Malakat (), auch mäläkät, meleket, meleketa, Plural malakatoc, mäläkätoč, ist eine lange gerade Naturtrompete der Amharen und Tigray im zentralen Hochland von Äthiopien, die bei zeremoniellen Anlässen als Signalinstrument verwendet wird und früher zu den Insignien der Herrscher gehörte. Auf die meist aus Bambus gefertigte Röhre ist ein Schallbecher aus Metall oder dem Hals einer Kalebasse aufgesetzt, ältere Abbildungen zeigen ein gebogenes Instrument mit einem Schallbecher aus einem Rinderhorn.
Herkunft mini|Oben Silbertrompete aus Tutanchamuns Grab, unten passgenauer bemalter Holzstab, der zum Schutz vor Beschädigungen der dünnwandigen Röhre beim Transport hineingesteckt wurde. Im aksumitischen Reich, das vom 1. bis zum 10. Jahrhundert im Norden des heutigen Äthiopien und auf dem Gebiet Eritreas existierte, wurde mit Ge'ez (Altäthiopisch) eine semitische Sprache gesprochen, was in der im 13. Jahrhundert verfassten Herkunftslegende Kebra Negest der äthiopischen Kaiser mit einer Einwanderung der Hochlandbewohner aus Südarabien, dem Reich des Königs Salomo, im 1. Jahrtausend v. Chr. erklärt wird. Im 4. Jahrhundert wurde in Aksum das Christentum zur Staatsreligion erklärt und mit der – so die Legende – „Wiederherstellung“ der Salomonischen Dynastie Ende des 13. Jahrhunderts konstituierte sich die äthiopisch-orthodoxe Nation etwas weiter südlich auf dem Hochland im Siedlungsgebiet der Amharen. Mit ihrem aus dem Kebra Negest hergeleiteten Hegemonieanspruch gelang es den Amharen und Tigray, ein großes Gebiet im nordöstlichen Afrika zu erobern und mit ihrer Kultur zu prägen.
Die malakat war ein Symbol der äthiopischen Königshäuser und ein zeremonieller Signalgeber. Das altäthiopische Wort malakat stand allgemein für „Trompete“ und für „Signalinstrument“. Es wird von der Konsonantenwurzel mlkt, „jemandes Aufmerksamkeit auf etwas lenken, hinweisen“ abgeleitet. Verwandt ist altäthiopisch malkata (መልከተ), „bezeichnen, signalisieren, herzeigen, anzeigen“.Wolf Leslau: Comparative Dictionary of Geʻez (Classical Ethiopic): Geʻez-English, English-Geʻez, with an Index of the Semitic Roots. Harrassowitz, Wiesbaden 1987, S. 344 In der amharischen Bibelübersetzung werden die „Trompete“ oder „Horn“ bezeichnenden Wörter des Alten Testaments mit malakat wiedergegeben, so das Wort schofar, das in 66 Versen in der Hebräischen Bibel vorkommt, beispielsweise in und .Joachim Braun: Biblische Musikinstrumente. IV. Instrumente. 11. šôfār und šôfrôt hayôvlîm. In: MGG Online, November 2016 (Die Musik in Geschichte und Gegenwart, 1994) Somit hat die malakat einen besonderen Status für äthiopisch-orthodoxen Christen.Timkehet Teffera, 2009, S. 305
Das hebräische Wort chazozra wird 31 Mal im Alten Testament erwähnt, hauptsächlich als Kultinstrument der Priester im Tempel, daneben wurde die chazozra von den Priestern auch außerhalb des Tempels zur Versammlung der Gemeinde, bei feierlichen Anlässen und im Krieg geblasen. Joachim Braum (1999) verbindet das Wort mit der arabischen Konsonantenwurzel hsr („heulen“, „schreien“),Joachim Braun: Die Musikkultur Altisraels/Palästinas: Studien zu archäologischen, schriftlichen und vergleichenden Quellen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1999, S. 38 während David Wulstan das hebräische hsr mit „Gehäuse“, „Umzäunung“, also „Röhre“ (und deshalb in der Vulgata als tuba übernommen) übersetzt.David Wulstan: The Sounding of the Shofar. In: The Galpin Society Journal, Band 26, Mai 1973, S. 29–46, hier S. 30 Auch wenn der Name damit nicht aus dem Ägyptischen stammt, so gilt als gesichert, dass die chazozra aus einer schmalen Silberröhre mit einem breiten Schallbecher bestand und den in Form und Material ähnlichen altägyptischen Militärtrompeten scheneb entsprach. Im Grab des Tutanchamun (reg. um 1332–1323) wurden eine 58 Zentimeter lange Trompete aus Silber und eine 49 Zentimeter lange Trompete aus teilweise vergoldetem Bronzeblech gefunden, die beide zwei Töne produzierten.Percival R. Kirby: Trumpets of Tut-Ankh-Amen and Their Successors. In: The Journal of the Royal Anthropological Institute of Great Britain and Ireland. Band 77, Nr. 1, 1947, S. 33–45, hier S. 35 Der aus dem Glauben an Wiedergeburt hervorgegangene pflegliche Umgang mit den Grabbeigaben sorgte dafür, dass unter anderen kostbaren Gegenständen einige altägyptische Musikinstrumente erhalten blieben. Die Trompeten hatten offenbar zunächst eine Bedeutung beim Totenkult und dienten später auch zur Übermittlung von Anordnungen des Pharaos; die im Palast angestellten Trompetenbläser dürften demnach einen hohen Rang bekleidet haben. Weil das Trompetenspiel auch im christlichen Ritus in Ägypten beibehalten wurde, erkennt Hans Hickmann (1949) hier den Ursprung der äthiopischen Trompetenspieltradition der malakat. Hickmann führt an, dass der frühchristliche Philosoph Clemens von Alexandria (um 150 – um 215) Christus als Trompetenbläser bezeichnete.Hans Hickmann: Trompeteninstrumente. In: Friedrich Blume (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. 1. Auflage, Band 13, 1966, Sp. 773f
In ihrer Form und Funktion als religiöses Kultinstrument und militärisches Signalinstrument zur Weitergabe von Befehlen waren die altägyptischen Trompeten im antiken Griechenland Vorbild für die gerade, annähernd zylindrische salpinx und für die römische tuba. Älter als die ägyptischen Trompeten ist die vermutlich früheste Darstellung einer Trompete in Mesopotamien, die auf einem bruchstückhaft erhaltenen sumerischen Steinrelief aus Ḫafāǧī zu sehen ist, das auf etwa 2600 v. Chr. in die Mesilim-Zeit datiert wird. Ein bärtiger Mann bläst in ein langes gerades Rohr mit einem glockenförmigen Schallbecher.Subhi Anwar Rashid: Mesopotamien. (Werner Bachmann (Hrsg.): Musikgeschichte in Bildern. Band II: Musik des Altertums. Lieferung 2) Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1984, S. 60
In der islamischen Zeit wurden Metalltrompeten vom Maghreb über den Mittleren Osten bis nach Zentralasien verbreitet. Die lange zylindrische karna gehörte im Mittelalter zu den persischen Militärmusikkapellen und kommt unter diesem Namen bis heute in der zeremoniellen Musik in Nordindien (regional bhankora) und in Zentralasien vor, wo die karnai etwa zum Programm von Hochzeiten in Tadschikistan gehört. Eine schrill klingende Metalltrompete mit einer zylindrischen Röhre war die in den islamischen Ländern von Nordafrika bis Südasien verbreitete nafīr, die noch zeremoniell in Marokko eingesetzt wird.
mini|hochkant|Yared mit einem Sistrum in der rechten Hand singt vor dem König Gebre Meskel, der vor Verzückung versehentlich seinen Speer in den Fuß des Sängers spießt. Links oben hinter dem König ein Musiker mit einer malakat. Darunter singende und tanzende Priester mit der Fasstrommel kebero. Mittelalterliche Miniatur aus einem Manuskript der Hymnensammlung Diggua. Metalltrompeten erreichten durch die Araber den Südrand der Sahara, wann und auf welchem Weg ist nicht genau geklärt. Veit Erlmann (1973) sieht in der Kano-Chronik den frühesten Beleg für lange Metalltrompeten südlich der Sahara. Diese Chronik zur Geschichte der Volk wurden von einem Arabisch sprechenden Autor verfasst, der mutmaßlich aus dem Norden kam und sich in Kano (Nordnigeria) niedergelassen hatte. Demnach wurden in Kano erstmals unter dem Herrscher Sarki Tsamia (reg. 1307–1343) als kakaki bekannte Langtrompeten eingesetzt, zu einer Zeit, als sich auch der Islam in dieser Region verbreitete.Veit Erlmann: Some Sources on Music in Western Sudan from 1300–1700. In: African Music, Band 5, Nr. 3, 1973/1974, S. 34–39, hier S. 35f Der marokkanische Reisende Ibn Battūta (1304–1368/1377) berichtet von Elfenbeintrompeten (arabisch būq für konische Hörner), die er westlich von Nigeria bei der Durchquerung des heutigen Mali sah.Joseph S. Kaminski: The Iconography of Ivory Trumpets in Precolonial West Africa and Medieval Spain with Linguistic and Historical Evidences Implying Ancient Contexts. In: Music in Art, Band 32, Nr. 1/2 (Music in Art: Iconography as a Source for Music History, Band 3) Frühjahr–Herbst 2007, S. 63–83, hier S. 68 Das Zeremonialorchester des muslimischen Sultans von Mali, Sulaiman Kaita, bestand demnach aus Trommeln und Elfenbeintrompeten.Henry George Farmer: Early References to Music in the Western Sūdān. In: The Journal of the Royal Asiatic Society of Great Britain and Ireland, Nr. 4, Oktober 1939, S. 569–579, hier S. 572 K. A. Gourlay (1982) nimmt an, dass zur Zeit von Ibn Battūta in Mali noch keine Metalltrompeten vorhanden waren, weil dieser sie sonst erwähnt hätte. Lange Metalltrompeten (arabisch buq) gab es zur Zeit der von 969 bis 1171 regierenden Fatimiden in Ägypten. Zum höfischen Leben der Fatimiden gehörte eine zeremonielle Prozession mit zehn Trompeten aus Gold und dreißig Trompeten aus Silber, die von Reitern geblasen wurden, hinzu kam eine weit größere Zahl von zu Fuß gehenden Musikanten mit Messingtrompeten. Auf einer Darstellung eines ägyptischen Militärorchesters aus dem 14. Jahrhundert blasen Musiker Metalltrompeten, an deren Röhren Wülste wie bei der heutigen kakaki erkennbar sind. Daraus schließt Gourlay, dass Metalltrompeten nach dem 14. Jahrhundert entweder über Tunesien von Norden durch die Sahara oder ebenso wahrscheinlich flussaufwärts am Nil in die westliche Sudanregion gelangten.
Die Tradition von Naturtrompeten in Zeremonialorchestern afrikanischer Herrscher bestand bereits vor der Einführung von Metalltrompeten mit der islamisch-arabischen Kultur. Wie der in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts lebende arabische Historiker al-Umari berichtet, wurden im Zeremonialorchester des Sultanats Ifat, das vom Ende des 13. Jahrhunderts bis Anfang des 15. Jahrhunderts am Horn von Afrika bestand, Bambustrompeten mit als Schallbecher aufgesetzten Kuhhörnern geblasen. Geleitet wurde es vom besonders laut klingenden Antilopenhorn janba.K. A. Gourlay: Long Trumpets of Northern Nigeria – In History and Today. In: African Music, Band 6, Nr. 2, 1982, S. 48–72, hier S. 50 Wie im muslimischen Sultanat Ifat hatten auch die arabisch-persischen Swahili-Herrscher an der ostafrikanischen Küste aus der schwarzafrikanischen Tradition stammende Trompeten als Repräsentationsinstrumente übernommen: die quer geblasene Elfenbeintrompete siwa und für weniger bedeutende Anlässe das quer geblasene Rinderhorn mbiu. In den Königshäusern von Uganda und Ruanda spielte das Zeremonialensemble amakondera mit Quertrompeten aus Bambus und Kalebassen.
Wann die malakat im von islamischen Reichen umgebenen äthiopischen Hochland eingeführt wurde, ist nicht bekannt. In ihrer Bauform steht sie mit der altägyptischen scheneb und arabischen schlanken Längstrompeten wie der kakaki, aber nicht mit den afrikanischen Querhörnern in Beziehung. André Schaeffner (1952) verweist auf eine sprachliche Verbindung zwischen dem arabisch-persischen Wort karna und den aus Äthiopien überlieferten alten Trompetennamen karen und kenet. Im Reich Wadai hieß die Trompete kirtim und die Hausa nennen das Mundstück ihrer Metalltrompete karan kakaki.André Schaeffner: Timbales et longues trompettes. In: Bulletin de l'Institut Francais d'Afrique Noire, Band 14, Nr. 3, 1952, S. 1466–1489, hier S. 1484, 1486f; zitiert in: K. A. Gourlay: Long Trumpets of Northern Nigeria – In History and Today. In: African Music, Band 6, Nr. 2, 1982, S. 59