Klingenthal ist der ehemalige Name einer Straße im äußersten Osten des Stadtteils Hannover-Vahrenheide. Sie führte in Ost-West-Richtung von der Straße Holzwiesen bis zur Plauener Straße und die Bebauung bestand ausschließlich aus einer Großwohnanlage. Die Medien bezeichneten die Hochhäuser nach Fertigstellung 1974 als Vorzeigeprojekt, ab 1990 als Betonburg, Problemhochhaus und Ghetto. 2004 wurden die Gebäude abgerissen und die Straße 2006 in Petra-Kelly-Straße umbenannt.
Geschichte Im Jahr 1971 wurde östlich der Plauener Straße im Stadtteil Vahrenheide-Ost die Straße Klingenthal, benannt nach der Stadt Klingenthal im sächsischen Vogtland, angelegt.Historischer Verein für Niedersachsen: Hannoversche Geschichtsblätter, Bände 35–38. 1981, S. 67. Es entstand ab 1974Christian Link: Modellprojekt kommt zum Schluss. Stadt-Anzeiger NR.153 vom 4. Juli 2013. ein umfangreicher Hochhauskomplex mit 226 Wohnungen und einer Gesamtfläche von 17.400 Quadratmetern. Herausragend war das 20-geschossige Gebäude Klingenthal 6 b. Ursprünglich war auch für dieses Baugebiet die Fortführung der bisher üblichen Bebauung in Vahrenheide, die Zeilenbebauung, geplant gewesen. Jedoch setzte sich der damalige Stadtdirektor Martin Neuffer durch. Neuffer hatte nach einem USA-Besuch angekündigt, dass auch Hannover mit einem Hochhauskomplex nach amerikanischem Vorbild ausgestattet werden muss.Heiko Geiling, Thomas Schwarzer, Claudia Heinzelmann, Esther Bartnick: Begleitende Dokumentation der PvO im Modellstadtteil Hannover-Vahrenheide – Endbericht. Deutsches Institut für Urbanistik Universität Hannover, Arbeitsgruppe Interdisziplinäre Sozialstrukturforschung, 4/2002, S. 8. mini|Plauener Straße – Klingenthal 2004
Beschluss zur Sanierung Bereits ab den 1990er Jahren stand die „Wohnanlage beispielhaft für Missstände in einem sozialen Brennpunkt: Vermüllung, Vandalismus, Anonymität“.Jutta Rinas: Warum Vahrenheide mehr als ein Brennpunkt ist. haz.de vom 21. November 2017. Abgerufen am 1. Februar 2021.
Da der gesamte Komplex gegen Ende der 1990er Jahre sanierungsbedürftig war, sich aber kein Investor fand, wurde Ende des Jahres 2001 sein Abriss beschlossen.LHH (Landeshauptstadt Hannover) 2002b: Sanierungszeitung Vahrenheide-Ost, 18. Hannover: LHH. „Für 1,27 Mio. Euro macht die Eigentümerin Gesellschaft für Bauen und Wohnen Hannover bis Ende 2004 einen Gebäudekomplex mit 226 Wohnungen platt. Leerstände, Verwahrlosung und Vandalismus, dazu Bandenkrieg zwischen Ausländergruppen, ließen der Gesellschaft keine andere Wahl.“Dankwart Guratzsch: Es darf weitergewurstelt werden. In: Die Welt vom 7. August 2004. Von dem Abriss waren die Hausnummern Klingental 2, 4, 5, 5 a–c, 6 a und 6 b betroffen. Lediglich die Hausnummern 5 d und 5 e blieben erhalten und sind heute in die Neubebauung an der neu entstandenen Lotte-Lemke-Straße integriert.
Kritik an der Umsetzung Obwohl auch Umbau- und Teilerhaltungspläne vorlagen, wurde dann doch vollständig abgerissen.
Der Entwurf des Büros PPL Gesellschaft für Hochbau, Städtebau und Forschung (Hamburg) z. B. sah vor, „es bleiben die Häuser Klingenthal 2, 4 und 6 B stehen und werden modernisiert“; 6 B wird sogar noch aufgestockt. Die Nutzung sah hochwertige Wohnungen und Gewerbeflächen vor. Die angrenzende Hochgarage sollte aufgestockt und durch ein Fitnesscenter aufgewertet werden.So stellen sich die Gutachter Klingenthal vor: Sanierungszeitung Vahrenheide Ost vom 28. Februar 2001.
Neugestaltung mini|Plauener Straße – Petra-Kelly-Straße 2021 Mit der Neugestaltung des Komplexes sollte auch eine Umbenennung, weg von Klingenthal, vorgenommen werden.Rat der Landeshauptstadt Hannover Antrag Nr. 15-1521/2005: Straßen-Neubenennung im Bereich Klingenthal Die bisherige Straße Klingenthal sollte gemäß Antrag der CDU-Fraktion den Namen Altenburger Hof erhalten, erhielt jedoch 2006 den Namen Petra-Kelly-StraßeBedeutende Frauen in Hannover, PDF-Datei, S. 69 und die neue Stichstraße, die von der Straße Holzwiesen her das neue Baugebiet, den Spielpark Holzwiesen und die VASA-GebäudeVASA Wohnungsgenossenschaft Vahrenheide / Sahlkamp (bislang Klingenthal 5d und 5e) erschließt, sollte gemäß Antrag der CDU-Fraktion den Namen Stendaler Straße erhalten, erhielt jedoch den Namen Lotte-Lemke-Straße.Antrag Nr. 15-1973/2005: Straßen-Neubenennung im Bereich Klingenthal; Änderungsantrag Abgerufen am 1. Februar 2021. „Entgegen dem mehrheitlichen Votum des Bezirksrates Bothfeld-Vahrenheide, diese Straßen gemäß der Umgebung nach Ostdeutschen Städten zu benennen, soll hier der Ratsbeschluss vom 9. Dezember 1999 umgesetzt werden. Danach sind bei Straßenneu- und Umbenennungen verstärkt weibliche Persönlichkeiten zu berücksichtigen.“Änderungsantrag des Beigeordneten Richta und der Bezirksratsfraktion Bündnis 90/Die Grünen zu Drucks. Nr. 2339/2005, Straßenbenennungen im Stadtteil Vahrenheide
Das Gebiet wurde in zwei Bauabschnitten zwischen 2010 und 2012 mit insgesamt 22 Wohneinheiten, bestehend aus Reihen- sowie Kettenhäusern neu bebaut. Bis 2014 folgte ein dritter Bauabschnitt mit weiteren sieben Häusern.Dirk Meyland: haz.de vom 8. Januar 2010. Abgerufen am 1. Februar 2021. Das letzte Baufeld mit dem Projektnamen „Holzwiesen-Höfe“ wurde 2014 fertiggestellt. Schließlich sind auf dem ehemaligen Klingenthal-Gelände insgesamt 70 Häuser entstanden.Marcel Schwarzenberger: haz.de vom 21. Dezember 2012. Abgerufen am 2. Februar 2021.
Am Beginn der Petra-Kelly-Straße, von der Straße Holzwiesen ausgehend, stehen rechts und links spiegelgleiche Torhäuser, die im ersten Abschnitt 2010 errichtet wurden. Dadurch wurde der Eingang in das neue Wohngebiet symbolisch hervorgehoben. Die einzelnen Bauabschnitte wiederum sind durch die Errichtung großer Innenhöfe in sich abgeschlossen. Die neu erstellten Haustypen sind zwischen 90 und 110 Quadratmeter groß und verfügen über ein Erd- und ein Obergeschoss. Es wurden wenige Garagen gebaut, da das Neubaugebiet vorwiegend autofrei ist. „Im Mittelpunkt steht die familienfreundliche Konzeption“. Alle Bauabschnitte sind durch große Spielflächen für Kinder in den Höfen miteinander verbunden.Regina Fischer (Sanierungskommission) und Caren Winters (Stadtplanerin) gegenüber der Hannoverschen Presse vom 8. Januar 2010.
Situation heute Im März 2026 thematisierte die lokale Presse in einer mehrteiligen Rückblickserie den tiefgreifenden Strukturwandel im Stadtteil Vahrenheide-Ost seit dem Abriss des Klingenthal-Komplexes im Jahr 2004.
Trivia Der Rapper Anonym besang die Hochhaussiedlung Klingenthal in dem Song Ghetto-Sterne auf seinem Album Hannoveraner.
Literatur Britta Klagge: Armut in westdeutschen Städten: Strukturen und Trends aus stadtteilorientierter Perspektive : eine vergleichender Langzeitsstudie der Städte Düsseldorf, Essen, Frankfurt, Hannover und Stuttgart. Franz Steiner Verlag 2005, ISBN 3-515-08556-4, S. 195. Heiko Geiling, Thomas Schwarzer, Claudia Heinzelmann, Esther Bartnick: Begleitende Dokumentation der PvO im Modellstadtteil Hannover-Vahrenheide – Endbericht. Deutsches Institut für Urbanistik Universität Hannover, Arbeitsgruppe Interdisziplinäre Sozialstrukturforschung, 4/2002. PDF S. 15 - 16.
Film Messerstecher tanzen nicht… Reportage über das Ghetto Hannover Klingenthal, Winter 1994/95Im Mai 1997 wurde auf N3 die Reportage 'Messerstecher tanzen nicht. Jugendliche in Hannover-Vahrenheide' von Jörg Ihssen und Martin Hoffmann ausgestrahlt 2016: Notizen aus der Vorstadt. Teil 1 (90 Min.) Dokumentarfilm / Kultur, Entdeckung. Regie: Wolfgang Jost. Produktion: Kino-Eye-Videoproduktion
Weblinks
Thomas Nagel: Neue Gartenhöfe. Am Anfang war es eine Außenseiteridee: Das „Modell urbanen Wohnens“ soll abgerissen werden. neuepresse.de vom 19. November 2009. Vahrenheide Ost. In: Sanierungs Zeitung Hannover Nr. 15 vom 7. Juni 2001 PDF
Einzelnachweise
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