Heinz Gustav Kahn (* 13. April 1922 in Hermeskeil; † 9. Februar 2014 in Polch) war ein deutscher Tierarzt, Überlebender der nationalsozialistischen Judenverfolgung und Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Koblenz.Heinz Kahn, In: Mahnmal-Koblenz.de (abgerufen am 2. Februar 2021)

Leben Heinz Kahn war der Sohn des Tierarztes Dr. Moritz Kahn aus Hermeskeil, der im Ersten WeltkriegMoritz Maurice Kahn wurde am 14. März 1890 in Trier, als Sohn von Isaak und Sophia Kahn geboren. Er starb am 3. März 1943 in Auschwitz im Alter von 52 Jahren. Soldat war, verwundet wurde und zahlreiche Auszeichnungen und Orden erhalten hatte, und dessen Ehefrau Elise „Babette“, geb. Gamiel.Elise „Babette“ Gamiel wurde am 25. März 1891 in Argenschwang als Tochter von Jacob (1852–1937) und Babetta „Babeta“ Gamiel, geb. Baum (* 1850) geboren. Sie starb am 3. März 1943 in Auschwitz. Im Jahr 1932 kam er auf die Höhere Schule, wo er 1934 im Alter von 12 Jahren als Jude in seiner Klasse in der letzten Reihe sitzen musste. Seine Schularbeiten wurden zu diesem Zeitpunkt nicht mehr korrigiert. Aufgrund der Nürnberger Rassengesetze von September 1935 entzog man seinem Vater Ende 1935 die Approbation als Tierarzt. 1936 musste Heinz Kahn wegen seiner jüdischen Abstammung die Schule verlassen, damit sie „judenrein“ sei. Ab 1937 machte er zunächst eine kaufmännische Ausbildung und im Anschluss daran eine Schlosserlehre in einer jüdischen Schlosserwerkstatt in Frankfurt am Main. Dort lernte man ihn in einer Telefonbaugruppe an, wo er bis zu den Novemberpogromen 1938 blieb, als er nur knapp einer Verhaftung entgehen konnte. Er kam dann zur Zwangsarbeit in die sogenannte „Judenkolonne“ in Köln und Trier, wo ihn sein Meister zur weiteren Beschäftigung nach Ückingen in Lothringen schickte. Während seines Pendelns zur 65 km entfernten Arbeitsstätte konnte er sich durch Zeitungslektüre auf dem Laufenden halten und sich gelegentlich auch mit Nahrungsmitteln versorgen. mini|140px|Stolpersteine Moritz, Elisa, Gustav und Gertrud Kahn in Trier in der Saarstraße 19 Die Familie Kahn hatte mittlerweile ihr Haus in Hermeskeil verkaufen müssen und war nach Trier verzogen, wo sie am 27. Februar 1943 von der Gestapo verhaftet und in eine Sammelstelle im Bischof-Korum-Haus überstellt wurde. Am nächsten Morgen erfolgte die Deportation vom Trierer Bahnhof aus. Etwa 80 Personen befanden sich dazu eingesperrt in einen Güterwaggon, der zunächst nach Dortmund fuhr. Heinz Kahn, seine Schwester sowie seine Eltern erhielten dabei die Personentransportnummern 391 bis 394. Die Nacht zum 1. April verbrachten sie in einer Viehscheune am Dortmunder Güterbahnhof, von wo es dann mit einem Sammeltransport weiter ins KZ Auschwitz-Birkenau ging. Als sie dort am 3. März 1943 an der Todesrampe aussteigen mussten, sah Heinz Kahn seine Schwester „Trude“ und seine Eltern zum letzten Mal. „Sie kamen sofort in die Gaskammer“, berichtete Kahn später als 82-Jähriger; ebenso, dass ihm der Vater bei der Selektion der etwa 3000 Deportierten noch sagte: „Du kommst zur Arbeit. Du musst überleben!“Der Holocaust-Überlebende Heinz Kahn aus Polch will Erinnern und Mahnen, aber niemals wieder Auschwitz sehen. Seine Eltern und Schwester wurden sofort vergast, von Sabine Schmidt-Gerheim, Rhein-Zeitung – Ausgabe Koblenz – vom 25. Januar 2005, In: web25.otto.kundenserver42.de (abgerufen am 2. Februar 2021)

Heinz Kahn wurde nach der Trennung der Eltern mit einem Lastwagen in das benachbarte KZ Auschwitz-Monowitz (Lager Buna) verbracht. Noch in der gleichen Nacht „ging es dann rasiert, gebadet und desinfiziert bei minus 15 Grad nackt zum Abtrocknen auf den Appellplatz,“ so Kahn. Er wurde in Block 7 gebracht, der kurz zuvor durch Vergasung von 250 Häftlingen „geräumt“ worden war. Am darauf folgenden Morgen tätowierte ihm ein rumänischer Mithäftling die Häftlingsnummer 105110 auf den linken Unterarm. In Auschwitz hatte Kahn relativ viel Glück, weil er zum „Stubendienst“ eingeteilt wurde und sich nach einer Verletzung am Daumen im Krankenbau melden musste. Dort konnte er bereits nach kurzer Zeit bei der Behandlung Kranker helfen und wurde als Pfleger angestellt. Er knüpfte auch Kontakte zum kommunistischen Widerstand und half zusätzlich in der Schreibstube, wo er Mitgefangenen dadurch helfen konnte, indem er die Häftlingsnummern von zur Selektion anstehenden Mithäftlingen mit denen bereits Toter tauschte.

Kahn überlebte das Konzentrationslager fast zwei Jahre. Kurz vor der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945 durch die Rote Armee wurde er von SS-Truppen „zur besonderen Verwendung“ mit anderen Häftlingen des Krankenbaus in einem Güterwaggon in das KZ Buchenwald verlegt. Hier musste Kahn Häftlinge pflegen, Leichen für den Lagerarzt sezieren und Tote aufeinander stapeln, da den Nazis die zum Verbrennen der Leichen notwendige Kohle ausgegangen war.

Als 23-Jähriger kehrte er nach Trier zurück, wo er noch im Jahr 1945 die Wiedergründung der Jüdischen Kultusgemeinde Trier initiieren konnte, deren 1. Vorsitzender er schließlich wurde. Nachdem er sein Abitur nachgeholt hatte, begann er an der Humboldt-Universität in Berlin ein Studium der Veterinärmedizin, worauf er 1953 mit der Schrift Beitrag zur Darmtuberkulose des Schweines promoviert wurde. Im Jahr 1954 zog er gemeinsam mit seiner Frau Inge Kahn, die er 1950 geheiratet hatte, nach Polch, wo er eine Tierarztpraxis eröffnete.

Heinz Kahn war ab 1987 Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde Koblenz. Aus dieser Funktion heraus war er auch Mitglied der Koblenzer LIGA (Arbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtsverbände), wo er dem Runden Tisch des Stadtteils Koblenz-Goldgrube angehörte. Heinz und Inge Kahn engagierten sich auch im Rat der Überlebenden des Fritz Bauer Instituts (Frankfurt). Für seine Verdienste wurde Heinz Kahn im Jahr 2005 mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Seine letzte Ruhestätte befindet sich auf dem Friedhof der Jüdischen Kultusgemeinde Koblenz.

Auszeichnungen 2005: Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland 2007: Pater-Eisenkopf-Preis der Christlich-Jüdischen Gesellschaft für Brüderlichkeit KoblenzPaul-Eisenkopf-Preis, Bisherige Preisträger : 2007: Dr. Heinz Kahn/Koblenz und Polch, In: cjgkoblenz.de (abgerufen am 1. Februar 2021) 2007: Auszeichnung zum Ehrenbürger von Polch am 27. Januar 2007, u. a. wegen seiner Verdienste als langjähriger Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde Koblenz., In: mahnmalkoblenz.de (abgerufen am 2. Februar 2021)Heinz Kahn ist Ehrenbürger von Polch, In: mahnmalkoblenz.de (PDF; 1,5 MB) (abgerufen am 2. Februar 2021)

Publikation Beitrag zur Darmtuberkulose des Schweines, Hochschulschrift, Gießen: Münchowsche Universitätsdruckerei 1953.

Familie Heinz Kahns jüngere Schwester war Gertrud Klara Kahn, die am 3. August 1923 in Hermeskeil geboren wurde und nach ihrer Deportation im Jahre 1943 in Auschwitz im Alter von 20 Jahren starb. Heinz Kahn war seit 1950 mit Inge, geb. Hein (* 1927 in Cochem) aus Cochem verheiratet. Inge Hein wurde als 14-Jährige gemeinsam mit ihren Eltern Ludwig und Sophia Hein aus Cochem am 27. Juli 1942 in das KZ Theresienstadt verschleppt, das sie jedoch überlebten und so nach ihrer Befreiung am 27. Juli 1945 nach Cochem zurückkehren konnten. Inges Schwester Ruth Hein (* 1925) konnte noch am 9. Dezember 1939 mit einem der letzten Schiffe nach Palästina flüchten.Familie Isaak Hein – Sie waren Ur-Cochemer – doch wurden sie verfolgt und fremd im eigenen Land, In: Mahnmal Koblenz (abgerufen am 2. Februar 2021) Das Ehepaar Inge und Heinz Kahn feierte im Jahr 2000 die Goldene Hochzeit.

Weblinks

Geburtseintrag von Heinz Kahn aus dem Jahre 1922, ergänzt um den Eintrag aus dem Jahr 1939, wonach er zwangsweise den Namen „Israel“ zu führen hatte, In: mahnmal-koblenz.de (PDF) Runderlass des Reichsministeriums des Innern vom 18. August 1938 über die Führung der Namen „Israel“ und „Sarah“ In: mahnmal-koblenz.de (PDF) Artikel in der Rhein-Zeitung über Dr. Heinz Kahn zum 27. Januar 2002, In: mahnmal-koblenz.de (PDF) Bescheinigung des Staatsweinguts Serrig über die Dienstverpflichtung von Heinz Kahns Schwester Gertrud (lfd. Nr. 2) und weiterer jüdischer Mädchen, In: mahnmal-koblenz.de (PDF) Bescheinigung der IRO für Heinz Kahn (um 1950), In: mahnmal-koblenz.de (PDF) Dr. Heinz Kahn, In: synagoge-muenstermaifeld.de Dr. Heinz Kahn aus Polch (Eifel), ein jüdischer Augenzeuge des Holocaust, In: hans-dieter-arntz.de Schängel-Serie: Erinnerung an NS-Opfer, Für eine Straßenbenennung nach Dr. Heinz Kahn, S. 6, In: epaper.der-lokalanzeiger.de (PDF) Vorschlag zur Umbenennung der Trierer Hindenburgstraße in Dr. Heinz Kahn Straße, In: trier-mitgestalten.de

Einzelnachweise

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