mini|Maurice Utrillo auf einer Fotografie, zwischen 1915 und 1920 Maurice Utrillo [] (* 26. Dezember 1883 in Paris; † 5. November 1955 in Dax) war ein französischer Maler. Er war der Sohn von Suzanne Valadon, selbst eine bekannte Malerin, und einem unbekannten Vater. Den Nachnamen erhielt er 1891 von dem katalanischen Maler Miquel Utrillo, der offiziell die Vaterschaft für ihn übernahm. Seine Signatur Maurice Utrillo V. verweist allerdings auch auf den Nachnamen der Mutter, die lebenslang für ihn prägend blieb und mit der er gemeinsame Ateliers führte.

Utrillo wurde schon als Jugendlicher alkoholkrank. Aufenthalte in Heilanstalten zogen sich durch seinen Lebensweg. Die Malerei betrieb er ursprünglich als Therapie, entwickelte jedoch bald eine Meisterschaft, die ihm ermöglichte, vom Verkauf seiner Bilder zu leben. Anfangs war er vom Impressionismus beeinflusst, seine späteren Werke lassen sich jedoch keiner Stilrichtung zurechnen und blieben eigenständig und unabhängig von modernen Kunstströmungen einem traditionellen Realismus verhaftet. Die „weiße Periode“, die je nach Standpunkt zwischen 1907 und 1912 einsetzte und 1914 endete, gilt als sein Hauptwerk. Ihr schloss sich ab etwa 1920 eine „farbige Periode“ an. Utrillos Motive waren vor allem die häufig menschenleeren Gassen und Gebäude des Montmartre, so dass er auch als „Maler des Montmartre“ bezeichnet wird.

Leben mini|hochkant|Fotografie von Suzanne Valadon und ihrem Sohn Maurice Utrillo, um 1890

Maurice Utrillo wurde am 26. Dezember 1883 in Paris geboren.Die Eintragung beim Standesamt datiert auf den 26. Dezember 1883, der Betreuer von Utrillos Werk Paul Pétridès gibt allerdings den 25. Dezember an, weswegen sich dieses Datum auch in einigen Monografien findet. Siehe Pierre Courthion: Utrillo und der Montmartre. Pawlak, Herrsching 1988, ISBN 3-88199-446-7, S. 11–12. Seine Mutter Marie-Clémentine Valadon bewegte sich in der Kunstszene des Montmartre und stand vielen Malern Modell. Später wurde sie selbst als Suzanne Valadon eine bekannte Malerin. Sein Vater ist bis heute nicht verifiziert. Im Jahr 1891 erkannte der katalanische Maler und Kunstkritiker Miquel Utrillo die Vaterschaft für Maurice offiziell an. Dies war jedoch möglicherweise eher ein Liebesdienst für Marie-Clémentine; die Beziehung zerbrach bald wieder. Maurice Utrillo gab den Namen der Mutter nie vollständig auf. Seine ersten Bilder signierte er Maurice U. Valadon, die späteren bis zu seinem Lebensende Maurice Utrillo V.Pierre Courthion: Utrillo und der Montmartre. Pawlak, Herrsching 1988, ISBN 3-88199-446-7, S. 13.

Utrillos Kindheit und Jugend waren schwierig. Wegen dem unsteten Leben und den wechselnden Beziehungen seiner Mutter wuchs er anfänglich bei der Großmutter auf. Im Jahr 1893 zog die Mutter mit Paul Mousis, einem reichen Kaufmann, den sie drei Jahre später heiratete, in ein Landhaus bei Montmagny nahe Pierrefitte-sur-Seine. Der uneheliche Sohn fühlte sich in der neuen Umgebung unwillkommen und einsam. Früh machte er erste Erfahrungen mit Alkohol.Pierre Courthion: Utrillo und der Montmartre. Pawlak, Herrsching 1988, ISBN 3-88199-446-7, S. 15. Im Jahr 1896 wurde er auf ein Pariser Internat geschickt, das Collège Rollin (heute Collège-lycée Jacques-Decour). Als er die Troisième (vergleichbar: Tertia) wiederholen sollte, ging er mit 16 Jahren ohne Abschluss ab. Er arbeitete kurz als Laufbursche eines englischen Handelsvertreters, dann begann er eine Banklehre beim Crédit Lyonnais, wo er wie an den folgenden Arbeitsstellen für Eklats sorgte und seinen Hinauswurf provozierte. Jeanine Warnod formulierte in ihrer Biografie über Utrillo: „Überall tut er alles, um hinausgeworfen zu werden, und daß niemand ihn haben will.“Jeanine Warnod: Maurice Utrillo V. Südwest, München 1984, ISBN 3-517-00822-2, S. 29–30. Mit 17 Jahren machte er in der Trinkerheilanstalt Sainte-Anne eine erste Entwöhnungskur, die seine Alkoholkrankheit jedoch nicht heilen konnte. In den folgenden zwanzig Jahren schlossen sich viele weitere Aufenthalte in Heilanstalten an.Pierre Courthion: Utrillo und der Montmartre. Pawlak, Herrsching 1988, ISBN 3-88199-446-7, S. 15–16.

Ein Arzt und Freund der Familie namens Ettlinger gab der Mutter, die inzwischen zu ersten künstlerischen Erfolgen gelangt war, den Rat, ihren Sohn zum Malen anzuregen, um seinem Leben einen Halt zu geben. Zuerst wehrte sich der Junge gegen die unwillkommene Zwangsbeschäftigung, doch bald schon zeigten seine Experimente auf der Leinwand trotz fehlender akademischer Ausbildung bemerkenswerte Fertigkeiten sowie Originalität und Eigenwilligkeit. Von 1902 bis 1904 entstanden, hauptsächlich in Montmagny, etwa 150 Bilder. Schon 1905 wurden erste Kunstkenner und -händler auf ihn aufmerksam, darunter Adolphe Tabarant und Clovis Sagot, der Utrillo pro Bild drei bis fünf Francs zahlte.Pierre Courthion: Utrillo und der Montmartre. Pawlak, Herrsching 1988, ISBN 3-88199-446-7, S. 16. Die Malerei war für Utrillo ebenso eine Flucht aus verzweifelten Stimmungen wie der Alkohol. In der Kunst suchte und fand er eine Anerkennung, die seinem Leben sonst fehlte. Vor allem aber diente sie dazu, sein Trinken zu finanzieren. Dabei verramschte er seine Bilder regelrecht, um tagsüber das Geld für den nächsten Alkoholrausch aufzutreiben.Jeanine Warnod: Maurice Utrillo V. Südwest, München 1984, ISBN 3-517-00822-2, S. 39–40.

mini|Fotografie von Suzanne Valadon, Maurice Utrillo und André Utter (von links nach rechts), zwischen 1926 und 1927 Im Jahr 1906 lernte Utrillo den drei Jahre jüngeren Maler André Utter kennen und befreundete sich mit ihm. Als Utter drei Jahre später zum Liebhaber seiner inzwischen getrennt lebenden Mutter wurde, war dies für Utrillo ein Schock. Im Jahr 1914 heirateten Utter und Valadon.Jeanine Warnod: Maurice Utrillo V. Südwest, München 1984, ISBN 3-517-00822-2, S. 45. Der neue Stiefvater zeigte deutlich mehr Verständnis für die schwierige Persönlichkeit und den Lebenswandel Utrillos als der Kaufmann Mousis. Mehrfach bildeten die drei Künstler eine Ateliergemeinschaft.Pierre Courthion: Utrillo und der Montmartre. Pawlak, Herrsching 1988, ISBN 3-88199-446-7, S. 18. Im Jahr 1912 richteten sie sich in der Rue Cortot 12 ein gemeinsames Atelier ein, das heute im Musée de Montmartre zu besichtigen ist.L'atelier-appartement de Suzanne Valadon beim Musée de Montmartre. Eigene Ateliers besaß Utrillo im Château de Saint-Bernard im Lyonnais, das sie 1924 gemeinsam erwarben und in dem er das folgende Jahrzehnt die Sommer verbrachte, sowie ab 1926 in einer Villa auf dem Montmartre in der Avenue Junot, die sich Valadon, Utrillo und Utter hatten bauen lassen.Pierre Courthion: Utrillo und der Montmartre. Pawlak, Herrsching 1988, ISBN 3-88199-446-7, S. 18–20. Die drei Künstler wurden später auch die „verfluchte Dreieinigkeit“Teresa Köster: Suzanne Valadon: Beständiges Widerstreben. In: SchirnMag (Magazin der Schirn Kunsthalle Frankfurt), 3. März 2014. genannt (La trinité maudite, nach einer Veröffentlichung Robert Beachboards). Ihr Zusammenleben war konfliktbeladen. In einem undatierten BriefMaïthé Vallès-Bled: Biographie. In: Utrillo. Musée de Lodève, 28 juin - 26 octobre 1997. Electa, Mailand 1997, ISBN 88-435-6210-X, S. 63. begründete Utter einen vorübergehenden Auszug: „Da ich weder Zeuge, noch Opfer oder Anlaß eines Dramas sein möchte, fliehe ich vor diesem schaurigen Kranken und dieser furchtbaren Atmosphäre.“Jeanine Warnod: Maurice Utrillo V. Südwest, München 1984, ISBN 3-517-00822-2, S. 86, 91. Die Auseinandersetzungen mit Utrillo währten bis zu dessen endgültigen Auszug 1935.Jeanine Warnod: Maurice Utrillo V. Südwest, München 1984, ISBN 3-517-00822-2, S. 89.

mini|hochkant|L’Église Saint-Séverin (ca. 1913), Öl auf Leinwand, 73 × 54 cm, National Gallery of Art, Washington D.C. In den Jahren zwischen etwa 1907 und 1914 entstanden Utrillos Hauptwerke aus seiner so genannten „weißen Periode“. Seine Motive fand er vor allem in den Gassen und Gebäuden des Montmartre-Viertels.Pierre Courthion: Utrillo und der Montmartre. Pawlak, Herrsching 1988, ISBN 3-88199-446-7, S. 17. Erholungsreisen 1912 nach Ouessant in die Bretagne und 1913 nach Korsika sorgten für kurzzeitige motivische Abwechslung.Jean Fabris u. a.: Utrillo, sa vie, son oeuvre. Editions Frédéric Birr, Paris 1982, ISBN 2-85754-009-4, S. 36. Um 1916 bis 1919 war im Rückblick einiger Kunsthistoriker bereits ein allmählicher „Abstieg“ oder „Verfall“ zu bemerken, hatte sich Utrillos Thematik in gewisser Hinsicht „überlebt“. Dennoch setzte die allgemeine Anerkennung erst ab 1920 ein.Pierre Courthion: Utrillo und der Montmartre. Pawlak, Herrsching 1988, ISBN 3-88199-446-7, S. 18. Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem Utrillo für kriegsuntauglich erklärt worden war,Utrillo, Maurice, Eintrag in AKL Online von Susanna Partsch. nahm der Kunsthandel wieder einen Aufschwung, Utrillos Werke wurden auf bedeutenden Ausstellungen gezeigt und erzielten immer höhere Preise. Für das Ballett Barabau von Sergei Djagilew entwarf er das Bühnenbild und die Kostüme. Im Jahr 1926 brachte eine Auktion von L’Église Saint-Séverin 50.000 Francs ein – ein großer Sprung von der Handvoll Francs 21 Jahre zuvor. 1928 wurde er zum Ritter der Ehrenlegion ernannt.Pierre Courthion: Utrillo und der Montmartre. Pawlak, Herrsching 1988, ISBN 3-88199-446-7, S. 18–20.

Auch in der Zeit seiner größten Schaffenskraft war Utrillos Leben bestimmt durch Alkoholexzesse und insgesamt elf Aufenthalte in Heilanstalten zwischen 1901 und 1921. 1912 und 1914 wurde er in die Heilanstalt von Sannois eingeliefert, 1916 in das Asyl von Villejuif, 1917 schwerkrank in das Hôpital Saint-Louis, 1918 in der Heilanstalt von Aulnay-sous-Bois interniert, aus der er floh und freiwillig die Anstalt von Picpus vorzog. 1921 folgte ein kurzer Gefängnisaufenthalt in La Santé, anschließend Internierungen in Sainte-Anne und Ivry-sur-Seine. Auch die Polizei führte eine Akte über den regelmäßig auffälligen Trinker mit dem Vermerk „reconnait“ (polizeilich bekannt). Immer wieder wurde er wegen kleiner Anlässe wie Sachbeschädigung oder Belästigung verhaftet.Pierre Courthion: Utrillo und der Montmartre. Pawlak, Herrsching 1988, ISBN 3-88199-446-7, S. 18–20. Auf einem Polizeirevier zog er sich 1924 schwere Kopfverletzungen zu, als er aus Angst vor einer neuen Einweisung mit dem Kopf gegen eine Wand rannte.Jeanine Warnod: Maurice Utrillo V. Südwest, München 1984, ISBN 3-517-00822-2, S. 69. Der Vorfall wird teilweise auch als Suizidversuch gewertet. Wegen Zweifeln an seiner Geschäftsfähigkeit ermächtigte er 1925 seine Mutter und seinen Stiefvater, alle Geschäfte für ihn zu führen.Jeanine Warnod: Maurice Utrillo V. Südwest, München 1984, ISBN 3-517-00822-2, S. 72. In der Isolation des Rückzugsortes Saint-Bernard begann er von 1928 an zunehmend, sich der Religion zuzuwenden. Mit knapp 50 Jahren ließ er sich am 8. Juni 1933 in Lyon taufen.Maïthé Vallès-Bled: Biographie. In: Utrillo. Musée de Lodève, 28 juin - 26 octobre 1997. Electa, Mailand 1997, ISBN 88-435-6210-X, S. 63–64.