der Bibel jedoch nur bedingt eine Rolle. Zentral ist dort vielmehr die Unterscheidung und Beziehung von göttlicher und menschlicher Gewaltausübung, die Unterscheidung von rechtmäßiger und unrechtmäßiger Gewalt, das Ziel der Überwindung aller lebensfeindlichen Mächte, deren Gewalt Gottes Geschöpfe ausgesetzt sind, durch Gott selbst.
Wie sich Gottes Gewalt zu der des Menschen verhält, zieht sich als theologisches Grundproblem durch die ganze Bibel. Gott will die menschliche Gewalt „richten“, begrenzen und dem Schutz allen Lebens, verstanden als Recht des Schöpfers auf seine Schöpfung, einordnen. Zugleich aber erscheint Gewalt damit als integraler Bestandteil des biblischen Gottesbildes. Dies wird besonders dort zu einem praktischen Problem, wo an die Bibel als Heilige Schrift geglaubt und ihre Texte deshalb normativ für gegenwärtiges Handeln herangezogen werden. Sie dienten oft dazu, gewaltsames Handeln zu rechtfertigen, seltener dazu, es zu kritisieren und zurückzudrängen. Auch wo Gottes Gewalt von der der Menschen unterschieden und ihr entgegengesetzt wird, wird Gottes Handeln oft in Gewaltbildern beschrieben, die von Aufklärung und Humanismus geprägte Menschen ablehnen und zur Bibelkritik herausfordern.
Traditionelle theologische Antworten wie die Trennung eines gewalttätigen Schöpfers von einem gewaltlosen Erlöser (Marcion), die allegorische Umdeutung von biblischen Gewalttexten, Thesen eines allmählichen sittlichen „Fortschritts“ in der Bibel oder die Ablösung einer Gewaltethik des Alten durch eine Liebesethik des Neuen Testaments haben sich als exegetisch unhaltbar und in ihrer historischen Wirkung fatal erwiesen. Sie werden daher heute in der universitären Theologie überwiegend zurückgewiesen.
Interaktionsformen zwischen Gruppen sind nach Zick (2002)Andreas Zick: Die Konflikttheorie der Theorie der sozialen Identität. In: Thorsten Bonacker (Hrsg.): Sozialwissenschaftliche Konflikttheorien: Eine Einführung. Friedens- und Konfliktforschung 5, Leske und Budrich, Opladen 2004, S. 409–426. dann ein realistischer Gruppenkonflikt, wenn in der Auseinandersetzung um Werte oder Ansprüche an Statuspositionen, Macht und anderen knappen Ressourcen konkurriert wird; sie können in zwei Weisen definiert werden: in einer positiven Abhängigkeit: hier kann zwischen den Gruppen eine Zusammenarbeit und Kooperation vorausgesetzt werden; in einer negativen Abhängigkeit: hier versucht eine Gruppe, ihre Ziele auf Kosten der anderen Gruppe bzw. Gruppen zu erreichen. Dies wiederum führt zu Konkurrenz, Gewalttätigkeit, kriegerischen Auseinandersetzungen (Soziale Interaktion) zwischen den Gruppen, aber auch zu einer höheren Solidarität innerhalb der eigenen Gruppe.
Dabei ist zwischen einem ‚exochthonen‘ Intergruppenkonflikt, also einem Konflikt, der zwischen verschiedenen sozialen Gruppen auftritt und einem ‚endochthonen‘ Innergruppenkonflikt, dessen Eskalation in das Destruktive verhindern soll, zu unterscheiden. Kollektive, organisierte Gewalttätigkeit entwickelte sich dabei als kultureller Mechanismus in der Konkurrenz der Gruppen um Territorien, Rohstoffe, kurz Produktionsmittel, insbesondere mit dem Beginn der Bronzezeit.Harald Meller, Michael Schefzik (Hrsg.): Krieg. Eine archäologische Spurensuche. Begleitband zur Sonderausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale): 6. November 2015 bis 22. Mai 2016, Theiss, Halle (Saale) 2015, ISBN 978-3-8062-3172-4, S. 205–351
Goffmann (1963)Erving Goffman: Stigma. Notes on the management of spoiled identity. Prentice-Hall, Englewood-Cliffs, N.J. 1963; deutsche Ausgabe: Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. Übersetzt von Frigga Haug. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-518-27740-9. ist im Bereich des ‚endochthonen‘ Innergruppenkonfliktes bestrebt, die sozialen Tatbestände und Vorgänge dadurch zu erklären, dass er die kleinsten Einheiten, die Wechselwirkungen zwischen einigen wenigen in direkter Interaktion miteinander stehender Individuen, in ihrer Abhängigkeit von umgebenden sozialen Strukturen analysiert.Karl Heinz Hillmann: Wörterbuch der Soziologie. 5. Auflage, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-520-41005-4, S. 567 f Ein Stigma definiert sich als eine Zuschreibung, von wahrnehmbar gewordenen oder gemachten Unterschieden, die nicht typischerweise in der alltäglichen Vorstellungsweltvergleiche hierzu auch Mem der entsprechenden Kultur auftreten. Eine Stigmatisierung kann sich durch viele verschiedene Merkmale abbilden.
Hebräische Bibel Gewaltbegriffe Der Tanach kennt Dutzende Wortwurzeln, die ein gewaltsames Handeln bezeichnen. Die meisten davon werden auch für ein Handeln Gottes (JHWH) verwendet.Gerhard Johannes Botterweck, H. Ringgren (Hrsg.): Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, 10 Bände. Stuttgart / Berlin / Köln 1973–2001
Häufig sind z. B. die Wurzel d(a)m für „Blut, Bluttat, Blutschuld“ oder hrm für „vernichten, dem Bann weihen“. rzch das Verb für Morden, wird jedoch selten auf Gott bezogen und auch bei Menschen deutlich von anderem Töten unterschieden.
Intergruppenkonflikte Hier versucht eine Gruppe – die im Bund mit JHWH stehenden Israeliten –, ihre Ziele auf Kosten der anderen Gruppe bzw. Gruppen zu erreichen. So wird in Quellenangaben zum Tanach werden hier und im Folgenden auf das Alte Testament verwiesen. Zu genaueren Interpretation ist der hebräische Text heranzuziehen., zur Vernichtung der Kultstelen, Bilder ihrer Götter und Altäre aufgefordert, nachdem die Güter der verschiedenen Ethnien in Besitz der JHW-geleiteten Gruppe gefallen waren (siehe auch Historische Exodus-Forschung).
Im Psalm 79 wird von JHW erboten, dass sich sein Zorn über die andersgläubige Gruppe ergösse, die ihn nicht kennen, und über jedes Reich, das den Namen JHWs nicht anruft.
Exodus Das 2. Buch Mose, auf , auf genannt, ist das zweite Buch der Tora und des jüdischen Tanach wie auch des christlichen Alten Testaments und damit das zweite Buch der beiden Bibelkanone. Nachdem der Pharao die Israeliten hat versklaven lassen, sendet JHWH Moses zu ihrer Befreiung. Diese wird gewaltsam durch Zehn Plagen, darunter Feuerregen und Tod aller erstgeborenen Söhne der Ägypter, erzwungen. Das ägyptische Heer des Pharao wird bei der Verfolgung der Hebräer im geteilten Roten Meer ertränkt ().
Das Siegeslied der Mirjam () gilt als Keimzelle der Exodustradition und ältestes israelitisches Glaubensbekenntnis im Pentateuch:
Damit stellt sich für biblische Theologie die Frage, ob Israels Gott JHWH ursprünglich ein national begrenzter Kriegsgott war, der ein Volk rettet, indem er ein anderes vernichtet.
Landnahme Mit der sogenannten Landnahme werden jene Ereignisse nach dem legendären Auszug aus Ägypten und der anschließenden Wüstenwanderung zusammengefasst, die zur Niederlassung der Stämme Israels entweder im Zeitraum von etwa 1230–1208 v. Chr. (Mittlere Bronzezeit bis späte BronzezeitMelanie Köhlmoos: Altes Testament. (= UTB basics) A. Francke, Tübingen/Basel 2011, ISBN 978-3-8252-3460-7, S. 64–68)Die Datierung bezieht sich auf folgenden Zeitraum: Etwa 48 Jahre nach der Erbauung Pi-Ramesses bis zur Nennung der Israeliten auf der Merenptah-Stele; siehe hierzu auch Israel Finkelstein, Neil Asher Silberman: Keine Posaunen vor Jericho. S. 89. oder während der Regierungszeiten von Thutmosis III. bis Amenophis II. (15. Jahrhundert v. Chr., Neues Reich)Diese Datierung ergibt sich der Angabe in , das wurde z. B. von John Garstang benutzt, um eine damals auf kurz nach 1400 v. Chr. datierter Schicht in Jericho mit der von Josua zerstörten Stadt zu identifizieren (Millard, Alan R.: Archäologie und Bibel, S. 49–51). in Kanaan geführt haben sollen. In dieser Zeit des Übergangs von der späten Bronzezeit in die frühe Eisenzeit („Seevölkersturm“ oder „Dunkles Jahrhundert“) fällt die Ära der Landnahme.Melanie Köhlmoos: Altes Testament. (= UTB basics) A. Francke, Tübingen/Basel 2011, ISBN 978-3-8252-3460-7, S. 72–79
Im Deuteronomistischen Geschichtswerk der Bücher Josua bis 2. Könige werden viele gewaltsame Auseinandersetzungen innerhalb wie außerhalb der Israeliten und der späteren Reiche Nordreich Israel und Reich Juda berichtet. Besonders in der vorstaatlichen Richterzeit erscheint der Verteidigungskrieg bei äußerer Existenzbedrohung als Aktion Gottes, der einen charismatischen Heerführer erwählt, die Zwölf Stämme Israels zusammenzurufen und in die Abwehrschlacht zu führen. Solche kriegerische Gewalt wird also unter Umständen als Heiliger Krieg legitimiert.
Die Bibel berichtet im Kontext der Landnahme auch über Ausrottung fremder Nachbarvölker Israels im Auftrag Gottes, die Frauen und Kinder nicht verschonten. Dies wurde in der Tora jedoch als Unrecht ausgeschlossen und an strenge Bedingungen – Friedensangebot, gescheiterte Verhandlungen – geknüpft, die den Geschichtserzählungen zufolge jedoch nicht immer eingehalten wurden. Die historische Forschung sieht die biblische Darstellung der Eroberung Kanaans zum Teil als spätere Rückprojektion nach den Eroberungsfeldzügen König Davids, weil der Ansiedlungsprozess lange Zeit als friedliches Einsickern der Halbnomaden geschah und die kanaanäischen Stadtstaaten zunächst bestehen blieben. Ein Auftrag Gottes zur Ausrottung etwa der Amalekiter wird als nachträgliche Tabuisierung der Übernahme ihrer Fremdkulte gedeutet.
Die biblische Geschichtsschreibung unterscheidet sich in Bezug auf Krieg nicht wesentlich von der orientalischer Großreiche. Jedoch deutet sie die Katastrophen der Geschichte Israels im Anschluss an das Auftreten der israelitischen Propheten theologisch als Gerichte Gottes und Folge von menschlichem Versagen, Gewalttaten und Unrecht, Abfall zu anderen Göttern usw. Auch Verbrechen von Heldengestalten wie König David wie seine Beseitigung Uriahs, um dessen Witwe zur Frau zu nehmen, werden mit kritischer Intention überliefert.