Rieser Bauernhaus250x250px Verbreitungsgebietrahmenlos|250x250px
Das Rieser Bauernhaus ist ein einstöckiges Wohnstallhaus, das innerhalb des Rieskraters verbreitet ist. Dieser liegt zum größten Teil im schwäbischen Landkreis Donau-Ries und zu kleinen Teilen im baden-württembergischen Ostalbkreis sowie im mittelfränkischen Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen. Große Gemeinsamkeiten in der Bauart bestehen mit dem typischen Strohdachhaus des benachbarten Kesseltals und dem Bauernhaus im schwäbischen Donautal, westlich des Lechs. Deshalb werden diese drei Haustypen häufig unter dem Begriff Nordschwabenhaus zusammengefasst.
Die Verbreitung des Rieser Bauernhauses setzt sich vereinzelt nach Norden über den Rieskrater hinaus in die Landkreise Ansbach und Weißenburg-Gunzenhausen fort. Die äußerste Grenze der Ausbreitung liegt in etwa auf einer Achse zwischen den Städten Dinkelsbühl, Weißenburg i.Bay. und Treuchtlingen. Vor allem kleinbäuerliche Anwesen in dieser Gegend ähneln sehr dem Rieser Bauernhaus, während größere Bauernhöfe in ihrem Erscheinungsbild deutlich davon abweichen. Entstehung Das Ries wurde im Dreißigjährigen Krieg schwer verwüstet. Vor allem die Dörfer, die nahe oder inmitten der großen Schlachtfelder der Schlacht bei Nördlingen (1634) und der Schlacht bei Alerheim (1645) gelegen haben, wurden teilweise komplett zerstört. Spätestens mit dem Wiederaufbau der Bauernhöfe nach dem Dreißigjährigen Krieg bildete sich im gesamten Ries eine einheitliche Bauform heraus, die bis ins späte 19. Jahrhundert nahezu unverändert die Ortsbilder geprägt hat. Über das Aussehen der Rieser Bauernhöfe vor dem Dreißigjährigen Krieg ist nur wenig bekannt. Nur ein kleiner Teil der bis heute erhaltenen Gebäude ist zumindest im Kern nachweislich vor dem Dreißigjährigen Krieg entstanden, doch auch ihre Gestalt unterlag in den folgenden Jahrhunderten zahlreichen Veränderungen. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die heutige Grundrissstruktur und das Erscheinungsbild der Rieser Bauernhäuser auf mittelalterliche Vorbilder zurückgehen. Grundsätzliches Das Rieser Bauernhaus wurde bis ins 20. Jahrhundert immer erdgeschossig und ohne Kniestock gebaut. Die Eingeschossigkeit war auch für große Höfe verbindlich, sodass bei einer entsprechend großen Grundfläche des Gebäudes ein Dachaufbau von beachtlicher Größe zustande kommen konnte. Nur die wichtigsten (Wohn-)Gebäude einer Ortschaft hatten meist zwei Stockwerke: darunter Pfarr-, Wirts-, Schul- und Amtshäuser, die dadurch auch von weitem erkennbar waren.
Es ist grundsätzlich zwischen dem Kleinbauernhof, auch Söld genannt, und dem normalgroßen Bauernhof zu unterscheiden. Ein Bauernhof verfügte für gewöhnlich über 50–100 Tagwerk Land (ca. 17–34 ha). Die Kleinbauern hatten meist nur wenige Tagwerk Boden und arbeiteten nebenbei als Tagelöhner oder Handwerker, um sich ihren Sold dazuzuverdienen. Alternativ dazu findet sich im Ries auch die Differenzierung der bäuerlichen Bevölkerung in drei Gruppen: Klein-, Mittel- und Großbegüterte, wobei sich die Mittelschicht aus heruntergewirtschafteten Bauern und hinaufgearbeiteten Söldnern zusammensetzt. Ein unterscheidendes Kriterium zwischen Bauern und Söldnern blieb allerdings auch bei Angehörigen der Mittelschicht immer der Besitz von Pferden, der nur den Bauern vorbehalten war. Söldner mussten Stiere oder Kühe vor Pflug und Karren spannen.
Aussehen Hofform Der normalgroße Bauernhof ist meist in einer L-Form angeordnet (sog. Hakenhof): ein einstöckiges Wohnhaus mit anschließendem Stall für Pferde und manchmal auch für Rinder steht mit dem Giebel zur Straße. Im 90°-Winkel dazu schließt sich der Stadel mit weiteren Ställen für Schweine und Rinder sowie einer oder mehreren Tenne(n) an. Der Hofraum wird durch das Bauernhaus des benachbarten Hofs abgegrenzt. Kommt zum eigentlichen Bauernhaus noch ein Austragshaus hinzu, das auf der anderen Seite des Hofraums mit dem Giebel zur Straße steht, spricht man von einem Dreiseithof. Alternativ dazu kann auch ein großes Ökonomiegebäude gegenüber dem Wohnstallhaus platziert sein, wie etwa beim Vogelbauer-Hof in Balgheim.
Kleinbauernhäuser (sog. Einfirsthöfe) vereinen Wohnraum, Stall und Stadel unter einem Dach. Das Gebäude steht ebenfalls giebelseitig zur Straße. Auf die Wohnräume folgen die Ställe für Schweine und Kühe, denn den Besitz von Pferden konnte sich ein Söldner nicht leisten. In manchen Fällen wird der Schweinestall (nachträglich) in ein eigenes kleines Gebäude, das sogenannte Saihaisle, ausgelagert. An den Stall schließen Tenne und Stadel an. Da das Tennentor mindestens die Höhe eines Wagens haben muss, der mit Heu oder Getreidegarben voll beladen ist, überschreitet es die Traufhöhe des eingeschossigen Rieser Bauernhauses deutlich. Das Dach muss folglich an dieser Stelle angehoben werden. In manchen Fällen wird die bestehende Geländetopographie genutzt, um die benötigte Höhe zu erreichen, indem das Tennentor hangabwärts gelegt wird. In diesen Fällen kann das Wohnstallhaus auch traufseitig zur Straße stehen.
Zur Straße hin wurden die Grundstücke im Ries von einem einfachen Lattenzaun oder einer niedrigen Bruchsteinmauer mit halbrundem Abschluss aus Ziegelsteinen abgegrenzt. Hinter den Wohn- und Ökonomiegebäuden folgte meist ein (Obst-)Garten. Im Hof selbst durfte der Brunnen nicht fehlen, aus dem das Wasser für Mensch und Tier bezogen wurde. Ebenso hatte jedes Anwesen seinen eigenen Hofbaum, meist war es ein Apfel- oder Birnbaum, der als Sichtschutz, Schattenspender, Staubfänger und Nahrungslieferant zugleich fungierte.
mini|200x200px|Grundriss eines ehemaligen Bauernhauses in Alerheim
Grundriss Der Wohnteil des Hauses unterscheidet sich zwischen Hof und Söld nur hinsichtlich der Gesamtgröße. Den Giebel zur Straße zieren drei Fenster, die unregelmäßig angeordnet sind. Zwei davon gehören zur hofseitigen Stube, die möglichst eine Seite gen Süden richtet, hinter dem dritten Fenster liegt die Küche. Im Obergeschoss befinden sich ein oder mehrere Fenster, hinter denen sich meist nachträglich eingebaute Schlafkammern verbergen. Das Gebäude wird von der Hofseite durch einen Mittelgang erschlossen. Zwischen Straße und Haustür befinden sich zwei weitere Fenster, die ebenfalls zur Stube gehören. Auf der anderen Seite des Hausgangs, gegenüber der Stube, liegt die Schlafkammer, die meist nur ein Fenster hat. Hinter ihr schließt sich eine weitere (Gesinde-)Kammer an. Zwischen den beiden Kammern führt ein Gang zum Stall. Der Stall kann auch direkt über die hintere Kammer erschlossen sein, dann entfällt der Zwischengang. Eine schmale, steile Stiege erschließt das Obergeschoss. Am Ende des Gangs, selten auch unter der Treppe, befindet sich ein Abgang in den kleinen Keller, der zur Lagerung von Kartoffeln oder Rüben dient und für gewöhnlich unterhalb der hinteren Kammer liegt. Am Ende des Hausgangs befindet sich ein kleines Fenster. mini|200x200px|Fachwerkgiebel am Ökonomieteil eines Kleinbauernhauses in Reimlingen
Bauweise Das Ries wird aufgrund seiner hohen Bodengüte seit jeher landwirtschaftlich genutzt und ist deshalb nahezu unbewaldet. Durch den daraus resultierenden Mangel an Holz wurde der Fachwerkbau im Ries vergleichsweise früh von der Steinbauweise abgelöst. Nur noch wenige Rieser Bauernhäuser bestehen ganz oder teilweise aus Fachwerk, sie liegen meist nahe am bewaldeten Riesrand. Nahezu alle erhaltenen Rieser Bauernhäuser sind aus unregelmäßigem Bruchstein erbaut, der aus nahe am Dorf gelegenen Steinbrüchen stammt. Ein eigener Fenstersturz ist dabei nicht nötig, denn die hölzernen Fensterrahmen, die mit der Mauer versetzt werden, erfüllen diese Aufgabe.200x200px|mini|Biberschwanz-Einfachdeckung mit Spließen (Innenansicht) Dachform und Dachdeckung Kennzeichnend für das Rieser Bauernhaus ist sein steiles Satteldach mit einer Neigung von 48° oder mehr, das meist als einfaches Sparren- oder Kehlbalkendach ausgeführt ist.
Bis ins 19. Jahrhundert wurden die Dächer im Ries vorwiegend mit Stroh gedeckt. Dabei wurde langhalmiges Roggenstroh bündelweise an Dachlatten befestigt und mit verwässertem Lehm getränkt. Da diese Dachdeckung nicht vollkommen dicht war, wurden die Dächer möglichst steil angelegt, um Niederschläge schnellstmöglich abzuführen. So konnte das Einsickern von Wasser in das Stroh vermieden werden. Auch wenn ein durchschnittliches Strohdach nur 20 bis 30 Jahre lang haltbar war, war es für die Bauern günstiger als ein Ziegeldach, denn während Dachziegel teuer eingekauft werden mussten, standen Stroh und Lehm nahezu unbegrenzt und kostenlos zur Verfügung. Darüber hinaus bot ein Strohdach eine vergleichsweise gute Wärmeisolierung für Kammern im Dachgeschoss. Als Alternative dazu ist das sogenannte Schab(l)dach belegt. Diese Dachdeckung war eine sparsamere Variante der Mönch-Nonnen-Deckung, bei der die Mönche durch lehmgetränktes Stroh oder reinen Lehm ersetzt wurden, der die Übergänge zwischen den Nonnen abzudichten hatte.
Infolge der konsequenten Bekämpfung der Strohdächer durch die Feuerversicherungen, setzte sich im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert das Ziegeldach mit einfacher Biberschwanzdeckung durch. Die bei der Einfachdeckung entstehenden Lücken zwischen zwei Dachziegeln wurden durch hölzerne Spließen geschlossen. Durch Bilder sind auch Übergangsformen belegt, bei denen der besonders brandgefährdete Bereich rund um den Kamin mit Ziegeln, der Rest des Daches aber mit Stroh gedeckt wurde. Mit dem Ziegeldach kamen auch erste Dachrinnen auf, die zu Anfang nur oberhalb der Haustüre angebracht wurden.
Fenster
Das typische Fenster eines Rieser Bauernhauses folgt einem ganz bestimmten Aufbau: Es handelt sich um zweiflüglige Fenster mit zwei Bleisprossen pro Flügel, zwischen den beiden Flügeln befindet sich ein Setzholz. In der Mitte jedes erdgeschossigen Fensterflügels ist ein Gitterstab in den hölzernen Fensterstock eingelassen. Im Stubenfenster neben der Haustür befindet sich meist ein kleines, eingebautes Spähfenster, ein sogenanntes Guggerle. Die Fenster wurden generell sehr weit außen angebracht, wodurch sich im Inneren des Hauses eine äußerst tiefe Fensternische bildet. Alle Fenster werden von schlichten, zweigeteilten Fensterläden eingerahmt, die meist grün gestrichen sind. Die Fenster im Dachgeschoss fallen häufig etwas kleiner aus als die Fenster im Erdgeschoss. Die kleinen Fensteröffnungen im Dachstuhl bleiben oft Fensterläden.
Durch ein Oberlicht oberhalb der Haustür gelangt Licht in den Gang. Dort legte der Bauer auch den Hausschlüssel ab, wenn er ins Feld ging. Außerdem konnte das Oberlicht im Sommer ausgebaut werden, um Schwalben das Nisten im Hausgang zu ermöglichen. Weil die Rieser glaubten, dass die Schwalben Glück ins Haus brächten, wurde die Verunreinigung des Bodens durch die Jungvögel gerne in Kauf genommen.
Im 19. Jahrhundert kamen zweiflüglige Fenster mit einem zusätzlichen, an der Oberseite des Fensters querliegenden Lüftungsflügel in Mode. Dieser konnte mit oder ohne Sprossen, die in dieser Zeit meist hölzern waren, ausgeführt sein. An höhergestellten Gebäuden wie Pfarr- und Wirtshäusern sind auch hölzerne Kreuzstockfenster anzutreffen.
Zierelemente