rahmenlos|rechts|300px|FC Bayern München und Dynamo Dresden Die beiden Fußballspiele FC Bayern München – Dynamo Dresden 1973 in der zweiten Runde (Achtelfinale) des Europapokals der Landesmeister 1973/74 waren das erste deutsch-deutsche Aufeinandertreffen in der Geschichte jener Europapokal-Wettbewerbe, die die UEFA veranstaltete.
Sowohl das Hinspiel am 24. Oktober 1973 in München, das mit einem 4:3-Heimsieg endete, als auch das Rückspiel am 7. November 1973 in Dresden (3:3) waren torreich. Der FC Bayern München setzte sich damit in Summe knapp mit 7:6 durch, zog ins Viertelfinale ein und gewann schließlich als erster deutscher Verein den Europapokal der Landesmeister, die heutige UEFA Champions League.
Aufgrund der deutschen Teilung war das Duell zwischen den amtierenden Meistern der Fußball-Bundesliga und der DDR-Oberliga ein Politikum. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR führte zur Absicherung und Überwachung sämtlicher Vorgänge rund um die beiden Spiele die Aktion „Vorstoß“ aus, die durch einen massiven Personaleinsatz gekennzeichnet war. Der Sporthistoriker Hanns Leske attestierte in seiner Dissertation dem MfS, einen beinahe „schizophrenen Sicherheitsaufwand“ betrieben zu haben. Für große Rezeption sorgte ferner der Umstand, dass der FC Bayern entgegen den UEFA-Regularien erst am Tag des Rückspiels anreiste und einen vorangegangenen Zwischenstopp in Hof mit dem Höhenunterschied zwischen München und Dresden begründete.
Sportliches Vorgeschichte In Bayern Münchens Europapokal-Historie handelte es sich um die zehnte Teilnahme an einem internationalen Wettbewerb. Die Qualifikation dafür gelang der Münchner Mannschaft durch den vierten Meistertitel der Vereinsgeschichte, Platz eins in der Fußball-Bundesliga 1972/73. In der ersten Runde setzte sich der FC Bayern gegen Åtvidabergs FF knapp durch. Nach Münchens 3:1-Heimsieg im Hinspiel führte der damalige schwedische Meister auch dank zweier Tore Conny Torstenssons, der kurz darauf nach München wechselte, bereits mit 3:0, ehe Uli Hoeneß durch seinen Treffer zum 3:1 die Verlängerung erzwang, die allerdings torlos blieb. Das entscheidende Elfmeterschießen gewannen die Münchner schließlich mit 4:3.
In Dynamo Dresdens Europapokal-Historie war dies die fünfte internationale Saison. Die Dresdner Mannschaft hatte sich durch den dritten Meistertitel der Vereinsgeschichte, die DDR-Meisterschaft 1972/73, zur Teilnahme qualifiziert. In der ersten Runde schlugen die Schwarz-Gelben den hochfavorisierten Vorjahresfinalisten und damaligen italienischen Titelträger Juventus Turin mit Dino Zoff und Fabio Capello in seinen Reihen. Dem Dresdner 2:0-Hinspielsieg am 19. September 1973 im Dynamo-Stadion folgte zwei Wochen später zwar eine 2:3-Auswärtsniederlage in Turin, dennoch genügte die Tordifferenz für das Erreichen der zweiten Runde. Die Zahl von 70.000 Zuschauern beim Rückspiel im Stadio Comunale Vittorio Pozzo bedeutete für Fußballspiele mit Beteiligung von Dynamo Dresden zum damaligen Zeitpunkt einen Rekord, der erst 1991 übertroffen wurde.
Die letzten Bundesligaspiele der Münchner vor dem Duell gegen Dynamo verliefen durchwachsen, u. a. verloren sie am 20. Oktober 1973 eine denkwürdige Partie beim 1. FC Kaiserslautern mit 4:7 – trotz eigener 4:1-Führung in der 57. Minute. Der Kader des FC Bayern München für die Spiele gegen die Dresdner enthielt in Franz Beckenbauer, Sepp Maier, Gerd Müller, Uli Hoeneß und Georg Schwarzenbeck fünf Stammspieler jener bundesdeutschen Nationalmannschaft, die ein Jahr zuvor die Fußball-Europameisterschaft 1972 gewonnen hatte. Deutschlands erfolgreichster Stürmer Gerd Müller befand sich auf dem Zenit seiner Karriere; in den Spielzeiten 1971/72 und 1972/73 waren ihm jeweils als Bundesliga-Torschützenkönig insgesamt 76 Punktspieltore gelungen. Der sechste Nationalspieler, Paul Breitner, fehlte allerdings gegen Dynamo Dresden verletzt. Er hatte im Europapokal-Erstrunden-Rückspiel in Åtvidaberg durch den Steinwurf eines Zuschauers einen Wadenbeinbruch erlitten.
Auch Dynamo Dresden musste im Aufeinandertreffen mit den Münchnern auf einen seiner wichtigsten Spieler verzichten: Stürmer Hans-Jürgen Kreische, der 1973 zum DDR-Fußballer des Jahres gekürt wurde und zuvor dreimal in Folge Torschützenkönig der DDR-Oberliga gewesen war, hatte sich Ende September in einem Spiel der WM-Qualifikation für die DDR gegen Rumänien ebenfalls u. a. einen Wadenbeinbruch zugezogen und fiel monatelang aus. Dafür konnte Dynamo Dresden seine drei weiteren Spieler, die im Vorjahr mit der DDR-Auswahl bei den Olympischen Sommerspielen in München die Bronzemedaille gewonnen hatten, gegen Bayern München aufbieten: Frank Ganzera, der Kreische nun als Dynamo Dresdens Kapitän vertrat, Reinhard Häfner und Siegmar Wätzlich. Die Schwarz-Gelben präsentierten sich in der bisherigen Oberliga-Saison 1973/74 allerdings längst nicht in Topform und schafften ihren dritten Sieg erst am neunten Spieltag.
Hinspiel mini|Mannschaft von Dynamo Dresden vor dem Hinspiel im Münchner Olympiastadion. Die Münchner genossen als zuerst gezogenes Los dieser Paarung zunächst Heimrecht. Ins Hinspiel am 24. Oktober 1973, das durch drei Führungswechsel gekennzeichnet war, gingen die Gastgeber im erst ein reichliches Jahr zuvor eröffneten Olympiastadion als klarer Favorit, trafen aber auf einen Gegner auf Augenhöhe. Die Dresdner zwangen den FC Bayern mit ihrem Pressing häufig zu frühen Ballverlusten und erzielten mit offensivem Tempofußball und einem weiträumigen Flügelspiel das erste Tor durch Rainer Sachse (13.). Zwar schlug die Heimelf mit zwei Treffern binnen neun Minuten von Willi Hoffmann (17.) und Bernd Dürnberger (26.) zurück, doch Dynamo Dresden wendete das Blatt noch vor dem Halbzeitpfiff wieder zu den eigenen Gunsten, indem Sachse zunächst ausglich (34.) und Gert Heidler (42.) den 2:3-Pausenstand erzielte. SGD-Trainer Walter Fritzschs Offensivtaktik überraschte die Gastgeber und zahlte sich aus, Dresdens Verteidiger Eduard Geyer und Siegmar Wätzlich ließen zudem die bundesdeutschen Nationalstürmer Hoeneß und Müller nicht zur Entfaltung kommen.
Bayern Münchens Präsident Wilhelm Neudecker war an seinem 60. Geburtstag vom Zwischenstand wenig angetan und erhöhte noch in der Halbzeitpause die Siegprämie auf 12.000 DM pro Bayern-Spieler; Ähnliches hatte bereits in Åtvidaberg zum Erfolg geführt, wo er die Prämie zur Pause von 3000 auf 5000 DM erhöhte. Da die SG Dynamo im letzten Spielabschnitt ihrem hohen Tempo aus der ersten Halbzeit Tribut zollen musste, schaffte der FC Bayern letztlich doch noch einen knappen Sieg, indem Franz Roth (71.) und Gerd Müller (83.) zum 3:3 bzw. 4:3-Endstand trafen. Dresdens Kapitän Frank Ganzera machte bei beiden Gegentoren eine unglückliche Figur: Dem Ausgleich ging sein Fehlpass voran, beim Siegtreffer fälschte er ab. Dennoch waren die Münchner spätestens zu diesem Zeitpunkt vor dem Gegner aus Dresden gewarnt. Das Olympiastadion war an jenem Spieltag durch einen für damalige Verhältnisse enormen Top-Zuschlag – ein Tribünenplatz kostete 52 DM – bei Weitem nicht ausverkauft.
Rückspiel mini|Die Münchner Spieler Franz Beckenbauer (l.) und Gerd Müller sowie ihr Trainer Udo Lattek, 1973. Im Rückspiel zwei Wochen später im ausverkauften Dynamo-Stadion, dem Vorgängerbau des heutigen Rudolf-Harbig-Stadions am selben Standort, hätte der Mannschaft aus Dresden ein Sieg mit einem Tor Vorsprung bei maximal zwei Gegentoren zum Weiterkommen genügt. Bayern Münchens Trainer Udo Lattek hatte damit gerechnet, dass sich die Abwehr der SG Dynamo auf Mittelstürmer Gerd Müller konzentriert. Lattek zog ihn sowie dessen Nebenmann Uli Hoeneß zur Mittellinie zurück, damit Letzterer seine Schnelligkeit ausspielen konnte. Dieses Konzept ging in der Anfangsviertelstunde auf, als sich vier aussichtsreiche Konterchancen ergaben, die Hoeneß zu zwei Toren (10., 12.) nutzte – jeweils nach gewonnenem Sprintduell gegen Eduard Geyer. Den frühen 0:2-Rückstand führten die Dresdner später auf ihr zu hohes Risiko bei der sehr offensiven Ausrichtung zurück und sahen darin einen Hauptgrund ihres Ausscheidens. Allerdings waren sie kurz vor Ablauf der ersten Halbzeit durch ein Solo des Abwehrspielers Siegmar Wätzlich (42.), der durch das Zurückziehen der Bayern-Stürmer selbst weiter vorn als üblich agierte, noch zum 1:2-Anschlusstor gekommen; eine weitere Großchance von Wätzlich verhinderte Johnny Hansen kurz darauf durch ein ungeahndetes Foul im Strafraum.
Dynamo-Trainer Walter Fritzsch monierte, dass Libero Dixie Dörner seine Rolle zu offensiv interpretiert habe, und wollte Eduard Geyer auswechseln. Aber der Verteidiger brachte ihn in einer Diskussion während der Halbzeitpause davon ab. Diesmal also ging Bayern München mit einem Tor Vorsprung in die zweite Halbzeit, doch Dynamo Dresden drehte das Spiel innerhalb von vier Minuten durch zwei Treffer von Hartmut Schade (52.) und Reinhard Häfner (56.) und wäre in die nächste Runde eingezogen, wenn es dieses 3:2 bis zum Schlusspfiff gerettet hätte. Jedoch war es zwei weitere Spielminuten später wie schon im Hinspiel abermals Gerd Müller vorbehalten, den Endstand zum 3:3-Unentschieden herzustellen (58.). Laut ihrer eigenen Fehleranalyse war ein Grund für diesen letztlich entscheidenden Gegentreffer, dass die Gastgeber auch jetzt nicht die Verteidigung stärkten, sondern weiter offensiv agierten. In der Schlussphase der umkämpften Begegnung, in der Bayern München wie bereits in Runde eins in Åtvidaberg am Rande des Ausscheidens stand, sahen Geyer sowie zwei Münchner Spieler noch die Gelbe Karte. Nach dem Abpfiff blieben die meisten Zuschauer noch im Stadion und feierten die Dresdner Mannschaft.
Besonderheiten Das Duell war das erste deutsch-deutsche Aufeinandertreffen in der Geschichte der UEFA-Europapokale. Wenige Wochen nach dem Rückspiel kam es Ende November 1973 bereits zu einer weiteren Begegnung zwischen Mannschaften aus der DDR und der Bundesrepublik: Im UEFA-Pokal 1973/74 setzte sich der 1. FC Lokomotive Leipzig im Achtelfinale gegen Fortuna Düsseldorf durch.
Insgesamt sechs Gegentore in einer Europapokal-K.-o.-Runde sind für Bayern München ein hoher Wert, der seither nicht mehr übertroffen wurde (Stand: Januar 2022) – und der höchste, mit dem der FC Bayern dennoch in die nächste Runde einzog. Die Münchner hatten zuvor in ihrer Anfangszeit bei internationalen Wettbewerben, im International Football Cup in den 1960er Jahren, in einem Duell sieben und zweimal sogar acht Gegentreffer hinnehmen müssen und waren dadurch jeweils ausgeschieden. Für Dynamo Dresden war der Vergleich mit Bayern München durch die 13 gefallenen Treffer das torreichste Europapokal-Duell der Vereinsgeschichte – knapp vor dem Viertelfinale im Europapokal der Pokalsieger 1985/86, das Bayer Uerdingen nach dem als Wunder von der Grotenburg bezeichneten Rückspiel im März 1986 insgesamt mit 7:5 für sich entschied.
Zudem handelte es sich um die beiden einzigen Spiele, in denen die beiden Liberos Franz Beckenbauer und Dixie Dörner aufeinandertrafen. Sie gelten als zwei der besten Fußballspieler der deutschen Geschichte; der reichlich fünf Jahre jüngere Dörner, der im Zusammenhang mit den Spielen seinen Beinamen „Beckenbauer des Ostens“ erhalten hatte, fehlte bei der einzigen weiteren Gelegenheit, dem WM-Vorrundenspiel 1974 zwischen den jeweiligen Nationalmannschaften, aufgrund einer Gelbsucht-Erkrankung. Viele der eingesetzten Spieler zählen zu den international erfolgreichsten der 1970er Jahre. Maier, Beckenbauer, Schwarzenbeck, Hoeneß und Müller gehörten im Jahr darauf zum bundesdeutschen Weltmeisterkader 1974. Dörner, Häfner, Heidler, Riedel und Schade gewannen mit der DDR-Auswahl beim olympischen Fußballturnier 1976 die Goldmedaille.
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