mini|Gedenkmedaille zur Eröffnung der Schule, rechts ein stilisierter Propfreiser „vom Grafen Hoym veredelt“ Die Königliche Wilhelms-Schule (eröffnet am 15. März 1791; durch königliche Verfügung geschlossen am 31. März 1848) war eine jüdische Knabenschule im damals preußischen Breslau.
Gründung Die Vorbereitungen gehen auf die von der französischen Aufklärung inspirierte jüdische Reformbewegung zurück, die unter dem Stichwort Haskala bekannt ist und von Moses Mendelssohn, David Friedländer und anderen Vordenkern der Aufklärung im Judentum, Maskilim genannt, angestoßen wurde. Deren Ideen fühlte sich die seit 1780 in Breslau existierende Gesellschaft der Brüder verpflichtet. Der Verein wurde in erster Linie von wohlhabenden, mit einem sogenannten Generalprivilegium ausgestatteten Familien getragen und setzte sich zum Ziel, die Lebenssituation der überwiegend aus Osteuropa eingewanderten rund 2500 Breslauer Juden zu verbessern. Unter ihnen gab es Generalprivilegierte, Privilegierte, sogenannte Stamm-Numeranten und die lebenszeitlich oder temporär Geduldeten, die nach einem gestaffelten System auf diskriminierende Weise besteuert wurden. Zahlreiche kleine oder private Synagogen waren der jeweiligen Herkunft zugeordnet; jedes Amt (Almosenamt, Friedhof, jüdisches Lazarett) hatte eigene Vorsteher. Jeder wissenschaftliche Unterricht war streng verpönt, religiöse Unterweisung fand durch rund 30 Hauslehrer (darunter 17 Polen) in kleinen, privat betriebenen Zimmerschulen statt.Markus Brann: Geschichte der Gesellschaft der Brüder. Festschrift zur Säcular-Feier am 21. März 1880. Im Auftrage des Vorstandes bearbeitet, Breslau o. J. .
Die angestrebte Reform der Glaubenspraxis sah eine Trennung von Kirche und Staat, Religionslehre mit deutschen und althebräischen Texten, in deutscher, nicht jiddischer Sprache, Modernisierung von Speisegesetzen oder Begräbnisritualen vor. Zu der vorwiegend karitativen und humanitären Zwecksetzung des Vereins gehörte auch, die oft nur jiddisch oder polnisch sprechenden und (vom privaten Religionsunterricht abgesehen) mangelhaft gebildeten Juden mit deutscher Sprache und Kultur vertraut zu machen und zu preußischen Staatsbürgern heranzubilden. Damit ging eine von traditionsorientierten Vertretern der Orthodoxie strikt abgelehnte Akkulturation an die christliche Mehrheitsgesellschaft einher. Vor diesem Hintergrund betrieb die Gesellschaft der Brüder die Einrichtung einer Synagoge und die Gründung einer Schule nach dem Vorbild der in Berlin durch Friedländer und Daniel Itzig gegründeten jüdischen Freischule.
1790 erließ der liberale und für die Anliegen der Juden aufgeschlossene dirigierende Minister von Schlesien, Graf Hoym, ein vom preußischen König Friedrich Wilhelm II. bestätigtes „Reglement für die Verbesserung der bürgerlichen Verhältnisse der Breslauer Juden“, das der Finanzbeamte und Geograph Friedrich Albert Zimmermann (1745–1815) ausgearbeitet hatte. Fortan sollte der Unterschied der Privilegien nur noch als äußerlicher, gleiche Rechten und gleiche Pflichten für alle Gemeindemitglieder gelten. Als vordringlich wurde in § 13 die Einrichtung einer Gemeindeschule verfügt, in der die Kinder nicht nur in jüdischen Religionsbräuchen, sondern auch in Sprachen, Ethik, Mathematik und Naturwissenschaften unterrichtet. Der König genehmigte der Schule einen Vorschuss von 10.000 Talern und gab die Erlaubnis, ihr seinen Namen zu geben, wobei vermutlich aus Pietät für den erst vier Jahre zuvor verstorbenen Friedrich den Großen nur der Vorname Wilhelm Verwendung fand.
Die Schüler sollten, neben der „Anweisung zu einer gründlichern Kenntniß des Deutschen, und der, dem hiesigen jüdischen Handelsmanne so unentbehrlichen pohlnischen Sprache“ Unterricht im Schreiben, Rechnen, Geographie, Naturkunde und im Hebräischen erhalten.Nachricht von dem, unter dem Namen Wilhelms-Schule, zu Breslau errichteten Institut, zu einer verbesserten Unterweisung der Kinder dasiger Juden-Gemeinde und der am 15ten März 1791. erfolgten feyerlichen Einweihung desselben. Gedruckt mit Grassischen Schriften, Breslau 1791, unpag. S. 10. Hingegen war zunächst kein Talmud-Unterricht vorgesehen, was den ersten Konflikt mit dem schlesischen Landesrabbiner Isaak Joseph Jonas Fränckel (eigentlich Itzchak Joseph ben Chajim Jonah Teomim, 1721–1793) heraufbeschwor. Zimmermann präzisierte das Edikt von 1790 über die Schule dahingehend, „dass in der Wilhelmsschule keine Schriftgelehrte erzogen, sondern nur ein Begriff: was Talmud sei, und einige Erklärungen darüber, was eigentlich jeder wissen muss, da es ein Hauptbuch ihrer Religion sei, gelehrt werden solle“.
Schulleitung und Lehrkörper Im Schulkollegium, das am 28. Januar 1791 zusammentrat, saßen der spätere Syndikus der Gemeinde, Lewin Benjamin Dohm (1754–1825), der mit seinem Vater den Familiennamen des preußischen Reformers Christian Konrad Wilhelm Dohm angenommen hatte, der Arzt und Geburtshelfer Elias Henschel (1755–1839) – beide Gründer der Gesellschaft der Brüder – sowie der Kaufmann Abraham Danziger als gewählte Vertreter. Von Hoym bestimmt wurden der Mediziner Isaak Jeremias Warburg (1757–1818) und Ludwig Gedike (1760–1838), der Bruder des aufgeklärten Pädagogen Friedrich Gedike, Gymnasialprofessor und Aufseher des Seminars für Landschullehrer, der auch als guter Hebraist galt. Vorsitzender des Kollegiums wurde der allseits respektierte Friedrich Albert Zimmermann (1745–1815), der auch als Aufseher der jüdischen Gemeinde und Vermittler ihrer Anliegen zu den Regierungsstellen fungierte.Friedrich Albert Zimmermann In: Schlesische Provinzialblätter, Jg. 61 (1815), Nr. 6 (Juni) S. 485–498, hier S. 488 (Web-Ressource). Auch der Dichter und Pädagoge Johann Gottlieb Schummel (1748–1813), der an der Ritterakademie zu Liegnitz lehrte und später Nachfolger Gedikes wurde, wirkte an der Ausarbeitung des Lehrplans mit. Nominell war auch der Landesrabbiner Joseph Jonas Fränckel, der ein Aufweichen seiner Disziplinargewalt in religiösen Fragen durch die Schule befürchtete, am Kollegium beteiligt.
Als Oberlehrer (Direktor) und erster Schulinspektor wurde aus Berlin Joël Löwe (1760–1802) berufen, der einen Kommentar zu Mendelssohns Psalmen-Übersetzung verfasst hatte; zweiter Hauptlehrer war Michael Elkana Engel aus Triest, der ebenfalls den Inspektorentitel erhielt und zugleich die Bibliothek verwalten sollte. Alle weiteren Lehrer wurden zunächst probehalber eingestellt: Aron Freund, der bis zu seinem Ableben im Jahr 1806 angestellt war und deutschen Schreib-, Rechen- und Zeichenunterricht gab; Markus Hirsch Roch (eigentlich Charoch, 1765–1825); Philipp Levin Siphri (1750–1821 oder 1822), der sich den deutschen Lese- und Hebräischunterricht mit Victor Aron Lobethal (um 1845–1813) teilte; Magnus (oder Mayer Bucki) Nathan, der Polnisch unterrichtete; sowie als „Behelfer“ den gebürtigen Breslauer Samuel Abraham Cohn, der als Schreibmeister mit 6 Talern Monatsgehalt eingestellt wurde und schon 1792 in großer Armut verstarb, sodass seine Witwe ein Geldgeschenk erhielt. Zwar hatte das Kollegium nachträglich einen kompetenten Talmudlehrer in dem Unterrabbiner Manus Jakob Herschel gefunden; weil jedoch eine Bestätigung durch den schlesischen Landesrabbiner ausblieb, wurde er nicht berufen. Vom 1. November 1791 an lehrte Philipp Phöbus Vischer den Talmud, doch blieb die Teilnahme fakultativ und für die Eltern, die ihre Kinder hinschicken wollten, kostenpflichtig.Max Freudenthal: Die ersten Emancipationsbestrebungen der Juden in Breslau. In: Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums Jg. 37 (1892–1893), H. 9, S. 415 (Web-Ressource).
Zu den namhaften Wissenschaftlern, die hier unterrichteten, gehört Eduard Munk aus Glogau, Bruder des in Paris an der Nationalbibliothek beschäftigten Salomon Munk. Er hatte 1827 sein Probejahr an der Wilhelms-Schule abgeleistet und arbeitete, wie viele angestellte Lehrer, zugleich unentgeltlich an der 1801 gegründeten Mädchenschule für Waisenkinder. Die Problematik bei der Suche nach geeignetem Lehrernachwuchs, die auch ein Strukturproblem der jüdischen Schule erkennen lässt, brachte David Friedländer 1802 in einem Brief an den damaligen Direktor auf den Punkt: „Auf der einen Seite haben junge Leute unserer Religion, die sich dem Erziehungsfache widmen, gar keine Aussicht auf ihr Alter; von der anderen werden sie je länger je weniger gesucht. Der orthodoxe Jude will einen Pohlen zum Erzieher, und der nichtorthodoxe Vater schickt seinen Sohn in die christliche Schule, dergestalt, dass der Lehrerstand bey uns durchaus ganz eingehen muss.“David Friedländer an Aron Wolfssohn, 17. Dezember 1802, zit. nach Max Freudenthal: Die ersten Emancipationsbestrebungen der Juden in Breslau. In: Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums Jg. 37 (1892–1893), H. 10, Anm. 2, S. 481 f., hier s. 482 (Web-Ressource).
mini|Schul- und Lehrerkollegium der Wilhelmsschule 1799
Eröffnung Am 15. März 1791 wurde die Schule im Beisein des Kriegs- und Domänenrates August Gottfried Wilhelm Andreae (1757–1830), des Landesrabbiners Fränckel, der Geistlichen Longinus Anton Jungnitz (1764–1831) für die katholische, Johann Timotheus Hermes für die evangelische Kirche, des Rektors Johann Ephraim Scheibel am Elisabeth-Gymnasium sowie der beiden Schriftsteller Christian Garve und Schummel feierlich eröffnet.
An die Schüler wurden Gedenkmedaillen verteilt, deren Schauseite das Datum der Gründung zeigt. Auf der Rückseite war ein Propfreiser mit einer ehrenden Inschrift für den Grafen Hoym zu sehen.Aron Heppner: Aus unserem Gemeinde-Archiv. In: Breslauer Jüdisches Gemeindeblatt Nr. 5, 16. Mai 1927, S. 70 (Web-Ressource)
Nach Ansprachen von Gedike, Zimmermann und den beiden Oberlehrern wurde eine von Samuel Gottlieb Bürde gedichtete und von Johann Adam Hiller vertonte Kantate aufgeführt. Abschließend rezitierte Esther Bernhard, geb. Gad, ein von ihr verfasstes Gedicht, in dem es unter anderem hieß:
Erfüllt die Luft mit Lobgesang daß nichts als Freud ertöne: Denn heut erhebt man Euch zum Rang – der andern Erdensöhne! […]
Und Friedrich Wilhelm winkt ein Ja, als er vom Wohlthun hörte! Auch waren brave Lehrer da, sobald man sie begehrte.
Nun, werdet durch dies Institut recht gute, weise Männer: Entsprecht durch Fleiß und Edelmuth der Absicht Eurer Gönner!
Unterricht Bereits am folgenden Tag, dem 16. März 1791, begann für die 120 Schüler, die über sechs Jahre alt sein sollten, der Schulbetrieb. Unter ihnen waren 40 Freischüler, für die übrigen wurde ein nach der Lebenssituation der Eltern gestaffeltes Schulgeld erhoben. Allerdings waren die Eingeschulten, die bisher keine oder nur Winkelschulen besucht hatten, völlig unvorbereitet, weshalb die erste Klasse wegfallen und fürs erste zwei dritte Klassen gebildet werden mussten. Körperstrafen sollten vermieden werden; ungehorsame Knaben mussten auf einem Esel reiten, unruhigen wurden die Füße in einen Block eingeschlossen. Es gab regelmäßige Inspektionen und eine wöchentliche Lehrerkonferenz. Zu den Aufgaben des Behelfers gehörte, an den Unterrichtsstunden teilzunehmen, um Protokoll zu führen oder Hefte zu linieren.Max Freudenthal: Die ersten Emancipationsbestrebungen der Juden in Breslau. In: Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums. Jg. 37 (1892–1893), H. 9, S. 411 (Web-Ressource).